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Forschungsprojekte

Martin Berger (Liturgiewissenschaft)

Spätmittelalterliche Kathedralliturgie und ihre metropolitanen Bezüge im Zeitalter der Reform. Der Ritus chori maioris ecclesiae Ratisponensis (1571): Edition und Kommentar.

Die Metropole Regensburg steht nicht nur politisch und wirtschaftlich, sondern auch liturgisch in der für derartige Städte charakteristischen Spannung zwischen Peripherie und Zentrum, genauer: mehreren Zentren und deren Peripherien. Einerseits befindet sich die Stadt an der Donau im Einflussbereich Roms und der kirchlichen Metropolie Salzburg. Andererseits kann Regensburg zurecht selbst als kirchliches Zentrum mit einem weitreichenden Einflussbereich bezeichnet werden. Auch innerhalb der Stadt stand die Kathedrale St. Peter in einem ähnlich komplexen Spannungsverhältnis, ist sie doch zum einen städtebauliches und kirchliches Zentrum und steht zum anderen in unmittelbarer Nähe zu benediktinischen Abteien, Kanoniker- und adeligen Damenstiften sowie Mendikantenkonventen. Diese Spannung von Peripherie und Zentrum auf der Makro- sowie in der Mikroebene hatte auch Einfluss auf die innere Profilierung und dadurch auf die Gestaltung der Liturgie der Kathedralkirche selbst. Ein später Zeuge der spätmittelalterlichen Kathedralliturgie in Regensburg ist der Ritus chori maioris ecclesiae Ratisponensis (Bischöfliche Zentralbibliothek Regensburg, Ch144; im Folgenden: Ritus chori). Die Handschrift aus dem Jahr 1571 ist bis auf einen Ordo für den Adventus Karls V. 1532 noch unediert. Ihren historischen Wert gewinnt sie einerseits durch die darin überlieferten, weit älteren Traditionen des Spätmittelalters, wie bereits 1976 Klaus Gamber festgestellt hat (Gamber 1976). Der Kodex ist aber auch ein Dokument liturgiekonservatorischer Bestrebungen angesichts der Reform der Liturgie im Anschluss an das Konzil von Trient (1545-1563). Durch den Normativitäts- und Geltungsanspruch der neuen liturgischen Bücher den Papst Pius V. in der Bulle Quo primum (1570) definierte, wurden die Eigenliturgien im Laufe der Gegenreformation mehr und mehr verdrängt. In vielen Diözesen wurde noch lange versucht der vollständigen Romanisierung der Liturgie zu entgehen, indem man die Eigenliturgie – oftmals ein letztes Mal – aufblühen ließ. In diesem Zuge kam es zu Neuauflagen der diözesanen liturgischen Bücher und auch, wie in Regensburg, zur Abfassung von Libri ordinarii, um die eigene identitätsstiftende Liturgie zu konservieren.

Ziel des geplanten Dissertationsprojekts ist es, den Ritus chori zu edieren und die darin kodifizierte Liturgie von St. Peter umfassend zu kommentieren. Mit der Edition und dem Kommentar soll nicht nur die Lücke im Forschungsstand zur Kathedralliturgie des Spätmittelalters, sondern auch in den Untersuchungen zum Regensburger Dom und somit zur Regenburger Stadt- und Diözesangeschichte in ihren vielfältigen inneren und äußeren Bezügen geschlossen werden.


Dr. Lorenzo Cigaina (Klassische Archäologie)

Habilitationsprojekt

Der Senat und die Senatoren in Rom während der Spätantike. Geschichtlich-archäologische Untersuchungen zum Führungsgremium einer Reichsmetropole in tiefem Wandel

Dieses Forschungsprojekt soll die sich wandelnde Rolle des stadtrömischen Senates während der Spätantike aus archäologischer Perspektive herausarbeiten. Besonderes Augenmerk gilt dabei der institutionellen Geschichte und den öffentlichen Funktionen dieses politischen Organs. Seine materiellen Hinterlassenschaften in Rom von der tetrarchisch-konstantinischen Zeit (286-337 n.Chr.), als die Kaiser ihre Residenz auf dem Palatin zugunsten anderer Reichsstädte aufgeben, bis zum Untergang des weströmischen Reiches (476 n.Chr.) – mit Ausblicken in die darauffolgende Zeit der Ostgotenherrschaft (493-552 n.Chr.) – sollten philologisch untersucht werden. Vor dem Hintergrund literarischer, epigraphischer sowie numismatischer Quellen sollte der archäologische Befund insbesondere auf den Beitrag des Senats zur Erhaltung bzw. Veränderung der traditionellen Metropolenrolle Roms hin befragt werden.

Die bereits während der Tetrarchie 286 n.Chr. vollzogene Verlagerung der Kaiserresidenz aus Rom an andere Orte (zunächst nach Mailand und Trier im Westen des Reiches) hatte die Vorrangstellung der Hauptstadt am Tiber beeinträchtigt. Dieser Prozess setzte sich durch die langen Abwesenheiten des Kaisers Konstantin (306-337 n.Chr.) fort und kulminierte 330 n.Chr. in der Gründung der Nova Roma, später in Konstantinopolis umbenannt, was für Rom einen irreversiblen Bedeutungsverlust zur Folge hatte. Denn durch das Fehlen des Kaisers entstand in der Stadt ein materielles und ideelles Vakuum, das die Akrolith-Statue des Konstantin in der Maxentiusbasilika am Forum Romanum durch seine rechtlich verbindliche, mittels außerordentlicher Kolossalausmaße betonte Präsenz in imagine nicht wieder gutmachen konnte. Diese Lücke machte sich besonders in zwei Bereichen des Stadtlebens bemerkbar, zum einen bei der städtebaulichen Entwicklung, da mit dem Kaiser der Hauptauftraggeber neuer extensiver Bauprojekte fehlte. Die letzten großen Baumaßnahmen lassen sich unter Maxentius 306-312 n.Chr. verzeichnen, dessen Nachfolger Konstantin hauptsächlich diese vollenden ließ und selber nur vereinzelt neue Zivilbauten initiierte (z.B. die Konstantinsthermen, wenn nicht schon von Maxentius selbst begonnen). Zum anderen polarisierten die Kaiserauftritte bei feierlichen Umzügen und öffentlichen Spielen das Festgeschehen nicht mehr, obwohl sich hierzu Ausnahmen bei kaiserlichen Besuchen – wie dem sensationellen des Konstantius II. 357 n.Chr. oder häufiger unter Honorius – vermerken lassen. In diese letztendlich institutionelle Leere fügte sich prompt der Senat ein, der nunmehr für die Erhaltung der baulichen Substanz sowie für die Pflege der alten Feierlichkeiten und des tradierten Kulturgutes sorgte. Durch die Eingliederung der Eliten des Ritterstandes und der Munizipalaristokratie wurde das Gremium auf 2000 Mitglieder ausgedehnt, was jedoch eine klare Differenzierung der alten senatorischen gentes von den provinziellen Aufsteigern nicht aufhob. Der aus den Senatsreihen erwählte Stadtpräfekt (praefectus Urbi) agierte gewissermaßen als Kaiservertreter in Rom, wobei die räumliche Beschränkung seines Kompetenzbereiches nur auf die Stadt und die umliegenden Territorien den Unterschied zum Kaiser markierte. Die Senatoren strebten reichsweit nach diesem prestigeträchtigen Amt sowie nach dem Konsulat, da beide den Höhepunkt ihrer politischen Laufbahn mit dem Erwerb des Status eines vir illuster¬ – des höchsten Grades der neuen senatsinternen Hierarchie – darstellen konnten. Nach einer verbreiteten Meinung kamen dem Senat über das Ansehen der Ämter und die Funktionen eines Stadtrates hinaus wenige Aufgaben zu, durch die er tatkräftigen Einfluss und Resonanz auf Reichsebene haben könnte. Diese entmachtete Einrichtung habe von klangvollen Erinnerungen der Vergangenheit gelebt und Anspruch auf Machtausübung durch die Veranstaltung von überaus aufwendigen Spielen verwirklicht. Dieser Ansicht widersprechen mehrere Episoden im betrachteten Zeitraum, wie etwa die Erhebung des Usurpatoren Eugenius 392 n.Chr. bzw. die Ernennung des Majoran zum weströmischen Kaiser 457 n.Chr. oder auch die Hinrichtung von Serena, der Nichte des Theodosius I. und Frau Stilichos, 408 n.Chr. sowie verschiedene Gerichtsverfahren gegen die eigenen Mitglieder. Der praefectus Urbi war selbst mit dem Berufungsverfahren in zweiter Instanz in einem unterschiedlich weiten Radius betraut, jedenfalls für die regiones suburbicariae (Süditalien und Sizilien) wenn nicht zeitweise für weitere Provinzen. Q. Aurelius Symmachus, prominenter Vertreter der heidnischen Aristokratie Roms, zeichnet an vielen Stellen seiner Schriften das Idealbild des standesbewussten, gewissenhaften Amtsträgers nach, der eine tragende Rolle bei der Aufrechterhaltung der Tradition und in der Reichspolitik spielen solle. Tatsache ist in jedem Fall, dass eine Karrierestufe in Rom, für die die Präsenz vor Ort erforderlich war, unerlässlich für eine senatorische Laufbahn auf Reichsebene war, was den Zustrom von Senatoren aus dem ganzen Reich in die Tiberstadt begründet.

In den letzten fünfundzwanzig Jahren hat sich die althistorische und archäologische Forschung gerade mit dem erneuerten Selbstbewusstsein und dem konkreten Wirken des spätantiken Senates in Rom unter unterschiedlichen, fachspezifischen Blickwinkeln auseinandergesetzt (z.B. Beat Näf anhand literarischer Quellen, Heike Niquet auf der Basis der Inschriften, Franz Alto Bauer aus archäologischer Sicht besonders zu Urbanistik und öffentlicher Architektur; Federico Guidobaldi zu den Privathäusern, usw., siehe Literatur). Das Interesse ist bis vor kurzem noch nicht abgeflaut, wie unter anderem zwei neu erschienene Monographien zeigen (I. Rollé Ditzler, Der Senat und seine Kaiser im spätantiken Rom, Wiesbaden 2019; C. Machado, Urban space and aristocratic power in Late Antique Rome, Oxford 2019). Eine umfassende Synthese scheint nun auf der Grundlage von Teiluntersuchungen möglich zu sein.

Man ist sich mittlerweile bewusst geworden, dass zwecks einer sachgerechten Geschichtsanalyse von den demographischen Entwicklungen sowie von den katastrophalen Ereignissen nicht abgesehen werden kann: nach der relativen Blütezeit des 4. Jh. – Anfangs 5. Jh. mussten die Plünderungen durch Barbarenhorden (Westgoten 410, Vandalen 455 bzw. Burgunden und Sueben 472 n.Chr.) sowie später die schweren Zerstörungen des Gotenkriegs (535-552 n.Chr., womit eine Pestseuche und ein Klimawandel mit starkem Temperaturrückgang und dadurch bedingten Missernten einhergingen) das Stadtbild weitgehend und wiederholt verunstalten, während die Stadtbevölkerung schätzungsweise von 700.000 bis einer Million im 4. Jh. auf knapp 100.000 Einwohner im anfänglichen 6. Jh. beträchtlich herabsank. Seinerzeit wurde dem Senat jeweils die schwierige Aufgabe zuteil, die Krise effizient zu meistern und die Stadt wiederaufzubauen bzw. zu renovieren. Unter diesen durch steten politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel, durch neuartige, schwere Herausforderungen sowie, nicht zuletzt, durch die weitgreifende Christianisierung des Reiches geprägten Verhältnissen erfuhr die Institution selbst deutliche Veränderungen nicht nur in ihren Kompetenzbereichen, sondern auch im moralischen Profil und im Selbstbewusstsein ihrer Mitglieder, was zeitweise zu inneren Spaltungen, Akzentverschiebungen und Neukonsolidierungen führte. Der besonderen Frage nach der Rolle des stadtrömischen Führungsgremiums – in seiner kollegialen Dimension ebenso wie in seiner dynamischen Innendialektik zu erfassen – bei der Aufrechterhaltung bzw. Verwandlung des Metropolenstatus Roms soll im Rahmen dieser Forschung aus archäologischer Perspektive nachgegangen werden. Diesbezüglich sollte das Quellenmaterial zielgerichtet auf die Entwicklungsgeschichte der Institution sowie auf die öffentliche Bedeutung der Senatoren hin untersucht werden.

Das oben skizzierte Forschungsvorhaben lässt sich in den folgenden drei Fragenkreisen artikulieren:

  1. In welcher Form sind die Senatoren in der Stadt Rom präsent? Die ehemalige Reichshauptstadt erweist sich in vieler Hinsicht als Epizentrum der metropolitanen Kommunikation während der Spätantike, da gerade hier die Senatoren der alten Stadtaristokratie ebenso wie diejenigen aus den Provinzen zusammentrafen, administrative Ämter übernahmen, Zeremonien und Spiele veranstalteten, das kulturelle, besonders das literarische Milieu belebten und durch ihre Präsenz die urbane Landschaft in vielfältigen Ausdrucksformen (zuallererst durch ihre Bildnisse und prunkvollen Residenzen) prägten. Eine Zusammenstellung der unterschiedlichen Herkunftsorte der Senatoren könnte zunächst die geographische Reichweite und die Intensität dieser zentripetalen Erscheinung diachron veranschaulichen.
    Im Mittelpunkt der Betrachtungen soll die Darstellungsweise des Senates – als Gruppe ebenso wie in der numinosen Gestalt seines Genius – und der Senatoren in Rom stehen. Beispielweise wurde der Genius Senatus nur noch 303 n.Chr. auf der Dezennalienbasis am Forum Romanum dargestellt und literarisch sowie inschriftlich (bei der Curia) bis Anfang des 5. Jh. belegt. Die Gründe für diesen frühzeitigen Untergang einer so geschichtsträchtigen Figur sollen hinterfragt werden. Die Bildnisse einzelner Senatsmitglieder bieten sich hingegen zur Untersuchung ikonographischer sowie stilistischer Optionen, denn neben den statuarischen Typen – mit der Selektion von Tracht, Gesten und Attributen – sollte auch dem Stil als Träger von sittlichen Eigenschaften Beachtung geschenkt werden: z.B. bringt in tetrarchischer Zeit die Synthese der plastischen Formen unter orientalischem Einfluss gefestigte Machtverhältnisse zum Ausdruck, wie am senatorischen „Bilderpanegyrikus“ des Konstantinsbogens 312-315 n.Chr. ersichtlich wird; darauf trat der konstantinische Klassizismus ein, ohne dass dieser Rückflüsse des republikanischen Verismus mit seinem zivilen Wertekanon verdrängen könnte (siehe z.B. die Togastatue des Dogmatius, 324-337 n.Chr.).
    Darüber hinaus konkretisiert sich die Präsenz der Senatoren auch durch eine Art „senatorischer Bilderwelt“, das heißt durch symbolische Bilder, die sich in direkter oder übertragener Weise auf ihre Amtstätigkeit und Wertvorstellungen beziehen. Diese auf die öffentliche Funktion der Senatoren ausgerichtete Untersuchung sollte anhand unterschiedlicher Materialgattungen, wie etwa Prestigegüter (z.B. Consulardiptychen, Silbergeschirr), Reliefsarkophage sowie Hausausstattung, die Verbildlichung der Magistratstugenden herausarbeiten, wie sie allmählich öfter in der epigraphischen Form des Tugendlobes und in den literarischen Quellen in den Vordergrund rücken. In dieser Hinsicht greifen Heiden und Christen auf dasselbe tradierte Kulturgut mit jeweils verschiedenen Akzentuierungen zurück (vgl. z.B. Esquilin-Silberschatz, der zu Christen gehörte). Dieses gemeinsame Wertesystem, das letzten Endes durch zivile Verhaltensmuster den Zusammenhalt des Kollegialorgans gewährleistete, lässt sich unter einigen Konstanten subsumieren: die Leistungen bzw. Tugenden in der Amtsausübung, vor allem in der Gestalt des spielgebenden Magistrates betont; die durch Berufung auf die Ahnen nachgewiesene Abstammung aus der fernen, sogar mythischen Vergangenheit Roms (z.B. gingen die Valerii auf den ersten Konsul P. Valerius Publicola zurück; so ließ Anicius Acilius Glabrio Faustus 438 n.Chr. eine Ahnengalerie auf der von ihm gestifteten Platzanlage errichten); die Kultur, darunter vor allem die politisch einsetzbare Eloquenz; ein erhebliches Privatvermögen.
  2. Wie formen die spätantiken Senatoren das Bild der Stadt Rom? Auch diese Grundfrage lässt sich in verschiedenen Betätigungsfeldern detaillieren, in denen sich die Senatoren für die Konservierung, Gestaltung und Tradierung des Repräsentationsbildes ihrer Stadt einsetzten. Einerseits wurde die Personifikation der Roma aeterna mit neuem Schwung und vermehrten ikonographischen Mitteln (vgl. beispielweise die als Pseudomoneta zum Neujahrfest emittierten Kontorniate, die tabula Peutingeriana sowie die Beschreibung des Rutilius Namatianus im Gedicht De reditu suo 417 n.Chr.) reichsübergreifend propagiert. Andererseits wurde durch eine wohlbedachte Baupolitik für die Instandhaltung bedeutungsvoller Erinnerungsorte der stadtrömischen Tradition gesorgt. Dabei fallen besonders Phänomene der Ansammlung von Spolien diverser Provenienz (z.B. am Konstantinsbogen) und der Zusammenstellung von Statuen durch deren Versetzung an zentrale Orte auf.
    Die Kurie, der ehrwürdige Versammlungsort des römischen Senats auf dem Forum Romanum, wurde mit den umliegenden Anbauten mehrmals bis in die ostgotische Zeit hinein restauriert. Damit verbunden scheinen die Bestrebungen, dieses Platzareal besonders zu pflegen: Der gegenüberstehende Saturntempel wurde im späten 4. Jh. traditionsgetreu wiederaufgebaut, nicht nur als ornamentum urbis in einem meistens christianisierten Umfeld, sondern auch aufgrund seiner fortdauernden Funktion als Stadtkasse (aerarium Saturni, nun in arca publica umbenannt); mitten auf dem Platz stand immer noch das miliarium Aureum, der Meilenstein am Ausgangspunkt des reichsweiten Straßennetzes; die porticus deorum Consentium, eine Säulenhalle mit Götterstatuen am Rand des triumphalen Weges wurde im Jahr 367 auf Initiative des Senatoren Vettius Agorius Praetextatus, eines bekennenden Heiden, wiederhergestellt. Durch die achtungsvolle Erhaltung dieses Erinnerungsortes der römischen Verfassung und des ehemaligen Machtzentrums des Reiches verstanden sich die Senatoren als legitime Erben der Tradition in einer Kontinuitätslinie mit der Vergangenheit. Für den Repräsentativcharakter lässt sich außerdem das Trajansforum nennen, das in der Spätantike als Schauplatz kaiserlicher Auftritte, administratives Zentrum und, mit dem Augustusforum, als Ausbildungsstätte für Oratoren intensiv verwendet wurde. Ehrenstatuen von Kaisern und zahlreichen Senatoren – darunter besonders Konsuln und Stadtpräfekten – schmückten diesen vielbewunderten und an anderen Orten imitierten Prunkplatz aus.
    Außerhalb der öffentlichen Areale erfuhr der alte Kern Roms im 4. bis zur Mitte des 5. Jh. eine rege städtebauliche Entwicklung durch den Ausbau und die Vermehrung der großen Senatorenresidenzen. Viele von ihnen gehörten Senatoren provinzieller Herkunft oder wurden an solche vermietet, die oft den Schwerpunkt ihrer Landbesitze und der angeschlossenen Wohnsitze fern von Rom hatten. Die weitgehende Abschaffung der Anwesenheitspflicht in den Senatssitzungen ab den 440er Jahren bestimmte den rapiden Verfall der stadtrömischen Wohnarchitektur. Diese mit dem Luxus der Kaiserpaläste ausgestatteten domus erfüllten wichtige Repräsentanzfunktionen: als signifikanter Sonderfall kann die Senatsversammlung 438 n.Chr. im Haus des obengenannten Glabrio Faustus angeführt werden. Im Rahmen einer Vervielfachung und Parzellierung der urbanistischen Fokusse gruppierten sich die Senatorenhäuser tendenziell, aber nicht nur um die Machtzentren – das Forum Romanum und die zwischen der Maxentiusbasilika und dem Kolosseum gelegene praefectura Urbi – herum. Die Inanspruchnahme gemeinschaftlichen Raums wie etwa Straßen und die Wiederverwertung von Baumaterial und Spolien unterlagen einer spezifischen Gesetzgebung, die letztlich den Senat mit den Befugnissen in diesem Bereich ausstattete. Wie F.A. Bauer zusammenfasst, wurden „durch Fassadenwände, optische Zielpunkte und Blickachsen“ ausgewählte Denkmäler der alten Weltmetropole hervorgehoben, zugleich die mittlerweile entstandenen Lücken in der urbanen Landschaft – durch Trümmer, baufällige Gebäude sowie jüngere Gräber innerhalb der Stadtmauer besetzt – ausgeblendet.
    Der so ausgestaltete städtische Raum wurde durch unterschiedliche Erlebnisse, wie etwa kaiserliche Einzüge oder Feierlichkeiten der heidnischen bzw. christlichen Kulte, zu einem symbolischen Raum. Der Festkalender (z.B. der Chronograph von 354 des Filocalus) untergliederte das Jahr durch ephemere Ereignisse: kultische Handlungen, Prozessionen, Wagenrennen, Tierhatzen sowie weitere Veranstaltungen. In diesem Zusammenhang weist die wiederkehrende Darstellung der Hochmagistrate als Spielgeber (s. o.) eindeutig auf die Wichtigkeit der spectacula als Scharnierstelle der Kommunikation zwischen dem jeweiligen Kaiservertreter und dem Volk hin. Die Weltstadt Rom sollte also auch in dieser erlebten, zeitlichen Dimension erfasst werden.
  3. Wie wirkt sich die Aktivität der Senatoren auf die Wahrnehmung der Stadt Rom aus? Trotz des verlorenen politischen Ranges manifestiert sich weiterhin die anhaltende Anziehungs- bzw. Ausstrahlungskraft der Reichsmetropole Rom an mehreren Aspekten materieller und symbolischer Art. Als ideelles Zentrum des römischen Reiches bleibt es ein beliebtes Ziel von Kaiserbesuchen; zugleich wird es als Metropole der Kirche ausgebaut, wobei Zentralfunktionen des aufsteigenden Christentums örtlich gebündelt werden (Sitz des Papsttums, Gräber der Apostelfürsten und vielverehrter Märtyrer, Aufbewahrung wichtiger Reliquien wie das Hl. Kreuz von Jerusalem usw.).
    Die Senatoren leisteten ihrerseits einen wesentlichen Beitrag bei der Aufrechterhaltung bzw. Neukonfigurierung der metropolitanen Vorrangstellung. Wie gesehen machten sie sich viele der traditionell kaiserlichen Geltungsansprüche zu Eigen, beispielweise durch aufwendige Darbietungen im Amphitheater, die Stiftung oder Instandhaltung von Forumanlagen, den Wohnluxus in den Stadtresidenzen. Die „universelle“ Reichweite dieser Ansprüche zeigte sich etwa in Vielfalt und Zahl der exotischen Wildtiere in den venationes oder in der Pracht des opus sectile, der Fußboden- und Wandverkleidung vieler Häuser mit Platten aus bunten Marmorsorten disparater Herkunft. Die Erzeugnisse dieses Kunsthandwerks sowie weitere Muster des stadtrömischen Wohnstandards und der Senatorendarstellung (z.B. statuarische Typen) fanden reichsweite Resonanz. Auf diese und andere Weise konnte die propagierte Idee der Roma aeterna als Gegengewichtung zu Konstantinopolis konkrete Wirkung ausüben.
    Bei der Auswertung des Befundes sollte letztens die Dialektik zwischen Gruppen- und Individualidentität erwogen werden: Wie verhalten sich Senatoren als Gruppe oder Familienverbände respektive als Individuen gegenüber den langfristigen Geschichtsvorgängen sowie in den durch Katastrophen herbeigeführten Notlagen? Diese Frage ist kürzlich im Hinblick auf die religiösen Optionen aufgeworfen worden (É. Rebillard – J. Rüpke [Hrsg.], Group identity and religious individuality in Late Antiquity, Washington 2015). Denn individuelle Initiativen können generelle Trends beschleunigen oder hemmen, aufhalten oder modifizieren. Dabei sollte zwischen der quasi Improvisation und Radikalität der Umschwünge einiger asketischer Kreise (vgl. die Totalverschenkungen neukonvertierter Finanzleute wie jene der Melania der Jüngeren und ihres Ehemannes Pinianus) und den finanziell geplanten, zukunftsfähigen Einrichtungen wie etwa xenodochia, Klöstern, tituli und weiteren Privatstiftungen differenziert werden. Wie und in welchem Ausmaß diese antikonventionellen Verhaltensmuster den sozioökonomischen Vorgängen entgegensteuerten, stellt einen weiteren, anregenden Fragenkomplex zur leitenden Rolle der Senatoren im spätantiken Rom dar.

Zusammenfassend bietet dieses Forschungsvorhaben die Möglichkeit, durch eine quellennahe, interdisziplinär angelegte Untersuchung Kernprobleme der spätantiken Geschichte Roms – einer Kaiserstadt seit konstantinischer Zeit ohne Kaiser – im Spiegel des Denkens und Wirkens ihrer Führungsschicht, des traditionsreichen Senates, näher zu betrachten. Das dynamische, kontrastreiche Bild dieser formativen, jedoch für die folgenden Jahrhunderte richtungsweisenden Entwicklungsphase kann bedeutende Aufschlüsse nicht nur zum veränderten Metropolenbild Roms, sondern auch zur Entstehung der europäischen Adelsgeschlechter liefern.


Arabella Cortese (Spätantike Byzantinische Kunstgeschichte)

Cilicia as Sacral Landscape in Late Antiquity: A Journey on the Trail of Apostles, Martyrs and Local Saints

Ziel des Projektes ist es, besonders aussagekräftige Beispiele von kilikischen Kirchenbauten der Spätantike, in denen Heilige verehrt wurden, zu analysieren. Es geht darum zu verstehen, wie die Christianisierung der Stadt die Gestaltung seiner gewohnten Lebensumwelt langsam veränderte, welche Rolle diese bedeutende Anziehungspunkte für Pilger und Besucher in Bezug auf die Siedlungen spielte und welche Auswirkung sie auf die Stadtentwicklung hatten.

Dabei wird die Architektur und die Aufteilung ihrer Räume, sowie Quellen über die Frequentierung dieser Bauten (Lage, Große, Ausstattung, Nutzung, Begehbarkeit, Anbindung an die Stadt/ Straße, Sichtbarkeit) und die Wahrnehmung der Verehrungsorte jedes Befundes eingehend untersucht.

Das Ergebnis wird eine Studie sein, in der nicht nur das funktionale Verständnis der kilikischen Kirchen betrachtet wird, sondern auch die Rolle, die die spätantiken Kirchengebäude in der Stadtentwicklung und bei der kilikischen Metropolen spielten. Durch eine kombinierte Analyse von archäologischen Befunden und Textquellen wird zudem versucht, die Erfahrungen und die Gedankenwelt der damaligen Kirchenbesucher zu erschließen.


Dr. Elisa Di Natale (Kunstgeschichte)

vorl. Titel des Forschungsprojekts:

Liturgische Kircheneinrichtung im Mittelalter: Pulpita, Altäre, Taufbecken, Weihwasserbecken (XI.-XIII. Jhdt).


Marco Esposito (Klassische Archäologie)

Der seggio di Porto im Neapel der Vormoderne (1266–1501): Sakrale Räume, visuelle Repräsentation und Identitätsgestaltung von Familien eines medianum sedile.

Ausgehend von der Prämisse, dass Kapellen- und Kirchenräume in Mittelalter und Neuzeit meist einen polysemischen Status genossen und dass ihnen darum nicht lediglich eine sakrale, sondern auch politische und häufig gar wirtschaftliche Funktion zukam, zielt das vorliegende Promotionsprojekt darauf ab, im Zeitraum der Fremdmonarchien (1266–1501) drei zentrale Aspekte elf bedeutender Familien (gentes) zu untersuchen, die einem der fünf Adelskonsortien Neapels angehörten: dem seggio di Porto.

Im Fokus der Analyse stehen die nachfolgenden Punkte:

  1. die Errichtung von Kapellen bzw. Privatsakralbauten als politisch-semantisch aufgeladenes Behauptungsinstrument einzelner gentes und ihres Konsortiums sowie als Ausdruck von Gruppenbewusstsein und sozialem Zusammenhalt;
  2. die durch die polyfokale Ausstattung (Grabmäler, Altaraufsätze, Fresken etc.) der erbauten Sakralräume ermöglichte Materialisierung der (Selbst-)Repräsentation der untersuchten Geschlechter;
  3. die u.a. aus der Zusammenwirkung der erwähnten Aspekte hervorgehende Gestaltung einer urbanen, adligen Identität, die je nach Interaktionsformen des jeweiligen Adelshauses mit anderen Seggio-Familien und vor allem mit einzelnen Fremdkönigshauszweigen (Anjou-Durazzo, Valois-Anjou, Aragon, etc.) eigene Merkmale aufwies: dominikanische, franziskanische, augustinische Andachtsorientierungen; militärische, ekklesiastische, juristische Karrieren; Zugehörigkeit zu weltlichen bzw. kurialen Ritterorden, etc.

Systematisch sollen die aufgeführten, thematischen Aspekte an den drei Hauptsakralbauten des seggio di Porto untersucht werden: dem Franziskanerkloster Santa Maria La Nova (1268–1301), dem Dominikanerkloster San Pietro Martire (1294–1347) und der an die frühchristliche Basilika San Giovanni Maggiore (4. Jh. n. Chr.) angrenzenden Familienkirche San Giovanni dei Pappacoda (1415). Spezifisch die Kapellen D’Alessandro, Di Gaeta, Di Gennaro, Macedonio und Pagano in S. P. Martire, die Kapellen Ferrillo, Garlona, Scanderbeg, Severino und Vitaliani in S. M. La Nova und die Außenausstattung des Privatsakralbaus Pappacoda sollen erschlossen werden. Aus der Analyse der topographischen Position jener Räume sowie aus der Untersuchung des Stils und Bild- bzw. Schriftinhalts ihrer Ausstattung wird sich zeigen, dass sie zu öffentlichkeitswirksamen Instrumenten von Selbstdarstellung und sozialer Kohäsion- bzw. Kompetitionbotschaften wurden, die aktiv auf die Gestaltung der urbanen Identität ihrer Familien auswirkten.


Giulia Fioratto (Klass. Archäologie)

Nascita e sviluppo di una metropoli romana dell’Italia settentrionale: Aquileia

In diesem Projekt soll untersucht werden, wie die lateinische Kolonie Aquileia, die 181 v. Chr. gegründet wurde, in kurzer Zeit zu einer der wichtigsten Städte im Nordosten Italiens und auch im römischen Reich wurde. Laut Ausonio scheint Aquileia am Ende des IV. Jahrhunderts “Moenibus et portu celeberrima”(Ausonio 11,9, 4) zu sein und eine entscheidende Rolle unter den wichtigsten Städten des Mittelmeers zu spielen. Das Hauptziel dieses Projekts ist die Beantwortung einiger wichtiger historischer Fragen, bzw. wann und wie Aquileia aus einer lateinischen Kolonie der Cisalpina zu einer Metropole des römischen Reiches wurde und welche Dynamik zur Entstehung und Entwicklung eines wirtschaftlichen, kulturellen, architektonische und religiösen Zentrums wichtig war.

Dass Aquileia ein wichtiger Handelshafen ist, wird sowohl aus Quellen als auch aus archäologischen Funden erkannt, und das Wachstum der Stadt selbst hängt immer mit dieser Rolle zusammen, nicht zuletzt die Untersuchung eines anderen Aspekts, der ebenso wichtig sein könnte, nämlich sein Verhältnis mit dem Territorium. Daher ist eine sorgfältige und parallele Betrachtung der Organisation des Landes hilfreich, um zu verstehen, wie die landwirtschaftliche Fläche von der Kolonie genutzt wurde, und um zu verstehen, was produziert wurde und unter welchen Bedingungen es genutzt wurde, sei es für die Selbstversorgung oder sogar für den Export. Bestimmte Aspekte, die behandelt werden, sind: eine Analyse der Besetzung des Territoriums, Landverteilungssystem, ländliche Siedlung (Villen und Farmen), Produktionsanlagen, Clustersiedlung (vicii und pagi), außerstädtisches Heiligtum, die Beziehung zwischen Incolae und Kolonisten und die Produktionen des Gebietes.

Die zeitlichen Grenzen dieses Projekts reichen von der Gründung der Kolonie (181 v.Chr.) bis zu Attilas Plünderung (452 n.Chr.)


Susanne Gürtner (Englische Literatur- und Kulturwissenschaft)

Humanism on the Early Modern Stage

This project aims at tracing the relationship between Early Modern theatre at the beginning of the 17th century and its own humanist heritage. It investigates the ways in which plays of this era reflected on – and were complicit in creating – a growing anxiety about the commodification and professionalisation of knowledge. The urban and, indeed, metropolitan social settings of these debates are the universities and Inns of Court where humanist drama was staged as well as, increasingly, the fixed playhouses of the London commercial theatre scene.

In the course of the 16th century, the influence of humanism established education as a viable avenue for advancement, effectively turning knowledge into a form of social capital. This new status of knowledge led to an increased emphasis on its mediality and fostered the fetishisation of the means of its production and transmission, as can be observed, for example, in the widespread practice of keeping commonplace books. These collections of sententiae and excerpts from Greek and Roman classics had their origin in humanist educational practices but increasingly turned into a way of collecting stylistic flourishes that could be used to embellish conversations and mark the collector’s social distinction.

This shift in the perception of knowledge was a topic vigorously debated in contemporary drama. The Jacobean city comedies, in particular, are littered with characters that are mocked for trying to get ahead by exhibiting their collections of learning. However, at the same time, the theatres themselves played a special role in the increasing commodification of knowledge. In metropolitan London, theatres, as public spaces available to a broad section of society, became increasingly important as places where knowledge concerning a vast number of topics, such as history, geography, and political theory, could be shared. However, by rendering “knowable” and discussable these specialised discourses, the theatres also created a potential space for the interrogation of the nature of power.

Main points of interest for this project will be how commercial renaissance drama was indebted to humanist theories and methods of teaching, the continued influence of university and grammar school education on the playwrights and their audiences, and the ways in which the commodification of knowledge and the perceived erosion of humanist ideals were reflected on by both scholars and playwrights. Areas of investigation will be early modern academic drama and its progression from the universities to the commercial stage, with a special focus on the Jacobean city comedies. These plays will be investigated in the context of early modern pedagogical writings and practices.


Lukas Mathieu (Alte Geschichte)

Die Metropole Alexandria als Machtinstrument im politischen und literarischen Wirken des Bischofs Athanasius

Der mehrfach exilierte Bischof Athanasius von Alexandrien ist eine zentrale Gestalt in den dogmatischen und machtpolitischen Auseinandersetzungen der spätantiken christlichen Kirche. Spätestens seit seiner Wahl zum Bischof von Alexandrien sind die Konflikte um seine Person auch speziell die Konflikte dieser nach Rom zweitgrößten Stadt des Römischen Reiches, welche sowohl in wirtschaftlicher, kirchen- und machtpolitischer Hinsicht größte Bedeutung besaß. In diesem Projekt soll gezeigt werden, inwiefern die Metropole Alexandria als Machtinstrument von Athanasius genutzt wurde. Diese Untersuchung bezieht sich nicht nur auf das realpolitische Nutzen eines gewaltbereiten christlichen Mobs in den Straßen der Stadt, mit dem unter anderem auch die Kontrolle des für das Gesamtreich so wichtigen Getreideexports möglich war, sondern auch auf das umfangreiche literarische Schaffen des Bischofs. Hier begegnet nämlich Alexandria samt seiner Bevölkerung als Argument für die Legitimierung von Stellung und Handeln ihres Metropoliten Athanasius. Durch die Untersuchung des sich gerade in Alexandria manifestierenden Arianismusstreits sollen die Strukturen und Abläufe solcher Konfliktsituationen zwischen den verschiedenen religiösen Gruppen (Christen, Juden, Heiden) der spätantiken Metropole deutlicher werden. Diese zeigen sich ebenso wie die Geltungsansprüche, die durch Athanasius bei der Nutzung seines Episkopats als Machtinstrument formuliert werden, in den ‚physischen‘ (Kirchen bzw. Kirchenbautätigkeit) und ‚symbolischen‘ Räumen (Prozessionen) der Stadt.


Charlotte Neubert (Mittelalterliche Geschichte)

Construction of an Urban Identity in Late Medieval and Early Tudor London

Urban chronicles are very well preserved for many towns and cities in northern Italy, Switzerland and Germany. London and England didn’t produce an official narration about their own history as a civic community. Nevertheless, this doesn’t mean that there aren’t other forms of historical writing to create and establish a corporate sense of identity: Chronicle texts often appear in private writing, included in anthologies or miscellaneous collections. I am especially interested in the origin of myths, the way they are told, altered and visualised and how the current political situation is influencing the demand of those. I would like to look at the London merchants as a special group of citizens and how they produced and perceived their urban history through texts as well as through other medial strategies to construct a civic and urban identity. My main focus lies on the narrative sources; texts that deal with London, its history and presentation as a topic.


Mercedes Och (Alte Geschichte)

Fleischkonsum in der antiken Metropole Rom. Wirtschaftliche, religiöse und soziale Aspekte zwischen dem 2. Jh. v. Chr. und dem 4. Jh. n. Chr.

Fleischkonsum wird im antiken römischen Kontext meist den Oberschichten zugeschrieben und das häufig in einem vollkommen überzogenen Maß. Die literarischen Quellen geben gern prunkvolle Gastmähler mit einer Fülle von Fleischgerichten wieder, die kaum der Realität entsprochen haben können. Aus diesem Grund beschäftigt sich dieses Dissertationsprojekt mit der Frage nach den Zusammenhängen zwischen wirtschaftlichen, religiösen und sozialen Faktoren des Fleischkonsums in der antiken Metropole Rom. Die Arbeit ist diachron ausgerichtet und untersucht die Veränderungen zwischen dem 2. Jh. v. Chr. bis zum 4. Jh. n. Chr. Als Quellengrundlage dienen sowohl schriftliche Quellen mit landwirtschaftlichem Kontext, archäologische Ausgrabungsberichte sowie inschriftliche Überlieferungen der römischen Opfer- und Prozessionspraxis, das Sozialleben betreffende antike Briefwechsel als auch diverse kleinere, im gesamten antiken Quellenfundus verstreute Hinweise auf den Fleischkonsum. Durch die Zusammenschau der Erkenntnisse aus den drei übergeordneten Punkten kann ein Geflecht aus sich gegenseitig bedingenden Zusammenhängen zwischen den Faktoren "Wirtschaft", "Religion" und "Soziales" herausgearbeitet werden, wodurch ein detailliertes Bild des sich verändernden Fleischkonsums in der antiken Metropole Rom entsteht.


Sebastian Pößniker (Wirtschafts- und Sozialgeschichte)

Materieller Lebensstandard und Marktkonjunktur im süddeutschen Raum 1350-1800. Löhne und Preise anhand institutioneller Rechnungsbuchüberlieferung in Regensburg im interstädtischen Vergleich

Seit gut 20 Jahren findet der komplexe Zusammenhang zwischen Ressourcen, Bevölkerungsentwicklung und der wirtschaftlichen Prosperität von Städten und Regionen während der Protoindustrialisierung verstärktes Interesse in der Wirtschafts- und Sozialgeschichte. Eine Frage im Zentrum der Debatte um die Entwicklung des materiellen Lebensstandards unterer Bevölkerungsschichten vor der industriellen Revolution ist, ob es eine Verbesserung des Lebensstandards zwischen dem beginnenden Spätmittelalter und der Schwelle zur Moderne gab oder nicht. Mit dem sozio-ökonomischen Ungleichheit zusammenhängend ist die Frage nach Sicherheit bzw. Sicherung von Faktoren des Lebensstandards, insbesondere des Arbeits- und Lebensmittelmarktes für die working poor. Diese im Tagelohn arbeitenden Männer, Frauen und Kinder repräsentieren neben anderen das unterbezahlte ökonomische Rückgrat handwerklich-gewerblicher urbaner Produktions- und Distributionsbedingungen in Spätmittelalter und früher Neuzeit.

Bei ihren Löhnen werden in in der Literatur häufig nur vorfindend bare Normlöhne beschrieben, welche lediglich den Horizont des zeitgenössisch Möglichen zeigen. Der Alltag städtischer Lohnarbeit findet sich dagegen in Rechnungen, die es ermöglichen, Vulnerabilitäten der „kleinen Leute“ im Verhältnis zu Teuerungseffekten auf dem alltäglichen Marktgeschehen, auf das die meist vorratslose Haushalte unmittelbar angewiesen waren, zu erkennen. Die Dissertation beschäftigt sich primär mit der Überlieferung des Regensburger St. Katharinenspitals und des reichsstädtischen Almosenamts mit ergänzenden Quellen der Stadtkanzlei und der Chronistik, um mit dem Blick durch die für die Sozioökonomie einer (spät-)mittelalterlichen Metropole konstitutiven Institutionen der materielle Lebensstandard für verschiedene Berufsgruppen der Unter- und Mittelschicht in Regensburg und Umland seit dem 14. Jahrhundert nachzuvollziehen.

Von speziellem Interesse ist es sozio-ökonomische Wandlungsprozesse in den Lebensverhältnissen der „kleinen Leute“ im Wandel und Kontinuität der Bedingungen in der reichsstädtischen Region erkennbar zu machen und zu fragen, ob sie situativ festgemacht und in ihren Folgen abgeschätzt werden können und wie sie sich langfristig auf diese sozio-ökonomisch unterprivilegierte Großgruppe auswirkten. Auch lässt bei der ambivalenten Entwicklung einer Stadt sowie ihres Umlandes das Risiko des (Ver-)Hungers weitere Fragen hinsichtlich des Verhaltens der entscheidenden Elite etwa angesichts des strukturellen Grundproblems Pauperismus und der Bewältigung zu. Schließlich geht es wie in anderen mitteleuropäischen Städten neben den sozio-politischen Faktoren konkret darum, wie sich Einflüsse der Umwelt, insbesondere jährliche Witterungsbedingungen und mittel- bzw. langfristiger Klimawandel auf die sozio-ökonomischen Bedingungen von Lebensstandard, insbesondere durch Vulnerabilitäten von Teuerungskrisen, auswirkten.


Katharina Schaller (Historische Bauforschung)

Die Entwicklung der Stadtbefestigung Regensburgs vom Frühmittelalter bis ins 19. Jahrhundert  unter besonderer Berücksichtigung der sog. arnulfinischen Befestigung des 10. Jahrhunderts

Franziska Schneider (Kunstgeschichte)

The Byzantine Connection in Mehmet Tahir Ağa’s Work

Als Quellen des Forschungsvorhabens sollen hier die verschiedenen religiösen Stiftungsbauten im heutigen Istanbul herangezogen werden. Diese Mehmet Tahir Ağa zugeschrieben Gebäude haben einzelne oder mehrere byzantinischen Bezüge, die sich sowohl stilistisch, räumlich, dekorativ oder tatsächlich physisch, durch den Einbezug von Spolien, manifestieren. Entstanden sind die Gebäude unter der Leitung und/oder Betreuung durch die Werkstatt von Mehmet Tahir Ağa. Dieser war drei Mal Chefarchitekt der Hohen Pforte unter zwei verschiedenen Sultanen von der Mitte bis zum Ende des 18. Jahrhunderts.

Die Byzanzrezeption soll hier Ausgangspunkt sein, die vielfältigen baulichen und inhaltlichen Verknüpfungspunkte der römisch-byzantinischen Vergangenheit innerhalb des osmanischen Barocks in Istanbul zu untersuchen. Warum wurde genau in dieser Epoche der Bezug innerhalb der Stadt Konstantinopel/Istanbul zur christlichen Vergangenheit wiederentdeckt und in das bestehende Formenvokabular inkludiert?

Die Bezugnahme auf Kirchengebäude, Bildprogramme und literarische Quellen (Ost-)Roms war nicht nur historisierend und stilistisch vielfältig; vielmehr ist anzunehmen, dass die Byzanzrezeption den Ansatz des osmanischen Barocks illustriert, an geltende Muster des Bezugnehmens, des Wiederaufgreifens und der Interpretation auf lokale Bautraditionen, sowohl anzuknüpfen und in etwas Neues umzuwandeln.


Innocent Smith (Liturgiewissenschaft)

Doers of the Word: Bible Missals and the Celebration of the Eucharist in the 13th Century

My dissertation is focused on the Bible Missal, an important but understudied genre of medieval manuscript which combines the scriptural texts of the Latin Vulgate with the prayers, chants, and readings recited by the priest during the Eucharistic celebration of the Mass. In some cases, these Bible Missals contained all the texts necessary for the Mass throughout the entire year as well as the complete biblical text. In these cases, the Missal portion would typically contain just the opening words of biblical passages, referring the user to the rest of the manuscript to find the complete biblical texts. In other cases, the Missal portion presented an abbreviated selection of Masses that could be used on various occasions throughout the year.

The liturgical selections contained in the extant bible missals thus present a wide range of material that gives a precious insight into both the development of various liturgical traditions in the 13th century as well as the processes of customization and design of medieval bibles. In this dissertation, I will analyze the phenomenon of 13th century bible missals, showing the range of physical formats and liturgical features present in the extant manuscripts as well as the standardized elements found in most examples. I will take an interdisciplinary methodological approach, drawing on insights from the disciplines of codicology, liturgiology, musicology, and art history.

Through this dissertation, I hope to show that Bible Missals are an essential source for understanding the development and practice of the medieval liturgy. Bible Missals have much to offer in terms of the understanding the spirituality of the bible in the middle ages, the relationship between book ateliers and the religious clients and communities they served, and the commonalities and distinctions between the liturgies of medieval religious orders shortly after their foundation. This dissertation will contribute to a growing body of literature on the material culture of the medieval bible, showing the significance of the liturgical features of an important body of manuscripts.


Christopher Sprecher (Mittelalterliche Geschichte)

“Come, behold now my crown”: palatine relics and the sacralisation of imperial power in Constantinople, 944–1204

This dissertation intends to take a new interdisciplinary look at the interaction of sacred objects and the figure of the Byzantine empire in the Middle Byzantine period via the collection of relics deposited in the chapel of the Mother of God of the Lighthouse (Pharos) within the Great Palace of Constantinople. To this end, I will first examine sanctoral commemorations and iconographic images from the mid-ninth century, which serve as a prelude to the main period under investigation (944–1204): namely, feasts of translation of episcopal relics to Constantinople (those of Nikephoros I [†828] and John Chrysostom [†407], depictions of relics and emperors in iconography and manuscripts, and scholarly thought on the sacred character of the emperor in the period before and after the iconoclastic struggles. In this first section, I will be building on the work completed in my MA thesis completed at the University of Regensburg in 2020.

The second part of the thesis will then look past the hermeneutical foundation of the imperial figure provided by the feasts and commemorations instituted in the ninth century and move forward to look at the relics translated or brought to Constantinople and deposited in the palatine Pharos chapel from 944 (during the reign of Constantine VI Porphyrogennetos) to 1204 (the fall of Constantinople to Westerners during the Fourth Crusade), when most of the palatine relics were taken as booty and relocated to Western Europe. In this part, the staging of Constantinople as a New Jerusalem will be discussed. Many scholars have already worked on this topic  and developed the thought of the Byzantine capital as a new centre of holiness. However, the specific function and performance of the relics in the exclusive palatine Pharos chapel and their interaction with the Byzantine emperor have not been studied in detail. In my dissertation, a close reading of court ceremonial texts, liturgical texts, homilies, poems, and chronicle excerpts will endeavour to show how the emperor, via the presence of specific relics in his palace, comes to be seen not only as a sacred figure, but also as a figure embodying the sacred, even as a living relic. In such readings, recourse will be taken to important recent tools from the traditions of philosophical and art-historical hermeneutics (Gadamer, Agamben, Bredekamp), while studies in the performativity of literature (cf. Derrida and Pentcheva) will also find use in clarifying the combined function of text, object, and performance in these sacred and secular texts with regard to the imperial figure and its perceived sanctity.

Following the concluding remarks, the dissertation will also include as a supplement an edition and translation of the ninth-century liturgical service for the translation of the relics of Patriarch Nikephoros, as well as first-ever English-language translations of several liturgical texts examined in the thesis: homilies on the translation of discussed relics and their concomitant liturgical services.


Gregory Tucker (Liturgiewissenschaft)

“Since we Believe in Him, Let us Sing to Him”: the Hymnography of the Middle Byzantine Cathedral Liturgy & Its Liturgical Theology

Das Projekt ist in zwei Teile aufgegliedert: der erste Teil wird eine vergleichende Edition und eine Taxonomie des Korpus außerbiblischer Hymnographie der mittelbyzantinischen Kathedralliturgie; der zweite Teil wird eine theologische Analyse eines Auszuges festtäglicher Hymnen aus jenem Korpus anbieten. Das Projekt sieht sich mithin als Werk einer liturgisch-geschichtlichen Theologie, mit angemessener Betonung auf beide Elemente: Forschungsgegenstand sind schriftliche Belege der Liturgie der Großen Kirche im mittelbyzantinischen Konstantinopel (c. 843–1204); passende historische Methodologien werden angewandt, um das Korpus festzustellen und zu analysieren; der Inhalt der Liturgie wird nachgefragt und analysiert in der expliziten Absicht, theologische Bedeutung herauszuschöpfen. Die Dissertation will darauf zielen, die klaffende Gruft zu überbrücken, die manchmal zwischen Liturgiewissenschaft und konstruktiver liturgischer Theologie besteht.

This project falls into two parts: the first will establish a comparative edition and taxonomy of the corpus of extra-biblical hymnography of the Middle Byzantine cathedral liturgy; and the second will offer a theological analysis of a selection of festal hymns from that corpus. The project endeavours to be a work of “liturgical historical theology,” with proper emphasis placed on each of those elements: the object of study is the material evidence for the liturgy of the Great Church of Constantinople in the Middle Byzantine period (c. 843–1204); appropriate historical methodologies will be employed to establish and categorize the corpus; and the content of the liturgy will be interrogated and analysed with the explicit intention of drawing out theological meaning. The dissertation seeks to bridge the gap that sometimes divides historical liturgical studies and constructive liturgical theology.


Maria Whitten (Kunstgeschichte)

Ihr Dissertationsprojekt zielt auf die flächendeckende Erschließung und Untersuchung der spätmittelalterlichen Grabplastik zwischen den Bauhüttenmetropolen Prag und Regensburg und betrifft Kunstgeschichte und Geschichte gleichermaßen. So sollen Merkmale der Arbeiten der Regensburger sowie der Prager Dombauhütte identifiziert und deren mögliche diatopische Verbreitung untersucht werden.

Trotz herausragender Meisterwerke auf dem Gebiet der Grabplastik existiert bislang kein Katalog der gotischen Sepulkralplastiken in der Oberpfalz. Die Kunstgeschichte wie auch die Epigraphik sind hier immer noch auf die Kunstdenkmälerbände Bayerns aus den 1920er und 1930er Jahren angewiesen. Es soll daher im Rahmen der Dissertation auch ein flächendeckender Katalog erstellt werden, auf dessen Basis die Frage geklärt werden soll, ob und inwiefern die Bildhauer- und Bauhüttenmetropolen Regensburg und Prag prägend waren bei der Ausführung von Grabmälern im Gebiet der Oberpfalz.


Jessica Windmaißer (Klassische Archäologie)

Die Archaischen Nekropolen von Rhodos: Altorientalische Importstücke und die Herausbildung einer Metropole

Rhodos, das wenige Kilometer vor dem vorderasiatischen Festland liegt, war, aufgrund seiner günstigen Lage, in der Antike das Bindeglied zwischen der griechischen und der orientalischen Welt und somit auch eine der ersten Anlaufstellen für den interkulturellen Waren- und Wissensaustausch. Mit dem Synoikismos der Siedlungen Kamiros, Lindos und Jalissos und der daraus folgenden Gründung der Stadt Rhodos im Jahr 408 v. Chr. verfestigten sich die frühen Handelsbeziehungen der Insel mit den nun entstehenden Polisstrukturen, sodass die Hauptstadt zu einer Metropole der Kunst und der Wissenschaft heranwuchs. Jedoch weist das Fundgut aus den Nekropolen und Heiligtümern der Insel, welches vor allem aus dem 7./6. Jhd. v. Chr. stammt und lokale, als auch viele vorderasiatische Objekte beinhaltet, darauf hin, dass die Insel bereits vor der Gründung von Rhodosstadt als Handelsmetropole zu deklarieren ist.
Ausgehend von den altorientalischen Beigaben des 7./6. Jhds. v. Chr. aus den Gräbern von Kamiros und Jalissos ist es das Ziel des Projektes, die bereits in der archaischen Zeit gut ausgebauten metropolitären Handelsstrukturen zum Vorderen Orient zu analysieren. Unter Einbeziehung der Orientalia von ausgewählten rhodischen, samischen und milesischen Heiligtümern (Samos und Milet galten in der archaischen Epoche ebenfalls als Handelsmetropolen) wird abschließend ein Ausblick gegeben, wie die Importstücke aus dem Vorderen Orient die rhodische und gesamtgriechische Wirtschaft, Kunst und Kultur beeinflussten.


Julian Zimmermann (Mittelalterliche Geschichte)

Die 'Schattenmetropole'. Politische Kommunikation, Repräsentation und metropolitane Identität im kommunalen Rom (12-14. Jahrhundert)

Rom definiert sich seit jeher wesentlich über seine eigene Vergangenheit. Dies gilt umso mehr, in direkter Nachbarschaft zu den monumentalen Überresten der römischen Antike, für den Stadtraum Roms, welchen die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit zu einem wesentlichen Faktor politischer Kommunikation machte. Innerhalb des Stadtraums spielten Inschriften eine besondere Rolle in der politischen Kommunikation. Der Fokus der geplanten Untersuchung soll auf stadtrömischen Inschriften der kommunalen Phase Roms (1143-1398) liegen. Ziel ist es, öffentliche Inschriften dieser Zeitspanne auf ihre Funktion hinsichtlich politischer Kommunikation zu analysieren und mit interdisziplinären Zugängen zu untersuchen. Dabei lassen sich gezielte politische Kommunikationsformen in der Kommune analysieren, wie beispielweise die gezielte Zurschaustellung von Prestige und Sozialstatuts. Diese Erkenntnisse gilt es in das politische Binnenklima Roms im Allgemeinen einzuordnen. Der städtische Raum als Aufstellungsort von inschriftlicher Kommunikation und auch die Materialität und Qualität von Inschriften und Inschriftenträgern dienen hierbei als zentrale Analysekategorien hinsichtlich der Frage nach politischer Kommunikation, wodurch auch politische Kommunikationsebenen abseits des / bzw. ergänzend zum textlichen Inhalt von Inschriften erschlossen werden sollen. Der Arbeit liegt ein weites Epigraphik-Verständnis zu Grunde, welches nicht nur auf „klassische Gebäude- Grab- oder Urkundeninschriften“ abzielt, sondern auch epigraphische Botschaften auf anderen Trägermaterialien wie Holz, Textilien oder eben Münzen mit einbezieht. Dadurch erklärt sich auch die zweite wichtige Quellengattung dieser Arbeit, die Numismatik. Numismatik und Epigraphik verstehen sich in dem Projekt nicht als unterschiedliche Quellengattungen die herangezogen und kombiniert werden, sondern vielmehr als zusammengehöriger Teil eines weiten „Epigraphik-Begriffes".



Alumni:ae


Dr. Kathrin Kraller (Romanistische Sprachwissenschaft)

Sprachgeschichte als Kommunikationsgeschichte: volkssprachliche Notarurkunden des Mittelalters in ihren Kontexten. Mit einer Analyse der okzitanischen Urkundensprache

m Jahr 1175 tritt in der im Quercy gelegenen Abteistadt Moissac ein Notar namens Arnaudus in Erscheinung. Seine Existenz ist durch einige von ihm unterfertigte Urkunden bis in die 1190er Jahre hinein kontinuierlich belegt. Auffällig ist, dass Arnaudus mit der Aufnahme seiner Tätigkeit als communis notarius de Moisiaco eine volkssprachliche Urkundenschriftlichkeit begründet, die – so die Ergebnisse der Archivrecherchen – von allen seinen Nachfolgern bis ins späte 13. Jahrhundert weitergeführt wird. Die Verwendung des Lateins wird im Bereich der Notarurkunden hingegen fast komplett aufgegeben und erlebt erst im 14. Jahrhundert wieder eine Renaissance.

Die Arbeit setzt sich – einerseits – zum Ziel, die außersprachlichen Kontexte der notariellen Urkunden des 12. und 13. Jahrhunderts zu rekonstruieren. Zunächst wird der Frage nachgegangen, unter welchen institutionellen, kulturellen und gesellschaftlichen Bedingungen der Übergang vom Latein zur okzitanischen Volkssprache im Bereich der notariellen Urkunden stattfindet und unter welchen Bedingungen sich die Volkssprache in den Urkunden etabliert; eine diachron ausgerichtete Analyse der formalen Gestaltung der Urkunden des Korpus gibt dabei Auskunft über die Veränderungen der außersprachlichen Bedingungen des Urkundengebrauchs. Die Arbeit präsentiert daran anschließend – andererseits – eine ebenso diachron ausgerichtete Analyse der Sprache der Urkunden des Korpus. Abgerundet wird die Studie durch eine ausführliche Analyse der Graphie.
Die Arbeit versteht Sprachgeschichte als Kommunikationsgeschichte und sieht die sprachliche (wie auch die formale) Gestaltung der Texte und ihre diachrone Entwicklung in engster Verbindung mit den sprachexternen Kontexten. Der wesentliche Mehrwert dieser Perspektive gegenüber der traditionellen Sprachgeschichtsschreibung ist folglich darin zu sehen, dass auf diese Weise sprachliche Phänomene und sprachinterne Entwicklungen kommunikativ plausibilisiert und kulturhistorisch verortet werden können.


Dr. Antje Kuhle (Alte Geschichte)

HABILITATIONSPROJEKT

Die Stadt als Herrschaftsinstrument. Tribus und Regiones in der römischen Kaiserzeit

Einsicht in die Projektskizze [.pdf]


Stefan-Bernhard Langer (Klassische Archäologie)

Die Baugeschichte, Chronologie und Funktion der sogenannten Oberen Agora der Stadt Ephesos vom Hellenismus bis zur mittleren Kaiserzeit.

Das Dissertationsprojekt behandelt ein Platzareal in Ephesos, das in der Forschung unter den Namen Obere Agora bzw. Staatsmarkt Bekanntheit erlangte. Der Staatsmarkt befindet sich, als eine von zwei Agorai, innerhalb der ephesischen Neustadt, die unter dem  Diadochen Lysimachos gegründet wurde.
Obwohl das Platzareal in den Jahren 1955-1972 weitestgehend freigelegt wurde, blieb die dokumentarische Aufarbeitung jener Großgrabung jedoch weitestgehend auf der Strecke, was vor allem die südliche, östliche und westliche Platzbebauung betrifft.  Die jüngsten Untersuchungen im  Rahmen eines von der DFG geförderten und vom ÖAI unterstützten Forschungsprojektes der Uni Regensburg und OTH Regensburg/TU Berlin versuchten in den Jahren 2014-2016 sowie 2018 dieses Defizit zu kompensieren.

In dieser Arbeit soll vorrangig der Prozesscharakter der baulichen Aktivitäten in und um den Platz beleuchtet werden und zwar vom Zeitraum der Gründungszeit unter Lsyimachos bis zur mittleren Kaiserzeit. Dabei stehen die Forschungsfragenfragen im Vordergrund: Wie hat sich der Platz von der Gründungszeit bis zur mittleren Kaiserzeit verändert? Ging es um die Realisierung architektonischer Gesamtkonzepte oder lassen die Veränderungen am Platz sukzessive Entwicklungsstränge erkennen? Welche Faktoren waren ausschlaggebend? Diesen Fragen sollen Einzelanalysen der Bauwerke in und um des Platzareals vorausgehen, um letztendlich epochale Gesamtbilder des Platzes zu entwerfen.

Neben der baugeschichtlichen Entwicklung interessiert auch die Frage nach den damit einhergehenden funktionalen Veränderungen. Fungierte das Platzareal schon seit der Gründungszeit als Agora bzw. politische Agora? Inwiefern war der Kaiserkult seit Beginn der römischen Kaiserzeit am Platz präsent?

Zu guter Letzt soll geklärt werden, wie sich der Platz räumlich, architektonisch und funktional in das ephesische Stadtgebiet eingliedern lässt und wie sich die einzelnen Entwicklungsschritte mit der Stadtgeschichte in Einklang bringen lassen.


Dr. Markus Löx (Christl. Archäologie)

Mailand (3.‒7. Jh.). Eine spätantike Metropole und ihr Nachleben

Während der Tetrarchie (293–324 n. Chr.) bzw. unter Konstantin I. (306–337 n. Chr.) wählten die römischen Kaiser eine Reihe von Städte als Residenzen bzw. bauten diese zu solchen aus.  Wie u. a. Sirmium, Nikomedien, Antiochia und Trier nahm Mailand ebenfalls diese Funktion ein und etablierte sich im 4. Jh. n. Chr. neben Trier als führende Metropole des Westens. Diese Rolle sollte es bis zur Residenzverlegung nach Ravenna im Jahre 408 n. Chr. behalten. Der Ausbau Mailands zur Residenz unter den Tetrarchen und seine Christianisierung sind vermeintlich gut untersucht, doch fehlt eine systematische Zusammenstellung der (neueren) Grabungsergebnisse und deren Bewertung im Vergleich zu den übrigen Residenzstädten. Die Stadtgeschichte in der Zeit nach Abwandern des Hofes bis zur Etablierung der langobardischen Herrschaft in Italien ist nur selten Gegenstand von Spezialuntersuchungen gewesen. So sind wichtige Fragen bislang kaum gestellt geschweige denn beantwortet: Welche neuen Protagonisten besetzten vakante Machtpositionen nach der Aufgabe der Residenz (Bischöfe, kaiserliche Beamte etc.) und wie positionierten sie sich zur überkommenen Repräsentationskultur und -architektur? Wirkte sich der ehemalige Status als kaiserliche Residenz positiv auf die weitere Entwicklung der Metropole aus und konnte die Verdichtung städtischer Strukturen befördern? Welchen Stellenwert im kulturellen Gedächtnis der Metropole nimmt die ehemalige Funktion als Kaiserresidenz ein? Wie wird das antike Erbe, beispielsweise die baulichen Überreste der einstigen Palastanlagen im neuzeitlichen Stadtbild in Szene gesetzt?

In monographischer Form sollen diese Fragen beantwortet werden und eine Synthese zur Stadtgeschichte Mailands zwischen Spätantike und Frühmittelalter entstehen. Der Stand neuester Forschungen, der sonst nur von einem Fachpublikum rezipiert wird, soll so auch über die Fachgrenzen hinaus zugänglich gemacht werden.


Anton-Claudio Schäfer (Alte Geschichte)

Mediolanum: Von der metropolis Insubrae zum municipium civium Romanorum. Eine Provinzstadt im Prozess der Transformation: Sonderstellung oder historisches Beispiel?

Ziel der Arbeit soll sein, die Anpassungsprozesse des römischen Mediolanum von einer keltischen Stammeshauptstadt im dritten Jahrhundert v. Chr. hin zu einer Provinzstadt bis in das zweite Jahrhundert n. Chr. herauszuarbeiten. Dabei gilt es, Merkmale und sukzessive Veränderungen der Metropolität der norditalienischen Stadt zu untersuchen und wie die Bevölkerung daran beteiligt war und damit umging. Dies soll sowohl durch die Betrachtung der lokalen Elite, als auch durch Dokumentationen der einfacheren Bevölkerung, eingeschränkt durch die Quellen vor allen der breiten Mittelschicht, ermöglicht werden. Hierbei sei die Unterstützung der Oberschicht für den Konsul Marcus Emilius Lepidus zu erwähnen, der versuchte die Nachfolger der sullanischen Strömung zu stürzen. Die Mailänder erhofften sich im Zuge dessen den Provinzvorsitz von der Stadt Mutina (dem heutigen Modena) für sich zu sichern, allerdings scheiterte die Rebellion und wurde mit härtesten Repressionen unterdrückt. Der Umgang mit dem Verlust der Funktion als politisches Zentrum mit der zeitgleichen Maximierung der Wohnfläche, Erhöhung der Siedlungsdichte und der Errichtung von Monumentalbauten soll, gerade im Vergleich mit Städten wie Mutina, erforscht werden.

Da Mediolanum sowohl als keltischer Zentralort, als auch als römische Provinzstadt für den überregionalen Handel und ein sehr ertragreiches Umland bekannt war, gilt es etwaige römische Umstrukturierungen nach der Eroberung der Region zu betrachten und deren Auswirkungen auf die Entwicklung der Stadt zu beleuchten. Die Regionen der Cisalpina südlich des Po wurden nach der Eroberung Ende des dritten Jahrhunderts v. Chr. teils radikal umstrukturiert, sowohl was Siedlungsgebiete als auch was Handelsrouten betrifft. Im Gegensatz dazu blieb die Transpadana weitestgehend davon verschont. Die Region wurde schließlich essentiell für die Versorgung Italiens. Die Insubrer sollen etwa so fette Schweine gezüchtet haben, dass diese kaum stehen konnten und die Landwirtschaft war so ergiebig, dass die Transpadana eine strategisch sehr wichtige, jedoch gleichzeitig geographisch exponierte Provinz wurde.

Bei der Bearbeitung steht außerdem die Frage im Hintergrund, wie weit die keltischen Wurzeln für die Stadt und Bevölkerung von Bedeutung waren und ob der Umgang mit ihnen ein eher singuläres Phänomen Mediolanums war. Die 230 in den Inschriften des ersten und zweiten Jahrhunderts n. Chr. genannten Familien bzw. gentes waren meist indigener Abstammung oder mit nichtrömischen Frauen verheiratet. Die hier vertretene Mittelschicht bestand vor allem aus lokalen Magistraten, Handwerkern und Händler und war gespickt mit ambitionierten liberti im sozialen Aufschwung. Ein paar Jahrhunderte später lässt sich der keltische Hintergrund immer noch erkennen. Zuletzt sollen die Ergebnisse der Arbeit einen Ausblick auf die Rolle der Geschichte und Entwicklung der Stadt hinsichtlich der späteren Ernennung zur Kaiserresidenz Ende des dritten Jahrhunderts n. Chr. bieten. Waren diese Veränderungen innerhalb der vier Jahrhunderte um die Zeitenwende außergewöhnlich oder eher als historisches Beispiel zu verstehen? Wieweit lassen sich metropolitane Strukturen erkennen, von denen die Kaiserresidenz später profitieren konnte? War somit diese Stadt, die schon seit der Gründung ein Schmelztiegel war, im Zuge ihrer Entwicklung ein idealer Ort für die spätere Residenz oder war die Ernennung nur dem aktuellen militärischen Zustand im dritten Jahrhundert n. Chr. geschuldet?

Die Promotion soll dabei die vorhandene Forschung zu Oberitalien mit den punktuellen archäologischen Untersuchungen vor allem zu Mailand verbinden und mit Hilfe der oben genannten Fragen die Veränderungen der Stadt und ihrer Bewohner nachvollziehbar machen. Die Forschung hierzu ist lückenhaft und auf verschiedene Disziplinen verteilt, worauf sich diese Arbeit dennoch stützen kann. Hierbei sind die aktuell erschienene Monographie von RONCAGLIA über das römische Norditalien, die Sammlung archäologisch nachvollziehbarer Bauten Mailands bei SACCHI und das Werk von GRASSI zu den Transformationsprozessen von den Insubrern in der römischen Transpadana besonders hervorzuheben. Das Konzept der Metropolität eignet sich hierbei besonders gut, um diese Prozesse zu kategorisieren und Mediolanum lange vor der Residenzwerdung eine Sonderstellung, oder eben nur eine beispielhafte Entwicklung einer in das Imperium Romanum eingegliederten Stadt zu attestieren.


Dr. Maria Weber (Mittelalterliche Geschichte)

„Hett viel lieber Gellt gehept“ – Schuldenpraxis in der Reichsstadt Augsburg (1480-1532)

“Credit (apprestum/prestitis) was ubiquitous in later medieval society” (Goddard, Richard, Credit and Trade, S. 1 (2016)). Mit dieser Feststellung leitet Richard Goddard seine kürzlich erschienene Studie zu „Credit and Trade in later Medieval England“ ein.
Die Ubiquität von Krediten und die Alltäglichkeit von (Geld-)Leihe, Pfand- und Borgkauf, Verpfändung und Versetzung von Geld und seiner materiellen Äquivalente tritt uns in der städtischen Schriftlichkeit, wie sie durch Ratsprotokolle, Gerichtsbücher und Missive auf einer obrigkeitlich-normativen Ebene repräsentiert werden, als auch in privaten Schuldbüchern, Schuldbriefen, Korrespondenzen oder chronikalischen Aufzeichnungen, vielfach entgegen.

Diese Überlieferung aus der spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Reichsstadt Augsburg als Ausgangspunkt und „primäre[n] Stellvertreter der Praxis“ (Haasis/Rieske, Historische Praxeologie. Zur Einführung, S. 1 (2015)) zu nehmen und nach dem Umgang, den Praktiken und der Wahrnehmung von Geld und Schulden zu fragen, bildet den Kern des Promotionsprojektes. Aus praxeologisch-mikrohistorischer Perspektivierung, die die Quellengrundlage vorgibt, sollen die Praktiken des Schuldenmachens herausgearbeitet und in Fallbeispielen in ihren jeweiligen Kontexten dicht beschrieben werden.



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Metropolität in der Vormoderne

DFG-GRK 2337

Sprecher

Prof. Dr. Jörg Oberste

St-grk 2337
Wissenschaftl. Koordination

Kathrin Pindl M.A.

Kontakt

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Homepage

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