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Die Frühgeschichte der Agrikulturchemie (1760-1840).

Wie der Ackerboden zu einem chemischen Laboratorium wurde

Promotionsprojekt von Christopher Halm


“The soil is the laboratory in which the food [of the plants] is prepared.” (Humphry Davy, 1813)


Die Agrikulturchemie ist eine angewandte Wissenschaft, die ihre Anfänge bereits zu Mitte des 18. Jahrhunderts hatte. Frühe Schwerpunkte agrarchemischer Forschung waren die Pflanzenernährung, die Bodenzusammensetzung und der Einsatz von Düngemittel. Oberstes Ziel dabei war stets die Ertragssteigerung.
Anlass dazu, dass Chemiker überhaupt das Wissensfeld des Ackers betraten, bot der Umstand, dass viele traditionelle landwirtschaftliche Erfahrungen, aber auch neue Lehren einzelner Agrarreformer sich häufig nur bezogen auf einen sehr kleinen Raum als gültig erwiesen haben. Da jedoch wirtschaftlicher Wohlstand, eine stabile Bevölkerungszahl und damit die militärische Macht eines Staates im hohen Ausmaß am Gedeihen vieler verschiedener Ackerflächen eines Landes hingen, wurde dieser Zustand zunehmend als Problem wahrgenommen. An die Chemiker wurde daher die hoffnungsvolle Aufgabe herangetragen, eine möglichst allgemeingültige Lehre oder sogar eine valide Theorie zur Bearbeitung des Ackers zu entwickeln.
Nicht selten standen sich Chemiker und Agrarreformer im Anspruch auf Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit diametral gegenüber. Nichtsdestotrotz vollzog sich die Herausbildung einer eigenen Methodologie der Agrikulturchemie als ein allmählicher wie auch heterogener Prozess, bei denen Prinzipien und Methoden der Chemie ebenso wie Lehren, Praktiken und Traditionen aus der Landwirtschaft Berücksichtigung fanden.
Die Forschungsarbeit fragt demnach: Was unternahmen die Chemiker, um dieser Aufgabe gerecht zu werden? Wie haben sie das Triangel »Pflanze, Boden, Dünger« erforscht? Welche Methoden und Theorien haben sie benutzt und entwickelt? Und was taten sie, damit sowohl der Boden als auch ihre eigenen Lehren zuverlässiger wurden? Die Arbeit beschäftigt sich somit wie die Agrikulturchemie selbst mit landwirtschaftlichem Erfahrungswissen, agrarwissenschaftlichem Beobachtungswissen und chemischem Experimentierwissen zugleich.
Die Dissertation stellt die These auf, dass durch das Auftreten und folglich durch das Eingreifen der Chemiker in die Belange der Landwirtschaft das Ackerfeld und der Ackerboden von einem Ort der Arbeit und Natur zu einem Ort des chemischen Experimentierens und somit zu einem chemischen Laboratorium wurde. Als Laboratorien werden dabei all jene Räume verstanden, die von den Zeitgenossen zum einen als solche bezeichnet wurden und in denen zum anderen erkennbar chemische Aktivitäten stattfanden. An den Acker gestellte Ansprüche – primär Kontrollierbarkeit, Beherrschbarkeit, Zuverlässigkeit und Produktivität – sind nicht ohnehin kongruent zu den charakteristischen Merkmalen eines Labors.
Letztlich liefert die Dissertationsschrift neue Perspektiven auf die wechselseitige Beziehung von Labor und Feld, plädiert für die Einführung einer neuen Kategorie, die der »Feldlaboratorien«, und öffnet zudem die Agrikulturchemie für die Umweltgeschichte. Am Ende steht eine Geschichte der Agrikulturchemie Europas und Nordamerikas unter dem Narrativ der Entwicklung des Bodens zu einem Laboratorium.
 


The early history of Agricultural Chemistry (1760-1840): How did farmlands become chemical laboratories?

My project studies the development of Agricultural Chemistry from its beginnings in the mid-18th century to its historical breakthrough in 1840. On the one hand I research what chemistry as a science and chemists as its shareholders could contribute to agricultural studies, and on the other hand how agrarian knowledge traditions, but also how social as well as political expectations have influenced or even predefined Agricultural Chemistry as a science in its own respect. In order to do so, I investigate the contexts of both the practices of those scientists and the contents of their scientific approaches. My purpose is to provide a comprehensive narrative for the history of Agricultural Chemistry to the research question: “How did farmlands become chemical laboratories?”


  1. Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften
  2. Institut für Philosophie