Zu Hauptinhalt springen

Presse

„Ich habe so gelitten, wie ich noch nie unter einem Buch gelitten habe“

Literarisches Quartett der Universität Regensburg trifft sich zum dritten Mal unter dem Motto „Achtung – Literatur!“ zum belletristischen Schlagabtausch


03. Juli 2019 | von Christina Glaser | Fotos von Margit Scheid

Literarisches Quartett-800px-02

Blasse Helden vermochte es nicht, Süßer Ernst noch weniger und auch der Rechtswalzer konnte nicht die ungeteilte Zustimmung erringen – nur die Wassermusikstieß auf die einstimmige Leseempfehlung des Literarischen Quartetts mit Lehrenden und Studierenden der Universität Regensburg. Zum dritten Mal traf sich der Kreis zu einer kritischen Buchvorstellung. Bevor das Urteil feststand, wurde jedes der vier Bücher in der Runde – bestehend aus zwei Juristen, einer Literaturwissenschaftlerin und einer Studentin – vorgestellt, diskutiert und kritisiert.



„Unerträglich narzisstisch“

Literarisches Quartett-800px-04

Prof. Dr. Ursula Regener wies zunächst jeden vermeintlichen Vorteil, den sie als Literaturwissenschaftlerin haben könnte, von sich: „Das Schöne an diesem Abend ist, dass wir nicht professionell lesen, sondern mit Interesse lesen. Das heißt, dass man das ganze Brimborium, das man an Methoden mitbringt, weglässt und sich auf die Geschichten einlässt.“ Besonders eingelassen hatte sich Prof. Regener auf das Werk Blasse Helden von Arthur Isarin. Der Autor führt seine Leser in das Moskau der 1990er Jahre. Hauptfigur ist Anton. Er war früher Handelstreibender in New York und kommt in einer Zeit nach Moskau, in der die Liberalität es Ausländern ermöglicht, Kunst konsumieren und auch unglaubliche Geschäfte machen zu können. Während Prof. Regener das Buch empfahl, hielt Prof. Dr. Tonio Walter es für „unerträglich narzisstisch“. Über die Figur erfahre man, dass sie über eine beträchtliche Schwanzgröße verfüge und jede Frau ins Bett bekomme, die ihm über den Weg laufe. „Beim fünften Mal hatte ich gehofft: Dieses Mal bitte einmal nicht das sexuelle Ende – aber doch. Es muss sein.“ Prof. Dr. Michael Heese hatte Blasse Helden hingegen gerne gelesen, da es ein sehr unterhaltsam und angenehm geschriebenes Buch sei. Einzig, dass viele Dinge in dem Buch verarbeitet seien, die bekannt wären, wie z. B. diese versoffene russische Landbevölkerung, diese Dinge wären fast wie Plattitüden. Hier konnte die Studentin Miriam Schirmer nicht zustimmen. Sie fände es schön, „ein bisschen was über die neuzeitlichere Geschichte von Russland zu erfahren, weil ich da bisher wenig wusste.“ Trotzdem wollte Miriam Schirmer das Buch nicht weiterempfehlen, denn der Charakter wäre zu blass und zeige wenige Interessen oder Meinung „Was mich am Schluss gestört hat“, so die Studentin, „war, dass er dann doch auf einmal zum Idealisten wurde“.



„Respekt vor dieser Wahl“

Literarisches Quartett-800px-05

Miriam Schirmer war es dann auch, die das nächste Buch präsentierte: Süßer Ernst von Alison Louise Kennedy. Bevor sie loslegte, zollte ihr Prof. Regener „Respekt vor dieser Wahl“ und war gespannt, was die Studentin „zur Verteidigung vorzutragen“ hatte. Das Werk, das über 500 Seiten umfasst, spielt an einem einzigen Tag. Es handelt von Jon, der Liebesbriefe im Auftrag alleinstehender Frauen schreibt. Auf diese Weise lernt er Meg kennen. Es entwickelt sich eine Briefromanze und dann passt Meg Jon ab… Miriam Schirmer erklärte, dass sich die Geschichte auf die gesellschaftliche Ebene und die Zerrüttetheit in Großbritannien übertragen lasse. Sie sei sehr vielschichtig. Prof. Heese kritisierte, dass das Buch zum Großteil aus kursivgesetzten inneren Monologen besteht. Erst auf Seite 117 beginne sich langsam ein Handlungsstrang zu entwickeln. „Ich habe so gelitten, wie ich noch nie unter einem Buch gelitten habe“, bekannte Prof. Heese. Diesen Stil könne er nicht ertragen. „Ich würde das Ganze Innentot nennen“, pflichtete Prof. Regener ihm bei. Das Ganze sei so unglaublich langatmig. Prof. Walter fand das Grundkonzept nicht reizlos, aber diese nicht enden wollenden inneren Monologe… „Das fand auch ich so bedingt sexy“, so der Jurist. „Wenn man ein eher zupackender Charakter ist, treibt einen diese innere Monologisiererei so langsam aber sicher wenn nicht in den Wahnsinn so doch zur Verzweiflung“.



„Wenn Sie am Strand nichts anderes mithaben, dann lesen Sie das Buch“

Literarisches Quartett-800px-06

Auch Rechtswalzer von Franzobel, das Prof. Dr. Tonio Walter selbst vorstellte, traf nicht so ganz seinen Geschmack: „Eine von Herzen kommende Leseempfehlung kann ich nicht geben.“ Das Buch hat zwei Handlungsstränge. Zum einen geht es um den Barbesitzer Malte Dinger, der bei einer Fahrkartenkontrolle ohne gültigen Fahrausweis erwischt wird. Daraufhin kommt er durch unglückliche Umstände ins Gefängnis. Zum anderen wird der Witwentröster Branko ermordet. Nun ermittelt Kommissar Groschen. Prof. Walter betonte zwar, dass das Buch sehr witzig geschrieben sei, aber es gebe ein überdeutliches Winken mit dem Zaunpfahl. Studentin Miriam Schirmer konnte den Witzen nicht viel abgewinnen, diese seien das Gegenteil von ihrem Humor. Prof. Regener fand den Roman interessant, denn er zeige das „Eindringen von Willkür in dafür noch nicht vorbereitete Hirne“. Sie glaube, solche Deals seien höchst realistisch. Professor Heese fand das Buch ok, auch wenn kein Spannungsbogen entstehen könne, weil man durch die ganzen Querverweise überhaupt nicht mitkomme. Trotzdem sei es unterhaltsam: „Wenn Sie am Strand nichts anderes mithaben, dann lesen Sie das Buch“.



„Man hat immer ein buntes Bild vor Augen“

Literarisches Quartett-800px-07

Zu guter Letzt stellte Prof. Dr. Michael Heese Wassermusik von Tom Coraghessan Boyle vor. Held des Buches ist der 24-jährige Mungo Park, der sich Ende des 18. Jahrhunderts auf die Suche nach dem Fluss Niger macht. Er trifft auf Ned Rice und gemeinsam begeben sie sich auf eine Expedition. Prof. Hesse zeigte sich hellauf begeistert: „Das Buch hat 572 Seiten und keine Einzige davon ist fad“. Die Geschichte sei komplex und vielschichtig, und werde lebhaft, ironisch, zynisch und meisterhaft erzählt. „Was mir ein bisschen auf den Senkel gegangen ist, war diese Ekel-Ästhetik“, warf Prof. Walter ein. Trotzdem sei das Buch gute Unterhaltung, die zum Ende hin inhaltlich im positiven Sinne immer schwerer geworden wäre und an Oberflächlichkeit verloren hätte. „Man hat immer ein buntes Bild vor Augen“, erklärte Miriam Schirmer und Prof. Regener ergänzte: „Jeden Abend möchte man weiterlesen“.



Die vierte Runde des Literarischen Quartetts mit Lehrenden und Studierenden der Universität Regensburg ist schon in Planung. Sie wird voraussichtlich am 30. Januar 2020 stattfinden. Studierende, die mitmachen wollen, sind herzlich willkommen. Sie können sich bewerben unter achtung.literatur@ur.de

Weitere Informationen finden Sie unter https://www.uni-regensburg.de/rechtswissenschaft/buergerliches-recht/heese/achtung-literatur-/index.html

Kommunikation & Marketing

 

Anschnitt Sommer Ar- 35_