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Die Freiheit, Neues zu kreieren

11. November 2021 | Bild & Text: Tanja Wagensohn

Björk, Of Monsters and Men, Sigur Rós sind nur drei Namen besonderer, international erfolgreicher Künstler:innen aus Island. Wo Musik und Kreativität so fantastische Verbindungen eingehen, muss es lange Traditionen geben, die die Grundlagen dafür schufen. Oder? „Oder auch nicht“, lacht Dr. Kristín Valsdóttir, „denn historisch betrachtet gab es über die Jahrhunderte bei uns fast keine Komponisten oder eine Vielfalt an Instrumenten wie etwa in Mitteleuropa.“ Auf Island dominierte über Jahrhunderte A-cappella-Gesang in hauptsächlich zwei besonderen Liedformen. Dieser „Mangel an Traditionen“ habe Islands Musik auch Freiheit geschenkt – insbesondere die Freiheit, „Neues zu kreieren.“ Beste Voraussetzungen also um die Kreativität ihrer Studierenden zu wecken, denn das ist Kristín Valsdóttir ein großes Anliegen. Bis Dezember wird sie am Lehrstuhl Musikpädagogik und Musikdidaktik von Professor Dr. Magnus Gaul an der Universität Regensburg lehren, unterstützt wird der Aufenthalt durch das Programm des Bayerischen Staatsministeriums für Wissenschaft und Kunst zur Gewinnung von internationalen Gastprofessor:innen. 

Zu den Voraussetzungen für das Entwickeln von Kreativität gehören gelebte Nachhaltigkeit und Respekt vor Menschenrechten und Diversität, dessen ist die Dozentin sicher. Dies seien auch die zentralen Säulen, auf denen das Department of Arts Education an Islands Universität der Künste (LHI) in Reykjavik aufbaue. Die Gründung und Leitung dieser Abteilung, ihre Tätigkeit als Dozentin im Bereich Musik und Tanz – das nennt Kristín Valsdóttir ganz unprätentiös ihren „Traumjob“. Sie liebe es zu unterrichten und setzt auf eine interdiszplinäre Ausbildung angehender Musiklehrer:innen. Dies spiegelt sich auch in den Masterprogrammen der LHI, die Studierenden mit Bachelor-Abschluss verschiedenster Fachrichtungen offenstehen: Darunter sind beispielsweise Komposition, Gesang oder auch Architektur. Expertise und Input erhalten die Studierenden auch „von außen“: Kristín Valsdóttir engagiert sich dafür, mehr Künstler:innen im akademischen Umfeld zu etablieren, „um voneinander zu lernen“. 

Die coronabedingten Online-Semester, in denen sich die Praxis szenischer Gestaltung und jeglichen körperlichen Ausdrucks nur über den Bildschirm transportieren ließ, ist gerade in einem Bereich wie Musik und Tanz ein herausforderndes Unterfangen. Dass aktuell wieder Präsenzlehre möglich ist, freut die Dozentin sehr. Mit Augenzwinkern stellt sie fest, dass die UR-Studierenden irgendwie höflicher seien als ihre Studierenden in Island, wo man weniger formal und das Duzen eine sprachliche Selbstverständlichkeit ist. Kristín Valsdóttir unterrichtet auch in Regensburg zu Musik und Tanz in der Pädagogik, die Freude daran ist ihr in jedem Satz anzumerken. „I believe music is part of being human“, sagt sie strahlend. 

Ansatz der Gastprofessorin ist das Embodied Critical Thinking. Dieses Denken will Wissen als mehr verstanden haben als „nur“ als konzeptionelles Denken und logische Argumente. Dahinter steht die Überzeugung, dass Konzept und Praxis kritischen Denkens neuere Theorien und Diskussionen aufnehmen muss, etwa über die dazugehörigen komplexen Hintergründe, die durch Erleben, Fühlen, Erfahrungen entstehen. Zwei Jahre studierte die Musikpädagogin in Salzburg am Department für Elementare Musik- und Tanzpädagogik – Orff-Institut an der Universität Mozarteum, hat sich auch dort mit der Thematik auseinandergesetzt. In Salzburg kreuzten sich auch ihre Wege mit ihrem Regensburger Kollegen Magnus Gaul, der Kristín Valsdóttir im vergangenen Wintersemester als Rednerin zu seiner Ringvorlesung „Musik und Zeitmanagement im digitalen Zeitalter“ einlud. Ziel der Ringvorlesung war, dazu beizutragen, den Umgang mit der Zeit konkreter zu analysieren, um – musikbezogen und interdisziplinär – Wege aufzuzeigen, wie mit der so wichtigen Ressource Zeit bewusst umgegangen werden kann. Die Beiträge der Ringvorlesung werden demnächst in Band 4 der Regensburger Schriften zur musikpädagogischen Forschung und Entwicklung erscheinen. Die Zusammenarbeit hat sich bestens etabliert, weitere Forschungsbeiträge mit internationalen Kolleg:innen sind in Arbeit.

Der Ausgleich zur Arbeit am Schreibtisch ist für Kristín Valsdóttir Radfahren – in Regensburg „fantastisch, denn hier gibt es keinen Wind“. In Island ist das ein wenig anders – Wind und Regen gibt es praktisch immer, und dann ist für alle Isländer:innen das Baden in den natürlichen heißen Quellen, die überall auf der Insel Bäder und Pools speisen, ein absolutes Muss. Auch für Kristín Valsdóttir. Jeden Morgen geht sie zu Hause in Reykjavik ins Schwimmbad. Der Aufenthalt dort endet traditionell in den geothermisch gespeisten Hot-Tubs, die es in unterschiedlichsten Variationen und Temperaturen gibt. Dieser besondere Frühsport sei eigentlich alles, was ihr hier fehle, sagt Kristín Valsdóttir lachend. Wir empfehlen die nächste Radtour in den Regensburger Westen. Keine isländischen Geysire. Und kein Wind, kein Regen.



Weitere Informationen

https://www.uni-regensburg.de/philosophie-kunst-geschichte-gesellschaft/musikpaedagogik/mitarbeiter/dr-kristin-valsdottir/index.html

https://www.lhi.is/en

https://www.uni-regensburg.de/musik/konzerte/index.html?tx_news_pi1%5Baction%5D=detail&tx_news_pi1%5Bcontroller%5D=News&tx_news_pi1%5Bnews%5D=15133&cHash=2ff5afabcbc0609cbacfb39cfdbb7a3e


Informationen/Kontakt

Prof. Dr. Magnus Gaul

Lehrstuhl für Musikpädagogik und Musikdidaktik

Universität Regensburg

Telefon +49 941 943-4844

magnus.gaul@ur.de

Kommunikation & Marketing

 

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