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Presse

Licht an!

VolkswagenStiftung-Freigeist-Fellowship zu queeren Literaturen und Kulturen im Sozialismus für Dr. Tatiana Klepikova


12. Mai 2022

Queere Kulturen in Osteuropa? Dazu ist vielen wenig bekannt. Den Grund dafür sieht die Slavistin Dr. Tatiana Klepikova darin, dass öffentliche und private Darstellungen des LGBTQ+-Selbst noch immer kriminalisiert und oft als krankhaft bewertet werden: Lesbische, schwule, bi- oder transsexuelle Personen erleben häufig Gewalt und werden diskriminiert. In den letzten zehn Jahren hat sich für diese Menschen nicht zuletzt im östlichen Europa vieles dramatisch verschlechtert: Gesetze und Initiativen gegen LGBTQ+-Personen wurden initiiert, als „Schutz vor nicht-traditionellen Werten“ innenpolitisch gerechtfertigt. Tatiana Klepikova will mit Ihrem Projekt Licht an! Queere Literaturen und Kulturen im Sozialismus dazu beitragen, im östlichen Europa mit dem politischen Mythos der „Fremdheit“ von Queerness in der Region aufzuräumen.

Universitätspräsident Professor Dr. Udo Hebel freut die Entscheidung der Early Career Forscherin, ihr Freigeist-Fellowship der VW-Stiftung an der Universität Regensburg anzusiedeln: „Tatiana Klepikova setzt den Programmlinien der Stiftung folgend an einer Fragestellung an, die außergewöhnliche Wissenschaft zwischen etablierten Forschungsfeldern betreibt. Wir freuen uns auf einen fruchtbaren und intensiven Austausch mit den Forscher:innen unserer Area Studies.“

Freigeist-Fellow Tatiana Klepikova vor dem Mural „LGBTQ History and Community” von Christiano De Araujo am 519 Community Center in Toronto, Kanada. Screenshot aus dem Projektüberblick auf YouTube (in English). © Tatiana Klepikova

Queere Literatur im Sozialismus

Licht an! blickt auf unbekannte queere Literatur, die unter kommunistischer Herrschaft im Privaten verfasst und offiziell nie veröffentlicht wurde. Tatiana Klepikova und ihr Team wollen queere Dramatik, Prosa und Poesie in vier sozialistischen Kontexten – in Russland, in der Ukraine, in Polen und in der DDR – aufdecken und analysieren. Mit ihren unterschiedlichen rechtlichen und sozialen Modellen des Sozialismus und der Regulierung des queeren Lebens bilden diese Kontexte für die Forscherin den Ausgangspunkt für die literarische Analyse der Darstellung der Queerness.

„Mein Projekt wächst aus dem unter anderem geringen literarischen Wissen über queere Produktion in den ehemaligen sozialistischen Ländern Osteuropas und insbesondere von ihrem alarmierenden Missbrauch durch rechtspopulistische Bewegungen in der Region in jüngster Vergangenheit“, sagt Dr. Tatiana Klepikova. Für sie sind die Fördermittel der VW-Stiftung in Höhe von über 1,4 Millionen Euro in den kommenden fünf Jahren eine Möglichkeit, eine Forschungsgruppe zum Thema aufzubauen und zu leiten, die sich international mit queeren Kulturen auseinandersetzt. Die Gruppe interessiert sich dafür, wie und durch welche sprachlichen Mittel Queerness in literarischen Texten dargestellt wurde, wie diese Texte verbreitet wurden, in welchen Kontexten sie vorkamen und welche Grenzen sie überschreiten mussten, um die Leser:innen zu erreichen.

Außerdem fragen die Early Career Researcher danach, wie solche literarischen Werke in sozialistischen Kontexten überwacht und zensiert wurden. Um dies zu leisten, werden literaturwissenschaftliche Zugänge in diesem interdisziplinären Projekt mit Methoden der Zeitgeschichte, Ethnographie, sowie der Kultur- und Geschlechterforschung erweitert. „Das Projekt will das Wissen über sozialistische queere Literatur, die im Vergleich zum LGBTQ+-Erbe des frühen 20. Jahrhunderts und der Gegenwart am wenigsten erforscht wurde, erheblich erweitern“, resümiert Tatiana Klepikova: „Dabei wird das Projekt ein besseres Verständnis der Rolle und Poetik von Geschlecht und Sexualität in europäischen Kulturen fördern und zur Diversifizierung des Kulturkanons beitragen.“

Bundesweit einzigartiges Projekt

Für Professorin Dr. Ursula Regener, UR-Vizepräsidentin für Internationalisierung und Diversity, ist Licht an! ein wichtiges Projekt zur richtigen Zeit: „Wir dürfen nicht zulassen, dass Populismus und Diskriminierungen in Europa erneut unsere Vielfalt und unsere Freiheit attackieren. Das historische Wissen um die Präsenz und auch die Zensur queerer Themen systematisch zu erweitern wird dazu beitragen, unser Verständnis von ,Normalität‘ auf der Basis wissenschaftlicher Erkenntnisse zu revidieren.“

Licht an! Queere Literaturen und Kulturen im Sozialismus dockt an der Universität Regensburg am Institut für Slavistik am Lehrstuhl von Professorin Dr. Mirja Lecke an, die Tatiana Klepikovas Projekt als „bundesweit einzigartig für unsere Forschungsregion“ beschreibt: „Für unsere Forschung ist der Blick über Nationalkulturen hinaus und die Erforschung transkultureller Prozesse insgesamt sehr wichtig, genau das leistet das Projekt. Ich freue mich sehr auf die Diskussionen mit der Arbeitsgruppe von Frau Dr. Klepikova. Unsere Studierenden werden sicherlich ebenfalls vom anregenden Forschungsumfeld profitieren.“

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