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Presse

Die Macht digitaler Plattformen

CORE und Harrambee City - Masterclass zu Digital Humanities mit Professorin Dr. Nishani Frazier auf Einladung von REAF, CITAS und LWC


21. Juli 2022

Wie lassen sich papierbasierte Forschungsergebnisse mit digitalen Formaten kombinieren? Worauf kommt es in den digitalen Geisteswissenschaften an? Wo lauern Fallstricke? Darüber, wie sie ihre Forschungsergebnisse vermittelt und dabei besonders erfolgreich Print- und Online-Projekte kombiniert, sprach Professorin Nishani Frazier von der University of Kansas unlängst im Format einer Masterclass mit dem Titel „Digital Humanities in the Modern World: Praxis, Ethics, Aesthetics“ an der Universität Regensburg. Ein Schlüsselelement für die Herangehensweise der Historikerin ist ein offener Zugang zum Forschungsmaterial, der interaktive Konversation und Projektbeteiligung eröffnet. Dem liegt die Überzeugung zugrunde, dass daraus auch Partizipation und Machtteilung resultieren.

Zum Format der Meisterklasse eingeladen hatten das Center for International and Transnational Area Studies (CITAS), das Regensburg European American Forum (REAF) und der Leibniz-WissenschaftsCampus „Europa und Amerika in der modernen Welt“. Im Kreis internationaler Early Career Researchers erzählte Nishani Frazier in einem bewusst informell gehaltenen Austausch aus ihrer persönlichen Familiengeschichte und reflektierte humorvoll und leidenschaftlich darüber, wie sich „herkömmliche“ und „digitale“ Geisteswissenschaften kombinieren lassen und damit einen intensiven und vielfältigen Beitrag zum gesellschaftlichen Diskurs unterschiedlicher Themen leisten können. (Foto: Tamara Heger/UR)

Die Öffentlichkeit einbinden

Forschungsgegenstand von Nishani Fraziers Projekt ist der Congress of Racial Equality (CORE), eine 1942 in Cleveland, Ohio, von Gegner:innen der Rassentrennung gegründete Bürgerrechtsorganisation. Die 2017 erschienene Monographie der Wissenschaftlerin beleuchtet unter dem Titel „Harambee City: The Congress of Racial Equality in Cleveland, Ohio and the Rise of Black Power Populism“ Historie und Entwicklung von CORE. Über die Webseite https://harambeecity.lib.miamioh.edu/ wird CORE in einem digitalen Archiv und über vielfältige Materialien sichtbar, greifbar, hörbar: Die Historikerin stellt Interviews und Original-Dokumente zur Verfügung, bietet interaktives Kartenmaterial an oder bindet weiterführende Podcasts ein. Es gibt Erklärungsvideos zum „Second Income Plan“ oder Jazz-Stücke, die CORE-Aktivist:innen für ihr Fundraising nutzten. Studierende, Wissenschaftler:innen, Lehrkräfte, aber auch die interessierte Öffentlichkeit und Communities können die Materialien nutzen und sich damit auch weiterbilden. Dies können sie ergänzend zum Buch tun, aber auch unabhängig davon. Denn die digitalen Geisteswissenschaften wollen nicht zuletzt ein breites Publikum, auch außerhalb der akademischen Welt, erreichen.

Aufnahme eines CORE Protests im Jahr 1964. Source: Cleveland State University. Creator unknown, “School Board of Education CORE PROTESTS,” HARAMBEE CITY, accessed July 21, 2022, https://harambeecity.lib.miamioh.edu/items/show/85.


Während ihr Buch also die Geschichte des Congress of Racial Equality (CORE) von den Anfängen bis in die 1970er Jahre zusammenfasst, will Nishani Fraziers Website das Verständnis der Öffentlichkeit für CORE, für Black Power, für Community-Organisation und nicht zuletzt die wirtschaftliche Entwicklung sowie das Verhältnis der Regierung zu den Communities umfassend erweitern. „Ein Buch ist von Natur aus ein starrer Raum, in dem das einmal Geschriebene praktisch unverändert bleibt. Die Website bildet ein Gegengewicht, eine ständige und langfristige Möglichkeit, die Geschichte von CORE zu erzählen,“ sagt Nishani Frazier.  Sie sei Gesprächsraum für neue Erinnerungen, Gegenargumente oder Korrekturen, welche die Geschichte von CORE damit auch ständig weiterentwickeln.

Offener Zugang und Interaktion

„Die Methoden der African American Studies, der Public History und der Oral History spielten eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung dieser relativ unbekannten Periode in der Geschichte von CORE“, sagt Nishani Frazier. Ein Schlüsselelement für diese Herangehensweise ist ein offener Zugang zum Forschungsmaterial, „während und nach der historischen Produktion“: Die Möglichkeit öffentlicher Betrachtung der Erkenntnisse, interaktive Konversation und nicht zuletzt Projektbeteiligung eröffnen Partizipation und Machtteilung – davon ist Frazier überzeugt. So sind Kommentare auf der Website möglich, die Materialien sind auf Schulungszwecke zugeschnitten.. „Die Black Studies wollen aufklären, befähigen, verändern“, sagt Nishani Frazier, die digitale Geisteswissenschaften auch als Möglichkeit sieht, dem Verstummen gefährdeter Gemeinschaften vorzubeugen.

Communities schützen

Neben dem Balancieren inhaltlicher Momente gibt Nishani Frazier im Rahmen der Masterclass konkrete Ratschläge, nicht nur zu Urheberrecht und Eigentumsfragen. Die Möglichkeit, beispielsweise Bilder zu kommentieren oder Ideen mitzuteilen, muss moderiert werden: Wer geisteswissenschaftlich digital unterwegs ist, muss sich mit Kommentaren auseinandersetzen, braucht vernünftige Werkzeuge, Tools, die denen, die hinter der Plattform stehen und sie befüllen auch das Löschen, Genehmigen, Kennzeichnen erlauben. Zugleich gilt es aber auch abzuwägen, wie und in welcher Form die Wissenschaftlerin als Moderatorin eingreift oder eingreifen darf/will/kann.

Auch und vor allem aber müssen Personen und Communities geschützt und respektiert werden. „Überlegen Sie genau, was Sie veröffentlichen, welche Wirkung ein Bild hat, welche Äußerung in einem Interview politische Implikaitonen hat“, empfiehlt Nishani Frazier eindringlich: „The people and the story define the platform and its access.” Nicht für alle Projekte sei ein digitaler Zugang möglich, „beispielsweise, wenn Sie zu Amisch forschen“. Manchen Communities könnten bestimmte digitale Veröffentlichungen schaden: „Arbeiten Sie zu LGBTQ? Forschen Sie zu Frauenrechten? Nicht alles, was Sie auf Projekt-Webseiten publizieren könnten, ist zur Veröffentlichung auch geeignet. Seien Sie empathisch, schaden Sie niemandem mit dem, was Sie bereitstellen.“ 

Außerdem fordert Nishani Frazier dazu auf, auch auf die informationstechnologische Infrastruktur zu achten und mit Weitblick zu agieren: „Wo stehen die Server? Wer hat Zugang dazu? Welche Bedeutung können Daten in der Zukunft haben, selbst wenn sich vielleicht jetzt niemand dafür interessiert?“ Deutlich wird: Fraziers Online-Projekt Harambee City will die Nutzenden auch zum kritischen Denken darüber anregen, wann Informationen und digitale Plattformen zu Hebeln der Macht avancieren und wann sie bürgerschaftliches Engagement und Freiheit tatsächlich befördern.

twa.

Informationen/Kontakt

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