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Presse

Aus Feind wird Freund

Einem möglichen Ursprung der Tierbestäubung auf der Spur


10. Oktober 2022

Einem internationalen Forscherteam um Florian Etl und Prof. Dr. Jürg Schönenberger (Universität Wien), Prof. Dr. Stefan Dötterl und Dr. Mario Schubert (Universität Salzburg) sowie Dr. Christian Kaiser und Prof. Dr. Oliver Reiser(Institut für Organische Chemie, Universität Regensburg) ist es erstmals gelungen, eine wichtige Hypothese zur Diversität der Bestäubung durch Tiere zu bestätigen: Pflanzenschädlinge können im Lauf der Evolution zu nützlichen Bestäubern werden.

Botaniker:innen nennen diese Hypothese „antagonist capture“. Dabei „schnappen“ sich die Pflanzen durch evolutive Anpassungen in den Blüten oder Blütenständen einen Schädling und machen ihn zu einem Bestäuber. Diese Theorie ist nun erstmals an einem Aronstabgewächs (Araceae) aus der Gattung Syngonium in Costa Rica bestätigt worden. Die Untersuchungen, die auch ein völlig neues Bestäubungssystem und einen bisher unbekannten Blütenduftstoff ans Licht brachten, wurden im renommierten Fachblatt „Current Biology“ publiziert.

Syngonium hastiferum wird ausschließlich von einer bisher unbekannten tagaktiven Weichwanzenart bestäubt und ist damit die einzige Blütenpflanze, von der diese Art der Bestäubung bekannt ist. Weichwanzen kommen aber auch bei von Käfern bestäubten Aronstabgewächsen als Blütenbesucher vor, allerdings nur als Schädlinge, die Pollen und Blütengewebe fressen, ohne die Pflanzen zu bestäuben. 

Eine mit Pollen von Syngonium hastiferum eingepuderte Weichwanze. © Florian Ertl


Pflanzen passen sich tag- oder nachtaktiven Bestäubern an
Untersuchungen an den Blüten und Blütenständen von Syngonium hastiferum haben gezeigt, dass sich diese in verschiedenen Blütenmerkmalen von nah verwandten und durch Käfer bestäubte Arten unterscheiden. Beispielsweise erwärmen sich die Blütenstände von Syngonium hastiferum durch einen als Thermogenese bezeichneten Prozess in den frühen Morgenstunden und geben parallel dazu einen starken Blütenduft ab, wodurch die bestäubenden Weichwanzen tagsüber angelockt werden. Bei den käferbestäubten Arten erfolgen diese Prozesse am Abend und in der Nacht. Darüber hinaus fehlen bei Syngonium hastiferum die sonst üblichen Futterkörper für Käfer und auch die Oberfläche der Pollenkörner hat sich von glatt und klebrig zu stachelig verändert, was das Anhaften des Pollens an den Weichwanzen erst ermöglicht.

Bestäubende Weichwanzen auf weiblichen Blüten von Syngonium. © Florian Ertl


Analyse und synthetische Herstellung von Blütenduft
Markante Veränderungen gab es auch bei der Zusammensetzung des Blütenduftes, der für die Anlockung der Wanzen ausschlaggebend ist. Während Blütenstände von Syngonium hastiferum zwar ähnlich intensiv duften wie jene von käferbestäubten Vertretern, ist ihr Duft aus anderen chemischen Substanzen zusammengesetzt. Als Hauptbestandteil des Duftes von Syngonium hastiferum haben die Forschenden eine bisher unbekannte Substanz entdeckt. Mittels Kernspinresonanzspektroskopie konnte die Struktur der unbekannten Verbindung entschlüsselt werden und so war der Weg für einen weiteren wichtigen Schritt geebnet: die synthetische Herstellung des neuen Naturstoffes, um damit die Lockwirkung des Stoffes auf die Wanzen testen zu können. In Costa Rica hat dieses Syntheseprodukt genauso viele bestäubende Wanzen angelockt wie die Blütenstände der Pflanze. „Wir konnten zeigen, dass alleine diese Substanz für die Anlockung der Wanzen verantwortlich ist“, so Florian Etl. Da die Untersuchungen in Costa Rica zur Bestäubung von Syngonium hastiferum im so genannten Regenwald der Österreicher an der Tropenstation La Gamba der Universität Wien durchgeführt wurden, wurde die neu beschriebene Substanz zu Ehren der Forschungsstation auf den Namen „Gambanol“ getauft. 

Syngonium Infloreszenz mit Substanz: Blütenstand von Syngonium hastiferum mit den bestäubenden Weichwanzen, angelockt durch den bisher unbekannten Blütenduftstoff Gambanol, benannt nach der Tropenstation La Gamba in Costa Rica, wo das neue Bestäubungssystem entdeckt wurde. © Florian Ertl


Die Studie eröffnet einen neuen Blickwinkel auf die Evolution der Blütenpflanzen und der spektakulären Vielfalt ihrer Blüten und ihrer Bestäuber, indem sie erstmals den Beweis dafür erbringt, dass Blütenparasiten durch Veränderungen in den Blüten zu effizienten Bestäubern werden können. Ob ähnliche Veränderungen auch in anderen Entwicklungslinien der Blütenpflanzen vorgekommen sind, werden künftige Untersuchungen zeigen müssen.


Originalpublikation: 
Evidence for the recruitment of florivorous plants bugs as pollinators: Florian Etl, Christian Kaiser, Oliver Reiser, Mario Schubert, Stefan Dötterl, Jürg Schönenberger
Current Biology 2022; DOI: 10.1016/j.cub.2022.09.013

https://doi.org/10.1016/j.cub.2022.09.013


Informationen/Kontakt

Prof. Dr. Oliver Reiser
Institut für Organische Chemie
Universität Regensburg
E-Mail: oliver.reiser@ur.de
Tel.: +49-(0)941-943-4631
http://www-oc.chemie.uni-regensburg.de/reiser/index_e.html
 

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