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Lager und Kultur: kein Paradox!

Präsentation der ersten beiden Bände der Edition „Kulturgeschichtliche Forschungen zu Gefangenschaft und Internierung im Ersten Weltkrieg“, Hrsg. Bernhard Lübbers und Isabella von Treskow


11. November 2019 | von Christina Glaser

Wer nach Regensburg fährt, stellt sein Auto vielleicht am Unteren Wöhrd an der Nibelungenbrücke ab. Allem Anschein nach ist der Parkplatz nichts Besonderes. Doch wer einen Blick in die Vergangenheit dieses Ortes wirft, wird überrascht sein: Während des Ersten Weltkrieges war dies ein Ort des kulturellen Treibens – und das, obwohl oder andersherum, weil sich dort ein Kriegsgefangenenlager befand und die Insassen schwere Zeiten durchmachten. Vor allem französische Soldaten waren hier zwischen 1914 und 1919 interniert. Sie spielten Theater, machten Musik, sie dichteten, zeichneten und malten Gemälde – und veröffentlichten eine Lagerzeitung. Spirituelles Leben zählte ebenso dazu, auch Sport. Die Reihe Kulturgeschichtliche Forschungen zu Gefangenschaft und Internierung im Ersten Weltkrieg nimmt Kriegsgefangenschaft als problematische Zwangssituation in Regensburg sowie in Internierungslagern in Europa und darüber hinaus genauer in den Blick. Herausgeber sind die Regensburger Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Isabella von Treskow und der Direktor der Staatlichen Bibliothek Regensburg, Dr. Bernhard Lübbers. Sie haben nun die ersten beiden Bände vorgestellt. Es sei „Glokalisierung“, was hier erreicht werden sollte, erklärte Dr. Bernhard Lübbers in seiner Begrüßung, es sei nämlich das globale Phänomen der Kriegsgefangenschaft eingebettet im lokalen Kontext, das in den ersten beiden Bänden im Fokus stehe.


Das Lager am Unteren Wöhrd war nicht vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Tatsächlich drang daraus so manches in die Außenwelt – so zum Beispiel das Lagergeld und die Lagerzeitung Le Pour et le Contre, der der erste Band der neuen Edition gewidmet ist. Diese Zeitung richtete sich nicht nur an die Lagerinsassen, wie Prof. Dr. Isabella von Treskow berichtete, sondern auch an deren Angehörige und an die Regierung von Frankreich. „Die Zeitung hatte das Ziel, die Stimmung zu heben, den Gemeinschaftsgeist und den Glauben zu stärken“, erklärt sie. Ins Deutsche übersetzt hat Le Pour et le Contre Dr. Manfred L. Weichmann. Er brachte dem Publikum die Schwierigkeiten bei der Übersetzung nahe. Unter anderem hätten es der Soldatenjargon und die verschiedenen Schreibstile nicht leichter gemacht. Dennoch habe er versucht, den Ton der unterschiedlichen Stile mit ihrer Eloquenz und ihrem Witz in unsere Sprache und Zeit zu transportieren, ohne den historischen Touch zu vernachlässigen. Dr. Bernhard Lübbers stellte den zweiten Band Kriegsgefangenschaft 1914 – 1919 näher vor. Hier wird die Perspektive über den lokalgeschichtlichen Ansatz hinaus erheblich erweitert und werden interdisziplinär kulturwissenschaftliche Ansätze integriert. Der Band vereint 14 Fallstudien von Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Kanada und Russland. So analysiert z. B. Prof. Dr. Susanne Fontaine Le Pour et le Contre als Quelle für musikwissenschaftliche Forschungen. Eine weitere Studie stammt von Dr. Georg Köglmeier, Historiker, der die Geschichte Regensburgs während des ersten Weltkriegs als die äußeren Rahmenbedingungen des Lagers skizziert und zeigt, wie es eine „Stimmungsmache“ gegen die Franzosen gab, die in der hiesigen Lokalzeitung ausgetragen wurde. Dr. Bernhard Lübbers steuert eine Betrachtung zu Lagerbibliotheken und der Rolle des Lesens bei. Prof. Dr. Oxana Nagornaja informiert über die Bedeutung unhinterfragter Vorurteile für das Verhältnis zwischen gefangenen Offizieren.


Beide Bände sind Frucht der Forschungskooperation Mitten im Krieg zwischen der Universität Regensburg, Lehrstuhl für Französische und Italienische Literaturwissenschaft, und der Staatlichen Bibliothek Regensburg, unterstützt von der Stadt Regensburg und der Universität Regensburg.


Le Pour et le Contre
(ISBN 978-3-7917-3079-0) und Kriegsgefangenschaft 1914 – 1919 (ISBN 978-3-7917-3080-6) sind die ersten beiden Bände der fünfbändigen Edition Kulturgeschichtliche Forschungen zu Gefangenschaft und Internierung im Ersten Weltkrieg. Sie sind im Verlag Friedrich Pustet erschienen. Band 1 ist für 24,95 Euro und Band 2 für 39,95 Euro erhältlich.


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