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„Ich möchte in keiner anderen Zeit leben!“

Theo Waigel im Gespräch mit Studierenden, Gästen und Prof. Dr. Stephan Bierling an der Universität Regensburg


27. November 2019

Bereits zum dritten Mal ist Dr. Theo Waigel der Einladung von Prof. Dr. Stephan Bierling, Professur für internationale Politik und transatlantische Beziehungen, an die Universität Regensburg gefolgt. Der ehemalige Finanzminister sprach im vollbesetzten H 24 mit Prof. Dr. Bierling, Studierenden und Gästen über sein Leben, seine Karriere und politische Philosophie. Veranstaltet vom Regensburg European American Forum (REAF) drehte sich der Abend um das Thema „Deutschland in einer komplexen Welt“.

Im April dieses Jahres wurde Theo Waigel 80 Jahre alt, im selben Monat erschien auch seine Autobiographie Ehrlichkeit ist eine Währung. Erinnerungen. Als Einstieg skizzierte Waigel zunächst, wie er aufwuchs, zur Politik kam und Finanzminister wurde. Er wurde 1939 in Oberrohr bei Krumbach im bayerischen Schwaben geboren und ist dort aufgewachsen. Obwohl er aus keinem klassischen CSU-Haushalt kam, überzeugten ihn die Reden von Franz Josef Strauß. Er wurde Mitglied – später Bezirks- und Landesvorsitzender – der Jungen Union, denn er wollte nicht nur den Altvorderen die Politik überlassen, sondern selbst „ein bisschen mitmischen“, erklärte Waigel. Nach einem rasanten politischen Aufstieg, kam Ende der 1980er Jahre der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl auf ihn zu, mit der Bitte den Posten des Bundesfinanzministers zu übernehmen. Zu dieser Zeit war die Bundesregierung in einer schwierigen Phase: Es gab Putschversuche gegen Kohl und die nächste Wahl galt als verloren. Fast alle rieten Waigel ab, das Amt anzunehmen. Der Politiker ging das Risiko jedoch ein und wurde am 21. April 1989 vereidigt. Was ihm damals noch nicht bewusst war: Große Veränderungen standen in der Welt bevor und es folgte, wie Waigel es nannte, „das wohl bewegendste Jahrzehnt im vergangenen Jahrhundert“.

In den darauffolgenden zehn Jahren wurde der Politiker der Bundesfinanzminister mit der längsten Amtszeit in der deutschen Geschichte und brachte zwei Währungsreformen mit auf den Weg. Aber wie hat der ehemalige Finanzminister den Beginn seiner Amtszeit erlebt? Denn von der Vereidigung bis zur Wiedervereinigung gab es für Waigel fast keine Anlaufzeit: Nur ein halbes Jahr nach seinem Amtsantritt, im November 1989, fiel die Mauer. Waigel erklärte, dass es bereits vor dem Mauerfall Überlegungen für ein wiedervereinigtes Deutschland gab. Essentiell für eine gemeinsame Zukunft waren Eigentum, Wettbewerb, Tarifhoheit und eine andere Geldpolitik. Bereits acht Monate später, zum 1. Juli 1990, trat die Währungsunion in Kraft, bei der die D-Mark die Ostmark in der DDR ablöste. Als Bedingung wurde in ganz Deutschland die soziale Marktwirtschaft eingeführt. Löhne und Gehälter im Verhältnis 1:1 von Ostmark in D-Mark zu wechseln, war für den Politiker die einzig richtige Entscheidung. So konnte die drohende Zahlungsunfähigkeit der DDR sowie die Übersiedlerströme aus dem Osten in den Westen gestoppt werden und den Menschen wurde eine Perspektive gegeben. Für Waigel erwiesen sich die Entscheidungen von damals als richtig, denn auch wenn die Wiedervereinigung über die letzten 30 Jahre viel Geld gekostet hätte, so stehe Deutschland wirtschaftlich besser da, als viele der europäischen Nachbarn.

Waigel betonte, dass damals schnell gehandelt werden musste, denn mit einem Nachfolger Gorbatschows, dem damaligen sowjetischen Staatspräsidenten, wären die Verhandlungen gescheitert. Im folgenden Einigungsprozess zur Wiedervereinigung machte Helmut Kohl in Verhandlungen mit der Sowjetunion klar, dass er auf freie Bündniswahl für ein wiedervereinigtes Deutschland bestehe und, dass Deutschland als Partner die NATO wählen würde. Trotzdem wurde sich im September 1990 nach vielen Gesprächen geeinigt und der Zwei-plus-Vier-Vertrag zwischen der BRD und der DDR einerseits und Frankreich, der Sowjetunion, Großbritannien und den USA auf der anderen Seite unterzeichnet. Der Weg für die deutsche Wiedervereinigung war geebnet. Für Waigel waren die Einigung und die Verhandlungen alles andere als „eine gemähte Wiese“, „es war alles sehr kompliziert.“

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Die zweite Währungsunion in der Amtszeit Waigels folgte mit der Einführung des Euros. Bereits 1988 wurde in Hannover beschlossen, eine Kommission mit allen europäischen Notenbanken einzurichten, um ein gemeinsames System zu diskutieren, erinnerte sich der ehemalige Minister. Als „geniale Tat“ Kohls bezeichnete Waigel, dass auch im Zuge der Wiedervereinigung, der europäische Weg fortgesetzt wurde, um so den Nachbarländern die Furcht vor einem geeinten – und somit vergrößerten – Deutschland zu nehmen. Kritik an der Einführung des Euros wies er zurück und verteidigte die Rettungsschirme für Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Zypern. Für ihn war das die richtige Aktion, um Europa zusammenzuhalten. Vier der fünf genannten Länder hätten ihr Programm mustergültig durchgesetzt und würden ihre Schulden zurückzahlen, so Waigel, und auch Griechenland, das fünfte Land, sei auf dem richtigen Weg. Er betonte, dass bis heute diese Rettungsaktionen den deutschen Steuerzahler keinen Cent gekostet hätte.

Nach dem spannenden und informativen Gespräch und Fragen aus dem Publikum, fragte Prof. Dr. Bierling zum Abschluss, wie der ehemalige Finanzminister die heutige Zeit mit seinen 80 Jahren Lebenserfahrung einschätze. Theo Waigel erklärte, auch wenn er die Probleme der Gegenwart sehe, seien sie – obwohl schwierig – seiner Meinung nach lösbar. Und bekräftigte, dass er sich weder die Zeit vor 30 bis 40 Jahren, noch die 1950er mit ihrer Pädagogik der Angst zurückwünsche. Im Gegenteil: „Ich möchte in keiner anderen Zeit leben!“

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