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Geprägt durch organisierte Verantwortungslosigkeit

30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs berichten Zeitzeugen über ihre Erlebnisse in der DDR, ihre Flucht und was die Wende in ihnen ausgelöst hat


5. Dezemer 2019 | von Christina Glaser

Eiserner Vorhang – dieser Begriff sei heute vielen, jüngeren Menschen kaum mehr ein Begriff, meint Beatrix Kordik-Müller. Sie ist eine von vier Zeitzeugen, die über ihre Jugend im Ostblock bei der Veranstaltung „Fluchtversuche am Eisernen Vorhang“ des Ost-West-Zentrums Europaeum der Universität Regensburg berichten. Vor über 30 Jahren war der Eiserne Vorhang jedoch bittere Realität. In Europa herrschte ein kalter Krieg und teilte Europa – und insbesondere ein Land: Deutschland. Wie das Leben in der ehemaligen Demokratischen Deutschen Republik (DDR) bzw. in der Tschechoslowakei war und was sie zur Flucht bewog (oder auch nicht) erzählten Andreas Loos, Rena Dumont, Wieland Elle und Beatrix Kordik-Müller am Montagabend im Turmtheater in Regensburg.

„Ich war ein typisches DDR-Kind“, erzählt Andreas Loos. Sein Weg sei im Großen und Ganzen vorgegeben gewesen. Zunächst sei er eingeschult worden, dann konnte er auf die erweiterte Oberschule gehen und sein Abitur machen. Aus der DDR geflohen ist er nicht – trotz eines beklemmenden Gefühls: „Man hatte den Eindruck, dass man ständig überwacht wurde, weil man Verwandte im Westen hatte“. Auch der Werdegang von Wieland Elle wäre in der DDR festgelegt gewesen. Das sei ihm bei den Musterungsgesprächen klar geworden. Dort wurde im gesagt, dass er „der Deutschen Demokratischen Republik sein Dankeschön erweisen kann, indem er sich 20 oder 25 Jahre zur Armee verpflichtet und dann, da er in Mathe und Physik recht gut ist, doch bitte Physik studieren soll“. Damals war Wieland Elle 17 Jahre alt. Er habe sich überfordert gefühlt mit dem Druck von außen. Zunächst stellte er einen Ausreiseantrag, worauf ihm und seiner Familie mit Repressalien gedroht wurde. Irgendwann wurde dann der Ausreiseantrag genehmigt, weil sich die Familie über ein Haus freikaufen konnte. Irgendwann nach der Wende ging Wieland Elle wieder zurück nach Gera: „Nach dem Mauerfall war ein Heimatgefühl wieder möglich“.

Rena Dumont wuchs in der ehemaligen Tschechoslowakei auf und wollte Schauspielerin werden. Mit 15 machte sie die Begabungsprüfung in Brünn, bestand die praktische Prüfung und hatte bei der schriftlichen Prüfung ein gutes Gefühl. Trotzdem erhielt sie die Nachricht, sie hätte die Prüfung nicht geschafft. Sie fuhr mit ihrer Mutter erneut nach Brünn, traf dort eine Schauspielerin, die meinte: „Du glaubst, dass du einfach so auf die Schule kommst? Hier gibt’s Leute, die schenken ein Schwein. Mein Gott, bist du naiv. Süß.“ Als sie beim zweiten Versuch ein Stück von Tennessee Williams vorspielte – von einem Autor also, der aus dem ‚falschen‘ Land stammte – schickte man sie heim. „In diesem Moment habe ich gewusst, sollte ich jemals irgendeine Chance kriegen, aus diesem Scheiß-Land rauszugehen, dann tu ich’s“. Die Chance kam etwa ein Jahr später, als Rena Dumont und ihre Mutter ein zehntägiges Visum bekamen. Sie fuhren mit ihrem Auto, das einen alten Nylon-Strumpf als Keilriemen hatte, an die Grenze – und durften nicht durch. Denn sie waren zwölf Stundenvor Beginn des Visums am Grenzübergang. Als es endlich so weit war, fielen Dumonts Mutter die Unterlagen aus der Hand und der Grenzbeamte merkte sofort, was los war. Beim Filzen des Autos, fand er jedoch nichts und so durften weiterfahren.

Als Kind war sie Pionier und bekam für besonders gute Leistungen das rote Halstuch – damals, so gesteht Beatrix Kordik-Müller, war sie darauf richtig stolz. „Und dann gab es als Würdigung ein Lenin-Abzeichen. Wenn ich heute darüber nachdenke, ist das voll peinlich.“ Später wurde Beatrix Kordik-Müller Reiseleiterin, durfte aber nur den Ostblock bereisen. Sie kam auch immer wieder mit Personen aus dem Westen in Kontakt. Die Sehnsucht nach Freiheit war stark und so hat Kordik-Müller mit einem Kumpel beschlossen, offiziell Urlaub in Ungarn zu machen. Nach Ablauf des Visums baten sie in Budapest in der Botschaft um politisches Asyl. Von dort aus kamen sie in ein Lager in Zanka, wo sie ausharrten, bis sie ausreisen durften.

Was Freiheit bedeutet, konnten die Podiumsteilnehmer in ihrer Jugend nur erahnen. „Wenn Du als junger Mensch durch eine organisierte Verantwortungslosigkeit geprägt wirst, dann hast du gar kein Bedürfnis mehr zu fragen, für was will ich frei sein“, so Wieland Elle. Andreas Loos, findet es wichtig, nicht zu vergessen, was geschehen ist. „Ich bin dankbar, dass ich hier sein darf. Das wäre nicht so, wenn sich die Geschichte in eine andere Richtung entwickelt hätte. Wir sollten wirklich dankbar sein und das verteidigen, was wir hier als Freiheit empfinden“.


Weiterführender Link: Europaeum

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