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Wie entsteht öffentliche Meinung?

Prof. Dr. Bierling im Gespräch mit Ulrich Wilhelm, BR-Intendant und Vorsitzender der ARD


13. Dezember 2019 | von Margit Scheid

Vor einem vollen Hörsaal H2 begrüßte Prof. Dr. Stephan Bierling am Dienstag, dem 10. Dezember 2019, den aktuellen Gast seiner Vorlesung „Brennpunkte der Weltpolitik“: Ulrich Wilhelm, Intendant des Bayerischen Rundfunks und Vorsitzender der ARD, hatte sich Zeit genommen, um mit Bierling, den Studentinnen, Studenten und Gasthörern über die Frage nach der Rolle der Qualitätsmedien in Zeiten von Twitter und Fake News zu sprechen. „Ich war in meinem Leben nie Politiker“, erklärte Wilhelm, „aber immer nahe dran“. Geboren und aufgewachsen in München schloss Ulrich Wilhelm 1983 die Deutsche Journalistenschule ab und studierte anschließend Rechtswissenschaft in Passau und München. Seinen Referendardienst absolvierte er unter anderem als Congressional Fellow beim US Congress in Washington D.C., bevor er 1990 sein Zweites Juristisches Staatsexamen ablegte. Die Affinität zur Politik begleitete ihn auch weiterhin, sei es in seiner Arbeit als freier Journalist oder im Staatsdienst, als er 1991 als Regierungsrat im Bayerischen Innenministerium anfing. 1993 wechselte er in die Bayerische Staatskanzlei, von 1999 bis 2003 war als er Pressesprecher des Ministerpräsidenten und der Bayerischen Staatsregierung tätig. In den Jahren 2004 und 2005 war er Amtschef des Bayerischen Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Im November 2005 holte ihn die neu gewählte Kanzlerin Angela Merkel als Chef des Presse- und Informationsamtes der Bundesregierung und als Regierungssprecher nach Berlin. Seit 2011 ist Ulrich Wilhelm Intendant des Bayerischen Rundfunks, am 1. Januar 2018 übernahm er für die Amtszeit von zwei Jahren den Vorsitz der ARD.


Rückblickend betrachte er es als Privileg, sagte Ulrich Wilhelm, so viele Jahre an der Nahtstelle zwischen öffentlicher Kommunikation und Politik gearbeitet zu haben und er sei fasziniert von der Frage, wie öffentliche Meinung entsteht. Heute könne jeder mit einem Smartphone Öffentlichkeit herstellen – bei Wilhelms Karrierestart war das noch in weiter Ferne. Auch als er Regierungssprecher wurde, stand die Digitalisierung in Deutschland noch ganz am Anfang: „Wir hatten 2006 den Podcast der Kanzlerin eingeführt, da ging ein Rumoren durch die Presse“, berichtete Wilhelm. Es sei nicht überall gut angekommen, dass sein Team damit einen Bypass an die Öffentlichkeit gelegt hätte, der ohne Vermittlung durch die Medienvertreter auskam.

Die Erfahrungen der beginnenden Digitalisierung und die Erkenntnis, dass die Medienlandschaft vor großen, umwälzenden Veränderungen steht, hätten ihn als Intendanten dazu bewogen, im Bayerischen Rundfunk das Prinzip der Trimedialität einzuführen. Gemeint ist damit die Vernetzung von Hörfunk, Fernsehen und Online-Medien sowohl redaktionell wie auch auf technischer Ebene. Zuvor waren beim Bayerischen Rundfunk die Bereiche Hörfunk (Funkhaus am Münchner Hauptbahnhof) und Fernsehen (Standort in München-Freimann) sowohl räumlich als auch inhaltlich streng voneinander getrennt, was unter anderem auch zu einer Dopplung von Redaktionen führte – etwa einer Politik-Redaktion für den Hörfunk, eine für das Fernsehen. Durch die Zusammenlegung der technischen Bereiche gebe es jetzt nur noch eine politische Redaktion, die drei Medien bedient. Und natürlich könne man die Sozialen Medien nicht ignorieren, der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse auch hier präsent sein, um auf seine eigenen Plattformen und Inhalte aufmerksam machen zu können.

Die „Parzellierung der Informationen“, die „Segmentierung in immer kleinere Echokammern“ bewertete auch Stephan Bierling als große Herausforderung für den Qualitätsjournalismus. Durch die Steuerung der Aufmerksamkeit mithilfe von Algorithmen, deren Ziel die Emotionalisierung und Bestätigung der Nutzer ist, entstünden Teilöffentlichkeiten und Informationsblasen, pflichtete Ulrich Wilhelm seinem Gastgeber bei. Das grundlegende Prinzip der Demokratie – die Balance von Rede und Gegenrede – ginge hierbei verloren. Man müsse sich klarmachen, so Wilhelm, dass Unternehmen wie Facebook und Google keine Produkte anbieten, sondern Infrastruktur. Da es derzeit keine massenrelevanten Alternativen gebe, müssen sich die Nutzer nach den Spielregeln der privatwirtschaftlichen Anbieter richten, deren Anliegen nicht das Gemeinwohl sei. Professor Bierling ergänzte, die Illusion der späten 1990er Jahren, das Meinungsspektrum würde mithilfe der modernen Medien größer werden, habe sich inzwischen in Luft aufgelöst.

„Es ist kein Zufall“, so Ulrich Wilhelm, „dass so viele Länder um uns herum ähnliche Entwicklungen erleben: in kurzen Abständen aufeinander folgende Polarisierungsschübe und ständige Mobilmachung gegen den politischen Gegner.“ Neben den Sozialen Medien spiele hierbei natürlich auch die menschliche Natur des „Wir gegen die anderen“ eine entscheidende Rolle: „So etwas wie Fake News gibt es schon so lange wie es den Homo sapiens gibt“, stellte Ulrich Wilhelm klar. Umso wichtiger sei es auf der einen Seite auch weiterhin in den mit hohem Aufwand verbundenen Qualitätsjournalismus zu investieren und auf der anderen Seite Medienkompetenz zu vermitteln. Andernfalls sähe er den inneren Zusammenhalt der Gesellschaft gefährdet. Man stehe vor einer ganzheitlichen Aufgabe, die nicht nur den öffentlich-rechtlichen Rundfunk betrifft, sondern auch Bildungseinrichtungen wie Schulen und Universitäten.

Diesen Ball griff Professor Bierling gerne auf, spielte ihn in das Publikum zurück und öffnete das Gespräch für Fragen aus dem Auditorium. Die Wortmeldungen aus dem Hörsaal zeigten, wie wichtig der Gast und das Thema der Vorlesung nicht nur den Politikstudentinnen und -studenten, sondern auch Hörern anderer Fachbereiche sind. Gefragt wurde etwa nach der Thematisierungsmacht des Rundfunks, nach einer geeigneten Handhabe bei offensichtlichen Lügen im Wahlkampf oder auch nach dem richtigen Umgang mit journalistischen Pannen wie im Fall des Skandals um den damaligen Spiegel-Reporter Claas Relotius.

In seinem Schlusswort nahm Prof. Dr. Stephan Bierling Bezug auf den beispielhaften Karriereweg seines Gastes und bat Ulrich Wilhelm um praktische Hinweise an die Studentinnen und Studenten hinsichtlich der Frage, wie die eigene Karriere gelingen kann. „Das meiste ist Zufall“, machte Wilhlem mit einem Lächeln klar, „gepaart mit Neugier und Offenheit“. Darüber hinaus sei eine gute Grundlage wichtig, eine Befähigung zum Denken, wie in seinem Beispiel das Journalismusdiplom einerseits und das Jura-Studium andererseits. Zum Erfolg trügen letztlich aber Leidenschaft und Engagement ganz wesentlich bei, sodass seine Empfehlung wäre: „Mit dem Herz dabei sein, lieber das machen, was man gern macht und nicht in erster Linie das, was einem die Vernunft diktiert.“

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