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Vom exotischen Wassermonster zum Labor- und Haustier

Dr. Christian Reiß veröffentlicht Buch über die Anfänge der Axolotl in Europa


13. Januar 2020 | von Margit Scheid, Fotos von Prof. Dr. Lennart Olsson (Friedrich-Schiller-Universität Jena)

Die ersten beiden Axolotl kamen Anfang des 19. Jahrhunderts mit Alexander von Humboldt nach Europa – leblose Präparate des mexikanischen Schwanzlurchs, eines etwa 20 Zentimeter langen Amphibiums mit dunkler Haut, breitem und flachem Kopf, aus dem links und rechts sogenannte Kiemenäste herausragen. Erst 60 Jahre später treffen die ersten lebenden Axolotl in Paris ein, nach einer langen Reise aus ihrem Ursprungsland Mexiko. Dort hatte eine französische Expedition nicht nur diese Tiere, sondern weitere Lebewesen, Pflanzen und Kulturgüter gesammelt, um sie zur näheren Untersuchung nach Europa zu schicken. 34 Exemplare der Art Ambystoma mexicanum kamen 1864 in der "Société impériale zoologique d'acclimatation" an, überlebten und vermehrten sich – so gut, dass die Exoten in ganz Europa zu beliebten Labor- und Haustieren wurden.


„Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs im Jahr 1914 kann man davon ausgehen, dass alle in Europa lebenden Axolotl Nachfahren dieser ersten 34 Exemplare waren“, erklärt Dr. Christian Reiß vom Regensburger Professur für Wissenschaftsgeschichte. Er ist Autor des soeben im Wallstein Verlag erschienenen Buchs „Der Axolotl. Ein Labortier im Heimaquarium 1864 – 1914“ und daher bestens vertraut mit der Geschichte dieses „ältesten Labortiers“. In seinem Buch erzählt Reiß die Geschichte der Axolotl in den ersten 50 Jahren nach ihrem Eintreffen in Paris auf mehreren Ebenen: Es geht um die Verbreitungswege der Axolotl in Europa, um wissenschaftliche Streitfragen, die sich am Axolotl und seinem oft lebenslangen Larvenstadium entzündeten, um die Anfänge der Aquaristik und die Rolle des mexikanischen Schwanzlurchs in der Wissenschaftsgeschichte.


Mehrfach ausgezeichnete Dissertation

Christian Reiß schloss bereits 2006, im Rahmen seiner Magisterarbeit, nähere Bekanntschaft mit Ambystoma mexicanum: Reiß schrieb über die entwicklungsgeschichtlichen Arbeiten von Julius Schaxel, der von 1918 bis zu seiner Emigration 1933 Professor für Zoologie an der Universität in Jena war und unter anderem an Axolotln forschte. So wurden die Tiere schließlich zum Thema von Christian Reiß‘ Dissertation, die er als Mitarbeiter am Berliner Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte schrieb und mit der er 2014 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena zum Dr. rer. nat. promovierte. Seine Arbeit mit dem Titel „Die Geschichte des mexikanischen Axolotls als Labortier, 1864 – 1914: Verbreitungswege, Infrastrukturen, Forschungsschwerpunkte“ wurde 2015 mit dem Nachwuchsförderpreis der Deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin, Naturwissenschaften und Technik und mit der Caspar-Friedrich-Wolff-Medaille der Deutschen Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie ausgezeichnet. Sie bildet die Grundlage für das jetzt erschienene Buch, das Einblicke nicht nur in die Geschichte der Wissenschaft, sondern auch in diejenige der Aquaristik gewährt.


Das Axolotl und die Anfänge der Aquaristik

„In den 1860er Jahren wurden Aquarien zum Hobby in den bürgerlichen Kreisen in Deutschland. Die Idee stammte ursprünglich aus England, wo Meerwasser-Aquarien beliebt waren, doch in Frankreich und Deutschland interessierte man sich für Süßwasserbecken mit einheimischen Wassertieren“, berichtet Christian Reiß über die Anfänge der Aquaristik. Axolotl waren die ersten exotischen Tiere, die in privaten Süßwasser-Aquarien gehalten wurden, erst fünf Jahre später zogen die ersten Paradiesfische ihre Bahnen in den Wohnungen des Bürgertums. Haltung und Vermehrung der mexikanischen Schwanzlurche erwiesen sich als unproblematisch, wohingegen die Versuche, den Axolotl in Europa auszuwildern, fehlschlugen. „Interessant ist, dass in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die wissenschaftliche Zoologie und die Aquaristik-Vereine eng zusammenarbeiten“, erklärt Christian Reiß, „oft sind Universitätsprofessoren zugleich Vereinsmitglieder“. Diese enge Verbindung erklärt sich aus der Not heraus: Die mit den Aquarien verbundene Technik steckte noch in den Kinderschuhen, Probleme wie Sauerstoffversorgung, Beheizung und Reinigung wurden in vereinseigenen Aquarien- und Terrarien-Zeitschriften diskutiert und schließlich auch gelöst.


Das Rätsel um die fortpflanzungsfähigen „Kaulquappen“

Die Forschung interessierte sich für die Axolotl zunächst vor allem aufgrund ihres in Regel lebenslangen Larvenstadiums. Die meisten Amphibien durchlaufen in ihrem Leben eine Metamorphose: Ihre Kiemen und Schwimmeinrichtungen bilden sich zurück, sie gehen an Land, erreichen damit das Erwachsenenstadium und zugleich die Fähigkeit, sich fortzupflanzen. Vereinfacht gesagt: Aus Kaulquappen werden Frösche. Axolotl hingegen bleiben für gewöhnlich ihr gesamtes Leben lang – das in Gefangenschaft bis zu 20 Jahre dauern kann – im aquatilen Larvenstadium, sind sozusagen fortpflanzungsfähige Kaulquappen. An diesem Umstand entzündeten sich um etwa 1875 wissenschaftliche Diskussionen – was war der eigentliche, der natürliche Lebensverlauf der Amphibien und wie kann man Axolotl dazu bringen, die Metamorphose doch noch zu durchlaufen? Erst Anfang des 20. Jahrhunderts fand die Forschung heraus, dass bei Ambystoma mexicanum die Ausschüttung des Hormons Thyroxin ausbleibt, die bei ihren Verwandten die Metamorphose einläutet. Ein Wechsel zur Lungenatmung und zu einer Lebensweise an Land war für die Axolotl in ihrem natürlichen Lebensraum – einem Gewässersystem im Bereich von Mexiko-Stadt – vermutlich erschwert, sodass die Metamorphose normalerweise ausbleibt.


Marie von Chauvin und die experimentelle Verwandlung des Axolotls

Und doch finden sich für die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts Berichte über die erfolgte Metamorphose von Axolotln: Der französische Reptilien- und Fischkundler August Duméril erhielt 1864 sechs der ersten in Europa eingetroffenen Axolotl, von denen sich einige – bereits nach erfolgreich verlaufener Fortpflanzung – verwandelten. In den 1870er Jahren gelang es der Freiburgerin Marie von Chauvin im Rahmen ihrer privaten, experimentellen Axolotlforschung die Metamorphose der Tiere willentlich herbeizuführen. Sie vermutete, dass für eine erfolgreiche Verwandlung der Axolotl der Sauerstoffgehalt im Aquarium eine entscheidende Rolle spielt – je weniger Sauerstoff zur Verfügung steht, desto eher seien die Tiere bereit, ihre aquatile Lebensführung aufzugeben. Die gesellschaftlichen Umstände brachten es mit sich, dass Marie von Chauvin der Zugang zum regulären, universitären Wissenschaftsbetrieb verwehrt blieb. „Dass wir heute noch von ihr wissen, verdanken wir ihren Veröffentlichungen in Fachpublikationen wie der Zeitschrift für wissenschaftliche Zoologie“, erklärt Dr. Christian Reiß, der über Marie von Chauvin auch in seinem Buch berichtet. „Trotz ihrer schwierigen Situation ist es ihr gelungen, mit Zoologieprofessoren wie Carl Theodor von Siebold oder dem Evolutionstheoretiker August Weismann zusammenzuarbeiten“, so Reiß weiter, „was deutlich macht, wie wichtig die privat betriebene Aquaristik in dieser Phase für die Zoologie gewesen sein muss“.


Geschichte, Gegenwart und Zukunft von Ambystoma mexicanum

Nach wie vor sind Axolotl in großer Zahl in Aquarien auf der ganzen Welt zu Hause – die Wissenschaft interessiert sich inzwischen vor allem für die erstaunlichen Selbstheilungskräfte von Ambystoma mexicanum, das heißt für ihre Fähigkeit, verlorene Gliedmaßen nachwachsen zu lassen – und das nicht etwa in verkrüppelter Form oder mit stark eingeschränkter Funktionsweise, sondern vollständig und funktionsfähig. Leider hilft den Lurchen diese Fähigkeit nicht, um in ihrem natürlichen Lebensraum zu überleben – die Gewässersysteme im Gebiet von Mexiko Stadt sind so stark verschmutzt, mit Fressfeinden bevölkert und vom Bootsverkehr in Unruhe gebracht, dass die Axolotl akut vom Aussterben bedroht sind. Zwar hat Mexiko ein Naturschutzprojekt initiiert, um diese weltweit einzige natürliche Axolotlpopulation zu erhalten, doch es werden kaum noch Exemplare in freier Wildbahn gefunden. Gegenwart und Zukunft des Axolotls würden mit Sicherheit Stoff für weitere Bücher bieten – das kann auch Dr. Christian Reiß bestätigen. Zum Einstieg in das Thema sei jedoch „Der Axolotl. Ein Labortier im Heimaquarium 1864 – 1914“ wärmstens empfohlen, dass nicht nur über das globale Labor- und Haustier Axolotl informiert, sondern darüber hinaus lohnenswerte Einblicke in die Wissenschafts- und Technikgeschichte sowie die Kultur- und Umweltgeschichte bietet.

Dr. Christian Reiß: „Der Axolotl. Ein Labortier im Heimaquarium 1864 – 1914“, 304 Seiten, 21 Abbildungen, geb., Schutzumschlag, ISBN: 978-3-8353-3306-2 (2020).
Für 29,90 Euro ab sofort im Buchhandel erhältlich.

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