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Von „arg langweilig“ bis zu „Wahnsinnsbuch“

Viertes Literarisches Quartett mit Lehrenden und Studierenden der Universität Regensburg


7. Februar 2020

Mitten in der Regensburger Altstadt trafen sich am 30. Januar 2020 bereits zum vierten Mal drei Professor*innen und ein Student, um mit dem Publikum über vier literarische Werke zu diskutieren. Unter dem Titel „Achtung – Literatur! Ein literarisches Quartett mit Lehrenden und Studierenden“ stellten die Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Tonio Walter und Prof. Dr. Michael Heese, Literaturwissenschaftlerin Prof. Dr. Ursula Regener und Jura-Student Maximilian Hundhammer die von ihnen ausgesuchten Bücher vor und luden zum Gespräch ein.

Allen vier Büchern war eines gemeinsam: Sie beschäftigten sich mit aktuellen „Krisengebieten“ oder „Diskussionsfeldern“ – wie Regener sie nannte. Ohne vorherige Absprache drehten sich drei der vorgestellten Werke um die Themen Flucht, Herkunft und Heimat. Nur Ian McEwans Maschinen wie ich behandelte ein anderes gerade allgegenwärtiges Thema: Künstliche Intelligenz.

Ein Buch, das „Mut mit Blick auf das Thema Integration“ macht

Tonio Walter eröffnete den Abend mit dem Buch Herkunft von Saša Stanišić. Bewusst hatte der Jurist abgewartet, wer den Deutschen Buchpreis 2019 gewinnt und dieses Buch vorgeschlagen, ohne es vorher gelesen zu haben. Stanišić schreibt über seine eigene Geschichte, wie er aus dem ehemaligen Jugoslawien – dem heutigen Bosnien – mit seinen Eltern nach Heidelberg kam, um vor dem Krieg zu fliehen. Das Leben des Autors wird zur Erfolgsgeschichte einer Integration. Obwohl die Lektüre einen positiven Gesamteindruck bei Walter hinterlassen hatte und er den Schriftsteller als „großen Sprachkünstler“ beschrieb, wollte er sie dennoch nicht zu den großen Werken der Literatur zählen – dafür schien sie ihm doch „zu essayistisch, testend, disparat“. Ähnlich empfand es sein Kollege Michael Heese: Es sei nicht „das ganz große Werk, dass man beim Deutschen Buchpreis erwarten könne“. Der Rechtswissenschaftler empfand es als „arg langweilig“, auch wenn es ihn abseits des Lesens dazu brachte, sich mit sich selbst und der eigenen Herkunft zu beschäftigen. Regener dagegen hob als spannendes Element den Umgang mit dem Thema Erinnerung hervor. Seien es die Erzählungen der dementen Großmutter oder eine harmlose Hornotter, die in der kindlichen Erinnerung zum angsteinflößenden Monster wird: „Nichts ist gewiss“. Alles in allem hinterlasse die Geschichte bei der Leserschaft ein positives Gefühl, erklärte Walter. Das Werk mache „Mut mit Blick auf das Thema Integration“.

Die USA – „alles andere als eine integrative Gesellschaft“?

Im zweiten Teil stellte Michael Heese Where We Come From von Oscar Cásares vor. Das Buch erschien bisher nur auf Englisch und Spanisch und so übersetzte Heese – mit Blick auf den Buchvorschlag seines Fakultätskollegen – den Titel frei mit „Herkunft“. Denn auch in diesem Werk ging es um Flucht, Immigration und die eigenen Wurzeln. Der zwölfjährige Orly besucht über den Sommer seine Tante in Brownsville an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Doch seine Tante Nina hat ein Geheimnis, denn sie versteckt den jungen mexikanischen Migranten Daniel auf ihrem Anwesen. Obwohl mit 260 Seiten ein relativ dünnes Buch, war es für Heese dennoch „sehr komplex“ und widmete sich unterschiedlichsten Themenfeldern. Für ihn zeige das Buch gut, dass obwohl ein Einwanderungsland, die USA „alles andere als eine integrative Gesellschaft“ seien. Diesen Eindruck bestätigte auch Hundhammer, für den die Geschichte einen guten Eindruck der Ambiguität dieses Konflikts vermittele. Kritik äußerte Walter, für den es „fast zu einfach war auf wessen Seite man zu stehen hatte“. Dem widersprach Regener, in ihrer Auffassung waren die Charaktere sehr ambivalent gezeichnet, so kann sich beispielsweise die Protagonistin Nina am Ende nicht von dem Flüchtlingsjungen trennen.

„Je nüchterner er es geschrieben hat, desto härter trifft es einen“

Auch das dritte Buch behandelt das Thema Flucht, wenn auch aus einem anderen Blickwinkel. Der Student Maximilian Hundhammer hatte sich für Der Reisende von Ulrich A. Boschwitz entschieden. 1915 in Deutschland geboren, musste der jüdische Autor in den 1930ern fliehen und landete letztendlich in Australien. Auf einer Überfahrt nach Europa verstarb Boschwitz und mit ihm ging sein überarbeitetes Manuskript zu Der Reisende verloren. Es dauerte bis ins Jahr 2018, bis eine erste Version des Manuskripts in deutscher Sprache erscheinen konnte. Der Protagonist, ein jüdischer Kaufmann, flieht 1938 vor den Nationalsozialisten und landet ziellos in Zugabteil um Zugabteil. Gerade der Schreibstil beeindruckte Hundhammer, „je nüchterner er es geschrieben hat, desto härter trifft einen die Resignation des Protagonisten“. Ursula Regener faszinierte, wie der Autor diesen Menschen zeichnet, der eigentlich mitten im Leben steht, sich frei bewegen kann, aber durch seine Flucht in die Enge der Zugabteile getrieben wird. Diese Enge, das Getriebene, spiegele sich auch in der „Verarmung der Sprache“, die Boschwitz einsetze, wider. Heese nannte es ein „Wahnsinnsbuch“, dessen Beklemmung die Leserschaft mitnehme. Im Gegensatz zu dem positiven Gefühl, das Herkunft vermittele, war Boschwitz‘ Werk für Walter eine „bedrückende Lektüre“, bei der man zusammen mit der Hauptfigur verzweifele. Die vier Kritiker*innen zeigten sich von dem Werk und der spürbaren Beklemmung und Resignation beeindruckt und so sprach Hundhammer eine volle Leseempfehlung aus.

Der Beginn eines „Post-KI-Zeitalters“?

Als letztes Buch des Abends widmeten die vier sich Ian McEwans Maschinen wie ich, vorgestellt von Ursula Regener. Das Buch behandelt ein England, in dem es die ersten Prototypen von lebensechten und humanoiden Robotern gibt. Der Roman spielt jedoch nicht in der Gegenwart oder Zukunft, sondern in den 1980er Jahren in einem fiktiven Großbritannien, das den Falkland-Krieg verloren hat, in dem John Lennon noch lebt, Margaret Thatcher vor der Abdankung steht und die politische Unsicherheit zu Demonstrationen führt. Der Autor zeige „wie selbstlernende Systeme sich zu Gesprächspartnern entwickeln“, erklärte Regener, aber letztendlich auch wie es zur Rivalität zwischen Mensch und Maschine komme. Einem renommierten Autor wie McEwan nahm es Michael Heese fast übel, dass er mit Künstlicher Intelligenz „ein Mainstream-Thema genommen hat“. Den Twist, dass die Erzählung in einer fiktiven Vergangenheit spiele, fand er jedoch spannend. Hundhammer hatte viel Spaß beim Lesen und zeigte sich begeistert von der Themenkomplexität. Nach Walters Meinung sei der Roman jedoch thematisch zu überladen: eine Liebesgeschichte, der Falkland-Krieg, Roboter, eine Adoption. Spannend für Heese wie Walter war dagegen die Menschlichkeit der Maschinen – an der sie letztendlich zerbrachen –, die im Mittelpunkt stand; nicht etwa eine geplante Erlangung der Weltherrschaft. Dem Vorwurf, dass zu viele Nebenschauplätze aufgemacht würden, setzte Regener entgegen, dass gerade diese so wichtig seien, um zu zeigen, dass im Gegensatz zu den Robotern Menschen auch mal „fünfe gerade“ sein lassen können. Für die Literaturwissenschaftlerin stehe das Romanende für eine Befreiung der Menschen und den Beginn eines „Post-KI-Zeitalters“.

So ging ein unterhaltsamer Abend in einem vollbesetzten Saal im Haus der Begegnung mit interessanten Einblicken in die vorgestellten Werke und einem Publikum, das fleißig mitdiskutierte, zu Ende, bei dem sicherlich der ein oder andere mit einem neuen Buchtipp nach Hause gegangen ist.


Das nächste literarische Quartett findet am 25. Juni 2020 im Rahmes des Sommerfests an der Universität Regensburg statt.

⇒ Zur Seite der Reihe "Achtung - Literatur!"

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