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Pandemien, Prinzen, Politik – und immer wieder Venedig…

Ein Interview mit PD Dr. Jörg Zedler vom Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte über die Geschichte der Quarantäne


6. Mai 2020, Interview von Tanja Wagensohn

Tanja Wagensohn: Um 1400 verwehrte Venedig pestverdächtigen Schiffen die Einfahrt, Ankommende mussten sich quaranta giorni, 40 Tage, in Abgeschiedenheit begeben… Begann so das Phänomen der Quarantäne?


PD Dr. Jörg Zedler: Man müsste eigentlich zwischen Quarantäne und Isolation unterscheiden, weil die Verhängung einer Quarantäne Wissen über Gründe und Wege der Transmission von Krankheitserregern bedarf. Auch wenn diese Unterscheidung in der Praxis nicht durchzuhalten ist, am Anfang einer „Geschichte der Quarantäne“ steht jedenfalls die Isolation. Wo deren zeitliche Ursprünge zu suchen sind, ist unklar. Aber bereits im 3. Buch Mose, das zwischen dem 5. und 8. Jahrhundert v. Chr. entstanden ist, finden sich Praktiken zu Isolation und Quarantäne. Die Dauer der Abschottung im Krankheitsfall war dabei variabel, je nach Kultur und Erkrankung. Entscheidend für das europäische Quarantäneverständnis wurde die dramatische Pestwelle in der Mitte des 14. Jahrhunderts. Allein zwischen 1347 und 1351 starben – regional unterschiedlich – bis zu zwei Drittel der jeweiligen Bevölkerung. Die Opferzahlen in Europa schätzt man auf 20 Millionen Menschen (bei einer Gesamtbevölkerung von 80 Millionen). Frühzeitig betroffenen waren natürlich die Handelsstaaten – allen voran die Genueser und vor allem die Venezianer. Weil deren Kommissare überzeugt waren, dass sich die Pest über die Luft verbreite, inspizierten und regulierten sie alles: Wein, Fisch, Fleisch, aber auch so tiefgreifende Riten wie den Ablauf von Begräbnissen. Schon 1374 wurden Schiffe, die aus Gegenden kamen, in denen Erkrankungen bekannt waren, in Venedig und Genua abgewiesen. 1377 wurden dann sämtliche Schiffe, egal woher sie kamen, gezwungen, vor der (Venedig unterstellten) Republik Ragusa (Dubrovnik) für 30 Tage vor Anker zu gehen. Übrigens verhängten schon Ragusa und Venedig bald nicht mehr nur 30, sondern 40 Tage Abschottung – so dass aus dem „Trentino“ (den 30 Tagen) die „Quarantäne“ wurde, die sich aus dem italienischen Zahlwort „quaranta“ (40) ableitet.


Reisende und Quarantäne: Sie haben gemeinsam mit der an der Universität Bayreuth tätigen Musikwissenschaftlerin Andrea Zedler über Kurprinz Karl Albrecht von Bayern publiziert, der 1715 als 18-jähriger nach Italien reiste. An der Grenze zu Venetien war seine Reise zunächst zu Ende. Was war passiert?

Anfang des 18. Jahrhunderts hatte wieder einmal eine Pestwelle Teile Europas überzogen. Zwischen 1708 und 1712, in Ausläufern noch länger, hatte sie in Nordeuropa, aber auch Teilen Österreichs und Bayerns gewütet. 1713/14 waren verheerende Pestjahre, die im Bayerischen – nicht zuletzt in Regensburg – zahlreiche Opfer gefordert hatten. 1715 kam es neuerlich zu Seuchenfällen im Reich, die Venedig hochgradig alarmierten – die große Pest von 1640, der rund ein Drittel der venezianischen Bevölkerung zum Opfer gefallen war, war nur noch allzu gut im kollektiven Gedächtnis. Die Republik verhängte daher eine Quarantäne über alle Reisenden aus dem Norden. Davon wurde auch der bayerische Kurprinz nicht ausgenommen, der im Dezember 1715 von München zu seiner 9-monatigen Italienreise aufgebrochen war. Seine Tour erlebte also einen jähen Halt an der Grenze zur Republik, als ihm eine strenge Quarantäne auferlegt wurde, die er kurz vor Verona, genauer: in Chievo, abbüßen musste – übrigens sehr zu seinem Verdruss. Immer wieder versuchte er, mit Hinweis auf seinen fürstlichen Rang die Dauer zu verkürzen, biss sich aber an der strengen Handhabung der Venezianer die Zähne aus. – Dabei ist schwer zu sagen, was auf deren Seiten überwog: die Sorge, um nicht zu sagen, die Angst vor der Pest oder die Versuchung, ihre Macht an einem deutschen Kurprinzen zu zeigen, denn natürlich war die Durchsetzung der Quarantäne immer auch die Demonstration der Handlungsfähigkeit und -hoheit. Besonderes missvergnügt war Karl Albrecht, weil er sich eigentlich längst in das Unterhaltungsleben hatte stürzen wollen, in Karneval und Opernfreuden.



Quarantäne 2020 kennt Online-Shopping, Balkonständchen, Lockdown-Lyrik, Homeoffice. Wie sah Quarantäne im 18. Jahrhundert aus?

Sie werden lachen – so eine Art Lockdown-Lyrik und Balkonständchen gab es auch vor 300 Jahren. Man musste den Prinzen ja unterhalten, und das war schon schwierig genug, war er ob der beengten Umstände – selbst hohe Adelige schliefen in Mehrbettzimmern – ausgesprochen indigniert. Seine Einwände, die Hinweise auf seinen Rang und seine mehrfache Versicherung, dass in München überhaupt keine Pest herrsche, stießen auf taube Ohren; die 40 Tage musste er absitzen. Als hochrangigem Mitglied eines regierenden Kurfürstenhauses blieb ihm aber immerhin das Veroneser Lazarett erspart, in dem Reisende aus dem Norden sonst kaserniert wurden. Der Prinz hingegen wurde in einem Palazzo untergebracht, dessen Überreste man heute noch in Chievo besichtigen kann. Zentral an der Anlage ist damals wie heute der weitläufige Park, der mit einer Ringmauer umschlossen ist und der den Pestkommissaren eine genaue Kontrolle von Zu- und Ausgang ermöglichte. Das war auch notwendig, denn dem Prinzen wurden doch einige Freiheiten im Rahmen des „social distancing“ gewährt: So durfte er in Begleitung der Pestwachen mit seinem Schlitten ausfahren, kleine Jagden unternehmen, ja, er bekam sogar häufig Besuch aus Verona (vor allem von den Damen). Genau wie heute musste aber ein Sicherheitsabstand eingehalten werden. Zur Lockdown-Lyrik zählten italienischsprachige Bücher, daneben wurde selbst Theater gespielt und gedichtet. Um die Langeweile des Prinzen etwas abzumildern, hatten sich die Veroneser Adeligen übrigens noch etwas Besonderes ausgedacht: Man stellte Musiker vor die Ringmauer, die dann abends für den Prinzen musizierten…


Existierten nationale, regionale, europäische Quarantänekonzepte?

Das Italien der frühen Neuzeit war ein geographischer Raum der Klein- und Kleinststaaten, die bei der Seuchenprävention gezielt auf Abschottung speziell gefährdeter Gebiete achteten. Die Lagunenstadt mit ihrer besonderen Lage ist das wohl beste Beispiel, denn sie musste im Mittelalter besonders hart erfahren, was es bedeutete, wenn die Pest wütet – 1347 hatte nicht einmal die Hälfte ihrer Einwohner die Seuchenzeit überlebt. Die Republik lernte aus den Pestwellen und entwickelte ein ganz Venetien umfassendes System der Pestprävention. Zeugen hierfür sind die Lazarett-Inseln vor der Stadt, aber auch der Magistrato alla sanità. Das war eine spezielle venezianische Gesundheitsbehörde, die seit dem 15. Jahrhundert die Einhaltung von Quarantänevorschriften im Speziellen und die Gesundheit der Einreisenden ganz allgemein überwachte. Wie genau man die Vorschriften nahm, zeigt sich auch bei der Reise des bayerischen Prinzen: Vor der Abreise aus dem Quarantäneort wurden alle Personen, die mit ihm Richtung Venedig unterwegs waren, mit einer Art Gesundheitspass ausgestattet, in dem Alter, Haarfarbe, Statur und Gesundheitszustand vermerkt wurden. An allen weiteren Reisestationen bis Venedig, also in Vicenza und Padua, wurde diese Zeugnisausstellung wiederholt, bis man kurz vor Venedig in Fusina ankam. Vom dortigen Hafen durfte die Reisegesellschaft erst ablegen, nachdem die Gesundheitszeugnisse bei den venezianischen Pestkommissaren abgegeben waren und die einwandfreie Gesundheit bestätigt worden war.


Gab es Unterschiede im Hinblick auf Männer und Frauen, Junge und Alte?

Es gab grundsätzlich mehr junge Männer, die reisten. Daher waren sie am häufigsten von der Pestprävention betroffen. Wissenschaftlich begründete Unterschiede, über die wir heutzutage nachdenken, waren, soweit ich das sehe, unbekannt. Das gilt freilich nicht für die Betrachtung einzelner Bevölkerungsgruppen, die man für den Ausbruch von Epidemien und Pandemien verantwortlich machte. Wie so oft, wenn Menschen ratlos vor einem bedrohlichen Phänomen stehen, ging es um die Suche nach Sündenböcken. Ein gleichermaßen typisches wie bedrückendes Beispiel hierfür ist die Justinianische Pest, die 541 n. Chr. wohl in Ägypten ausbrach und im drauffolgenden Jahr Konstantinopel erreichte. Der Geschichtsschreiber Prokopios von Caesarea, selbst Zeuge der Krankheit, berichtet von 10.000 Toten täglich in Konstantinopel – und macht die gesellschaftlichen Außenseiter für deren Ausbruch verantwortlich. Da tauchen Heiden und Ketzer genauso auf wie Juden und Homosexuelle – wenn man auf die abstrusesten, etwa antisemitischen, Schuldzuweisungen für den Ausbruch der gegenwärtigen Pandemie blickt, muss man sagen, dass wir da nicht viel weiter sind.


Politik und Pandemie – da dachten viele in Bayern bis zum Beginn der Coronakrise eher an 1918, an Kriegsende, Revolution, Spanische Grippe… Sehen Sie Analogien zu 2020?

Historische Analogien sind immer ein schwieriges Geschäft, umso mehr, als die Situation 1918/19 mit derjenigen von 2020 politisch nicht zu vergleichen ist. Bei der ersten der drei Wellen der Spanischen Grippe (im Frühjahr 1918) befand sich Deutschland noch im Krieg, die zweite fiel mit Revolution und Kriegsende im Herbst zusammen, die dritte vom Frühjahr 1919 ist in ihren Wirkungen auf Deutschland noch schlechter erforscht als die ersten beiden. Von Krieg und Revolution waren natürlich auch die politischen Maßnahmen geprägt. Während es im Reich im Herbst 1918 etwa sehr wohl zu Schulschließungen kam, blieben die meisten Theater und Kinos geöffnet, weil man der kriegsgebeutelten Bevölkerung die Stimmung nicht noch weiter verderben wollte. Die Maßnahmen waren also stärker reaktiv, weit weniger vorbeugend als heute. Die mentale Verfassung der Menschen, die vier Jahre zermürbenden Krieg hinter sich hatten, war mithin völlig anders, ebenso natürlich die medizinischen Möglichkeiten. Auch die Todeszahlen waren zum Glück 1918 völlig anders als heute, Schätzungen gehen für die Spanische Grippe von mindestens 30 bis 50 Millionen Toten weltweit aus. Und gleiches gilt auch für die nicht vergleichbaren politischen Prioritäten, die 1918 dem Krieg und seiner Beendigung, im Frühjahr 1919 – vor allem in Bayern – der Wiederherstellung einer politischen Ordnung galten, die von mehreren Revolutionen erschüttert war, die mein Kollege Georg Köglmeier an unserer Universität intensiv erforscht hat.

Der vermutlich auffälligste Unterschied im Umgang mit den Pandemien ist die öffentliche Aufmerksamkeit, die ihnen zukam bzw. zukommt: Denn die Spanische Grippe wurde interessanterweise kaum wahrgenommen. Nachdem bereits mehrere tausend New Yorker an dem Virus gestorben waren, schrieb die New York Times am 5. November 1918: „Perhaps the most notable peculiarity of the influenza epidemic is the fact that it has been attended by no traces of panic or even excitement.“ Ob Ähnliches für Bayern gilt, kann ich gar nicht sicher sagen. Mit Ausnahme einiger Aufsätze zu lokalen Fallstudien gibt es keine historische Untersuchung hierzu – und das obwohl es in Bayern geschätzte 30.000 Todesopfer gab.

Natürlich gibt es auch einige Gemeinsamkeiten beider Pandemien, angefangen bei dem Umstand, dass die Krankheit bei ihrem Auftreten völlig unbekannt war, keinerlei Medikamente dagegen existierten und die meisten an akutem Lungenversagen starben. Am auffälligsten sind in medizinischer Hinsicht wohl die Erkenntnisse, dass frühe und ausdauernde Quarantäne den besten Erfolg zeigt: Eine Untersuchung von 2007 konnte nachweisen, dass rasche Maßnahmen zur Eindämmung schon 1918 Wirkung gezeigt hatten. New York zum Beispiel ordnete elf Tage vor dem Mortalitätsanstieg umfangreiche Isolierungs- und Quarantänemaßnahmen an, Schulschließung oder massive Einschränkungen bei der Nutzung des öffentlichen Verkehrs etwa, während Pittsburgh analoge Maßnahmen erst weit später initiierte – und damit auf fast doppelt so hohe Totenzahlen pro 100.000 Einwohner kam wie New York, unter dessen Opfern übrigens auch der Großvater des aktuell regierenden US-Präsidenten war. Und Denver oder San Francisco bezahlten ihr zu frühes Aussetzen der Präventionsmaßnahmen bitter: Die zweite Welle war bei ihnen weit verheerender als die erste.

Was ich vor allem aus gesellschaftlicher Sicht ausgesprochen bemerkenswert finde: Schuld an dem Unglück trugen schon 1918 immer die anderen, Sie können das leicht an der Namensgebung ablesen: In Großbritannien hieß die Pandemie flandrisches Fieber, in Spanien portugiesische, im Senegal brasilianische und in Polen Bolschewikenkrankheit. Mit Spanien hatte die Spanische Grippe übrigens nichts zu tun.


Herzlichen Dank für diese Einblicke, Herr Zedler. Bleiben Sie gesund!


Weiterführende Literatur

  • Andrea Zedler/Jörg Zedler (Hrsg.): Giro d’Italia. Die Reisetagebücher des bayerischen Kurprinzen Karl Albrecht (1715/16). Eine historisch-kritische Edition; Wien/Köln/Weimar 2019.
  • Andrea Zedler/Jörg Zedler (Hrsg.): Prinzen auf Reisen. Die Italienreise von Kurprinz Karl Albrecht 1715/16 im politisch-kulturellen Kontext; Wien/Köln/Weimar 2017.
  • Andrea Zedler/Jörg Zedler (Hrsg.): Prinzenrollen 1715/16. Wittelsbacher in Rom und Regensburg; München 2016.

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