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Ein Sommer ohne Uni-Konzerte

Orchester-Leiter Arn Goerke über ein schwieriges Semester für die Musik


20. Mai 2020

Die Corona-Pandemie hat nicht nur Auswirkungen auf den Lehr- und Forschungsbetrieb an der Universität, auch die extrakurrikularen Angebote sind davon betroffen. So können derzeit weder Ausstellungen, noch Theateraufführungen oder Konzerte stattfinden. Wir haben mit Arn Goerke, dem Leiter der Universitätsorchester, darüber gesprochen, wie sich die corona-bedingten Einschränkungen auf die Musik-Ensembles und den Kulturbetrieb an der Universität auswirken. 


Arn Goerke, Leiter der Orchester der Universität Regensburg; Foto: Marcus Rebmann

Arn Goerke, Leiter der Universitätsorchester; Foto: Marcus Rebmann



Margit Scheid: Lieber Herr Goerke, die Corona-Pandemie bringt es mit sich, dass die Musik-Ensembles der Universität Regensburg alle für das Sommersemester 2020 geplanten Konzerte absagen müssen. Welche Highlights hätten uns in den Sommermonaten erwartet? Lassen sich die Konzerte im Winter nachholen?

Arn Goerke: Ja, schweren Herzens mussten wir alles absagen. Wir hatten uns für dieses Semester, zu Ehren seines 250. Geburtstages, ganz viel Beethoven vorgenommen. Zuerst hätte der Universitätschor im Audimax die Missa Solemnis aufgeführt, dann das Symphonieorchester die 6. Symphonie, die Pastorale, am und rund um den Botanischen Garten. Dieses Konzert wäre Teil des internationalen „Beethoven Patoral Project“ gewesen, an dessen Höhepunkt, dem 5. Juni (Weltumwelttag der Vereinten Nationen), viele Orchester rund um den Globus diese „Natur-Symphonie“ an möglichst außergewöhnlichen und naturnahen Orten gespielt hätten. Des Weiteren war das Symphonieorchester zu zwei Beethoven-Gastspielen eingeladen: zum einen in den Nepal Himalaya Park nach Wörth an der Donau (u.a. mit dem 1. Klavierkonzert und Prof. Dr. Rainer Rupprecht am Klavier) und zum anderen in den Schlosshof der Stadt Dillingen (gemeinsam mit dem Universitätschor, auf dem Programm stand u.a. die Chorfantasie und die 3. Leonoren-Ouvertüre). Zum Abschluss des Semesters hätte es noch ein Beethoven-Kinderkonzert im Audimax gegeben und ein großes Sommerkonzert, bei dem wir (wiederum gemeinsam mit dem Universitätschor) diejenigen Beethovenschen Stücke, die wir bis dato nur „auswärts“ gespielt hatten (hätten...), noch einmal für unser Regensburger Publikum spielen wollten.

…und das war nur der Teil des geplanten Semesterprogrammes, der mit Beethoven zu tun hatte…

Das Sinfonische Blasorchester der Universität Regensburg (CampusBlosn) hätte sein Semesterkonzert im Audimax gespielt, das Uni Jazz Orchester hatte ein Jazz Picknick im Botanischen Garten geplant, das Barockorchester Rubio wäre in der Minoritenkirche aufgetreten und das Symphonieorchester beim alljährlichen Sommerkonzert im Universitätsklinikum. Nicht zu vergessen auch der Auftritt eines Kammermusikensembles unseres Orchesters beim Gedenkakt zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers in Flossenbürg und ein weiteres Konzert des Symphonieorchesters, bei dem wir (in Verbindung mit einem internationalen Symposium der Tschaikowsky-Gesellschaft am hiesigen Institut für Musikwissenschaft) Tschaikowskys 2. Klavierkonzert aufgeführt hätten.
Das wären unsere musikalischen Highlights gewesen…

Zum zweiten Teil Ihrer Frage: was sich nachholen lässt, werden wir wohl erst entscheiden können, wenn man absehen kann wie sich die Situation weiter entwickelt. Zum jetzigen Zeitpunkt können wir nicht mit Sicherheit davon ausgehen, dass im Wintersemester alles wieder ist wie vor Corona – ob wir also schon im Winter mit den großen Besetzungen wieder werden auftreten dürfen. Im Übrigen ist ja auch das Wintersemester schon geplant und man muss schauen, was dann wiederum von diesen Planungen verschiebbar ist. Im Moment arbeiten wir also mit einem Plan A, Plan B und auch Plan C für die Zeit nach dem Sommer.
Über ein Konzert hatte ich noch gar nicht gesprochen… - von dem ich sehr hoffe, dass es sich nachholen lässt. Das Symphonieorchester der Universität Regensburg hat Zuwachs in seiner Instrumentenfamilie bekommen, wir freuen uns über eine neue Celesta. Zur Begrüßung dieses wunderbaren Instrumentes hätte das Kammerorchester KUR (am Muttertag, dem 10. Mai) ein Konzert mit einem sehr „muttertagstauglichen“ Programm gespielt, in dem besonders die Celesta zu ihrem musikalischen Recht gekommen wäre. Auf dem Programm standen Ausschnitte aus der Zauberflöte, dem Nussknacker, dem Rosenkavalier und aus der Filmmusik zu Harry Potter. Derzeit laufen Gespräche, dieses Konzert am Muttertag des kommenden Jahres zu nachzuholen.


Was bedeuten die derzeitigen Einschränkungen für den Probenbetrieb? Wie wirkt sich ein Semester ohne reguläre Probe auf die Ensembles aus?

Im Moment finden keine Proben statt, das gilt ja im Prinzip für alle Orchester und Chöre in Deutschland – wahrscheinlich weltweit. Es laufen etliche Studien zu den Themen „Sind Blasinstrumente Virenschleudern“ und „Wie wahrscheinlich ist eine Infektion beim Chorsingen?“ – aber da es noch keine belastbaren Erkenntnisse gibt, und das Veranstaltungsverbot auch Proben einer gewissen Größenordnung mit einschließt, ist die Unsicherheit groß.

Wie sich ein Semester ohne reguläre Proben auf die Ensembles auswirken wird, kann man wahrscheinlich erst im Nachhinein beurteilen. Allerdings glaube ich fest daran, dass die momentane Abstinenz eher die Vorfreude steigert. Der Umstand allerdings, dass es nicht wirklich absehbar ist, wann und besonders in welcher Form es wieder losgehen kann, ist schon etwas belastend.


Bleiben Sie trotzdem mit Ihren Musikerinnen und Musikern in Kontakt?

Ja, wir sind in Kontakt. Jedes der Ensembles hat mindestens eine WhatsApp-Gruppe, über die man sich austauscht. Mit dem Symphonieorchester planen wir gerade eine große Zoom-Videokonferenz, bei der wir allerdings nicht gemeinsam werden musizieren können; aber immerhin zusammen von zukünftigen Projekten träumen... Außerdem können wir dann virtuell, wie sonst nur nach der Probe, mit einer Tasse Tee oder Kaffee oder auch einem Glas Bier oder Wein miteinander anstoßen.

Der schönste Kontakt dieses Semesters wird vielleicht bei einem Projekt entstehen, an dessen Umsetzung wir gerade arbeiten. Wir wollen, quer durch alle Orchester, ganz kleine Gruppen bilden (zwei, drei oder allerhöchstens vier Musiker*innen), um sogenannte Mini-Konzerte oder Garten-Konzerte in Senioren- und Pflegeheimen zu spielen. Den Menschen, die dort besonders unter der Situation und den Kontaktbeschränkungen leiden, können wir durch die live gespielte Musik ein bisschen Freude und Erbauung in ihren zum Teil schweren Alltag bringen und auch wir werden Freude mit dem „Freude bereiten“ haben.


Wie sieht derzeit Ihr Arbeitsalltag aus? Wie Homeoffice-kompatibel ist Ihr Aufgabenbereich?

Hier muss ich deutlich zwischen meinen verschiedenen Tätigkeiten unterscheiden.

  1. Das gemeinsame Musizieren funktioniert wie schon gesagt nicht! Keines der existierenden Videokonferenz-Programme ist geeignet, um zeitgleich und gemeinsam zu musizieren.
  2. Planungen und Besprechungen funktionieren in der Regel ziemlich gut mit Video-Konferenzen. Wir benutzen Zoom, wie gefühlt die halbe Menschheit, man spart viel Zeit und auch Ressourcen - davon kann einiges gerne nach überstandener Krise beibehalten werden!
  3. Bei meinen Lehrtätigkeiten muss ich hinsichtlich der Homeoffice-Kompatibilität zwei Bereiche unterscheiden:
    1. Meine Kurse am Institut für Musikwissenschaft funktionieren sehr gut. Z. B. kann ich im Partiturkunde-Kurs mittels Bildschirm- und Computerton-Freigabe Partituren zeigen, darin „herummalen“ und auch zeitgleich eine Aufnahme des entsprechenden Stückes vorspielen und Hinweise geben. Auch Gehörbildungskurse laufen gut.
    2. Der Dirigierunterricht, den ich mit Studierenden der Musikpädagogik durchführe, und auch über meinen Lehrauftrag mit Studierenden der HfKM, ist schon etwas komplizierter. Erst dachte ich, dass ich mir den Laptop auf’s Klavier stelle und die Studierenden „auf der anderen Seite“ in die Kamera dirigieren. Ich wollte dann nach den Dirigentinnen und Dirigenten spielen, sodass mein Ton wieder „am anderen Ende der Leitung“ ankommt. Die zeitliche Verzögerung macht dieses Vorhaben allerdings unmöglich.
      Nun müssen also die Dirigentinnen und Dirigenten vor ihrer Kamera entweder nur dirigieren und wir beide lassen das jeweilige Stück ausschließlich vor unserem „inneren Ohr“ ablaufen (was gar nicht so leicht ist!), oder die Studierenden müssen das jeweilige Stück zu ihrem eigenen Dirigat selber singen…
      Diese Art des Unterrichts ist nicht ganz umsonst, eben weil es nicht ganz leicht ist und wahrscheinlich sogar eine noch intensivere Vorbereitung erfordert.
      Allerdings lebt gerade das Dirigieren davon, dass man bei seinem Gegenüber etwas auslöst, in jedem Moment kontrolliert, ob das Ausgelöste richtig eingelöst wird und immer wieder auch korrigierend eingreift. Das geht natürlich, wenn man nur sich selber dirigiert (oder im Ausnahmefall vielleicht auch mal eine Aufnahme) total verloren!
      Für diesen Teil der Lehre freuen wir uns alle sehr auf den Moment, an dem wir wieder gemeinsam in einem Raum sein dürfen und „normaler Unterricht“ stattfinden kann.


Machen Sie sich über das Sommersemester hinaus Sorgen um den Kulturbetrieb der Universität Regensburg?

Naja, ich möchte gerne optimistisch sein! Allerdings, wie ich vorhin schon gesagt habe, bin ich durchaus skeptisch, dass wir schnell zu einer gewohnten Normalität zurückkehren können.

Es wird nun unsere Aufgabe sein, Konzepte zu entwickeln, mit denen sich auch in diesen „Ausnahmezeiten“ vielfältige musikalische Angebote realisieren lassen. Allerdings lebt natürlich ein großer Teil unseres Repertoires auch gerade von den großen Besetzungen, was es nicht einfacher macht Lösungen zu finden. In diesem Zusammenhang fällt mir allerdings gleich ein Satz ein, den ein früherer Intendant am Theater in schwierigen Situationen immer zu sagen pflegte: „… Herr Goerke, wenn’s einfach wäre, könnte es ja jeder machen…“


Was raten Sie Ihrem Publikum und Ihren Musiker*innen? Wie kommen wir am besten durch die kulturarme Zeit?

Ich denke, das muss jeder für sich selber herausfinden. Sich weiterhin mit den Dingen zu beschäftigen ist natürlich schön, gut und wichtig; und ich kann es jedem nur raten. Mir ist vor einigen Wochen Hermann Hesse wieder in die Hände gekommen. Was er über den Verstand, die Kunst, die Naur und die Urkräfte schreibt gefällt mir zum Beispiel ausnehmend gut!

In der letzten Meldung über die Konzertabsagen habe ich an unser Publikum geschrieben: „Behalten Sie uns – und das, was die Kunst vermag – in Ihren Herzen!“ Das geht ja auch etwas in diese Richtung, man muss das Schöne und „Wertvolle“ in sich wachhalten.

Den Musikerinnen und Musikern empfehle ich ebenfalls das künstlerische Feuer im eigenen Inneren immer wieder neu anzufachen. Es öffnet Horizonte macht einen selbst glücklicher.

In der Mitteilung der Konzertabsagen an die Musikerinnen und Musiker hatte ich den großen Jubilar Ludwig van Beethoven zitiert. Er schrieb 1824 in einem Brief an den Musikverleger Schott: "ich wünsche ihnen allen guten Erfolg ihrer Bemühungen für die Kunst, sind es diese u. wissenschaft doch nur, die unß ein höheres Leben andeuten u. hoffen laßen."

Lieber Herr Goerke, vielen Dank für dieses Interview und bleiben Sie gesund!


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