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Die Weltlage aus Schweizer Sicht

Prof. Dr. Bierling im Gespräch mit Eric Gujer, Chefredaktor der Neuen Zürcher Zeitung


17. Juli 2020 | von Elisabeth König

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Am Dienstag, dem 14. Juli, stellte Prof. Dr. Stephan Bierling den aktuellen Gast seiner Vorlesung „Einführung in die internationale Politik“ als einen der profiliertesten Kenner der Weltpolitik vor: Eric Gujer, Chefredaktor – so nennt sich im Schweizer Deutsch der „Chefredakteur“ – der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ), hatte sich Zeit genommen, um mit Bierling, den Studierenden und zahlreichen Gasthörer:innen über die Sicht der Schweiz auf sich selbst, Deutschland, Europa und die Welt zu sprechen. Der Corona-Pandemie war es geschuldet, dass man sich nicht im Hörsaal traf, sondern per Zoom verbunden war.

Den 1962 in Zürich geborenen Gujer zog es nach seinem Studium der Geschichte, Politikwissenschaft und Slawistik in Freiburg und Köln zurück in seine Heimatstadt. Von dort brach er in die Welt auf, um für die NZZ als Korrespondent aus der DDR beziehungsweise den neuen Bundesländern, Israel und Moskau zu berichten. Die NZZ, deren Chefredaktor er seit 2015 ist, ist – so Gastgeber Bierling – eine der drei großen deutschsprachigen Qualitätszeitungen. Das 1780 gegründete Medium vertritt eine liberal-bürgerliche Sichtweise und ist die Zeitung mit dem dichtesten Auslandskorrespondentennetz weltweit. Eric Gujer lebt die Devise, dass man auch gegnerische Positionen zu Wort kommen lassen müsse. Es sei wichtig, die ganze Breite der Standpunkte zu kennen.


Im Gespräch mit Stephan Bierling und den Studierenden und Gasthörer:innen ging Eric Gujer den Fragen nach: Warum funktioniert die Schweiz? Wie kann angesichts der Vielzahl an Sprachen und Religionen ein Nationalgefühl entstehen? Gujers von einem Augenzwinkern begleitete Antwort: Schweizer mögen die „richtigen“ Deutschen, Franzosen und Italiener noch weniger als sich untereinander und ein gemeinsames Feindbild wirke verbindend. Einen weiteren Grund sehe er in der Reformation, sagt Gujer. Sie sei Ausgangspunkt einer politischen Tradition, die viel Freiheit einräume. Das Erfolgsgeheimnis: Rücksicht nehmen auf die anderen und lieber auch mal einem Schwächeren den Vortritt lassen. In der Schweiz herrsche außerdem noch eine Kultur des permanenten Dialogs: Die Elemente direkter Demokratie ermöglichten, dass alle Themen zur Volksabstimmung gebracht werden könnten. So sei es auch einem Außenseiter möglich, seine Ziele weit voranzubringen. Trotz einer festen Vormachtstellung des Mainstreams könne es am Schluss ganz anders ausgehen. Das lehre die Akteure eine gewisse Bescheidenheit und Vorsicht. Wenn man sich dem Dialog verweigere, gäbe man dem Gegner eine Chance.


Hierin sieht der Journalist, dem als Sohn einer deutschen Mutter und eines Schweizer Vaters der Blick über den Tellerrand förmlich in die Wiege gelegt wurde, einen entscheidenden Unterschied zum zentralistischen Deutschland mit seinem kooperativen Föderalismus. Politiker:innen würden in der Schweiz mit ihrem „echten“ Föderalismus ungleich stärker die Konsequenzen ihres Handelns direkt zu spüren bekommen. Sind die Wähler mit den Handlungen einer Politikerin oder eines Politikers auf Gemeindeebene nicht einverstanden – Beispiel Steuern, die in der Schweiz jede Gemeinde selbst festlegt –, wählen sie sie oder ihn ab. Dieser Umstand wirke stark erzieherisch auf die Volksvertreter:innen. In Deutschland beobachtet er die vorherrschende Meinung, dass Themen, über die man nicht redet, nicht Gegenstand der Politik würden. In seinen Augen habe sich so die AfD über den Euro-Diskurs entwickeln können. Gujer zieht hier Parallelen zum Schweizer Verhalten gegenüber dem Rechtspopulismus der SVP um Christoph Blocher seit den 90er Jahren. Konfrontation und Polarisierung hätten den Nationalisten in die Karten gespielt. Erst ein sachlicher Diskurs habe dazu geführt, dass erneute Versuche der Polarisation im Wahlkampf 2019 total versandeten. In Deutschland sei man noch nicht so weit, aber letztendlich könne man sich am Besten gegen die AfD zur Wehr setzen, indem man ihr sachlich begegne und sie „links liegen“ lasse – wie es die zurückliegende Corona-bestimmte Zeit eigentlich schon bewiesen habe. Die Rolle der Journalist:innen in Zeiten zunehmender Polarisierung sieht Gujer problematisch: Die Aufgabe der Medien sei, Umstände zu analysieren, aber nicht, die Polarisierung anzuheizen. Viele sähen sich aber als Aktivist:innen.


Als Professor Bierling ihn nach seiner Sicht auf Donald Trump fragt, beruhigt Chefredaktor Gujer sein Publikum: „Trump ist nicht das Ende der Welt. Bei Trump springen wir noch zu sehr über’s Stöckchen“, womit er meint, dass sich die Menschen zu sehr reizen lassen. Er hält es mit Marx, wenn er sagt, dass große Verbände wichtiger seien als Individuen. Das gelte vor allem dann, wenn ein System in sich fest sei. Das amerikanische System stünde auf einer festen Grundlage und die US-Demokratie werde mit Trump fertig, so wie sie auch mit Nixon fertiggeworden sei. Die Probleme hätten nicht mit Trump begonnen und würden auch nicht mit Trump aufhören. Vielmehr seien sie geopolitischer Natur und würden uns auch noch nach Trump beschäftigen. Ebenfalls unter geopolitischen Gesichtspunkten erklärt Gujer den Unterschied im Verhältnis Großbritanniens mit den USA bzw. mit Europa – auch und gerade im Hinblick auf China: Auch nach dem BREXIT tue Großbritannien gut daran, sich mit den anderen europäischen Ländern zusammenzutun und mit einer Stimme zu sprechen – schwierig, aber nicht unmöglich. Da man sich auf derselben Landmasse wie China befinde, werde man immer ein anderes Verhältnis zu dieser Nation haben, als die USA. Zur Haltung der Schweiz zur bisweilen menschenverachtenden Politik Chinas betont der Journalist den Grundsatz der Neutralität. Man verabschiede keine Sanktionen, agiere aber wenigstens nicht als Sanktionsbrecher. Natürlich gebe es in der Schweiz Stimmen, die fordern, etwas gegen die menschenverachtende Politik Chinas zu unternehmen. Aber Moral und Außenpolitik seien zwei Dinge, die in der Schweiz nicht natürlich miteinander verbunden seien. Als kleines Land sei man schon immer Spielball der Großen gewesen und sei damit beschäftigt zu überleben. Hier könne man durchaus von „Cherry picking“ sprechen. Es sei eine Frage guter staatsmännischer Kunst, sich die richtigen Kirschen rauszupicken.

Das rege Interesse der Studierenden am Selbstbild der Schweiz im internationalen Gefüge, an der Sicht der Schweiz auf andere Akteure und nicht zuletzt an der Rolle, in der sich der Journalismus sieht, zeigt, wie wichtig es war, diesen Gast einzuladen. In seinem Schlusswort betonte Stephan Bierling, wie spannend es sei, die internationale Politik aus einem anderen Blickwinkel, aber mit viel Verständnis zu betrachten und sprach eine herzliche Einladung an Eric Gujer aus, im nächsten Jahr wieder Gast seiner Vorlesung zu sein.

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