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Donald Trump im Weißen Haus. Eine Bilanz

Interview mit Prof. Stephan Bierling über sein neues Buch, das die Präsidentschaft von Donald Trump beleuchtet


27. August 2020

Jan Kleine: Herr Prof. Bierling, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben und mit mir über Ihr neues Buch sprechen: „America first. Donald Trump im Weißen Haus. Eine Bilanz“ ist dieser Tage im C. H. Beck-Verlag erschienen. Vor dem Hintergrund des Parteitags der Demokraten in der vergangenen Woche und dem der Republikaner in dieser Woche ein nahezu perfekter Moment, um über diese Thematik zu sprechen. Freundlicherweise hatte ich ja bereits vorab die Gelegenheit, das Werk zu lesen und habe dies mit großem Interesse getan. Gleich zu Beginn schreiben Sie in den Eingangsworten, die betitelt sind mit „Ein Brandstifter als Präsident“, das erstaunlichste an Trump sei, dass er gegen so gut wie jede etablierte Regel der amerikanischen Politik verstoßen und diesen Regelverstoß sogar zum Markenzeichen gemacht habe. Gleichzeitig machen Sie deutlich, dass die Umfragewerte trotzdem über einen langen Zeitraum sehr stabil geblieben sind. Mehr als 90 Prozent derer, die ihm 2016 ihre Stimme gegeben haben, würden dies wieder tun. Wie passen diese paradox wirkenden Gegensätze zusammen? Wie hat das „Phänomen Trump“ also funktioniert?

Prof. Dr. Stephan Bierling: Wenn man amerikanische Politik näher betrachtet, ist es faszinierend zu sehen, wie ein 230 Jahre altes Staatswesen mit einer so hauchdünnen Verfassung überleben kann, die überdies in dieser langen Zeit kaum geändert worden ist. Wir Deutschen kennen ja unser Grundgesetz: sehr detailliert, sehr umfassend, sehr stark mit Exegese versehen, sehr oft geändert. Für uns ist es schwer vorstellbar, dass in einem System wie den USA eben nicht immer das geschriebene oder interpretierte Wort die Grundlage des demokratischen Arbeitens ist. In den USA sind es vielmehr etablierte Normen, Traditionen und Rituale, die das Staatswesen zusammenhalten. Das galt für alle demokratischen und republikanischen Präsidenten der Vergangenheit, man hat sich an bestimmte Grundregeln des Wahlkampfs, der Debattenkultur, des Umganges mit den Bürgern, des Zugehens auf die andere Seite, des Umgangs mit der Macht gehalten. Bei Trump ist dies nun völlig anders. Trump ist ein Regelbrecher par excellence, das sieht man auch schon daran, dass er als erster Präsident in der 230-jährigen amerikanischen Geschichte weder ein militärisches noch ein politisches Amt innehatte, in welchem er auf die Spielregeln des Systems eingenordet worden wäre, bevor er gewählt wurde. Sein großer Wahlkampfhit war ja gerade, mit den etablierten Regeln zu brechen. Dies vor allem vor dem Hintergrund, dass eine große Gruppe der Amerikaner mit diesem System auf Kriegsfuß stand und steht und sich im Weißen Haus jemanden wünscht, der gegen Washington, gegen die liberalen Eliten der Küsten in einen Kulturkrieg ziehen würde. Trump hat das zum Kern seines Wahlkampfes gemacht und damit wider Erwarten eine Mehrheit der Wahlmännerstimmen bekommen.

In seinen knapp vier Jahren im Weißen Haus ist es ihm gelungen, die drei großen Gruppen, die seine Wahl ermöglicht haben, noch fester an sich zu binden. Das sind zum einen die klassischen Wirtschaftsliberalen, also Unternehmer und Kleingewerbetreibende, die auf der republikanischen Seite sind, weil sie gegen Regulierung, gegen neue Auflagen im Sozialsystem und gegen Umweltschutz und für weniger Steuern sind. Als zweite wichtige Wählergruppe hat er die Evangelikalen an sich gebunden, was wirklich erstaunlich ist, denn wie schafft es jemand, der aus New York kommt bei, bei der dritten Ehefrau angelangt ist, ein sicherlich nicht bibeltreues Leben führt, sein Geld zum Teil im Casinogewerbe verdient hat, zum Kandidaten der Evangelikalen zu werden? Zum Kandidaten jener fundamentalistischen Christen, die in der Verweltlichung Amerikas eine Bedrohung und in der Abtreibungsfrage die größte Gefahr sehen. Für diese Klientel hat er sich als Retter, als Vorkämpfer positioniert: Trump würde das alte Amerika der Fünfzigerjahre, als der weiße männliche Christ der zentrale Bezugspunkt der Gesellschaft war, verteidigen, komme was wolle. Es ist ihm gelungen, den Evangelikalen genau das zu geben, was sie wollten.

Jetzt kommen wir zu der Gruppe, die für mich am interessantesten ist, weil sie keine traditionelle republikanische Wählergruppe war: Die Trumpisten oder Wutbürger, bestehend zum Teil aus früheren Nicht-Wählern, zum Teil aus von den Demokraten enttäuschten Leuten, aus Bürgern wie ehemaligen Fabrikarbeitern, über die der dramatische gesellschaftliche und wirtschaftliche Wandel hinweggefegt ist. Sie alle lassen sich als Personen beschreiben, die sich im etablierten politischen System nicht mehr aufgehoben fühlten und deshalb auf jemand setzten, der das System ja nicht nur reformieren, sondern grundsätzlich umzugestalten versprach. Diese drei Gruppen hat Trump so auf sich eingeschworen, dass er immer zwischen 40 und 45 Prozent Zustimmung in seiner ganzen Amtszeit hatte. Er hatte nie eine Mehrheit der Amerikaner hinter sich – das war ja schon bei der Wahl nicht der Fall – aber diese Leute gingen ihm auch während der schlimmsten Krisen nicht von der Fahne.


Herr Professor Bierling, im ersten Kapitel Ihres Buches schreiben Sie, obwohl Trump einer der am einfachsten tickenden Präsidenten der amerikanischen Geschichte ist, lohne sich eine Auseinandersetzung mit ihm doch, weil seine Präsidentschaft und sein Handeln viel Aussagekraft über den Zustand und die Belastungsgrenzen der amerikanischen Demokratie haben. Ihr Buch beleuchtet also nicht nur die Person Trump und seine Art das Präsidentenamt auszufüllen, sondern auch die Entwicklung der Demokratie in den USA und ihren jetzigen Zustand?

Das war der Anspruch. Es existieren ja sehr viele Bücher von Personen aus Trumps unmittelbarem Bekannten- und Arbeitskreis, die ausscheiden und dann die gesammelten schrecklichen Dinge, die sie erlebt haben, preisgeben. Außerdem gibt es Hintergrundbücher, zum Beispiel von Bob Woodward, dem Meister des investigativen Journalismus von der Washington Post. Was es aber bisher nicht gab, ist der Versuch, die Trump-Präsidentschaft mit all ihren Unsäglichkeiten politikwissenschaftlich und historisch einzuordnen. Eine Frage, die sich durch das ganze Buch zieht, ist: Hält diese seit 230 Jahren funktionierende politische Demokratie der USA jemanden wie Trump aus? Oder kommt sie an ihre Belastungsgrenzen? 

In der Tat gibt es immer wieder Beispiele, wo sich Trump als Mann mit autoritären Instinkten erweist, wo er sich nicht sonderlich von Putin oder von Erdogan unterscheidet, aber: Das amerikanische System widersetzt sich ihm im Letzten doch und versucht, ihn einzuhegen. Das gelingt nicht perfekt, aber es gelingt zu einem guten Teil – und jeder trägt ein bisschen dazu bei, der Kongress, die Justiz, die Bürokratie, die Medien. Am wenigstens allerdings der Kongress, gerade in den ersten beiden Amtsjahren war der er als Gegenmacht zum Präsident außer Kraft gesetzt, da er in diesem Zeitraum in beiden Häusern republikanische Mehrheiten hatte und die Republikaner sich Trump fast völlig unterworfen haben. Das Aufzeigen von Grenzen ist auch weniger den Medien zu verdanken, denn in diesem Bereich hat sich Trump mithilfe seiner Twittermeldungen, durch FOX News und Breitbart sein eigenes Medienbiotop geschaffen. Auch die Gerichte haben nur ein bisschen zu seiner Einhegung beigetragen. Zwar gab es auf Ebene der Bundesgerichte, also bei Berufungsrichtern oder bei Bundesrichtern, Widerstand gegen Trump‘sche Initiativen, aber der Supreme Court ist nicht als wirkliches Gegengewicht zu ihm aufgetreten, nicht zuletzt aufgrund der zwei neuen rechten Richter, die auf Trump eingeschworen sind.

Was also hat sich Donald Trump am stärksten entgegengestellt? Das war der Föderalismus, getragen von zumeist demokratisch, aber auch von einigen republikanisch dominierten Bundesstaaten und vielen großen Städten. Das zeigt, wie wichtig vertikale Gewaltenteilung ist, die Widerstand gegen einen Machtanspruch der Zentrale – verkörpert durch Trump – leisten. Vergleichen wir die USA mit der Türkei oder mit Russland, sehen wir, dass diese föderalen Strukturen hier in sehr viel geringerem Maße existieren. Russische Bezirksgouverneure zum Beispiel werden von Putin selbst eingesetzt.


Das erste Kapitel Ihres Buchs beleuchtet die Stationen im Leben von Donald Trump: Elternhaus, Universität, Einstieg ins Geschäftsleben, Berührungspunkte mit der Politik. Sie sagen, dass Besondere an Trump ist, dass er bis zu seiner Präsidentschaft nie ein Amt im Militär oder in der Politik bekleidet hat. Für mich scheint es aber, als habe er seinen Weg zum Präsidentenamt doch länger geplant oder vorbereitet, als gemeinhin angenommen. Würden Sie diesem Eindruck zustimmen?

Er hat schon vor 2015 ab und zu mit dem Gedanken gespielt, als Präsident der Vereinigten Staaten zu kandidieren. Aber wie vieles bei Trump hat man das für seine typische Großmäuligkeit genommen. Selbst als er 2015 im Trump Tower seine Präsidentschaftskandidatur ankündigte, hatte er weder gute Berater, noch ein eingespieltes Wahlkampfteam, noch Finanzmittel. Es war also ein Trial-and-Error-Verfahren, ein typisches Verhalten für diesen Mann, der zur strategischen langfristigen Planung nicht fähig ist. Aber er kann Gefühle und Stimmungen in der Bevölkerung fantastisch lesen, was er vor allem als Host seiner sehr erfolgreichen Castingshow „The Apprentice“ gelernt hat. Sein ganzer Wahlkampf bestand im Grunde aus ihm, seinem Flugzeug und seinem Twitter-Account. Dass er damit alle etablierten Regeln, wie man sich als Präsidentschaftskandidat profilieren muss, außer Kraft gesetzt hat – das war sein Geniestreich. Dazu zählt auch, dass er seine Chance genutzt hat, um im Zuge der Tea-Party-Bewegung als Rechtspopulist bei den Republikanern einzusteigen – und das als völliger politischer Außenseiter, den bis heute inhaltlich nicht viel mit der Republikanischen Partei verbindet. Er brachte seinen Fuß in die Tür, kaperte die Partei und zog dann mit diesem Apparat ins Weiße Haus ein.


Eine Trump-Fahne aus dem Wahlkampfjahr 2016; Foto: ©iStock.com/LPETTET



Das föderale System der USA hat es vermocht, einiges wieder aufzufangen, was Trump in falsche Bahnen gelenkt hat oder was er zum weiteren Ausbau seiner persönlichen Macht hätte nutzen können. Im vorletzten Kapitel Ihres Buches schreiben Sie, dass es sogar ein paar wenige innenpolitische Erfolge Trumps gab. Halten Sie es für möglich, dass seine Versäumnisse, seine insgesamt dürftige politische Bilanz ohne sein offensichtlich unzulängliches Krisenmanagement während der Corona-Pandemie in den Hintergrund getreten wäre?

Genauso würde ich das sehen. Auf der einen Seite ist ihm wirklich gelungen, für die drei eingangs genannten Wählergruppen einiges zu erreichen. Er hat sich aber nie bemüht, als Landesvater für alle Amerikaner aufzutreten, auch für die, die ihn nicht gewählt haben. Darum ging es ihm nie und auch das ist völlig neu in dieser Präsidentschaft.

Gesetzgeberisch war es keine sehr produktive Amtszeit. In den ersten zwei Jahren hat er einige Punkte seiner Agenda durchgekriegt, zum Beispiel die Steuerreform, aber er ist mit der Abschaffung von Obamacare gescheitert – was ja ein großes Ziel war. Nachdem Anfang 2019 das Repräsentantenhaus demokratisch geworden ist, hat er bis zum Ausbruch der Pandemie keine einzige bedeutende Gesetzesinitiative mehr durch den Kongress gebracht.

Die Pandemie ist für Trump vor allem eine vertane Chance, denn Corona hätte ihm die Möglichkeit gegeben, von dieser doch recht dürftigen Bilanz seiner Amtszeit abzulenken. Viele Politiker haben diese Chance genutzt, denken Sie zum Beispiel an den bayerischen Ministerpräsidenten Söder, der durch seine engagierte Anti-Corona-Politik zwischenzeitlich auf 94 Prozent Zustimmung gekommen ist; denken Sie an Angela Merkel, die am Ende ihrer letzten Amtszeit noch mal Aufwind bekommen hat, weil sie Corona recht gut managt; selbst für den italienischen Premierminister und für den französischen Präsidenten sind die Zahlen der öffentlichen Zustimmung nach oben gegangen. Hätte Trump in dieser Zeit kompetente, entschlossene, empathische Führung gezeigt, bin ich mir sicher, dass er exzellente Wiederwahlchancen gehabt hätte. Doch in seinem Fall hat die Pandemie offengelegt, dass Amerika gerade keinen Präsidenten vom Format eines Washington, Lincoln oder Roosevelt im Weißen Haus hat, sondern einen sowohl charakterlich als auch führungstechnisch völlig überforderten Amtsinhaber. Diese Tatsache ist auch bei einem Teil seiner Anhänger angekommen. Ende März, Anfang April 2020 lagen die Zustimmungsraten für Trump bei fast 50 Prozent. Durch sein katastrophales Missmanagement der Corona-Pandemie ist er auf seine 40 bis 45 Prozent zurückgefallen und aus diesem Korsett wird er – solange Corona das dominierende Thema der amerikanischen Politik bleibt – nicht mehr herauskommen.


Wenn man jetzt eine Bilanz zieht, wie groß würden Sie vermuten ist der Schaden insgesamt, der durch Trump für das politische System auf internationaler Ebene, auf nationaler Ebene und ganz konkret für die Partei der Republikaner entstanden ist?

Diese drei Ebenen sind eine sehr gute Unterscheidung, denn die Bilanz fällt tatsächlich jeweils anders aus: Innenpolitisch hat Trump die massivste parteipolitische Polarisierung in der amerikanischen Geschichte vorgefunden - und sie weiter verstärkt. Er hat Amerika in zwei Stämme gespalten, davon wird der gesamte innenpolitische Diskurs heute so massiv überlagert, dass normale Kompromissfindung, wie es im politischen Gewerbe erforderlich ist, kaum mehr möglich ist. Er hat die Funktionsfähigkeit des politischen Systems mit seinen autoritären Instinkten aufs schwerste beschädigt.

Parteipolitisch hat er es jedoch geschafft, die demografische Veränderung mit seiner Strategie der Mobilisierung von Weißen aus der schlechter ausgebildeten Mittel- und Unterklasse auszuhebeln. Das hatte niemand so richtig auf der Rechnung, der Konsens war: Wenn die Republikaner in den USA dauerhaft überlebensfähig bleiben wollen, müssen sie sich den boomenden Gruppen stärker öffnen: den Hispanics, den besser Ausgebildeten und den Asian Americans. Trump hat die Republikaner auf eine Strategie aus den 1950er Jahren eingeschworen und diese Strategie zu revidieren, wird nicht leicht werden. Wir wissen, dass junge Leute zwischen 18 und 30 Jahren Wahlpräferenzen entwickeln, an denen sie fast ihr ganzes Leben lang festhalten, und diese Generation hat Trump in die Arme der Demokraten getrieben. Gleichzeitig schrumpft die typische Trump-Wählerschaft als Anteil an der Gesamtbevölkerung. Mit der rückwärtsgewandten Fixierung auf Strategien, die angesichts der demografischen Entwicklung eigentlich überlebt sind, hat Trump seiner Partei langfristig gesehen einen Bärendienst erwiesen.

Außenpolitisch hat Trump natürlich eine sehr schwierige Lage vorgefunden, denn Amerika war geschwächt: Wegen des Aufstiegs Chinas, wegen der hyperaggressiven Politik Russlands, wegen eigener massiver Fehler, Beispiel Irakkrieg. Zudem hatte er keinerlei strategisches Verständnis für die Erfordernisse Amerikas im 21. Jahrhundert. Seine Idee von „America first“ und „Make America great again“ sind im Grunde Dinge, die von der Terminologie her schon aus dem letzten Jahrhundert kommen. „America first“ war ein Slogan, den Lindbergh in den 1930er Jahren nutzte, um gegen den Kriegseintritt der Amerikaner gegen Nazi-Deutschland zu wettern. „Make America great again“ war ein Slogan von Ronald Reagan, der aber zu einer völlig anderen Zeit gebraucht wurde, nämlich als Reagan in der Endphase des Kalten Kriegs die torkelnde Sowjetunion ökonomisch, politisch und militärisch in die Defensive drängte. Diese Slogans sind nicht mehr angemessen für die heutige Welt, denn angesichts der Verschiebung im globalen Machtgefüge ist wirtschaftliche Stärke nicht unbedingt das größte Pfund, das die USA gegenüber Rivalen wie China und Russland auf die Waagschale bringen können. Wahrscheinlich auch nicht mehr die militärische Stärke, obwohl die USA den anderen hier immer noch deutlich überlegen sind. Tatsächlich ist es die Stärke der Allianzen und das von den Amerikanern in 70 Jahren etablierte Bündnissystem. Die Amerikaner arbeiten heute mit fast 70 Ländern in kollektiven oder bilateralen Bündnisverträgen aufs engste zusammen. Sie haben dutzende von Basen auf dem ganzen Planeten, die bei Bündnispartnern angesiedelt sind. Das ist das Pfund, mit dem Amerika wuchern müsste, um seine weltpolitische Stellung zu konservieren und um in enger Abstimmung mit Bündnispartnern den Zerstörern der liberalen Weltordnung in Moskau und in Peking entgegenzutreten. Trump jedoch spielt Russland und China in die Hände, wenn er die Allianzen der USA schwächt, indem er keine langfristige Perspektive an den Tag legt, indem er sich immer wieder aus persönlichen Motiven als Putins Pudel geriert oder indem er sich in der Auseinandersetzung mit China nur einen kleinen Teil, nämlich die Handelsbilanz, als Problem vornimmt. Da gibt es ganz andere Probleme, von denen er aber keinerlei Ahnung hat, weil ihm das politische Grundverständnis für Weltpolitik fehlt.


Ihr Buch endet mit dem Ausblick auf die Präsidentschaftswahlen in den USA am 3. November 2020. Gehen wir mal davon aus, dass die Präsidentschaft Trumps im November 2020 enden und Joe Biden als 46. Präsident folgen wird. Wie sehen Sie die Voraussetzung für eine kommende Präsidentschaft der Demokraten? Wie kann sich Biden von dem abgrenzen, was Trump gemacht hat und wie schwierig sind die Rahmenbedingungen in der jetzigen Zeit, vor allem in Hinblick auf die vermutlich weiter andauernde Corona-Pandemie?

Ich bin heute noch überzeugter, dass Joe Biden Präsident wird, als ich vor vier Jahren überzeugt war, dass Hilary Clinton Präsidentin wird (lacht). Die Umfragen sind stabiler für Biden, der Abstand zu Trump ist höher. Vor allem in den wichtigen Swing States liegt er deutlich vor Trump. Aber ich habe beim letzten Mal drei Flaschen Brunello bezahlt, weil ich mich verwettet hatte… Die Zukunft ist offen, ich kann danebenliegen. Aber nehmen wir an, dass Biden am 3. November gewählt wird und am 20. Januar nächsten Jahres ins Weiße Haus einzieht. Dann wird, glaube ich, vor allem der neue Ton den größten Unterschied zu Trump machen. Meiner Meinung nach sind die Amerikaner mehrheitlich erschöpft von der Inkompetenz, den Lügen, der Heuchelei, der Selbstglorifizierung des Amtsinhabers. Und da wird mit Biden jemand auftreten, der schon einen ganz anderen Ton hat: nicht den aggressiven, spalterischen, zum Teil gemeinen Ton Donald Trumps, sondern den Ton einer Person, die bestrebt ist, Rationalität, Kompetenz und auch eine gewisse Demut ins Weiße Haus einziehen zu lassen. Damit wird noch kein einziges der Probleme gelöst, aber das Zutrauen in die Führungsfähigkeit einer Regierung ist ganz zentral, und die hat Trump bei der Mehrheit der Amerikaner auf schwerste erschüttert.

Die konkreteste Herausforderung wird auch nach dem 20. Januar die Corona-Pandemie sein. Vielleicht hat Biden das Glück, dass schon im Sommer 2021 ein Impfstoff gefunden wird. Aber er hat jetzt schon angeregt, dass eine Maskenpflicht eingeführt wird – auch wenn er das selbst nicht durchsetzen kann, weil es Sache der einzelnen Bundesstaaten ist. Aber natürlich ist es völlig illusorisch zu glauben, dass die Pandemie damit enden wird. Wir sehen das ja auch in Deutschland oder in Spanien oder in anderen Ländern mit sehr rationalen, vernünftigen Regierungen – und selbst Neuseeland, das fast die Pandemie besiegt hatte. Sowas kann immer wieder ausbrechen. Da ist Zufall im Spiel. Und das Verhalten der Bevölkerung ist nicht beliebig steuerbar in Demokratien. Aber zumindest das Gefühl, dass sich jemand der großen Sorgen vieler Amerikaner annimmt und sie nicht nur sozusagen als politisches Stimmvieh missbrauchen will, dass wird, glaube ich, den Unterschied machen in einer Biden-Präsidentschaft.


Würde im Januar 2020 Joe Biden ins Weiße Haus einziehen, wäre er der älteste gewählte Präsident der Vereinigten Staaten. Ist Biden trotz oder vielleicht sogar wegen seines Alters der richtige Kandidat – eine Art Übergangspräsident, der mit politischen System vertraut ist und etablierter als es ein ganz frischer Demokrat der jüngeren Generation und oder die erste weibliche Präsidentin wäre?

Biden wäre in der Tat der älteste Präsident in der amerikanischen Geschichte. Biden hat seine „senior moments“, seine „Rentnermomente“, wo er Dinge vergisst und Sätze nicht zu Ende führt. Übrigens hatte er auch schon in jungen Jahren immer mal wieder kleine Aussetzer in Debatten. Er hat nicht das Standing eines frischen, innovativen Mannes, der die Partei in die Zukunft führen wird. Aber Biden ist der beste Kandidat, den die Demokraten aufstellen konnten, weil er der letzte ist einer Generation, einer der noch die gesamte Partei verkörpern kann: Eine Partei, die zunehmend in Partikularinteressen zerfällt. Da haben Sie die Schwarzen, dann haben Sie die Hispanics, da haben Sie die Feministinnen, da haben Sie die Umweltschützer, da haben Sie die Bernie Sanders-Linken, überhaupt diese unglücksselige Identitätspolitik, wo man sich nicht mehr als Individuum, sondern als Angehöriger einer Gruppe definiert. Diese Gruppen können zum Teil überhaupt nicht miteinander. Für Biden gilt, dass er noch aus der Generation von Bill Clinton stammt, die für die gesamte Partei eine Mantelfunktion hat. Das bringt ihn in diese außergewöhnliche Position, sich als Übergangspräsident definieren und seine Präsidentschaft als Stabübergabe an die nächste Generation der Demokraten sehen zu können.

Ich würde mich nicht wundern, wenn Biden wirklich nur eine Amtszeit machen würde, und das wäre wirklich außergewöhnlich in der 230-jährigen Geschichte der USA. Mir ist kein anderer Präsident bekannt, der mit der Absicht, nur eine Amtszeit zu machen, angetreten ist. Es wäre vergleichbar mit dem Rücktritt Papst Benedikts XVI., der größten Leistung seiner Amtszeit. Wie wichtig dieser Weg ist und wie schnell er beschritten werden kann, zeigt die Nominierung von Kamala Harris als Kandidatin für das Amt der Vizepräsidentin. Sie ist schwarz, von mütterlicher Seite Inderin, weiblich. Das sind Dinge, die vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren eher als Ausschlusskriterium für eine Kandidatur gewertet worden wären. Heute ist Harris mehrheitsfähig und im besten Sinne eine „gewöhnliche“ Kandidatin – und ihre Kandidatur verkörpert diesen von mir schon genannten demografischen und weltanschaulichen Wandel in den USA. Zum Vergleich: Geraldine Ferraro ist in den 1980er Jahren bei den Demokraten als Vizepräsidentschaftskandidatin von Kandidat Mondale angetreten – das wurde damals als billiger Versuch gewertet, die weibliche Wählerschaft auf seine Seite zu bekommen. Einen schwarzen Vizepräsidentschaftskandidaten gab es überhaupt noch nicht. Auch das hätte bis vor einiger Zeit eher als Schwäche gewertet werden können. Dass die Entscheidung für Kamala Harris jetzt als Establishment-Kandidatur, als wenig überraschende Kandidatur, als die sicherste Wahl angesehen wird, auf die Biden setzen hat können, das sagt eine Menge über die Veränderung Amerikas.

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Lassen wir dieses Interview optimistisch enden: Vielleicht hat Trump über seine Rückwendung in die 1950er Jahre zwar viel Negatives und Zerstörerisches für die amerikanische Demokratie angerichtet. Aber wenn er am 3. November wirklich abgelöst wird, dann könnte man das vielleicht auch als Weckruf für die Demokratie sehen, als Weckruf auch für die Demokraten, endlich wieder zusammen zu arbeiten und nicht in viele Fraktionen zu zerfallen. Allerdings müssen die Demokraten nachweisen, dass sie den Trump-Wählern ein attraktives Angebot machen können und sie nicht wie Obama und Hillary Clinton links liegen lassen und sogar noch verspotten. Denn wenn sie genauso spalterisch nur auf linke und absonderliche Themen setzen, wie es im Vorwahlkampf manchmal der Fall war, dann versündigen auch sie sich am politischen System der USA. Dieses System hat sich im Letzten immer auch darin ausgezeichnet, dass es Parteien mit Massenappeal produzierte. Das wird die große Aufgabe der Demokraten: Nicht nur Partei für die 53 Prozent sein, die sie vielleicht am 3. November ins Weiße Haus bringen werden, sondern eine Partei, die das gesamte Amerika repräsentieren will. Dies wäre DAS große Vermächtnis, das Biden seiner Partei einbläuen sollte.


Professor Bierling, haben Sie vielen Dank für Ihre Zeit und dieses Interview. Vielen Dank außerdem für das sehr interessant zu lesende Buch, bei dem man – selbst wenn man dachte, man wisse schon einiges über Trumps Präsidentschaft – doch noch einiges lernen kann.


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