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Wie werden unsere moralischen Entscheidungen beeinflusst?

Psycholog:innen der UR untersuchen Auswirkungen von Stress, sozialer Nähe und Zeit auf die moralische Entscheidungsfindung in Alltagssituationen


17. Dezember 2020

Helfe ich einer alten Frau, der die Einkäufe heruntergefallen sind, und verpasse dafür meinen Zug zur Arbeit? Bleibe ich daheim, um für eine Klausur zu lernen, obwohl ich meinem Partner versprochen habe, zu einer Verabredung mitzukommen? Moralische Entscheidungen gehören zum alltäglichen Leben. Aber welche Auswirkungen haben soziale Nähe und Zeitpunkt dieser Entscheidungen, wenn man akutem Stress ausgesetzt ist? Diese Fragen haben Wissenschaftler:innen am Lehrstuhl für Psychologie (Medizinische Psychologie, Psychologische Diagnostik und Methodenlehre) der Universität Regensburg untersucht. Die Ergebnisse der Studie wurden jetzt in der Fachzeitschrift Stress veröffentlicht.

Dass Stress Auswirkungen auf moralische Entscheidungen hat, ist durch psychologische Studien inzwischen belegt. Das Team um Prof. Dr. Brigitte Kudielka hat nun das Zusammenspiel von akutem psychosozialen Stress, sozialer Nähe und Zeitpunkt der Entscheidungen auf die Entscheidungsfindung bei alltäglichen moralischen Konfliktszenarien untersucht. Dafür haben die Forscher:innen gesunde Männer zwischen 18 und 37 Jahren in zwei Versuchsgruppen unterteilt. Die eine Gruppe wurde moderatem psychosozialen Stress mit dem Trierer Sozial Stress Test (TSST) ausgesetzt. Die Kontrollgruppe durchlief eine stressfreie Placebo-Version des Tests (PTSST). Beide Versuchsgruppen wurden dann zu einem frühen (+10 bis +30 min) und einem späten Zeitpunkt (+75 bis +95 min nach (P)TSST Exposition) mit alltäglichen moralischen Konfliktszenarien konfrontiert. Um zusätzlich die Auswirkungen des Stresses auf die Entscheidungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu erfassen, wurde wiederholt der Cortisol-Spiegel im Speichel gemessen.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die Probanden in der Stressbedingung bedeutsam häufiger altruistisch entschieden haben als die Probanden in der Kontrollbedingung. Zudem trafen die Teilnehmer mehr altruistische Entscheidungen, wenn in den Konfliktszenarien sozial nahestehende Personen, wie die eigene Mutter, betroffen waren und nicht etwa fremde Personen. Einflüsse des Zeitpunkts der Entscheidungsaufgabe zeigten sich erst bei weiterführenden Analysen. Diese lieferten Hinweise auf vermehrte altruistische Entscheidungen nach akuter Stressexposition nur zum frühen Zeitpunkt und nur gegenüber sozial nahestehenden Personen. Dieses Ergebnis stützt die sogenannte Tend-and-Befriend Hypothese, welche postuliert, dass einige Tiere und auch Menschen als Reaktion auf Bedrohungen den Schutz ihrer sozialen Gruppe zur gegenseitigen Verteidigung suchen“, so Nina Singer, Leiterin der Studie. Darüber hinaus zeigten die Daten positive Zusammenhänge zwischen altruistischen Entscheidungen, psychologischen Stressreaktionen und bestimmten Persönlichkeitsfaktoren. Damit verdeutlicht die Studie, dass akuter Stress die Entscheidungsfindung in alltäglichen moralischen Konfliktsituationen in prosozialer Weise beeinflusst.

Originalpublikation:

Singer, N., Binapfl, J., Sommer, M., Wüst, S., & Kudielka, B.M. (2020). Everyday moral decision-making after acute stress exposure: do social closeness and timing matter?, Stress. https://doi.org/10.1080/10253890.2020.1846029


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