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Headset, Kamera, Licht und LAN

Über die Begutachtung von DFG-Verbund-Projekten in Corona-Zeiten


12. Januar 2021 | Foto © Oliver Bosch/UR

Corona und sozialer Stress – spätestens seit März 2020 ein Begriffspaar, das viele in den unterschiedlichsten Varianten kennengelernt haben. Das Graduiertenkolleg (GRK) 2174  „Neurobiology of Social and Emotional Dysfunctions“ an der Universität Regensburg, das seit 2017 von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird, beschäftigt sich mit den neurobiologischen Grundlagen von psychischer Gesundheit und trägt zu neuen Erkenntnissen über sozialen und emotionalen Stress und daraus resultierenden Erkrankungen bei. „Mental Health“ ist im Jahr 2020 vielen ein Begriff geworden: Corona hat den Lebensalltag und insbesondere unser Sozialverhalten massiv verändert. So auch an den Universitäten und in der Forschung, wo virtuelles Miteinander eine zunehmende Rolle spielt.



Für das Graduiertenkolleg um Inga Neumann gab es im Dezember 2020 einen Stress-Moment der besonderen Art: Die Begutachtung des Verlängerungsantrags des von ihr geleiteten Graduiertenkollegs durch ein halbes Dutzend Fachgutachter:innen und weitere Fachvertreter:innen der DFG, die normalerweise an den Universitäten vor Ort erfolgt und auf deren Ergebnissen die Entscheidung über eine finanzielle Weiterförderung basiert. In „normalen“ Zeiten hätten sich dafür alle Beteiligten für zwei Tage an der Universität Regensburg getroffen, mit der Möglichkeit zum direkten Austausch über die Ergebnisse der ersten Förderperiode und angestrebte Qualifizierungs-Maßnahmen in der Verlängerungsphase des Graduiertenprogramms, und zur wissenschaftlicher Diskussion mit den Doktorand:innen, in kleinen und größeren Gruppen, formell im Konferenzmodus, vor den Postern und in den Kaffeepausen. 2020 war alles anders.


Das neue und komplett virtuelle Format der Begutachtung, in der sich Principal Investigators (PIs), also die leitenden Forscher:innen und Betreuer:innen, sowie ihre Doktorand:innen und Postdocs mit ihren Projekten und Ergebnissen einer Begutachtung stellen, war eine neue Erfahrung für alle Kolleg-Beteiligten, berichtet die Neurobiologin Professorin Dr. Inga Neumann. Zu den inhaltlichen Herausforderungen des Verlängerungsantrags traten neue organisatorische und medientechnische Momente.


Wer im GRK-Programm der DFG erfolgreich sein will, muss hohen wissenschaftlichen Ansprüchen an Qualität und Originalität der Forschung genügen. Dies schließt ein weiteres wichtiges Kriterium ein - die Interdisziplinarität; die Mitglieder des GRK 2174 kommen aus drei Fakultäten der UR und schließen Wissenschaftler:innen aus Biologie, Biochemie, Psychiatrie und Psychologie ein. Ein unmittelbar auf das Forschungsprogramm bezogenes Qualifizierungsprogramm für die Doktorand:innen mit innovativen Lehr- und Betreuungselementen, die über die üblicherweise im Promotionsstudium gebotenen Veranstaltungen deutlich hinausgehen, gehört ebenfalls zu einem erfolgreichen Antrag.


Aber die Vor-Ort-Begutachtung ist letztlich immer der Knackpunkt: Hier darf nichts schiefgehen. So manch guter Antrag kann dabei noch gekippt werden, weiß Inga Neumann. Daher stellte das neue digitale Format der Begutachtung eine besondere Herausforderung für das GRK-Team dar.


 „Technisch waren die Dinge komplex, aber machbar“, sagt Inga Neumann, auch, weil das Rechenzentrum der UR ausgezeichnete Hilfestellung geleistet habe. Neben den vielen inhaltlichen und wissenschaftlichen Fragen, zu denen man sich vor einer Begutachtung abstimmen muss, galt es, 45 Personen, Doktorand:innen des GRK, assoziierte Postdocs und Doktoranden, PIs, Mitglieder der Universitätsleitung und Kooperationspartner:innen passend zusammenzuschalten, um ein gutes Gesamtbild abzugeben. Hat jeder eine zuverlässige LAN-Verbindung? Passt bei jeder die Position vor der Webcam? Stimmt das Licht? Funktioniert das Headset? Und wie schaltet man im WEBEX-Programm von Posterpräsentation auf Diskussions-Modus? Damit nicht zuletzt auch die berühmten Kinn-Nasen-Ansichten und Deckenbilder von Wohnungen und Büros vermieden wurden, probte das Kolleg im Vorfeld immer wieder. Von Vorteil, freut sich die Professorin, war, dass man sich gut kennt und ein prima Teamspirit im GRK die Dinge sehr erleichterte. Und eine corona-konforme Verpflegung an den Probetagen in Form von Pizza, Nüssen, Snacks und Mandarinen unterstützte die Motivation weiter.

Der Shutdown am 16. Dezember 2020 (also am Tag der Begutachtung) machte eine kurzfristige räumliche Umplanung nötig, Kleingruppen mussten neu arrangiert werden, und es galt zu klären, wer von welchem Tisch aus teilnimmt, ob die Abstandsregeln in den Übertragungsräumen eingehalten werden können, und ob auch in den neuen Räumen wieder alle bereits etablierten Faktoren stimmen: Headset, Kamera, Licht und LAN…


Gab es auch Vorteile des ungewöhnlichen Formats? Letztlich ist es die Zeitersparnis für die Gutachter, sagt Inga Neumann, da die Reisezeiten entfallen. Zudem ist die Begutachtung selbst kürzer und es entfallen Reise- und Hotelkosten. Dem gegenüber erweist sich in der virtuellen Welt einmal mehr das Fehlen des zwanglosen Vier-Augen-Gesprächs als gravierender Nachteil. Informelle Gespräche zwischen GRK-Mitgliedern und Gutachter:innen oder DFG-Mitgliedern in den Pausen oder vor den Postern seien wichtig, um weitere Hintergrundinformationen auszutauschen oder potenzielle Missverständnisse geradezurücken. Darauf musste man diesmal verzichten.


Trotzdem sei der soziale Zusammenhalt der „Truppe“, wie Inga Neumann das Kolleg augenzwinkernd beschreibt, auch in diesem Format gewachsen. Außerdem: „Wir haben nichts dem Zufall überlassen.“ So probten alle UR-Beteiligten - Betreuer:innen und Doktorand:innen -  ihre digitalen Auftritte mit „Schein-Reviewern“, die auch gern garstige Fragen stellen sollten. Niemand sollte sich scheuen, den Audio-Knopf zu drücken, um einen Diskussionsbeitrag zu leisten, niemand die Contenance beim virtuellen Auftritt verlieren.


Die gründliche Vorbereitung hat sich gelohnt. Von der Performance aller GRK-Mitglieder und insbesondere aller Early Career Scientists ist Inga Neumann begeistert. „Sie alle haben sich nicht nur im Vorfeld bei den zeitaufwendigen digitalen Vorbesprechungen enorm engagiert, sondern bei der Begutachtung fachliche Exzellenz und einen tollen Team-Spirit gezeigt“, äußert sie sich sehr zufrieden. „Für die jungen Wissenschaftler war es eine wertvolle Erfahrung, an einer solchen Verteidigung aktiv mitzuwirken und zugleich auch einmal ihre PIs schwitzen zu sehen“, lacht Inga Neumann, denn auch für die erfahrenen beteiligten Wissenschaftler:innen war das Procedere ausgesprochen stressig.


Auch von den Fachgutachter:innen der DFG habe es bereits viel Lob und ein erstes positives Feedback gegeben. So werden sie das GRK 2174 dem Hauptausschuss der DFG zur weiteren Förderung empfehlen. Die finale Entscheidung fällt im Mai. Dass die UR die technischen und personellen Kapazitäten für die Organisation solcher Veranstaltungen wird ausbauen müssen, dessen ist die Professorin sicher: „Darauf sollten sich wohl alle Universitäten zügig vorbereiten.“

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