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Die Dynamik der Personenmarkierung

Sprachwissenschaftlerin Dr. Linda Konnerth wirbt DFG-Förderung in Millionenhöhe ein


26. Januar 2021

Die Sprachwissenschaftlerin Dr. Linda Konnerth ist seit Herbst 2019 als Akademische Rätin am Regensburger Lehrstuhl für Allgemeine und Vergleichende Sprachwissenschaft tätig. Mit ihrer Forschungsarbeit zur Veränderbarkeit von Personenmarkern in der Südzentral-Gruppe der Sino-Tibetischen Sprachfamilie ist es ihr nun gelungen, im Rahmen des Emmy-Noether-Programms eine von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Nachwuchsgruppe mit dem Titel „Die Dynamik der Personenmarkierung“ einzuwerben. Mithilfe dieses Programms ermöglicht die DFG hochqualifizierten Forscherinnen und Forschern, durch die souveräne Leitung einer Nachwuchsgruppe verbunden mit qualifikationsspezifischen Lehraufgaben die Voraussetzungen für eine Berufung als Hochschullehrerin bzw. Hochschullehrer zu erlangen. Die DFG wird das Forschungsprojekt ab 2021 mit mehr als einer Million Euro fördern.





Personenmarker und ihre Wandelbarkeit in der Südzentral-Gruppe

Personenmarker sind grammatikalische Formen, die darüber Auskunft geben, welche Person spricht, welche angesprochen wird und über welche Personen gesprochen wird. Das sind im Deutschen Wörter wie die Personalpronomina ich, wir, du oder ihr und so weiter. In der Sprachwissenschaft gelten diese Wörter als sehr stabil, substantielle Änderungen treten im Lauf der Zeit kaum auf. Anders in der Südzentral-Gruppe, dem Forschungsschwerpunkt von Dr. Linda Konnerth. Diese Sprachgruppe umfasst etwa 50 Sprachen, die in der südlichen Hälfte Nordostindiens sowie in angrenzenden Regionen Bangladeschs und Myanmars gesprochen werden. In der Südzentral-Gruppe zeigt sich eine bemerkenswert hohe Rate an Veränderungen in den Personenmarkern und gleichzeitig eignen sich diese Sprachen besonders gut für vergleichende Studien: „Durch die enge Verwandtschaft der Sprachen untereinander ergeben sich geradezu labor-ähnliche Forschungsbedingungen“, erklärt Dr. Konnerth. Viele Variablen bleiben konstant, wie die grundlegenden Charakteristika der Sprachen oder das Grundinventar an Konstruktionen und grammatikalischen Formen. „Dadurch, dass wir den Fokus auf die Südzentral-Gruppe legen, können wir Variationen systematisch untersuchen – sowohl im Hinblick auf ihre historische Entwicklung als auch im Vergleich der aktuellen Sprachformen“, so Linda Konnerth weiter.



Sprachwandel am Beispiel des Inklusiv

Ein Beispiel für eine wandelbare Personenform in der Südzentral-Gruppe ist der Inklusiv – diese Form bezeichnet eine Personengruppe von Sprecher und Adressat. Im Deutschen gibt es keine wörtliche Entsprechung, gemeint ist wir, wobei dieses Wir immer den Adressaten beinhaltet: du und ich, und niemals ich und andere. In gleich mehreren Südzentral-Sprachen hat der Inklusiv seine ursprüngliche Bedeutung verloren, und wird stattdessen für die zweite Person Singular, entsprechend dt. du, die erste Person Singular, entsprechend dt. ich, oder in spezifischeren innovativen Kontexten verwendet. Die Sprachforscherin geht in ihren Untersuchungen nicht nur der Frage nach, was sich verändert hat und wie diese Veränderung vor sich ging, sondern sie fragt auch nach dem Warum. Im Fall des Inklusivs deutet vieles auf soziopragmatische Faktoren der Höflichkeit bzw. des Versuchs, einen Gesichtsverlust zu verhindern. So lässt sich im Sprachgebrauch bspw. anstelle eines direkten Imperativs Komm‘ mit! die Variante einer inklusiven Formulierung finden: Lass uns (du und ich) gehen, obgleich die Aufforderung den Sprecher tatsächlich nicht beinhaltet hat. Solche Arten des innovativen Sprachgebrauchs mögen unscheinbar wirken, jedoch sind sie es, die sich allmählich durchsetzen können und zu vollständigen Veränderungen und sogar zu einer Umstrukturierung des Personenmarkierungssystems führen können. Das Projekt will also die generellen Faktoren identifizieren, die Druck auf bestimmte Personenmarker und in bestimmten Konstruktionen ausüben und so zum Wandel führen können. Nach Dr. Konnerths Einschätzung bietet ihr Projekt den ersten systematischen Ansatz zur Erforschung der Frage, wie Personenformen sich mit der Zeit verändern können.


Komplexität der Personenmarkierung in des Sprachen der Welt: Beispiel für grammatikalische Töne in Monsang

Außer dem erwähnten Inklusiv gibt es weitere Arten der Personenmarkierung, die zwar nicht im Deutschen oder anderen europäischen Sprachen vorkommen, wohl aber in anderen Sprachen der Welt. Solche Formen können besonderen Aufschluss über Schritte in der Entwicklung von Personenformen liefern. Während bspw. im Deutschen das Verb nur Personenendungen entsprechend dem Subjekt trägt (ich geh-e, du geh-st etc.), ist es häufiger in den Sprachen der Welt, auch eine Markierung für das Objekt am Verb zu finden. In der Südzentralsprache Monsang gibt es die unten aufgeführten Verbformen, die bestimmte Personenkonstellationen von Subjekt und Objekt ausdrücken. Gleichzeitig unterscheiden sich die Verbformen lediglich im Verlauf der Stimmhöhe (der sog. Ton) über die vier Silben. (Sprecher: Koninglee Wanglar)

m`-bín ké-hé – ‘they are beating me/us/you’

m´-bìn kè-hè – ‘they are beating each other’

m´-bín ké-hé – ‘they are beating them’


Über Dr. Linda Konnerth

Dr. Linda Konnerth studierte Sprachwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München und an der University of Oregon, USA. In Oregon schloss sie ihr Studium ab und promovierte 2014. Anschließend arbeitete sie als Postdoktorandin an einem Forschungsprojekt zu Sino-Tibetanischen Sprachen (PI: Scott DeLancey) mit. Von 2016 bis 2019 war sie als Postdoktorandin an der Hebräischen Universität Jerusalem tätig, bevor sie im September 2019 an den Lehrstuhl von Prof. Dr. Johannes Helmbrecht an die Universität Regensburg kam. Mit der Sino-Tibetischen Sprachfamilie beschäftigt sich Konnerth bereits seit über 10 Jahren.


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