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Die Kunst des Kümmerers

Dr. Christian Blomeyer ist seit 20 Jahren Kanzler der Universität Regensburg


10. August 2021

Was macht einen guten Kanzler aus? „Die Universität fürsorglich zu begleiten, Anregungen zu geben, sie zu fördern“, sagt Dr. Christian Blomeyer. Wer das Amt des Kanzlers ernst nehme, müsse sich täglich überlegen, wie man seine Universität vor Schaden bewahren könne. Wichtig dabei? „Man muss die Zusammenhänge begreifen. Erst dann versteht man die Dinge, kann adäquat agieren.“ Für den Juristen Blomeyer endet die Welt also nicht wie für manchen seiner Fachkollegen beim Gesetzgeber. Wenn die Prämisse Fürsorge für die Universität lautet, gibt es dann auch noch weitere zentrale Momente? „Partikularinteressen ignorieren“, sagt Christian Blomeyer, der sich als Staatsdiener und als Kümmerer begreift. Nicht als Verwalter, aber Unterstützer bei der Entwicklung.


Der Kanzler spricht über Humboldts Universitätsreformen, vom unaufhörlichen Wandel in der Hochschulverwaltung. Angst macht ihm dieser Wandel nicht. Universitas semper reformanda. Das neue Hochschulinnovationsgesetz sieht Blomeyer kritisch. „Man dreht das Rad 120 Jahre zurück.“ Es mache keinen Sinn, wenn der Staat die Universitäten alleine lasse. Warum? Weil man Ansprechpersonen verliert, die die Hochschulen aus staatlichen Strukturen heraus unterstützen und fördern – Ministerialbeamte etwa, die das Wohl „ihrer Universitäten“ im Auge haben. Persönlichkeiten, die sich keinen Wahlen stellen müssen und für viele Anliegen Kontinuität garantierten. Die helfen, die vielfältigen Herausforderungen, denen die Universitäten täglich begegnen, zu bewältigen. Denn zum Alltag der Person im Kanzleramt gehört das Lösen aller Probleme, die bei ihr auftauchen. Christian Blomeyer empfindet das nicht als Belastung, er löst gerne Probleme. Auch nach 20 Jahren im Amt. Es ist eine immerwährende Ansprechbarkeit, die alle in seinem Umfeld erwähnen. Wer den Kanzler etwas fragt, der bekommt auch eine Antwort. Ohne die weit verbreitete hierarchische Kommunikationskultur. Direkt, schnörkellos, rasch.


Die Verwaltung verändern

Dabei geht es ihm nicht darum, bürokratisches Selbstverständnis zu schützen. Er will die noch immer tief sitzende Angst in der Verwaltung, Entscheidungen zu treffen, mögen sie noch so geringfügig sein, angehen. Ihn selbst zeichnet dabei aus, sagt sein Umfeld, dass er immer einen Weg findet, der für alle gangbar ist. Trotzdem lebt ein Kanzler auch mit Unmut. Mehr und zusätzliche Verantwortung zu übernehmen fällt manchmal schwer, sagt Christian Blomeyer. Mit dem Projekt Verwaltung 4.0, dessen Inhalte im Universitätsentwicklungsplan 2025 avisiert werden, muss er auch in den eigenen Reihen dicke Bretter bohren. Er tut es, ohne zu jammern. „Mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“, da ist Christian Blomeyer ganz bei Max Weber. Kontinuität sei zentral, die Dynamik werde sich entfalten, dessen ist der Kanzler sicher. Organisationsentwicklung und Personalentwicklung sind seine zentralen Anliegen der nächsten Jahre, er will das Selbstverständnis der UR-Verwaltung wandeln, sie für die Zukunft aufstellen, eine dynamische Selbstorganisation unterstützen, Erstarrungen lösen. „Wir sind uns einig in der Universitätsleitung“, sagt Christian Blomeyer, „dass wir die Universität voranbringen wollen“.


Christian Blomeyer, der in diesem Jahr neben 20-jährigem Dienstjubiläum 60. Geburtstag feiert, blickt auch zurück. Er erzählt von seinem Schüleraustausch in die USA in der elften Klasse, in der er auf der Farm einer bekennenden Baptistenfamilie mit deutsch-russisch-schottischen Wurzeln „eine tolle Zeit“ erlebte und begeisterte Briefe nach Hause schrieb. Von Basketball-Tournaments berichtet der Kanzler, der heute lieber rudert, um sich fit zu halten. Von seinem Kumpel „Shorty“, der Farmen bewachte, wenn die Besitzer einmal Urlaub machen wollten, in Underwood in North Dakota, wo es ist, „wie es klingt“.  Prägend auch später eine vierjährige Tätigkeit in Grenoble, am international renommierten Institut Laue-Langevin, wo Französisch und Englisch den Arbeitsalltag dominierten. Mehrere Jahre arbeitete Christian Blomeyer als Personalentwickler am Forschungszentrum Jülich, vor Regensburg bekleidete er das Amt des Kanzlers an der Hochschule Emden-Leer. Nach Regensburg? Ruhestand in Berlin.


Denn da ist auch noch die Familienhistorie, die immer wieder in die Hauptstadt zurückkehrt. Es ist ein Zyklus von Novellen, in denen Christian Blomeyer über seine Vorfahren berichtet, in einer Rahmenhandlung, mit Erinnerungsorten, die Hessen, Preußen, Schlesien, Sachsen-Meiningen, Westfalen streifen. Unerhörte Begebenheiten sind es, “immer irgendwie komisch und ganz knapp an der deutschen Geschichte vorbei“ sagt der Kanzler lachend. Da war Eduard Blomeyer, der 1848 Theodor Fontane in den Wirren der Märzrevolution auf einem Schiff kennenlernte und mit ihm in die hessische Revolutionärsszene stolperte. Die beiden Urgroßonkel, die als Soldaten den Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 überlebten. Ricarda Huch, die plötzlich in einem Netzwerk von Kaufleuten im Kontext eines Braunschweiger Textil- und Kurzwarenhauses auftaucht. Der Großvater (Jahrgang 1895), „ein Filou“, der unweigerlich an unseren Mann in Havanna erinnert und nach dem zweiten Weltkrieg als selbständiger Kaufmann erfolgreich „Sackzusammennähmaschinen“ vertrieb – trotz vieler und dramatischer persönlicher Rückschläge.


Unerhörte Begebenheiten

Wer die Universität kennt, weiß um die immerwährende Diskussion über staatlichen Verwaltungsanspruch und interne Selbstverwaltung. Das muss man aushalten können. Es scheint ein unerschöpflicher Optimismus und eine umfassende humanistische Bildung, die Christian Blomeyer dabei helfen. Vielleicht auch, dass er unprätentiös ist: „Ich war nicht besonders ehrgeizig in den ersten Semestern.“ Wenn die Vorlesungen mal gar zu langweilig erschienen, reparierte der Student Blomeyer Autos, engagierte sich in studentischen Hochschulgruppen oder veröffentlichte einen Gastronomieführer. Eines wollte er immer sein und bleiben: vielseitig. So kam es überhaupt zum Jurastudium. Etwas Ordentliches, Strukturiertes, das für allerlei Aufgaben eine optimale Vorbereitung bot. „Landwirt wäre ich auch gerne geworden“, lacht Christian Blomeyer, „aber es gab keinen Hof.“


Seine Familie hat Christian Blomeyer tief geprägt, zu seinem historischen Bewusstsein ebenso wie zu seinem Bildungsideal beigetragen. Die Rechtswissenschaften spielten dabei irgendwie immer eine Rolle. Und die schönen Künste. Professor Dr. Arwed Blomeyer, über den die „Mitteilungen des Vereins für die Geschichte Berlins“ berichten, als er 1976 beim Festakt zur Würdigung des 200. Geburtstags von E.T.A. Hoffmann über den Dichter als Jurist sprach, bringt die Familientradition, Kunst und Justiz in einem Atemzug zu nennen, geradezu plakativ zusammen. Christian Blomeyers erwachsene Kinder führen die Tradition fort, studierten Skandinavistik, Jura, Schauspiel. Musik ist eine andere Leidenschaft. Gemeinsam mit dem vormaligen langjährigen Vizekanzler, Jörg Wiesner, hat Christian Blomeyer die musikalischen Aktivitäten der Studierenden auf dem Campus unterstützt. Eine besondere Freude war für ihn die Gründung der „Campus-Blosn“, des sinfonischen Blasorchesters der UR, das er von Tag eins an unterstützt hat. Ein Orchester von Studierenden für Studierende, das die Studierenden selbst ins Leben gerufen haben. Christian Blomeyer spielt selbst Trompete und ist seit 13 Jahren Mitglied des Posaunenchors an der St. Johanneskirche in Kumpfmühl. Selbstreflexion zeichnet ihn aus, sagen seine engsten Mitarbeiter:innen. Selbstironie vielleicht auch: „Ich bin nicht sicher, ob die mich übers Vorspielen aufgenommen hätten…“

Was tut ein Kanzler um sich zu erholen? Durch Ostfriesland reisen, das Familienarchiv komplettieren, Mafalda lesen, Logos entwerfen. Als Jugendlicher übte der Kanzler Strichzeichnungen anhand der Figur von Nick Knatterton. Woher kommt das Talent? „Also, das ist wieder so eine Familiengeschichte“, sagt Christian Blomeyer amüsiert. „Mütterlicherseits.“ Sie spielt in Holland und Hessen. Protagonist ist ein Spiegelfabrikant aus Amsterdam.

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