Zu Hauptinhalt springen
Startseite UR

Seminar wird Musik

Am 21.11. erscheint die CD „Minimal Music“ des Regensburger Studenten Andreas Dombert

21. November 2018 | von Margit Scheid


„Ich studiere so langsam wie ich nur kann.“ – das ist in meinem Gespräch mit Andreas Dombert, der an der Universität Regensburg Musikwissenschaft und Philosophie studiert, vielleicht der schönste Satz, weil er so viel aussagt über Domberts Freude am Studium, über die Ernsthaftigkeit, mit der er es betreibt, und am Rande auch über seine gerade erscheinende CD mit Minimal Music. Um den Satz wirklich würdigen zu können, muss man aber eintauchen in Domberts Welt, und das ist mir an diesem Montag im November möglich, als ich mich mit ihm und seiner Dozentin Prof. Dr. Katelijne Schiltz treffe.

3-dombert-michael-schoellhorn

Ein glücklicher Umstand: Die Entscheidung, an der UR zu studieren

Andreas Dombert, Jahrgang 1979, hat schon einiges von der Welt gesehen, bevor er sich an der UR eingeschrieben hat: An der Hochschule für Musik Nürnberg studierte er Jazzgitarre, machte dort Abschlüsse als Diplommusiker und Diplommusiklehrer, spielte in zahlreichen Bands und mit Jazz-Größen wie Ulf Wakenius, Pat Martino und Larry Coryell. Knapp zehn Alben hat er bis heute als Bandleader veröffentlicht, 2014 erhielt er den Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz, 2017 den Kulturförderpreis der Stadt Regensburg und im selben Jahr wurde er für den ECHO Jazz nominiert. Er verdient seinen Lebensunterhalt als Berufsmusiker und als solcher, sagt Dombert, sitzt man relativ viel im Auto. Auf Tour habe er schon immer Vorlesungen auf CD oder übers Internet gehört und Bücher gelesen, um auch seinem Kopf etwas Gutes zu tun. „Mit 29 war dann der Gedanke da: Ich hab‘ ja vormittags Zeit als Musiker. Es hindert mich niemand daran, an die Uni zu gehen und eine Vorlesung zu hören“, erinnert sich Dombert. Zunächst habe er in der Philosophie angefragt, ob es jemand stören würde, wenn er zuhört, aber im Gegenteil, er habe sich sehr willkommen gefühlt und das habe die anfängliche Barriere sehr klein werden lassen. „Seitdem besuche ich ein bis zwei Vorlesungen pro Semester und vor ein paar Jahren dachte ich dann, jetzt habe ich schon ein bisschen Wissen mitgenommen, jetzt kann ich auch einen Abschluss machen. Damals war das eher zum Vergnügen, als Freizeitbeschäftigung, ich wusste selber nicht, was dabei rauskommt. Aber es war ein glücklicher Umstand, was man jetzt auch an meiner CD mit Minimal Music sieht, dass so eine Entscheidung das Leben in andere Bahnen lenkt. Im Nachhinein hat sich das Studieren für mich als sehr wichtig herausgestellt.“

Wie Andreas Dombert zur Minimal Music kam

Sein neuestes Werk mit dem Titel „Minimal Music“ erscheint heute, am 21. November 2018, und ist der eigentliche Anlass für unser Gespräch. Die Inspiration dafür kam ihm während eines Seminars zur Minimal Music, das er im Sommer 2016 bei Professor Katelijne Schiltz besucht hatte. Minimal Music ist eine Strömung der Klassischen Musik und entstand in den 1960er Jahren. Dabei geht es um die Reduktion des thematischen, harmonischen und rhythmischen Materials. Dombert erklärt: „Der Fokus liegt bei mir auf der Prozesshaftigkeit und steten Wiederholung. Wenn man z. B. ein musikalisches Pattern dauernd wiederholt, dann passiert etwas – vielleicht ein psychoakustisches, kognitives Phänomen – man hört etwas, das man vorher nicht gehört hat. Auf einmal fokussiert der Verstand auf bestimmte Töne innerhalb der Phrase, es entstehen plötzlich unterschiedliche Melodien – obwohl es vermeintlich immer das gleiche Pattern ist. Das ist das Paradoxe an der Minimal Music: Etwas, das scheinbar langweilig werden müsste, entwickelt sich auf einmal zu etwas ganz Spannendem. Dieses Phänomen hat Katelijne Schiltz in den Liner Notes zu meiner CD wunderbar beschrieben: Expressive minimalism and the paradox of repetition.“

Ein bisschen habe Dombert sich der Minimal Music in vorangegangen Projekten immer schon bedient, was für seinen Jahrgang auch nichts Besonderes sei, da seine Generation z. B. von Minimal Techno geprägt wurde. Umso mehr habe es ihn beeindruckt, dass die Klassik hier alles weit vorweggenommen hat, was die populäre Musik erst Jahrzehnte später aufgegriffen hat. Durch das Seminar hat Dombert dann aber sozusagen die Wurzeln der Minimal Music kennengelernt und die haben ihn fasziniert: „Da ich aus der Praxis komme, geht es für mich weniger um Theorie, sondern mehr um Aneignung von Musik. Das Interessante für mich ist: Musik zu spielen und zu komponieren. Es gibt meiner Meinung nach einen fundamentalen Unterschied zwischen Machen und darüber Lesen.“

Das größte Kompliment, das man als Dozentin bekommen kann

Dieser praktische Ansatz findet sich häufig in den Lehrveranstaltungen von Professor Schiltz, sie lässt ihre Studierenden zum Beispiel Chorbücher und Musikhandschriften aus früheren Jahrhunderten transkribieren und diese anschließend aufführen oder arbeitet mit Ensembles zusammen. „Das sind die Ansätze, von denen die Studierenden oft am meisten profitieren und viel mitnehmen“, so Schiltz. Dass jedoch etwas genuin Neues entsteht, im Rahmen eines Seminars, das sei ihr in dieser Form auch noch nicht passiert: „Das ist das größte Kompliment, das man als Dozentin bekommen kann.“



Und Dombert gibt das Kompliment gerne zurück und macht deutlich, wie dankbar er ist, für den Input, den er an der Universität erfahren hat, das sei aus seiner Sicht das Beste, was eine Universität für einen Studierenden leisten kann: Inspiration, die einen bereichert und weiterbringt. Als ich ihn frage, wie weit er in seinem Studium inzwischen sei, fällt der eingangs zitierte Satz: „Ich studiere so langsam wie ich nur kann. Aber mit aller Ernsthaftigkeit.“  Dass Andreas Dombert sich Zeit lässt und sich vor allem Zeit lassen kann, empfindet er durchaus als Luxus: „Klar, das geht alles nur, weil ich meinen Beruf habe, mit dem ich Geld verdiene. Wenn ich das Studium abbrechen müsste, wäre das zwar schade, aber meine Existenz stünde nicht auf dem Spiel.“

Eine akademische Karriere übrigens strebt er – im Moment jedenfalls – nicht an. In ein bis zwei Jahren will er seinen Abschluss als Bachelor of Arts machen, wie es danach weitergehen wird, weiß er noch nicht. „Es ändert sich so viel im Leben eines freiberuflichen Musikers – es ist immer spannend und ich kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen, was in zwei Jahren sein wird. Schon gar nicht plane ich mein Leben. Ich kann mir aber vorstellen, dass mir etwas fehlte, wenn ich nicht mehr hierherkommen würde.“

Wie viel Jazz steckt in Domberts Minimal Music?

Doch zurück zur CD: Wie viel Jazz steckt in der Minimal Music des Jazzmusikers Dombert? „Es ist viel mehr Minimal Music als Jazz, Jazz kommt aber am Rande noch vor – immer mit der einschränkenden Frage: „Was ist Jazz überhaupt?“. Denn Jazz lasse sich nicht definieren. In Domberts Verständnis ist Jazz jedoch Musik, die Gegenwartsströmungen assimiliert, aufnimmt und dann produktiv verarbeitet. Zudem könne Improvisation ein wichtiger Teilaspekt von Jazz sein und auch wenn die Stücke auf „Minimal Music“ im Wesentlichen komponiert sind, enthalten sie auch Zufalls- und improvisatorische Elemente: Dadurch wie oft gewisse Teile wiederholt werden, welche Betonungen man spielt oder wo es zu so genannten Ausbrüchen kommt. Für mich war es beim Hören der Stücke kaum zu glauben, aber Dombert arbeitet ohne Effekte, ohne Overdubs oder Loops. Zu hören sind nur er und seine Gitarre. „Es ist natürlich um einiges schwieriger, wenn man ohne Effekte arbeitet. Das war eine Herausforderung, die ich mir selbst gestellt habe. Denn manchmal dienen Effekte in der Musik als eine Art Ausflucht. Ich wollte eher an die Zeit um 1960 anknüpfen, aber in 2017."

Im Pressetext zu seiner CD heißt es übrigens: „Musikalische Prozesse, die sich extrem langsam verändern, bescheren dem Zuhörer ein neuartiges Gefühl: ein „Überangebot“ an Zeit.“ Und damit können wir alle etwas teilhaben an Domberts Luxus, etwas so langsam zu tun, wie man kann. Zum Beispiel: Zuhören.

Übrigens: Die CD ist ab sofort bei Bücher Pustet am Campus erhältlich.


Ansprechpartnerin für Medienvertreter:

Prof. Dr. Katelijne Schiltz
Universität Regensburg
Institut für Musikwissenschaft
Telefon: 0941 943-3512
E-Mail: katelijne.schiltz@ur.de

Fotos: Michael Schöllhorn | Front Cover: Sebastian Lettner


Weiterführende Links:

  1. Startseite

Media Relations & Communications

 

Anschnitt Sommer Ar- 35_