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Never safe - Moraltheologische Betrachtungen zu "Game of Thrones"

Antrittsvorlesung von Prof. Dr. Rupert M. Scheule im Rahmen des Actus Academicus der Fakultät für Katholische Theologie


28. Januar 2019 | von Margit Scheid

Prof. Dr. Rupert Scheule erhielt zum Wintersemester 2017/18 den Ruf auf den Lehrstuhl für Moraltheologie an der Universität Regensburg. Moraltheologische Beobachtungen sind es auch, die er in seiner Antrittsvorlesung anstellt, jedoch zu einem im Bereich der Theologie eher unerwarteten Thema, nämlich der US-amerikanischen Fernsehserie „Game of Thrones“.

„Never safe" – Moraltheologische Beobachtungen vor der letzten Staffel der Fernsehserie „Game of Thrones“

Seinen Überlegungen stellt Professor Scheule eine kurze Zusammenfassung der Serie voran, in der Annahme, dass sein Publikum an diesem Abend nur zu einem kleinen Teil aus Fans der Serie besteht: Game of Thrones – oder GoT wie das Phänomen bei Eingeweihten abgekürzt wird – ist eine Fernsehserie des US-amerikanischen Fernsehsenders HBO, die auf der Romanreihe „A Song of Ice and Fire“ von George R.R. Martin beruht und nicht nur kommerziell gerade sehr erfolgreich ist. Die Serie spielt in einer Fantasy-Welt, die an das europäische Mittelalter erinnert und auch Anklänge an Sagen enthält. Diese Welt ist bevölkert mit Königen und Königinnen, Rittern, Prinzessinnen und Prinzen, weisen Männern, Fußvolk, aber eben auch mit Drachen und mysteriösen Fabel-Wesen. Die sieben Königslande, in denen verschiedene Clans um die Vorherrschaft ringen, werden im Norden durch eine gigantische Mauer von Gebieten in ewigem Eis und Schnee geschützt, von denen stets eine Gefahr durch unzivilisierte Stämme und – wie sich im Lauf der Geschichte herausstellt – eine unheimliche dunkle Macht ausgeht, eine Macht, die schließlich droht, den Schutzwall zu durchbrechen und alle Einwohner der Königslande gleichermaßen auszulöschen.

Der Titel der Antrittsvorlesung lautet „Never safe – Moraltheologische Beobachtungen vor der letzten Staffel der Fernsehserie Game of Thrones“ und dieses „never safe – niemals sicher“ ist ein zentrales Element der Serie. Denn wenn man normalerweise davon ausgehen kann, dass Hauptfiguren einer Geschichte bis zum Ende der Erzählung am Leben bleiben (und sei es auch nur, um zuletzt einen tragischen Tod zu sterben), so ist GoT dafür bekannt, dass zentrale Figuren mitten in der Erzählung aus dem Leben scheiden. Trotz oder gerade wegen dieser unüblichen Unsicherheit ist die Serie ein voller Erfolg und hält weltweit eine riesige Fangemeinde in Atem.

Was hat Game of Thrones, was andere Serien nicht haben?

Was also, fragt Professor Scheule in seinem Vortrag, hat GoT, was andere nicht haben, was fasziniert so viele Menschen daran? Zum einen könnte die Serie den Eskapismus ihrer Zuschauer bedienen, sodass realitätsmüde Fantasy-Fans sich in der detailreich ausgeschmückten Welt von Westeros verlieren und die Sorgen und Nöte der wirklichen Welt darüber vergessen können. Doch stellt sich die Frage, so Scheule, ob der Realitätsflüchtling tatsächlich der oftmals bedrückenden Wirklichkeit entfliehen kann, wenn er sich in einer Handlung wiederfindet, die durch Intrigen, Kriege, und kurzsichtig machttaktische Wirklichkeitsverweigerung bestimmt wird. Zum anderen liegt die Faszination vielleicht auch in der Erzählung selbst, das heißt, sobald der Zuschauer eine Ahnung davon hat, worum es in der Geschichte geht, möchte er auch wissen, wie sie ausgeht und bleibt deshalb am Ball. Fiktionale Erzählungen können uns deshalb so packen, meint Scheule, weil wir „erzählte Wesen“ sind. Geschichten sind nicht bloß reflektiertes Leben, sondern dienen dem Leben selbst als starke Ordnungsmuster. Wir mögen nicht nur Geschichten, in denen wir unser Handeln wiedererkennen, wir handeln auch, wie wir es aus Geschichten kennen. Und wie jede Geschichte vom Ende regiert wird, so sind auch wir immer schon von der Endlichkeit betroffen. Dass das Ende plötzlich und „unpassend“ kommen kann, ist auch ein dominantes Motiv von GoT: „Der Tod fragt nicht, ob es gerade passt, ob eine Figur ‚auserzählt‘ ist. Und so viel Ehrlichkeit in der Fiktion gibt es selten“, so Scheule.

"Die Sieben Königslande fliegen uns um die Ohren..."

Im ersten Halbjahr 2019 steht das Ende der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ bevor, am Tag der Antrittsvorlesung waren es noch 86 Tage bis zum Start der finalen achten Staffel. Die GoT-Fans fiebern den finalen Folgen entgegen, um zu erfahren, wie die Geschichte, die so oft das Ende zum Thema hatte, selbst endet. Zieht eine Katastrophe herauf? Ein gutes Ende ist bei „Game of Thrones“ jedenfalls nicht garantiert. Professor Scheule stellt an den Schluss seines Vortrags eine Prognose, wie GoT ausgehen könnte: „Die Sieben Königslande fliegen uns um die Ohren“, prophezeit er, „der Winter zieht ein, der unheimliche Nachtkönig aus dem Norden herrscht und alle Helden sind tot“. Doch Scheule räumt ein, dass das „never safe“ selbstverständlich auch für das von ihm prognostizierte Serienende gilt. Dass GoT es mit erzählerischen Mitteln schafft, die Hoffnung der weltweiten Fangemeinde auf ein gutes Ende am Leben zu erhalten, dieses Phänomen interessiert Rupert Scheule nicht zuletzt aus moraltheologischer Sicht. Auch der Glaube ist eine Art „never safe“-Unternehmung, eine Variation über das große Vielleicht: Vielleicht ist es doch wahr? Vielleicht gehen wir doch auf das gute Ende aller Wirklichkeit zu? Dies hält Scheule für die zentrale Frage der Erzählung, die unser Leben ist.

Professor Dr. Scheules eher ungewöhnliche Antrittsvorlesungen hat gezeigt, dass theologische Fragestellungen das Leben in seiner ganzen Fülle durchdringen können. Prof. Dr. Klaus Unterburger, der Dekan der Fakultät für Katholische Theologie, war sich am Ende des Vortrags jedenfalls sicher: Wer es schafft, eine so komplexe Serie in einem 30-minütigen Vortrag zu beherrschen, wird auch andere moraltheologische Problemstellungen in den Griff bekommen.

Über Prof. Dr. Rupert M. Scheule

Rupert Maria Scheule wurde 1969 in Ottobeuren geboren, machte 1989 sein Abitur in Memmingen und studierte von 1991 bis 1997 Katholische Theologie, Geschichte und Germanistik in Würzburg, Augsburg und Wien; während seines Studiums war er Stipendiat des Cusanuswerks. Scheule studierte auch ein Semester Humanmedizin, wobei ihn die Medizin bis heute begleitet, etwa in der Klinikseelsorge, im Bereich der Medizinethik oder in der Vorbereitung des neuen Regensburger Studiengangs Perimortale Kompetenz. Im Jahr 2000 promovierte Rupert Scheule mit einer empirischen Studie über das Beichtverhalten im 20. Jahrhundert. Nach seinem Studium arbeitete er als Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Christliche Sozialethik und Moraltheologie an der Universität Augsburg und leitete von 2002 bis 2005 das DFG-Projekt „Entscheidungslehre christlicher Ethik“. Im Wintersemester 2006/07 wurde er habilitiert, 2008 wurde seine Habilitationsschrift „Gut entscheiden. Werterwartungstheorie und theologische Ethik" mit dem Kardinal-Wetter-Preis der Katholischen Akademie in Bayern ausgezeichnet. 2009 bis 2010 lehrte Rupert Scheule als Professor für Philosophie-Ethik-Erziehungswissenschaft an der Fachhochschule Dortmund, 2010 wurde als Ordentlicher Professor für Moraltheologie und Christliche Sozialwissenschaft an die Theologische Fakultät Fulda berufen. 2017 schließlich folgte der Ruf auf den Lehrstuhl für Moraltheologie der Universität Regensburg. Als ständiger Diakon der Pfarrgemeinde Heilig Kreuz Lütter engagiert sich Professor Scheule nebenberuflich weiterhin in der Seelsorge.

Der Actus Academicus – Entwicklungen an der Fakultät und erfolgreiche Absolventinnen und Absolventen

Der Actus Academicus, in den Professor Scheules Antrittsvorlesung eingebunden war, bot Anlass zur Rückschau auf die Entwicklungen der Fakultät im vergangenen halben Jahr. Dekan Unterburger berichtete, dass die neu eingerichtete DFG-Forschungsgruppe „Beyond the Canon“, zum 1. Oktober 2018 ihre Arbeit aufgenommen hat. Ein neuer Studiengang mit dem Arbeitstitel „Perimortale Kompetenz“ sei in Vorbereitung. Er widmet sich dem Themenfeld Sterben, Tod und Trauer und ist mit einer Mitarbeiterstelle am Lehrstuhl für Moraltheologie verbunden; unter der Leitung von Prof. Scheule wird ebenfalls an einem Forschungsprojekt zur Evaluation der Ehevorbereitungskurse der Katholischen Kirche weltweit gearbeitet. Neu eingerichtet hat die Fakultät einen Verein für Freunde und Förderer, der nicht zuletzt dazu beitragen soll, den Kontakt zu den ehemaligen Studierenden aufrecht zu erhalten.

Nach dem Bericht des Dekans wurden die Absolventinnen und Absolventen der Fakultät geehrt, die Magister- und Promotionsurkunden verliehen und die Preisträger der Dr. Kurt Hellmich-Stiftung vorgestellt. Dieser Preis wird für wissenschaftliche Arbeiten auf dem Gebiet der ökumenischen Theologie verliehen; den ersten Preis erhielt Dr. Regina Elsner für ihre Dissertation mit dem Titel „Herausforderungen der Moderne. Die Russische Orthodoxe Kirche im Spannungsfeld von Einheit und Vielfalt“. Der zweite Preis ging an Dr. Hanne Lamparter, Thema ihrer Doktorarbeit war: „Gebet und Gottesdienst in der Ökumenischen Bewegung. Die liturgische Praxis und der Diskurs um Gottesdienst in der Geschichte und Vorgeschichte des Ökumenischen Rats der Kirchen (1910-1998)“. Paul Metzlaffs kirchengeschichtliche Magisterarbeit über den „Una-Sancta-Kreis-München. Seine Entstehung seit 1935 und seine Entwicklung bis 1945. Ein Rekonstruktionsversuch“ erhielt den dritten Preis der Dr. Kurt Hellmich-Stiftung.

Musikalisch wurde der Abend von Dominik Ritter umrahmt, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl von Prof. Scheule; Dominik Ritter verstand es, das Publikum auf das Thema der Antrittsvorlesung einzustimmen, indem er auf der Geige zum Titellied der Serie „Game of Thrones“ improvisierte.


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