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Jura-Studierende im Gefängnis der Staatssicherheit

Workshop thematisiert staatliches Unrecht und seine Aufarbeitung in Deutschland


8. April 2019 | von Margit Scheid

In der Studienordnung der Regensburger Jura-Fakultät steht, ein Studium der Rechtswissenschaft vermittle die „Kenntnis und das Verständnis des Rechts mit seinen geschichtlichen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, rechtsphilosophischen und europarechtlichen Grundlagen“. Einen Beitrag zu einem solchen Verständnis des Rechts, das über die bloße Kenntnis von Paragraphen und ihrer Auslegung im geltenden Recht hinausgeht, hatte kürzlich eine Exkursion nach Erfurt zum Ziel.

„Staatliches Unrecht und seine Aufarbeitung in Deutschland“ – das war der Titel des Workshops, den die Universitäten Regensburg und Erfurt zusammen im vergangenen Wintersemester für Studierende und Lehrkräfte der Fächer Recht, Geschichte und Politik organisiert haben. Dabei ging es nicht in erster Linie um eine juristische Sicht auf das Thema, sondern auch um einen historisch-biographischen Zugang: Wie soll man, wie kann man Diktaturerfahrung erinnern? Wie sind Systemgeschichte und Lebensgeschichte zu differenzieren, wie stehen sie in Beziehung zueinander? Welche verfassungs- und strafrechtlichen und welche geschichtskulturellen Probleme stellen sich bei der Aufarbeitung staatlichen Unrechts?

Von der Regensburger Fakultät für Rechtswissenschaft haben 16 Studierende am Erfurter Workshop teilgenommen. Professorin Dr. Katrin Gierhake, Inhaberin des Regensburger Lehrstuhls für Strafrecht, Strafprozessrecht, Internationales Strafrecht und Rechtsphilosophie, resümiert: Das vielseitige Programm hat die Exkursion zu einem vollen Erfolg gemacht: Unter anderem im Gespräch mit Zeitzeugen, durch den Besuch eines ehemaligen Stasi-Untersuchungsgefängnisses sowie durch den Besuch der Stasi-Unterlagenbehörde in Erfurt konnten die Studierenden in die – nicht so ferne – Vergangenheit „eintauchen“. Dadurch haben sie sich die Erfahrung und Verarbeitung von Unrecht in der ehemaligen DDR vorstellen können und hatten die Gelegenheit, vertieft darüber zu reflektieren.

Beeindruckt waren die Studierenden vor allem von vier Zeitzeugen, die den Workshop begleiteten. Neben Opfern der DDR-Staatssicherheit, die in ihrer Lebensführung eingeschränkt, bespitzelt und inhaftiert wurden, kam auch ein ehemaliger „Inoffizieller Mitarbeiter“ der Stasi zu Wort, der seinen Lebensweg vom linientreuen DDR-Bürger zum SED-kritischen Aktivisten schilderte. Der Regensburger Jurastudentin Julia Zeller sind besonders die mahnenden Worte des ehemaligen „IM“ im Gedächtnis geblieben: Verrat und Lüge haben ihre Anfänge bereits im ganz normalen Alltag.

Nach den Einblicken in die Lebenswirklichkeit von Tätern und Opfern in der SED-Diktatur griff der dreitätige Workshop am letzten Tag die Verarbeitung von erlittenem Unrecht auf – hier ging es um die rechtliche Rehabilitierung und psychosoziale Beratung von Betroffenen des SED-Unrechts. Auch 30 Jahre nach dem Zusammenbruch der DDR zeigen sich bei den Geschädigten immer noch deutliche psychische und physische Folgen.

Organisiert hatten den Workshop Prof. Dr. Gierhake von der UR und Dr. Jochen Kirchhoff, Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Neuere und Zeitgeschichte und Geschichtsdidaktik an der Universität Erfurt.
Wer in Regensburg Jura studiert, für den ist der Blick über den Tellerrand nichts Ungewöhnliches. Neben einer fundierten juristischen Ausbildung ist der Erwerb von Schlüsselqualifikationen ein wichtiges Thema, Highlights dabei sind der jährlich veranstaltete Redewettstreit oder der Märchen Moot Court. Das von zwei Jura-Professoren veranstaltete Literarische Quartett der Universität bietet Annäherungsmöglichkeiten an das Fachgebiet der Literaturwissenschaft. Wer sich in der Refugee Law Clinic engagiert, sammelt nicht nur praktische juristische Erfahrungen im Migrationsrecht, sondern lernt fremde Kulturen kennen, übernimmt Verantwortung und leistet einen gesellschaftlichen Beitrag. Und wie wichtig der Einsatz für eine freie und tolerante Gesellschaft und den Rechtsstaat ist, zeigt nicht zuletzt der Blick in die jüngste deutsche Vergangenheit.


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