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„An Fakten orientieren, dann klappt das mit der Demokratie“

Chemiker diskutieren zum Jahresthema „Stadt und Gesellschaft“


10. Mai 2019 | von Margit Scheid

Einen ungewöhnlichen Beitrag leistete die Fakultät für Chemie und Pharmazie am vergangenen Mittwoch, dem 8. Mai 2019, zum Jahresthema „Stadt und Gesellschaft“ des Regensburger Kulturamts. Waren es bislang Theater- und Musikabende, Lesungen und Theateraufführung, die in diesem Rahmen stattfanden, stand dieser Abend im Zeichen der Wissenschaft. Drei Wissenschaftler der Universität Regensburg griffen unter dem Motto „Chemie als Teil des (Stadt)Lebens: Ist das alles giftig?“ regionale Themen und aktuelle globale Fragestellungen auf und luden die rund 50 Besucherinnen und Besucher der Veranstaltung zur anschließenden Diskussion ein.

"Die Welt wird nicht untergehen - aber erschreckend anders aussehen!"

Den Anfang machte der Pharmazeut Prof. Dr. Jörg Heilmann, derzeitiger Dekan der Fakultät für Chemie und Pharmazie. Er sprach über das Thema „Naturschutz und Artenvielfalt – Ein (Ein)Blick in die Welt der Arzneistoffe“ und ging dabei auch auf die erschreckenden Ergebnisse des vor wenigen Tagen erschienenen Biodiversitätsreports der UN ein. Das zu erwartende Artensterben sei nicht zuletzt auch aus Sicht der Pharmazie besorgniserregend, bedeute es doch, dass in Zukunft viele Heilpflanzen nicht mehr verfügbar sind. Der Großteil der Arzneipflanzen wird als Wildpflanzen gesammelt, nur ein kleiner Teil wird aus Kulturpflanzen gewonnen. Schon jetzt sind rund 15.000 Heilpflanzenarten durch Übernutzung und den Verlust des Lebensraums bedroht. Wichtig sei es, so Professor Heilmann, im Naturschutz das große Ganze zu betrachten – der Verlust einer Pflanzenart könne durch eine Kettenreaktion zum Aussterben weiterer Arten in Flora und Fauna führen. Und nicht alle Substanzen ließen sich im Labor zu gleichen Bedingungen nachbauen. „Jetzt ist es an der Zeit zu handeln“, appellierte Jörg Heilmann, „die Welt wird zwar nicht untergehen – das hat sie bislang ja noch nie gemacht – aber sie wird erschreckend anders aussehen als zum jetzigen Zeitpunkt.“

"Glauben Sie keinen Patentrezepten!"

Über Nachhaltigkeit, Stadtleben und Chemie sprach der Chemiker Prof. Dr. Werner Kunz im zweiten Vortrag des Abends. Professor Kunz‘ Anliegen war es, das Publikum dazu zu bringen, sich gerade im Zusammenhang mit politischen Diskussionen und im Hinblick auf die bevorstehende Europawahl gut zu informieren. Ein tiefes Misstrauen sei gegenüber allen angeblichen „Patentrezepten“ angebracht, man solle immer danach fragen, welche Auswirkungen eine in die Tat umgesetzte Forderung hat und ob Alternativen nicht neue Probleme mit sich bringen. Seinen Appell untermauerte er mit Beispielen, die zeigten, dass Forderungen im Namen der Nachhaltigkeit, häufig am eigentlichen Problem oder an der größeren „Baustelle“ vorbeigehen. So sei durch ein Verbot von Mikroplastik in Kosmetika keine große Entlastung zu erwarten – pro Kopf und Jahr werden in Deutschland 19 Gramm Mikroplastik durch die Verwendung von entsprechend belastetem Mikroplastik freigesetzt; 109 Gramm entstehen durch den Abrieb von Schuhsohlen; 1.228,5 Gramm gehen zu Lasten des Reifenabriebs (laut Konsortialstudie Mikroplastik des Fraunhofer-Instituts für Umwelt-, Sicherheits- und Energietechnik von Juni 2018). Die Politik müsse also an ganz anderer Stelle ansetzen, um einen deutlichen Effekt auszulösen.

Trinkwasser aus Sicht eines Chemikers

Besonders klar wurde die enge Verbindung von Chemie und Stadtgesellschaft beim letzten Vortrag, der sich mit dem Trinkwasser beschäftigte. Was in Regensburg aus der Wasserleitung kommt, wird in engen Abständen chemischen Analysen unterzogen, die gewährleisten, dass unser Trinkwasser gesundheitlich völlig unbedenklich ist. Dr. Thomas Hirsch brachte in seinem Vortrag die gute Nachricht des Abends: Alle Grenzwerte, die es für potentiell gesundheitsgefährdende Substanzen im Trinkwasser gibt, werden in Regensburg deutlich unterschritten. Die Stadt genießt den Vorteil, ihr Wasser zu einem hohen Prozentsatz aus Grundwasser beziehen zu können, das generell kaum Verunreinigungen aufweist.

Rege Diskussion um fundiertes Wissen in Zeiten von Fake News

Eine rege Diskussion entspann sich zwischen Publikum und Vortragenden um die Frage, wie das Wissen aus Universitäten und anderen Forschungseinrichtungen in Zeiten von Fake News seinen Weg in die Öffentlichkeit und in den politischen Diskurs finden kann. Professor Kunz plädierte dafür, dass alle Bürger sich gründlicher informieren. Er als Wissenschaftler sei häufig frustriert von dem Gefühl, es höre ihm niemand zu. Das Publikum konterte mit der Forderung, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler müssten sich mehr in der Politik engagieren. Zustimmung von allen Seiten gab es jedoch für Professor Kunz‘ Resümee: „Orientieren wir uns an Fakten, dann klappt das mit der Demokratie!“

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