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Nachhaltigkeit in der Medizin

Regensburger Studierende diskutieren mit Fachleuten am Universitätsklinikum Regensburg


11. Juli 2019 | von Antonia Pröls | Fotos von Julia Dragan

Krankenhäuser gehören zu den größten Energieverbrauchern und Müllproduzenten in Deutschland. Doch wie kann man diesem Problem entgegenwirken, ohne das Wohl der Patientinnen und Patienten zu gefährden? Gibt es überhaupt eine nachhaltige Medizin? Zu Fragen rund um das Thema „Nachhaltigkeit in der Medizin“ diskutierten kürzlich im Rahmen der #URweekforfuture Nachhaltigkeitswoche Prof. Dr. Cordt Zollfrank, Professor für biogene Polymere  am TUM Campus Straubing,), Chirurg Dr. Albert Solleder und Nikolaus Ferstl, Leiter der Technischen Zentrale der Universität Regensburg (UR) und des Universitätsklinikums Regensburg (UKR).

Das größte Müllproblem in Kliniken sind die vielen Plastikverpackungen und -umverpackungen der medizinischen Instrumente. Derzeit gäbe es fünf Milliarden Tonnen Kunststoff auf der Erde, erklärte Prof. Zollfrank, bei gleicher Produktion wären es 25 Milliarden Tonnen bis 2025. Doch obwohl wir um die Schädlichkeit von Plastik und insbesondere auch Mikroplastik wissen, werde die Forschung hinsichtlich der nachwachsenden Ressourcen durch die Erdöllobby unterbunden und der Einsatz nachhaltiger Materialien durch fehlende rechtliche Rahmenbedingungen verhindert. Auch würde der Preis von Polypropylen künstlich niedrig gehalten. So koste ein Kilogramm Kunststoff derzeit 50 Cent, wohingegen der Preis für ein Kilogramm Biostoffe bei immerhin 2,50 Euro liegt. Das sei allein durch die staatliche Subventionierung der Plastikproduktion zu erklären. Fakt ist, dass man große Mengen an konventionellen Kunststoffen ersetzen könnte. Man könne sogar, so Prof. Zollfrank, Reststoffe aus der Forst- und Landwirtschaft zur Herstellung des biologischen Kunststoffes nutzen.

Diese nachwachsenden und biologisch abbaubaren Verpackungsmaterialien könnten die fossilen wohl vollständig ersetzen, vermutet Dr. Solleder. Hier fehle es lediglich an der Bereitschaft zur Konzeption und an der Förderung der Erforschung neuer Ideen und Lösungsansätze. Dabei könnte man bereits durch Materialveränderungen alltäglicher Gegenstände wie Feuchttücher und Thrombosestrümpfe umweltschädlichen Müll vermeiden. Manche der biologischen Materialien erfüllen jedoch noch nicht das Kriterium der Sterilität.
Ein ebenfalls nachhaltiger Ansatz wäre ein Leasingmodell für Geräte bzw. der Verleih von Kunststoffen. So müssten Unternehmen ihre Produkte wieder zurücknehmen und selbst für das Recycling sorgen. Daneben gibt es bereits Stiftungsprojekte, bei denen Altgeräte in Entwicklungsländer wie Rumänien gebracht werden und dort in den Krankenhäusern Verwendung finden. Wichtig wäre auch, die Produktionsfirmen an den Verpackungskosten zu beteiligen und eine gesetzliche Verpflichtung wie bei Pfandflaschen einzuführen. Beachten müsse man jedoch, dass Patienten nicht durch umweltschonende Maßnahmen gefährdet würden.

Doch man kann auch außerhalb der Kreissäle und Krankenzimmer viele Ansatzpunkte zur umweltfreundlicheren Entwicklung finden. So schlug Nikolaus Ferstl vor, bei den „niedrighängenden Früchten“ anzufangen: Blühwiesen, Fahrradstellplätze, Ladestationen für Elektroautos sollten zur Selbstverständlichkeit in und um Krankenhäuser (und  allen anderen öffentlichen Einrichtungen) werden.
Dennoch, so waren sich die Podiumsgäste einig, muss auch im Klinikum ein Umdenken in Verbrauchsverhalten beim Personal stattfinden. Denn, so die Devise von Ferstl: der beste Müll sei der, der nicht produziert würde. Prof. Zollfrank warf ein, dass teilweise die nachhaltigeren Produkte auch die sinnvollsten Lösungen darstellten: so gibt es zum Beispiel keimresistente Oberflächen aus biologischem Material.



Zur Energieversorgung der Universität und des Universitätsklinikums

Die Universität besitzt ein Blockheizkraftwerk, wodurch sie vor Ort Strom erzeugen und vertreiben kann. Zudem nutzt die Universität zu 100 Prozent regenerativen Strom eines lokalen Stromanbieters. Durch das Blockheizkraftwerk kann die Universität zehn Prozent ihres Energieverbrauchs selbst decken, die Abwärme bei der Stromerzeugung wird zu 100 Prozent am Uniklinikum verbraucht. Von Oktober bis Ostern betreibt die Universität eine eigene Gasturbine, deren Abwärme ebenfalls in das Campusnetz eingespeist wird. Nikolaus Ferstl sprach zudem an, dass auf allen Dachflächen von neugebauten und sanierten Gebäuden Photovoltaik-Anlagen installiert werden sollen. Insgesamt entspräche das UKR, so Ferstl, schon sehr vielen Anforderungen des Konzepts des Green Hospitals, vor allem bei der Energieversorgung und nehme in vielerlei Hinsicht eine Vorreiterrolle unter deutschen Krankenhäusern ein.



Appell an die Studierende

„Die Hütte brennt“, so Prof. Sollfrank, in der Politik stoße man seit Jahren auf „taube Ohren“. Daher seine Aufforderung an die Studierenden: sie sollten in ihrem eigenen Lebensbereich auf Müllvermeidung und -reduktion achten und an den Fridays for Future-Demonstrationen teilnehmen.

Auch Dr. Solleder bekräftigt: die heutigen Studierenden sind die Entscheidungsträgerinnen und -träger von morgen. Sie können mit dem inhaltlichen Umdenken beginnen.   Bereits jetzt verfügen sie über kleinere Entscheidungshoheiten. Jede Handlung und Entscheidung sollte kritisch hinterfragt werden. Dafür könnten sich Studierende bereits in täglichen Abläufen sensibilisieren. Denn: „Nachhaltigkeit tut nicht weh“, so Dr. Solleder.


Verbesserungsvorschläge der Studierenden

Im Anschluss an die angeregte Diskussion brachten die Studierenden hre Ideen und Anregungen für mehr Nachhaltigkeit im Uniklinikum Regensburg ein:

  • Papierfreie/ elektronische Dokumentation und Archivierung
  • Bestmögliche Nutzung der Lebensmittel
  • Reduktion des Fleisches in der Lebensmittelversorgung
  • Einwegbecher, Plastikdeckel, Plastik in den Cafeterien einschränken
  • Vorlesung zur nachhaltigen Medizin in den Lehrplan einbauen
  • Screening des UKR auf Maßnahmen hin
  • Einrichtung einer Stelle für Ideensammlungen („Black Box“)
  • NachhaltigkeitsbeautragteR im Uniklinikum oder an der Universität gesamt

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