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Der Chor zuerst

Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte veröffentlicht historische Studie über die Ursachen für Gewalt bei den Regensburger Domspatzen


23. Juli 2019 | von Margit Scheid

Die Regensburger Domspatzen galten in der öffentlichen Wahrnehmung viele Jahre lang vor allem als exzellenter Knabenchor und wurden als kirchlich-bayerisches Kulturgut geschätzt. Spätestens seit 2010 wird dieses Bild durch das Bekanntwerden von jahrzehntelang ausgeübter und systematisch angewandter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche überlagert. Seit April 2015 ist das Regensburger Bistum bestrebt, die Vorkommnisse aufzuklären und aufzuarbeiten. Im Lauf dieses Prozesses hat das Aufarbeitungsgremium, das sich aus Vertretern der Betroffenen und Vertretern des Bistums zusammensetzt, zwei Studien in Auftrag gegeben, die das Geschehen sowohl geschichtlich als auch sozialwissenschaftlich untersuchen sollten. Mit einer „Sozialwissenschaftlichen Analyse und Einschätzung zur Gewalt bei den Regensburger Domspatzen 1945 bis 1995“ wurde die Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden beaufragt; eine historische Untersuchung der „Institutionellen Strukturen und der erzieherischen Praxis der Regensburger Domspatzen 1945-1995“ unternahmen Prof. Dr. Bernhard Löffler und Dr. Bernhard Frings vom Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg. Die Ergebnisse beider Studien wurden am gestrigen Montag, dem 22. Juli 2019, in Rahmen einer Pressekonferenz des Bistums Regensburg der Öffentlichkeit vorgestellt.


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Bischof Rudolf Voderholzer, Prof. Dr. Bernhard Löffler und Dr. Bernhard Frings bei der Pressekonferenz am 22. Juli (v.l.n.r.)


Die Regensburger Studie entstand im Zeitraum von April 2017 bis Juni 2019 und wird Ende Oktober 2019 in Buchform im Verlag Friedrich Pustet erscheinen. Sie nimmt inhaltlich vor allem drei Aspekte in den Fokus: die organisatorisch-personellen Strukturen und institutionellen Entwicklungen; die Erziehungspraktiken, den Erziehungsalltag und deren Protagonisten; sowie die Wahrnehmungs- und Mediengeschichte der Domspatzen bis ins Jahr 2016.


Verbindung von sozialwissenschaftlicher und historischer Perspektive

Das Aufarbeitungsgremium sprach sich einvernehmlich für die Beauftragung des Lehrstuhls von Professor Löffler aus. Um die wissenschaftliche Unabhängigkeit zu gewährleisten, schlossen Bistum und Universität einen Zuwendungsvertrag, zudem begleitete ein wissenschaftlicher Beirat die Studie. Die Zusammenarbeit mit den Institutionen der katholischen Kirche bewertet Professor Löffler als sehr verlässlich und zielorientiert. Ihm und seinem Team sei es möglich gewesen, Einsicht in alle vorhandenen Akten – darunter auch Personalakten – zu nehmen. Zudem konnten er und Dr. Bernhard Frings auf dem 2017 veröffentlichten Untersuchungsbericht von Rechtsanwalt Ulrich Weber aufbauen. Eine Besonderheit sei zudem die Aufarbeitung der Thematik ‚Erziehung und Gewalt’ mithilfe von zwei Studien aus unterschiedlichen methodischen Blickwinkeln, so Prof. Dr. Löffler: „Durch die Verbindung der sozialwissenschaftlichen und der historischen Perspektive ist es gelungen, tieferen Einblick in die Strukturen der Domspatzen-Institutionen, deren Binnenlogiken, diversen institutionellen Verflechtungen und Begründungsfaktoren zu bekommen.“


Der Chor, nicht das Wohlergehen der Schüler, stand im Zentrum der Aufmerksamkeit

Diese Binnenstrukturen einer überaus heterogenen und komplexen Gesamtinstitution sind es letztlich, die die Studie als eine wesentliche Eigenart der Domspatzen und auch als Fundament der Gewaltausübungen benennt, weil sie einen unvoreingenommenen „Blick von außen“, interne Kontrollen und Reformansätze erheblich erschwerten. Ein kompliziertes Arrangement aus Chören, zwei Schulen (Vorschule mit 3./4. Klasse, Gymnasium) und drei Internaten (Vorschulinternat, Dompräbende für Unterstufenschüler, Internat des Musikgymnasiums für Mittel- und Oberstufenschüler) wurde getragen von Stiftungen und beaufsichtigt von diversen staatlichen und kirchlichen Stellen, namentlich dem Kultusministerium, der Regierung der Oberpfalz, dem Domkapitel und dem Ordinariat. Innerhalb dieses Organisationsgeflechts stand stets der Chor im Zentrum der Aufmerksamkeit: Die Studie zeigt, dass seiner Finanzierung und seinem Erfolg von allen Akteuren mehr Bedeutung zugemessen wurden als dem individuellen Wohlergehen der Schüler oder einer kindgerechten Pädagogik. Außer Zweifel stehe, dass es vor allem in der Vorschule der Domspatzen sowie in der Dompräbende und im Chor zu teilweise massiven Fällen von körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt mit schweren traumatisierenden Wirkungen für die Betroffenen gekommen sei. Nach Einschätzung von Prof. Dr. Bernard Löffler und Dr. Bernhard Frings sprengten die körperlichen Züchtigungen und die damit einhergehende systematische Erzeugung von Angst auch die damaligen Rechtsnormen und gesellschaftlich akzeptierten Vorstellungen von Strafe. Erschwerend komme das Versagen von kirchlichen und staatlichen Aufsichtsinstanzen hinzu. Niemals habe man präventiv-vorsorgend oder selbstkritisch agiert. Selbst die meisten Eltern hätten sich erstaunlich passiv verhalten, nur vereinzelt sei Protest laut geworden.


"Eine erstaunliche Geschichte ausbleibender Skandale"

Mediengeschichtlich betrachtet sei die Entwicklung der Domspatzen in den Jahren 1945 bis 1995 eine „erstaunliche Geschichte ausbleibender Skandale“, so Professor Löffler. Es sei bemerkenswert, dass es nie zu einer breiten öffentlichen Diskussion über die Zustände gekommen und dass Empörung und Skandal in großem Maßstab ausgeblieben seien, obwohl einzelne Fälle vor Gericht kamen und auch immer wieder die Zeitungen darüber berichteten. Erst im „Schlüsseljahr 2010“ habe sich das grundlegend geändert, wofür laut Löffler mehrere Faktoren ausschlaggebend waren: Zum einen wurden in dieser Zeit zahlreiche andere Fälle von Gewalt und Missbrauch in Einrichtungen der katholischen Kirche öffentlich. Zum anderen habe sich „die Möglichkeit der pointierten Personalisierung als skandalverschärfend erwiesen“ – gemeint sind Georg Ratzinger als ehemaliger Domkapellmeister und Bruder des Papstes sowie der umstrittene ehemalige Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller und sein Verhalten beim Aufflammen des Skandals. Nicht zu unterschätzen seien zudem die Einflussmöglichkeiten von Internet und Social Media-Kanälen, über die sich die betroffenen ehemaligen Domspatzen organisiert hätten.


Ausführliche Informationen zu den Studien als Downloads

Eine ausführliche Darstellung zentraler Ergebnisse der Studie von Dr. Bernhard Frings und Prof. Dr. Bernhard Löffler mit dem Titel „Der Chor zuerst. Institutionelle Strukturen und erzieherische Praxis der Regensburger Domspatzen 1945-1995“ finden Sie online unter:
https://www.ur.de/aktuelles/medien/blog/pressetext_loeffler_frings.pdf
Die komplette Studie erscheint im Oktober 2019 in Buchform im Verlag Friedrich Pustet.

Die korrespondierende sozialwissenschaftliche Studie der Kriminologischen Zentralstelle "Regensburger Aufarbeitungsstudie: Sozialwissenschaftliche Analysen und Einschätzungen zur Gewalt bei den Regensburger Domspatzen 1945 bis 1995." können Sie auf der Homepage des KRIMZ herunterladen:
https://www.krimz.de/publikationen/bm-online/bm-online-18.html


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