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Entdeckung und historische Taxonomie

Der Ritterstern tauchte in Europa zum Ende des 16. Jahrhunderts erstmals auf. Ein Arzt zu Sevilla namens Simon von Tawar hatte 1593 aus einer Schiffsladung, die in Südamerika aufgenommen worden war, Zwiebeln erhalten und diese in seinem Garten angetrieben. Er schickte eine genaue Beschreibung, getrockneten Blüten und detaillierte Zeichnungen an den niederländischen Botaniker Charles de l’Ècluse/lat. Clusius (1526-1609) zur genaueren Bestimmung. Zur selben Zeit pries der niederländische Pflanzenhändler Emanuel Sweerts (1572-1606) die gleiche Zwiebelpflanze als Neuheit aus Ostindien an.

Erst 150 Jahre später fasste der schwedische Botaniker Carl von Linné (1707-1778) in seinen „Anmerkungen über die schöne Amaryllis“ aus dem Jahre 1742 den damaligen Wissensstand zusammen. Seine Faszination für die Gattung wurde damals durch die exzentrische Jakobslilie ausgelöst (Amaryllis Iacobaeus). Linné kritisierte Sweerts sowie die Botaniker Bauhin und Rudbecke, die den Angaben des Pflanzenhändlers gefolgt waren. Er selbst glaubte, dass das Habitat in Westindien, Mittel- und Südamerika zu suchen sei. Die südamerikanische Heimat für den Ritterstern sah er durch die Aufzeichnungen von Clusius als erwiesen an.



Zu Beginn des 17. Jahrhunderts war der Ritterstern auch im Pariser Raum bekannt. Der Leiter des königlichen Kräutergartens in Paris, Jean Robin, konnte sich nachweislich über Hippeastrum-Exemplare freuen. Eingang in die deutsche Botanik fand der Hippeastrum 1616 über Johann Theodor de Bry in seinem Frankfurter „Florilegium novum“, das die Abbildungsvarianten von Sweerts und Clusius, die sich sehr ähnelten, sowie die Robins in einem Werk zeigte.

Bereits 1737 hatte Linné die Zwiebelpflanze auf den Namen „Amaryllis“ getauft, als er sie in Clifforts Garten sah und in dem gleichnamigen Verzeichnis „Hortus Cliffortianus“ beschrieb. Als Begründung für die gewählte Bezeichnung führte er Vergils schöne Hirtin Amaryllis (griech. ảμαρύσσω, funkeln lassen) in dessen Eklogen und eine Verneigung vor der Antike an, da die Namensträgerin auch die „Schönheit Roms verblüme“. In seinem ersten Band der „Species Plantarum“ aus dem Jahre 1753 versammelte Linné unter dem Gattungsnamen Amaryllis bereits neun vermeintliche Amaryllis-Arten aus Südamerika und Südafrika.



In alten Pflanzenbüchern finden sich die Arten der Amayrillisgewächse unter einer verwirrenden Namensvielfalt, die die Schwierigkeiten der Systematisierung widerspiegeln. Carl von Linné begründete die uneinheitliche Taxonomie und Nomenklatur mit der schweren Fassbarkeit dieser Pflanzenfamilie, so dass sich äußere Erscheinungsformen in den Namen finden:

In der Nomenklatur wird vielfach eine Nähe zu den Narzissen gesucht, weil eine gewisse Ähnlichkeit im Äußeren vorhanden ist, wenn auch die Blüte anders gestaltet ist: Mit der Bezeichnung „Lilio Narcissus“ werde zugleich ausgedrückt, dass die Blüte einer Lilie gleicht, die Wurzel aber einer Narzisse entspricht. Die auffällige Jakobsblume, Iacobaeus flos, sei durch die Ähnlichkeit der Blüte von dem roten Kreuz des spanischen Ritterordens St. Jakob inspiriert. (Linné 1742: S. 122)



Der Gattungsname Hippeastrum wurde 1819 von dem englischen Geistlichen und Hobbybotaniker William Herbert (1778-1847) geboren, als Herbert in William Curtis’ Botanical Magazine über mehrere Jahre hinweg Arten der Gattung Hippeastrum von der Gattung Amaryllis zu trennen versuchte.

Über die Etymologie des neuen Namens herrscht in der Literatur Uneinigkeit: Die geschlossenen Knospen sollen an ein Pferdeohr oder einen Pferdekopf erinnern, daher die Ableitung vom Griechischen: ἳππος, das Pferd. Andere sehen die sich überlappenden Blütenblätter gewissermaßen reitend aufsitzen und beziehen sich auf griech. ἱππεύς, der Ritter, Reiter. So erklärt sich auch der lateinische Name „Amaryllis equestre“. Daneben findet man auch die Vermutung, dass Herbert als Kenner der mittelalterlichen Geschichte die sternförmige Blüte nach dem Morgenstern benannte, den ein Ritter als Waffe mit sich führen konnte. Das griechische Wort ἂστρον, Stern, beschreibt schließlich die Umrisse der strahlenförmigen Blüte.

Erst nach molekulargenetischen Untersuchungen wurden 150 Jahre später auf dem 14. International Botanical Congress 1987 die Gattungen Amaryllis und Hippeastrum mit ihren Arten eindeutig voneinander geschieden. Der ersten wurde Südafrika als ursprüngliche Heimat und letzterer Südamerika zugesprochen.



Literatur:

Universitätsbibliothek Regensburg

Die ritterliche Weihnachtszwiebel - der Ritterstern (Hippeastrum)

Amaryllis