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Moderne Taxonomie

Der Ritterstern gehört zu den Amaryllisgewächsen (Amaryllidaceae), die auch Narzissengewächse genannt werden, innerhalb der Ordnung der Spargelartigen (Asparagales). Die Unterfamilie Amaryllidoideae zählt je nach Zuordnung über 60 Gattungen und mehr als 800 Arten, die in wärmeren Gegenden auf der ganzen Welt verbreitet sind. Sie können entweder Zwiebeln oder Rhizome ausbilden. Allein im südlichen Afrika wurden über 210 endemische Arten gezählt.

Einzelne Zweige der Unterfamilie Amaryllidoideae seien im Folgenden kurz vorgestellt, um die Verwandtschaftsverhältnisse beliebter Garten- und Zimmerpflanzen aufzuzeigen. (Wissenschaftliche Vollständigkeit wird an dieser Stelle nicht angestrebt, vgl. weiterführende Literatur.)

  • Tribus Amaryllideae, Subtribus Amarylidinae: die eigentliche Amaryllis, Habitat in Südafrika (Winterregengebiet) in nur zwei Arten (!); weiterer Subtribus Strumariinae mit 20 Brunsvigienarten aus Südafrika neben anderen
  • Tribus Galantheae, Gattung Galanthus (Schneeglöckchen)
  • Tribus Haemantheae, Subtribus Cliviinae, Gattung der Clivien ; weiterer Subtribus Haemanthineae, Gattung Haemanthus, mehrere Arten in Südafrika, u. a. die „Blutblume“
  • Tribus Hippeastreae, Subtribus Hippeastrinae, Gattung Hippeastrum, der Ritterstern mit ca. 80 Arten (Südamerika); als weitere Gattung  Jakobslilie in Mexiko und Guatemala
  • Tribus Narcisseae


Die Unterscheidung zwischen den beiden Gattungen Amaryllis und Hippeastrum lässt sich leicht durch einige Merkmale vornehmen: Der Ritterstern formt einen hohlen Blütenschaft, die Amaryllis einen kompakten aus. Im Gegensatz zur Amaryllis bildet  der Ritterstern mehrere Blütenanlagen. Die Blätter erscheinen zeitgleich mit der Blütenbildung, bei der Amaryllis erst nach dem Flor. Die Naturformen des Rittersterns blühen im Winter/Frühjahr, der Amaryllis im Herbst. Mit einer Anzahl von 8-12 Blüten übertrifft die Amaryllis den Ritterstern, der selbst als Hybride pro Blütenschaft ca. 2-6 Blüten bildet. 

Als „Amaryllis“ können botanisch nur zwei Arten benannt werden: Amaryllis belladonna und Amaryllis paradisicola. Die Amaryllis belladonna , auch „Belladonnalilie“, wurde auf der Kanalinsel Jersey ausgebracht und verwilderte auf Grund des milden Klimas. Sie wird daher auch als „Jersey-Lilie“ bezeichnet.
Der Ritterstern ist mit über 80 Arten in Südamerika vertreten. Sein Speicherorgan hilft ihm extreme Trockenzeiten zu überdauern, so dass er auch in einer der trockensten Gegenden der Welt überleben kann. Als 1998 El Niño die Atacama-Wüste durch starke Regenfälle in einen Blütenteppich verwandelte, wurde eine bislang unbekannte Art des Hippeastrums entdeckt.



Der Handel macht sich die Leistungsfähigkeit der Zwiebel zu Nutze. Da der Ritterstern mit langem Wasserentzug zurechtkommt, ist eine zeitlich flexible Lagerhaltung im Ruhezustand möglich. Wird die Zwiebel mit Nährstoffen, Wassergaben und Wärme versorgt, treibt sie verlässlich ein bis zwei Blütenstiele, die in 6-8 Wochen zur Blüte kommen. Auf diese Weise lässt sich der Ritterstern für das Adventsgeschäft gut vermarkten.

Sowohl der Ritterstern als auch seine Verwandte, die Amaryllis, enthalten mehrere toxische Stoffe. Sie werden als Zellgift nach WHO in die Giftklasse Ib: sehr giftig eingeordnet. Die höchste Konzentration ist in der Zwiebel enthalten. Der Ritterstern enthält die Wirkstoffe Lycorin, Tazettine,  Haemanthamin, Hippeastrin, Galanthamin  und andere Alkaloide. 2-3 Gramm Zwiebelmasse können für einen Menschen bereits tödlich sein. Als Symptome einer Vergiftung wurden erhöhte Herzschlagfrequenz, Gefäßverengung, Anstieg des Blutzuckerspiegels, Speichelfluss, Schwitzen, Erbrechen, Durchfall sowie zentralnervöse Lähmungen beobachtet. Zudem können Kreislaufzusammenbruch, Nierenversagen und Atemstillstand einhergehen.

Es ist bekannt, dass Völker in Afrika Pflanzenmaterial für Umschläge und den Sud zur Wundversorgung oder bei Verdauungsbeschwerden verwenden. Der unverdünnte Wirkstoff wurde als Pfeilgift eingesetzt. Die Zulu sagen dem Clivia-Rhizom eine schützende Zauberwirkung nach.

Auf zeremoniellen Trinkgefäßen der Inka in Peru wurden Malereien von blühenden Amaryllisgewächsen entdeckt. In einer südafrikanischen Felsenmalerei ist eine Brunsvigia-Art dargestellt, wohl auf Grund ihrer kultischen Bedeutung, die von psychoaktiven Inhaltsstoffen herrührt.

In der Schulmedizin wird auf Grund der hohen Toxizität auf eine Verwendung des Hippeastrums oder der Amaryllis verzichtet.



Literatur:

  • Grunert, Christian: Das Blumenzwiebelbuch. Zwiebel- und Knollengewächse. Stuttgart 1980. S. 43 und 141 ff.
  • Kasielke, Till: Pflanzenportrait: Hippeastrum – Ritterstern, Amaryllis und Amaryllis belladonna – Belladonnalilie (Amaryllidaceae). In: Jahrbuch Bochumer Botanischer Verein 1 (2010). S. 227-232. www.botanik-bochum.de/jahrbuch/Pflanzenportraet_Hippeastrum_Amaryllis.pdf
  • Meerow, Alan W.: Transfers from Amaryllis to Hippeastrum (Aamaryllidaceae). In: Taxon 46 (1997). S. 15-18.
  • Wink, Michael: Handbuch der giftigen und psychoaktiven Pflanzen. Stuttgart 2008. S. 7, 275, 376.
  • Arthington Worsley: The Genus Hippeastrum. A Monograph. London 1896.
  • Zur Systematik: www.mobot.org/MOBOT/Research/APweb/orders/asparagalesweb.htm#Amaryllidaceae

Universitätsbibliothek Regensburg

Die ritterliche Weihnachtszwiebel - der Ritterstern (Hippeastrum)

Amaryllis