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Pressemitteilungen

Area Studies in the Polycentric Condition

Regionalforschung in Zeiten unaufhörlicher Krisen - CrossArea-Konferenz 2023 in Regensburg


4. Dezember 2023

Von Krieg und Gewalt über Armut und Schuldenkrisen zu Pandemien und Naturkatastrophen – die Welt strauchelt. Eine regelbasierte internationale Ordnung, universell geltende Menschenrechte? Wer hoffte, glaubte, durch Globalisierung habe sich eine weltweite Konvergenz politischer Ziele etabliert, mit der sich Phänomenen wie Hass oder dem Klimawandel begegnen lässt, irrte. Was kann, muss, will Regional-Forschung unter diesen Bedingungen leisten? Wie lässt sich das Wissen um bestimmte Regionen und die Zusammenarbeit von Institutionen in diesen nutzen, um die Dauerkrise in der Endlosschleife erklären und im Idealfall Lösungsansätze für Probleme vorschlagen zu können? Komplexe Fragen, die die Konferenz „Area Studies in the Polycentric Condition“ stellte, zu der sich etwa 50 internationale Wissenschaftler*innen am 16./17. November 2023 in Regensburg austauschten.

Transregional, interdisziplinär, multiskalar

Professorin Dr. Anna Steigemann (Professur Soziologische Dimensionen des Raums) vom Department für Internationale und Multiskalare Area Studies (DIMAS) der Universität Regensburg (UR) und der wissenschaftliche Direktor des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS), Historiker Professor Dr. Ulf Brunnbauer, eröffneten die Tagung gemeinsam mit der Vorsitzenden des Verbandes CrossArea e. V. - Verband für Transregionale Studien, Vergleichende Area Studies und Global Studies - Dr. Doris Löhr: CrossArea ist eine 2014 in Leipzig entstandene Initiative zu stärkerer und langfristiger Kooperation von BMBF-geförderten Area Studies mit entsprechenden universitären und außeruniversitären Instituten.

Was die Regensburger Area Studies ausmacht, mit welchem Ansatz sie Autoritätsansprüche, vernetzte Protestbewegungen oder Konfliktlinien analysieren will, skizzierten Professorin Dr. Anna Steigemann und Professor Dr. Timothy Nunan (Professur Transregionale Wissenskulturen, DIMAS). Unabdingbar für regionale Expertisen seien multidisziplinäres Wissen und transregionale Zusammenarbeit. Die ökologischen, ökonomischen, rechtlichen, politischen und sozialen Herausforderungen von heute ließen sich längst nicht mehr in Einzeldisziplinen verorten, sie seien nur interdisziplinär zugänglich. Schließlich: Phänomene, die die Wissenschaftler*innen untersuchen, nähmen unterschiedliche Formen an und fänden in unterschiedlichen Räumen statt – etwa auf der Ebene des Nationalstaats oder auf lokaler Ebene. Daher verfolgen die Regensburger Area Studies einen multiskalaren Ansatz.
 
Bei der CrossArea-Konferenz in Regensburg im November 2023, (v. l.) Dr. Doris Löhr, Prof. Dr. Anna Steigemann, Prof. Dr. Ulf Brunnbauer. Foto: Gresa Morina/LWC

„Doing Area Studies in the Polycrisis“

So vielfältig wie dramatisch sind die Herausforderungen, die Menschen und Welt zunehmend zur gleichen Zeit widerfahren: Die Forschung hat sie im Begriff der „Polycrisis“ zusammengefasst. IOS-Direktor Brunnbauer, der das IOS vorstellte und mit anderen UR-Protagonist*innen im Bereich Area Studies den Tagungsteilnehmer*innen Hinweise auf einige der Regensburger Institutionen und Forschungsprojekte gab, sprach von „tektonischen Krisen“: Steigemann und Nunan erinnern in der kurzen Einführung zu der offenen Diskussion „Doing Area Studies in the Polycrisis“ an aktuelle Kriege, die Brüche unter den Betrachter*innen, den Blick des englischsprachigen Raumes auf deutsche und internationale Politik, gesellschaftliche Polarisierungen.  

„An open invitation to disagree“ sprechen die Tagungsveranstalter*innen aus, bitten um Impulse, wie sich Risiken, aber auch die Chancen polarisierender Themen in Forschung und Lehre sprachlich und konzeptuell adäquat vermitteln lassen, wie Area-Studies-Organisationen mit Verpflichtungen gegenüber ihren regionalen Partner*innen umgehen sollen/können/müssen, wie sich verhindern lässt, dass man zur „Sprachpolizei“ wird. Die Moderator*innen bieten an, persönliche Erlebnisse zu teilen, Ideen zu äußeren, ungelöste Probleme aufzuzeigen. Eine Aufforderung, der die Area-Studies-Community gerne nachkommt. Viele treibt es um, dass globale Debatten ganze Gesellschaften polarisieren.

Es entspinnt sich ein ebenso umsichtiger wie vorsichtiger Erfahrungsaustausch, mit Erlebtem im bosnischen Srebrenica in den 1990er Jahren, akademischem Alltag in Nord-Irland, privaten Einblicken aus Russland und der Ukraine, um das Erbe von COVID-19. Es geht um Grenzen, Respekt, Empathie. Es geht darum, wie sich Einschätzungen sprachlich präzise und fachlich wertneutral vermitteln lassen; Max Weber ist nicht fern, trifft auf queeren Feminismus. Mediale Räume müssen ausgewogen gefüllt werden, lautet eine Forderung, man dürfe die Bühne nicht den Welterklärer*innen im Rennen um die Talkshowquoten überlassen.

Gibt es Lösungsansätze für den gänzlichen Verlust bisher geltender Paradigmen? Doktorand*innen und Studierende schlagen vor, intensiv zu lehren, wie man Propaganda erkennt. Oftmals fehlten die Worte, gerade bei polarisierenden Themen. Für unabdingbar halten sie Strategien und Rat zum Umgang mit digitalen Informationsfluten. Einig ist sich das Auditorium, dass Universitäten den Raum für Multiperspektivität und Diskurs bereitstellen müssen, vielleicht als einzige adäquat können.

Klima, Medien, Aktivismus

Ein Panel mit  Early-Career-Wissenschaftler*innen moderiert Professorin Susan Hodgett (University of East Anglia, Norwich) am zweiten Tag der Konferenz. Dr. Natalie Rauscher (Universität Heidelberg) greift in einem Methodenmix aus Politikwissenschaft und Linguistik mediale Berichterstattung von Naturkatastrophen in den Vereinigten Staaten von Amerika auf. Vielerorts haben sich Unwetter verschlimmert, und sie lassen die amerikanische Gesellschaft verwundbarer denn je zurück, sagt Rauscher. Sie analysiert die Diskurse und Katastrophen-Narrative der Mainstream-Medien, die Resilienz und Durchhaltevermögen der Betroffenen preisen, aber selten auf das Versagen der Klimapolitik, nicht zuletzt der Trump-Administration, rekurrieren.

Clare Richardson, Journalistin und Doktorandin an der Freien Universität Berlin, nimmt das Auditorium mit einer Vielzahl historischer Bilder mit ins Black America und dessen Unabhängigkeitskampf. Sie berichtet von Stokely Carmichael und Amílcar Cabral, setzt sich mit den Grenzen amerikanischer Solidarität im portugiesischen Afrika auseinander. Yusra Abdullahi, Doktorandin an der Universität Leiden, Niederlande, forscht zu afrikanischem Aktivismus in den Vereinten Nationen; greift Beispiele aus Ghana, Uganda und Zimbabwe heraus und geht hart mit der UN ins Gericht – sie hätte viel mehr unternehmen können, den Globalen Süden aus dem Kolonialismus herauszuführen, glaubt Abdullahi.

Caring Infrastructures und „PostOst“

Die Industriedesignerin Miriam Kreuzer setzt sich in einem transdisziplinären Ansatz an der Akademie der bildenden Künste Wien mit der unsichtbaren Infrastruktur in urbanen Räumen auseinander: Sie durchziehen dies in Form komplexer Mobilitätssysteme, digitaler Netze, kritischer Gesundheitsversorgung oder kollektiver Solidaritätsstrukturen. Solche soziomateriellen Netzwerke stellen auch sozialräumliche Ordnungen her; sie verfestigen strukturelle Ungerechtigkeiten, letztlich Machtverhältnisse. Dabei hätten sie das Potenzial, zu Neu- und Umgestaltung, zu sozialökologischer Transformation. Kreuzer will daher herausfinden, wie urbane Infrastrukturen zu caring infrastructures werden könnten: Zu Infrastrukturen, die in urbanen Räumen gemeinschaftlich Sorge tragen und Stadtpolitik auch im Hinblick auf Themen wie den Klimawandel verändern.

Die Soziologin Li Yuxin, Doktorandin an der Universität Duisburg-Essen, blickt auf die Entwicklung des chinesischen Gesundheitssystem und den Einfluss nicht-chinesischer sozialpolitischer Modelle darauf. Anastasiia Marsheva, Doktorandin an der Justus-Liebig-Universität Gießen, erhielt für ihre exzellente Masterarbeit einen der Area-Studies-Preise der Universität Regensburg 2022. Sie geht in ihrem Forschungsprojekt der Frage nach, unter welchen Bedingungen Ethnien übergreifende Identitätskonstruktionen erzeugt, verbreitet oder auch aufgegeben werden. Unter anderem helfen ihre Interviews dabei, herauszufinden, inwiefern sich Ausgewanderte, insbesondere die Gruppe der „PostOst“ in Deutschland, mit ihrer (familiären) Vergangenheit identifizieren und welche Rolle die Aufnahmegesellschaften in der Identifikation spielen.
 
Early Career Researcher Panel bei der CrossArea-Konferenz 2023 in Regensburg. Foto: Gresa Morina/LWC

Wissensproduktion und Forschungsdatenmanagement

Im abschließenden Tagungsabschnitt präsentieren Kathleen Schlütter und Carolina Rozo Higuera von der Universität Leipzig ihr Projekt “The Production of World Knowledge Transformed”; ein Runder Tisch in Sachen Forschungsdatenmanagement und digitale Infrastruktur zur Zukunft der Archive schließt sich an. Auch wenn es darum geht, die Datenbestände von Wissenschaft und Forschung systematisch zu erschließen, nachhaltig zu sichern und sie zugänglich zu machen, bauen die Area Studies auf (inter-)nationale Vernetzung und transregionale Zusammenarbeit.

twa.

Informationen/Kontakt

Die CrossArea-Konferenz findet jährlich statt, 2023 erstmals in Regensburg. Sie bietet innovativer Forschung in Area Studies und Global Studies ein Forum, im Sinne des Vereins CrossArea e. V. Gastgeber an der Universität Regensburg waren 2023 das Department für Interdisziplinäre und Multiskalare Area Studies der Universität Regensburg (DIMAS), für das im Rahmen der Bayerischen Hightech-Agenda sechs neue Professuren an der Universität Regensburg eingerichtet wurden, und der Leibniz-WissenschaftsCampus „Europa und Amerika in der modernen Welt“, eine gemeinsame Einrichtung der Universität Regensburg und des Leibniz-Instituts für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS).

Department für Interdisziplinäre und Multiskalare Area Studies (DIMAS) der Universität Regensburg

Leibniz-WissenschaftsCampus (LWC) „Europa und Amerika in der modernen Welt“

Leibniz-Institut für Ost- und Südosteuropaforschung (IOS)

Graduiertenschule für Ost- und Südosteuropa-Studien (GS OSES UR)

CrossArea e. V.

NFDI4Memory und Recent Globe, Universität Leipzig

Internationales Festival Fotografischer Bilder

Kommunikation & Marketing

 

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