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Journal 1/2026

Vorwort der Herausgeber | Journal für Kunstgeschichte 1/2026

Vorwort der Herausgeber

Verlernen wir das Lesen?

Mit der ambitionierten nationalen Kampagne „National Year of Reading 2026“ und dem Aufruf „Go all in!“ reagiert Großbritannien auf einen alarmierenden Befund: Laut dem National Literacy Trust (NLT) ist die Lesebegeisterung unter Kindern und Jugendlichen auf dem niedrigsten Stand seit zwei Jahrzehnten. Weniger als jeder fünfte Acht- bis Achtzehnjährige liest in der Freizeit täglich – ein Rückgang der Begeisterung um 36 % seit 2005. Diese Initiative zielt darauf ab, die Freude am Lesen über alle Altersgruppen und Institutionen hinweg neu zu beleben. Auch Museen beteiligen sich aktiv, da Bücher über Kunst und Kunstgeschichte die Fantasie in besonderer Weise stimulieren können.

Was mancherorts als britisches ‚Inselproblem‘ abgetan werden könnte, erweist sich bei genauerem Hinsehen als zentrales gesellschaftliches Thema auch in Deutschland. Verschiedene Studien zeigen auch hierzulande veränderte Dynamiken im Leseverhalten, die Museen, Verlage und universitäre Seminare vor neue Herausforderungen stellen.

Besonders kritisch ist die Schnittstelle zur Künstlichen Intelligenz. Empirische Studien belegen, dass die vollständige Abhängigkeit von generativer KI bei Lese- und Schreibaufgaben die Genauigkeit des Textverständnisses um 25,1 % verschlechtern kann. Selbst eine bloße KI-Unterstützung reduziert die Lernleistung im Vergleich zu traditionellen Methoden um etwa 12 %.[1] Während KI-Tools schwächeren Leser*innen helfen können, zeigen sich bei Personen mit hoher Ausgangskompetenz durchweg negative Effekte. Das sogenannte „AI Reading Comprehension Paradox“ [2] beschreibt dabei das Phänomen, dass KI zwar schnell Antworten liefert, aber die Fähigkeit der Lernenden untergräbt, ihr eigenes Textverständnis einzuschätzen und sich aktiv mit komplexen Texten auseinanderzusetzen.

Auch Kunstbuchverlage stehen vor der Herausforderung, sinkende Lesekompetenz und abnehmende Bereitschaft jüngerer Zielgruppen mit ihrem Anspruch an handwerkliche Qualität und wirtschaftliche Tragfähigkeit zu vereinen.

Und doch gibt es auch Licht in diesem in mancherlei Hinsicht düster stimmenden Szenario: Die Forschungen zur generellen Lesekompetenz zeigen auch, dass gedruckte Formate oft tieferes Textverständnis und längere Konzentration fördern als digitale Texte – insbesondere bei komplexen Inhalten, wie sie in Kunstbüchern üblich sind. Zugleich dokumentieren aktuelle Studien zur Mediennutzung von Jugendlichen in Deutschland überraschenderweise die Stabilität traditioneller Leseformate trotz Digitalisierung. Gedruckte Bücher bleiben bei jungen Menschen weiterhin relevant, auch wenn digitale Medien dominieren.

Nur etwa ein Drittel der Jugendlichen nutzt regelmäßig E-Books, zwei Drittel lesen digitale Bücher nie. Mithin scheinen analoge Kunst- und Sachbücher als Medium für tiefes Lesen vorerst stabil zu bleiben, auch im digitalen Zeitalter. Es gilt nun, den Appetit am Lesen neu zu wecken!

Diesem Zweck dient auch das vorliegende Heft mit den darin vorgestellten Publikationen. Es bietet vielfältige Impulse, die Freude am Lesen und Schauen neu zu entdecken:

Anhand Albrecht Dürers privatwirtschaftlichen Aufträgen werden in Dürer im Zeitalter der Wunder: Kunst und Gesellschaft an der Schwelle zur globalen Welt die Entwicklungen des zentraleuropäischen Kunstmarktes der Frühen Neuzeit exemplarisch behandelt. Die grafischen Bestände des Wallraf-Richartz-Museums stehen im Fokus von Expedition Zeichnung. Niederländische Meister unter der Lupe. Ein umfassendes Standardwerk erschließt das Kölner Glasmalereiatelier Friedrich Baudri und dessen Bedeutung für die deutsche Neogotik. Mit Transformationen der Moderne um 1900. Künstler aus Ungarn, Rumänien und Bulgarien in München liegt eine Studie zu den künstlerischen Transferprozessen zwischen west- und osteuropäischen Positionen vor. Der Ausstellungskatalog Kosmos Kandinsky. Geometrische Abstraktion im 20. Jahrhundert analysiert die Rolle der geometrischen Abstraktion und deren Auseinandersetzung mit den Kategorien von Raum und Zeit. Den künstlerischen Umgang Kirchners mit verschiedenen Rahmenformen und -gestaltungen verhandelt Wiederentdeckt und Wiedervereint. Rahmen und Bilder von Ernst Ludwig Kirchner. Der Tagungsband zu VALIE EXPORT versammelt die Beiträge des Wiener Symposiums anlässlich der Export-Retrospektive in der Albertina Wien von 2023. Blendwerke. Künstlerbiografien zwischen Nationalsozialismus, Widerstand und der Neuorientierung in der Nachkriegszeit beleuchtet anhand von vier Fallstudien der Berliner Kunsthochschule exemplarisch die biografischen Verstrickungen zwischen Nationalsozialismus und Nachkriegszeit. Das intellektuelle Künstlernetzwerk um John Cage und Robert Rauschenberg wird im Katalog Fünf Freunde multiperspektivisch beleuchtet.

Die komplexe Provenienzgeschichte eines Pissarro-Gemäldes und das tragische Schicksal der Familie Van den Bergh während der deutschen Besatzung der Niederlande im Zweiten Weltkrieg werden in The Girl in the Grass thematisiert. Interdisziplinäre Perspektiven auf koloniale Architekturzeugnisse bündelt der Band Architectures of Colonialism. Constructed Histories. Conflicting Memories. Schließlich vereint Klima. Eine Wahrnehmungsgeschichte kulturwissenschaftliche Ansätze zu einem der drängendsten Themen der Gegenwart.

      

Wie immer danken wir allen Autorinnen und Autoren sowie unserem Redaktionsteam – Annika Bless, Moritz Niefanger und Charlotte Steinhauer – für ihre wertvolle Unterstützung.

    

Birgit Ulrike Münch                                                                    Christoph Wagner


[1] Qirui Ju, Experimental Evidence on Negative Impact of Generative AI on Scientific Learning Outcomes, 2023, aufrufbar unter: arxiv.org/abs/2311.05629 (zuletzt aufgerufen am 21.01.2026).

[2] The AI Reading Comprehension Paradox, 2025, aufrufbar unter: www.bookize.com/blog/posts/the-ai-reading-comprehension-paradox/ (zuletzt aufgerufen am 21.01.2026).

      


Das Vorwort und das Inhaltsverzeichnis zum Download. 


  1. Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften