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Theologie und die Corona-Krise

Prof. Scheule: Folgen der Corona-Pandemie für Gesellschaft, Kirche und Familie

„Wir sind immer dann besonders gut, wenn wir zusammenhalten“ [PDF]

Kirsten Oberhoff fragte Professor Rupert Scheule nach den Folgen der Corona-Pandemie für Gesellschaft, Kirche und Familie.

Das Interview zum Nachlesen finden Sie HIER.

Erstveröffentlichung: misericordia, Juni 2020, 16-18.


DDr. Bukovec: Das Coronavirus als liturgischer V-Effekt

Das Coronavirus als liturgischer V-Effekt [PDF]

Erstveröffentlichung: https://www.liturgie.at/dl/pKsoJKJKkOmmLJqx4KJK/Bukovec_online.pdf

Die durch Covid-19 verursachte Pandemie hat Auswirkungen auf das gesamte gesellschaftliche Leben. Auch die Kirchen sehen sich durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus mit bislang unbekannten Herausforderungen konfrontiert. In besonderer Weise erfahrbar wird die Krise in den liturgischen Vollzügen und der aktuellen Auslotung der Möglichkeiten, wie got­tesdienstliches Leben in dieser Situation fortgesetzt werden kann.

Solidarität I – Bedrohungen

Die Coronakrise ist nicht allein eine gesundheitliche Bedrohung, sondern sie zieht viele weitere Krei­se: Gravierende soziale, kulturelle und wirtschaftliche Eruptionen treten schon jetzt spürbar ein. Dabei wird oft der Rückgriff auf archaische Muster beobachtet, um der einmaligen Si­tuation Herr zu werden. Dies gilt für die getroffenen und unerlässlichen Maßnahmen selbst, hat aber bereits nach einer Woche Lockdown dazu geführt, dass in der gesellschaftlichen Diskus­sion eine ethische Debatte um die Abwägung zwischen Gesundheit und Wirtschaft entbrannt ist, bei der prominent auch utilitaristische Kalkulationen bemüht werden; der absolute Wert des menschlichen Lebens kann plötzlich hinterfragt werden.[1]

Im Bereich der Liturgie kann man neben den vielen aktuell diskutierten bedrohlichen Perspektiv­verschiebungen auch die Frage der Reinheit anführen.[2] Das Gefährliche hier sind die wechseln­den Bedeutungen von „Reinheit“, die in der Coronakrise zu Tage treten: Schon vor dem Her­unterfahren der in der Kirche gefeierten Liturgie gewann die Einhaltung von Hygiene eine neue Dimension. Der erste Schritt der internen Maßnahmen zur Eindämmung war der Verzicht auf die Mund- und Kelchkommunion, aber es trifft mittlerweile auch weniger offensichtliche Sym­bolisierungen und Irritationen[3] im liturgischen Tun: Ein aufschlussreiches Beispiel war der Fern­sehgottesdienst am Laetare-Sonntag – dem ersten Sonntag nach dem Shutdown – im ZDF, der aus Bensheim übertragen wurde.[4] Das Desinfektionsmittel wurde gleich zweimal in Nah­aufnahme eingeblendet, bei der Händewaschung während der Gabenbereitung und vor der Kommunion. Auch wenn dies eine durchaus nachvollziehbare Geste war, bleibt zu bedenken, wie leicht sich neue symbolische Codes einschleichen. Worauf dieses scheinbare Detail hin­weist, ist das Problem, wie post coronam hygienische Erwägungen den Umgang mit den li­turgischen Vollzügen, gerade mit ihren materiellen Elementen, bestimmen werden. Hygiene wird ein Thema bleiben und die aktuelle Krise wird Spuren hinterlassen; es gilt jedoch, diese The­matik liturgisch sinnvoll zu integrieren.[5] Der geschärfte Blick auf Hygiene ist wichtig, es geht aber v. a. auch um das Problem eines Bewusstseinswandels.

Dass der Hygienediskurs keine Nebensache ist, kann uns ein Blick in die jüngere Liturgiegeschich­te lehren: Kulturgeschichtlicher Wandel macht natürlich auch vor der Gestaltung des Got­tesdienstes keinen Halt. Die Entdeckung der Infektionswege in der Medizin des 19. Jahrhun­derts und die verbesserte Kenntnis der bakteriellen und viralen Ursachen für viele Krankhei­ten führten in einigen Denominationen in den USA zur Einführung steriler Formen der Kommu­nion.[6] Der außerhalb der Katholischen Kirche verschiedentlich zu beobachtende Gebrauch von Hostienspendern, Einzelkelchen oder von Communion Sets (Wein in kleinen, kaffeesahne­ähnlichen Plastikbechern mit eingeschweißter Hostie) erklärt sich aus der beabsichtigten Ver­meidung von physischem Kontakt: Der Körper des Anderen wird als Bedrohung wahrgenom­men, weswegen die eucharistischen Elemente zum Schutz vor Kontamination luftdicht ver­packt werden. Dass die Symbolik des gemeinsamen Essens und Trinkens, des Ineinanders von Communio und Kommunion in dieser phänotypischen Realisierung verzerrt werden, ist die Folge.

Liturgietheologisch impliziert dieses instruktive Beispiel eine latente Gefahr auch im Hinblick auf die gegenwärtige Krise: Die zu befürchtende Drehung in der Wahrnehmung im Horizont pri­mär hygienischer Kategorien stellt ein Konzept von Reinheit in den Vordergrund, das ambiva­lent ist. Leicht schieben sich Subtexte von medizinischer, moralischer und ritueller Reinheit in­einander; „Reinheit“ als ein diskursives Konstrukt hat damit soziale Konsequenzen. Da die Li­turgie als symbolische Performanz abläuft, kann eine Symbolisierung solcher Diskurse eine Mehr­deutigkeit schaffen, die liturgietheologisch höchst bedenklich ist. Was drückt es über den Ge­meinschaftscharakter des Gottesdienstes aus? Welche Konnotationen werden in die Eucha­ristie eingetragen? Dass man Reinheit mit Vorsicht genießen muß, wird klar, wenn man be­denkt, dass das Motiv der Eucharistie als „Arznei der Unsterblichkeit“[7] in großer Spannung steht zur aktuellen Lage. Es ist daher zentral, die notwendigen Maßnahmen sauber von eucharistietheologischen Aussagen zu trennen und die Diskursebenen strikt auseinanderzuhalten.[8] Sonst kommt am Ende ein völlig neuer „Kult der reinen Hände“ heraus, der diesmal alle Mitfeiernden prägt. Die aktuelle Coronakrise führt uns vor Augen, dass das schillernde Konzept von Reinheit nicht allein zwischen kultischen und moralischen Kategorien oszilliert, sondern seit der Entwicklung der modernen Medizin auch eine dritte Form von Reinheit zum Paradigma gehört. Der gesunde Körper kann aber keine Voraussetzung für Gottes Zuwendung sein,[9] auch und gerade nicht in der gott-menschlichen Kommunikation der Liturgie. Zu befürchten wäre in Zukunft eine verstärkte Reserviertheit gegenüber der Kelchkommunion, obwohl es sich hierbei um eine eucharistietheologisch zentrale Errungenschaft der Liturgiereform handelt. Die Art des Friedensgrußes wäre ein weiterer Punkt, vieles andere ist noch nicht einmal abzusehen.

 

Solidarität II – Grenzen

Die Aussetzung öffentlicher Feiern in den Kirchen führt die Liturgie an ihre Grenzen. Gleichzei­tig erscheinen die bisherigen Grenzen des liturgischen und pastoralen Handelns als neue Zen­tren: So gehört die Digitalisierung gerade jetzt zu den Bereichen, aus denen Expertise und Vor­erfahrungen hilfreich sind, wenn es darum geht, Wege zu finden, trotz Kontaktsperre gemein­schaftlich den Gottesdienst zu feiern. Nicht vergessen sollte man aber auch die Kompeten­zen der Kategorialen Seelsorge in den Pflegeheimen und Krankenhäusern, welche mit ihrem Erfahrungsschatz Optionen aufzeigen können, die sich momentan als Herausforderungen stel­len.[10]

Alte Menschen und Vorerkrankte sind ja nicht erst seit SARS-CoV-2 Risikogruppen. Die Pflege­heime waren schon davor konfrontiert mit der Ausbreitung der Grippewellen und anderer leicht übertragbarer Krankheiten, die sogar zu Kettenreaktionen bei den Ansteckungen führen konn­ten.[11] Die von der sel. Hildegard Burjan (1883–1933) ins Leben gerufene Caritas Socialis (CS)[12] ist aktiv in der Pflege von demenzkranken Bewohnerinnen und Bewohnern, hat zudem im Haus Wien-Rennweg einen weiteren Schwerpunkt u. a. auf Menschen mit Multipler Sklero­se, ein Tageszentrum für Seniorinnen und Senioren und einen Kindergarten.[13] Es gibt eine Ka­pelle (seit 2019 „Schöpfungskapelle“ genannt), in der freitags und sonntags die Messe ge­feiert wird, ferner verschiedene Andachten und eine monatliche Taizé-Gebetsstunde mit be­sonderem Fokus auf Menschen mit fortgeschrittener Demenz. 2019 wurden durch die Hygi­e­­nebeauftragte des Hauses auch die Vorkehrungen bei der Liturgie evaluiert, und im Gespräch mit dem Pastoralteam entwickelte sich eine lange und sensibel abwägende Diskussion um einen verbesserten Gesundheitsschutz, der mit der Liturgie kompatibel ist. Man entschied sich, die Desinfektion der Hände beim Zelebranten und den Kommunionhelferinnen und -helfern gewissenhaft, aber diskret[14] einzusetzen. Der Zeitpunkt musste medizinisch effektiv und li­turgisch unauffällig sein, nämlich unmittelbar vor der Gabenbereitung an der Kredenz sowie zwi­schen Friedensgruß und Agnus Dei. Durch die Diskretion sollte einerseits ein missverständ­liches Signal gegenüber den Kommunizierenden vermieden und andererseits die liturgische Symbolisierung eines Fremdkörpers wie dem Desinfektionsmittelspender (etwa im Sinne eines neu­en liturgischen Geräts) verhindert werden.

Solche und ähnliche Erfahrungen sind nur ein Beispiel, wie bei der Gestaltung von Fernsehgot­tesdiensten Hygiene unzweideutig und möglichst unsichtbar integriert werden könnte.[15] Denn eine Desinfizierung der Hände beim Lavabo ist nicht nur zu auffällig, sondern auch zu spät, da Brot, Wein und Wasser bereits bereitet sind.[16]

Auch im Kontext anderer Fragen, die aufgrund der aktuellen Notwendigkeit medial vermittelter Gottesdienste aufgeworfen werden, kann die Kategorialseelsorge sensible Hilfestellungen anbieten: In der CS herrscht Konsens darüber, dass dem Einsatz der aus der Kapelle live übertragenen Feier aufs Zimmer eine komplementäre Funktion zukommt und die physische Teilnahme, sofern das möglich ist (und gern in Begleitung einer ehrenamtlichen Person), der Vorzug gegeben werden muss; dies sowohl aus liturgietheologischen als auch aus seelsorglichen Überlegungen heraus. Die Teilnahme am Bildschirm im Zimmer wird jedenfalls flankiert durch die Austeilung der Krankenkommunion oder – noch besser[17] – durch das Mitfeiern der gesamten Messe durch eine ehrenamtliche Person mit der Bewohnerin/ dem Bewohner; auch die gemeinsame Mitfeier einer Gruppe auf dem Stockwerk ist eine Option.

Angesichts der Coronakrise, bei der die physische Teilnahme der Gemeinde ausfällt, gilt es wachzuhalten, dass jedwede Form von TV- oder Online-Übertragungen eo ipso keine Ideallösung sein kann, sondern der Charakter des Provisorischen auch liturgisch sichtbar sein muss. Die erwähnten Fernsehmessen am Laetare-Sonntag haben die Problematik thematisiert und diese schmerzliche Leerstelle kenntlich gemacht, sei es durch die direkte Anrede der Zuseher/innen, sei es durch eine Kerze während der Fürbitten (ZDF) oder die provisorische Gestaltung des Feierraums, bei der die technische Apparatur nicht versteckt wurde (ORF III).[18]

Wenn in der aktuellen Lage die „Grenzliturgien“ für die „Zentren“ gefragt sind, sollten diese wert­vollen pastoralen Felder post coronam nicht wieder aus dem Blick geraten. Wertschätzung, v. a. aber Solidarität wäre neu zu denken angesichts der gesellschaftlichen Marginalisie­rung und der schwierigen finanziellen Ausstattung in den Diözesen. Wenn Social distancing nun eine traumatische Erfahrung für alle wird, kann das eine neue Sensibilität für blinde Flecke vor der Krise wecken.

 

Solidarität III – Herausforderungen

Die Unmöglichkeit, gemeinsam als Volk Gottes das „Werk unserer Erlösung“ (Sacrosanctum Concilium [SC] 2 und 5) zu fei­ern, stellt die Liturgie bis in ihre Fundamente hinein vor riesige Herausforderungen.[19] Gebot der Stunde ist ein mehrgleisiger Weg, der sowohl Ermutigung und Materialien für Feierformen zu Hause[20] an die Hand gibt als auch die mediale Übertragung von Gottesdiensten im Fernse­hen und als Livestreams anbietet.

Man muss auch den nun eingetretenen kontextuellen Wandel von TV-Gottesdiensten berücksich­tigen: Waren sie bislang ein komplementäres Angebot, sind sie derzeit gewissermaßen ein Er­satz. War bislang die feiernde Gemeinde zu sehen, ist sie nun nahezu als Ganze unsichtbar, sieht man doch ausschließlich die anderen liturgischen Rollen. Diese paradoxale Situation erfordert eine liturgietheologi­sche Reflexion, die hochkomplex ist und nur angeschnitten werden kann.

Das Sich-Versammeln[21] des Volkes Gottes „am selben Ort“ (1 Kor 11,20; Apg 2,44) ist ein Grund­pfeiler der Liturgie seit ihren Anfängen: Die Communio der Getauften versammelt sich und feiert in rituellen Handlungen und Symbolen das Geheimnis des Glaubens und unserer Er­lösung. Jeder Gottesdienst ist anamnetische Realisierung des Paschamysteriums des Gekreu­zigt-Auferstandenen im Heiligen Geist und in eschatologischer Erwartung. Dies geschieht öf­fentlich und physisch. In besonderer Weise gilt dies für die Eucharistiefeier als Mittelpunkt der gesamten Liturgie; sie ist Höhepunkt und Quelle allen kirchlichen Tuns (Lumen gentium 11). Kirche kon­stituiert sich nämlich zuallererst in der Eucharistie; Leib und Blut Christi sind ekklesiogen, in­sofern Kirche Gottesdienstgemeinschaft bedeutet und der Leib Christi in den eucharistischen Ge­stalten mit dem Leib Christi als Kirche untrennbar verbunden ist. Die Coronakrise schlägt al­so gleichsam in die Wurzel hinein, denn eigentlich ist die physische Präsenz der Feiernden „am selben Ort“ obligatorisch. Doch auch ein anderer Aspekt verschärft das Problem: Gerade die Verwendung materieller Elemente, bei der Messe konkret von Brot und Wein, kann allein in einer „analogen“ Feier geschehen und ist nicht virtuell übertragbar. Liturgie ist eine in vieler­lei Hinsicht leibliche Erfahrung und der Einbezug der materiellen Schöpfung drückt eine the­ologische Spitzenaussage im Verhältnis von Gott und Welt aus.

Zum Wesen der Liturgie gehört weiters das dialogische Moment: Die Kommunikation mit Gott und untereinander drückt sich durch die Verteilung der einzelnen performativen Akte auf verschiedene Rollen aus. Das Dialogische, horizontal wie vertikal, ist eine Gegebenheit der Lex orandi. Der Ausfall der Gemeinde ist der Sache nach nicht kompensierbar durch die anderen Rollen (Vorsteher, Lektor/in, Kantor/in, Ministrierende, Organist/in u. a.), auch wenn sie alle selbstverständlich ebenfalls Getaufte und Teil der Gemeinde sind – sie üben aber einen besonderen liturgischen Dienst aus.[22] Die Verlagerung einer zentralen liturgischen Rolle hinter die Bildschirme ist eine Hürde, da die Durchlässigkeit hier semipermeabel ist und nur in eine Richtung geht: Auch wenn man hinter dem Bildschirm mitfeiert, ist man primär doch Zuseher/in und damit in einer rezeptiven Rolle. Im Falle der Eucharistie ist zudem noch zu beachten, dass Hochgebet und Kommunion ineinander verschränkt sind als zwei Kulmationspunkte eines Akts; wenn der zweite Teil kompensiert werden muss, entsteht eine Schieflage.

Hier kommen die technischen Möglichkeiten und die Erfahrungen mit Gottesdiensten im digitalen Zeitalter auf den Plan.[23] Viele Gemeinden bedenken dies schon und wenden jetzt neue Formate an: Durch die Integration digitaler Kommunikation können bspw. Fürbitten interaktiv gestaltet werden.[24] Die Interaktivität verweist darauf, dass es zwischen physischer und virtueller Präsenz auch Differenzierungen gibt und darin keine absolute Alternative besteht.[25] Doch gerade im Fall der Messe können diese Formen der Einbindung nur begrenzt den garstigen Graben der räumlichen Trennung überwinden, denn die materielle Dimension ist hier nicht ersetzbar.[26] Eine Hoffnung über Corona hinaus wäre die Aufrechterhaltung des Streamings aus Sensibilisierung für kranke Menschen in der Gemeinde und überhaupt für alle, die nicht direkt teilnehmen können.

Gerade die Intensivierung der digitalen Kommunikation im Kontext der Liturgie ist begrüßenswert. Sie zeigt aber auch auf, dass dann im Miteinander vorrangig die Dimension des verbalen Aus­drucks fokussiert werden kann. Insofern stellt sich die Frage, ob nicht wenigstens komplemen­tär[27] zur Eucharistiefeier andere wichtige liturgische Feiern einzubeziehen wären, die das Wort Gottes stärker akzentuieren.[28]

Zu denken ist dabei an verschiedene Feierformen, etwa die Tagzeitenliturgie[29] und Wort-Gottes-Feiern.[30] Sie kommen den aktuellen Herausforderungen auch dadurch entgegen, dass im Gebetsleben zu Hause die Lesung und Meditation der Heiligen Schrift momentan einen wichti­gen Stellenwert bekommt. Wort-Gottes-Feiern verweisen aber darüber hinaus auf pastorale Zu­sammenhänge, die in vielen Gemeinden schon vor der Coronakrise Realität waren: Der ur­sprünglich durch den Priestermangel bedingte Übergang zur Wort-Gottes-Feier an vielen Sonn­tagen des Jahres führte zu einer auch positiv zu sehenden Beheimatung des „Tisches des Gotteswortes“ (SC 51) in den Gemeinden.[31] Wenn nun allgemein die Vulnerabilität der Li­turgie in den Blick kommt, kann dies zur Solidarität mit den Gemeinden führen, die auch sonst der regelmäßigen Eucharistie entbehren müssen.[32] Unsere menschliche Verletzlichkeit ist so oder so in den Gottesdiensten dieser Krisenzeit zu thematisieren und der Fürbitte und Kla­ge vor Gott ebenso wie der Sehnsucht nach der Eucharistie Raum in der Feiergestaltung zu geben.

Tagzeitenliturgie und Wort-Gottes-Feiern sind schließlich auch eine ökumenische Chance, um in der Krise gemeinsam als Christinnen und Christen vor Gott zu treten. Die Ausstrahlung einer ökumenischen Feier zu den privilegierten Sendeterminen hätte eine starke liturgische Symbolkraft. Trennendes muss und soll nicht kaschiert werden, aber ein gemeinsam gefeierter Wortgottesdienst ist kein liturgischer Nebenschauplatz, sondern eine bedeutende Form der liturgischen Realisation der Gemeinschaft der Getauften, die die Kirchengrenzen übersteigt.[33]

Wie ökumenisch und solidarisch das liturgische Leben der Menschen in dieser schwierigen Zeit ist, zeigt sich hervorragend an Initiativen wie dem Hoffnungslicht, bei dem sich Christ/innen weltweit im Gebet verbinden, wenn sie abends am Fenster eine Kerze entzünden und das Vaterunser beten.[34] Bei allem Traumatischen und Verheerenden der Corona­krise sind solche leisen Zeichen doch eine Bestärkung der Hoffnung und des Zusammenhalts im Glauben.


Literatur

Arnold Angenendt: „Mit reinen Händen“. Das Motiv der kultischen Reinheit in der abendländischen Askese, in: Georg Jenal (Hg.): Herrschaft, Kirche, Kultur. FS F. Prinz. Stuttgart 1993, 297–316.

Teresa Berger: @ Worship. Liturgical Practices in Digital Worlds. New York 2017.

Predrag Bukovec: Liturgieethische Irritationen, in: Liturgie und Kultur 10 (2019) 16–23.

Anselm Schubert: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018.

Franz J. Zeßner: Das Wesen der Feier ist „Zustimmung zum Leben“ (Ph. Harnoncourt). Über eine besondere Fähigkeit von Menschen mit Demenz, in: Heiliger Dienst 72 (2018) 212–220.

[PDF]


[1] Das ist gerade für eine christlich motivierte Ethik alarmierend. Es ist nur verständlich, dass das riesige Aus­maß der noch nicht einmal abzuschätzenden Folgen – gerade hinsichtlich Armut und Arbeitslosigkeit – solche Fragen nach dem Danach evoziert. Sehr heikel wird es, wenn letztlich eine archaische Rech­nung aufgemacht wird: Wie viele Menschenleben (besonders der Alten und anderer Risikogruppen) sind wir bereit, zu opfern für das Wohl der Allgemeinheit? Dabei ist der Zenit bei der Zahl der To­desfälle noch nicht einmal erreicht.

[2] Der kulturelle Umbruch zwischen Spätantike und westlichem Frühmittelalter zeigt sich in der Liturgie am Eindringen von archaischer Religiosität im Zusammenhang mit dem Opferverständnis, eines spezifischen geistlichen Leistungsbegriffs und dem Reinheitsparadigma beim Kultpersonal, s. Arnold Angenendt: „Mit reinen Händen“. Das Motiv der kultischen Reinheit in der abendländischen Askese, in: Georg Jenal (Hg.): Herrschaft, Kirche, Kultur. FS F. Prinz. Stuttgart 1993, 297–316; Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900. Stuttgart 32001; Arnold Angenendt: Offertorium. Das mittelalterliche Messopfer. Münster 42014 (Liturgiegeschichtliche Quellen und Forschungen 101).

[3] Bei liturgischen Irritationen handelt es sich um widersprüchliche Aussagen beim multidimensionalen liturgischen Handeln, wenn etwa zwischen non-verbalem Element und dem Gebeteten Unstimmigkeiten entstehen oder wenn die Kommunikation unter den an der Liturgie Beteiligten nicht stimmig ist oder wenn die Rituale in ihrer Performanz einen Subtext erhalten, der der Intention des Rituals zuwiderläuft, s. dazu Predrag Bukovec: Liturgieethische Irritationen, in: Liturgie und Kultur 10 (2019) 16–23.

[4] Zur Veranschaulichung einiger der in diesem Beitrag thematisierten Problemstellungen sollen Beob­ach­tungen anhand der in Österreich und Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragenen Mess­feiern einfließen. Die am 22. März 2020 auf ORF III (10 Uhr) bzw. im ZDF (9:30 Uhr) ausgestrahlten Gottesdienste sind insofern interessant, als hierbei die ersten Versuche vorliegen, mit der neuen Si­tuation des Lockdowns umzugehen. Gerade weil man z. T. noch unbekannte Bahnen einschlagen muss­te, ist in beiden Messen das spürbare Ringen um die Einbeziehung der Zuseher/innen zu würdigen. Die hier problematisierten Aspekte reichen weiter und sollen in erster Linie anschaulich machen, wel­che Friktionen in der Liturgie durch die Coronakrise überhaupt entstehen können. 

[5] Mögliche Anknüpfungspunkte werden im folgenden Kapitel präzisiert, s. u.

[6] Vgl. Anselm Schubert: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, 163–186.

[7] Der geprägte Begriff φάρμακον τῆς ἀθανασίας entstammt dem 2. Jh. und ist in den Ignatianen (Eph. 20,2; dort sogar noch expliziter: ἀντίδοτος τοῦ μὴ ἀποθανεῖν „Gegengift gegen das Sterben“) und bei Cle­mens von Alexandrien (protr. 10,106,2) belegt. In den Liturgietheologien der Spätantike, aber auch in den eucharistischen Gebetsstücken wurde diese Vorstellung sehr prominent. Sie findet sich nicht nur in den Ostkirchen, sondern auch im aktuellen Messbuch, bspw. bei der Purifikation von Patene und Kelch nach der Kommunion („Was wir mit dem Munde empfangen haben, Herr, das lass uns mit reinem Her­zen aufnehmen, und diese zeitliche Speise werde uns zur Arznei der Unsterblichkeit“). Man beachte die Unterscheidung zwischen realsymbolisch-sakramentaler und rein physischer Bedeutung in dieser letzt­genannten Formel: Genau darum geht es. Das neue Messformular, das angesichts der momentanen Pandemie eigens erstellt wurde, erwähnt im Schlussgebet die „Medizin des ewigen Lebens“: s. www.erzdioezese-wien.at/dl/rrotJKJnkkMlJqx4KJK/Messe_in_Zeit_der_Pandemie.pdf [9.IV.2020].

[8] Die Unsicherheit verrät sich dort, wo in der aktuellen Situation die gesundheitlichen Gefahren relativiert wer­den unter Rückgriff auf das Motiv der Arznei der Unsterblichkeit, bspw. Ende Februar 2020 in der Ru­mänischen Orthodoxen Kirche, s. noek.info/nachrichten/osteuropa/13-russland/1461-osteuro­pa-kirchliche-reaktionen-auf-corona-epidemie [9.IV.2020]. Mittlerweile wird deutlich, dass überhaupt in vie­len orthodoxen wie katholischen Kirchen in Osteuropa dieses Dilemma virulent geworden ist, s. den in­struktiven Beitrag von Regina Elsner in www.zois-berlin.de/publikationen/zois-spotlight/kirchen-und-die-corona-krise-in-osteuropa-nur-der-glaube-hilft/ [9.IV.2020]. Auch in der Katholischen Kir­che im sog. Westen gibt es freilich vereinzelte Stimmen, die bei der Eucharistie (oder dem Lourdes-Was­ser) ähnlich argumentieren.

[9] Sehr lesenswert sind Jörg Seilers Gedanken, die auch auf die Coronakrise eingehen: theologie-aktuell.uni-erfurt.de/ueber-reinheit-und-unreinheit-seiler/ [9.IV.2020].

[10] Die Digitalisierung wird im nächsten Kapitel nochmals aufgegriffen werden, s. u.

[11] Ich beschränke mich im Folgenden auf die Caritas Socialis in Wien, da ich hier durch eigene ehrenamt­liche pastorale und liturgische Tätigkeit Vorerfahrungen habe. Die Expertise der Kategorialseelsorge in den Diözesen wird post coronam bei der Bewältigung der Krisenfolgen für die Liturgiewissenschaft von großem Interesse sein; ein Desiderat wäre u. a. auch die empirische Erhebung des Umgangs mit Hy­gienerichtlinien in der Liturgie vor und während der Corona-Pandemie.

[12] 1919 wurde die Schwesterngemeinschaft gegründet, die heute u. a. auch in Deutschland und Brasilien aktiv ist. 2003 wurde zur organisatorischen Bewältigung der vielfältigen Aufgaben im Gesundheitswesen und darüber hinaus die gleichnamige Stiftung gegründet, in dessen Leitung auch der Schwes­tern­orden repräsentiert ist. Letztes Jahr wurde das 100-jährige Jubiläum feierlich begangen. Zur CS, s. www.cs.at [6.IV.2020].

[13] Zu den liturgischen Erfahrungen und der dahinterstehenden Liturgietheologie in der CS, s. Franz J. Zeßner: Das Wesen der Feier ist „Zustimmung zum Leben“ (Ph. Harnoncourt). Über eine besondere Fähigkeit von Menschen mit Demenz, in: Heiliger Dienst 72 (2018) 212–220; Franz J. Zeßner: Vergessen und Erinnern. Menschen mit Demenz feiern Gottesdienst im Pflegeheim. Würzburg 2016 (STPS 94).

[14] Auf eine diskrete Anwendung bei gleichzeitiger Sensibilität für hygienische Standards verweist Hans-Jürgen Feulner: Liturgie und Hygiene. Gebotene Vorsicht, in: Herder Korrespondenz 74/4 (2020) 13 f., 14.

[15] Eine Ironie der Perikopenordnung war, dass für den 4. Fastensonntag im Lesejahr A ausgerechnet Jesu Heilung des Blindgeborenen (Joh 9) die vorgesehene Evangelienlesung ist. Der dort erwähnte Spei­chelteig hört sich angesichts der Coronakrise wie eine unerhörte Provokation an, die in der Predigt auf die Gefahren von Reinheitsvorstellungen und Ausgrenzungsmechanismen (rein/unrein, heilig/sündig) hin hätte ausgelegt werden können.

[16] Die Händewaschung bei der Gabenbereitung ist (wie der eucharistische Teil der Messe insgesamt) ein hochstilisierter liturgischer Vollzug. Ihre Bedeutung ergibt sich aus der rituellen Handlungssequenz, nicht aus einem Händewaschen aus hygienischen Gründen, bei dem man zweimal Happy Birthday singen kann. Der Laetare-Gottesdienst auf ORF III am selben Tag hat zum Glück auf eine pädagogische (oder apologetische?) Inszenierung verzichtet und das Desinfektionsfläschchen nicht demonstrativ einge­blendet.

[17] Dies hängt natürlich von den Kapazitäten der Einrichtung ab und ist in Pflegeeinrichtungen nicht immer umsetzbar.

[18] Vorbildlich an der ORF III-Ausstrahlung war auch die niederschwellige Liedauswahl, da viele leicht me­morierbare Kehrverse gewählt wurden, die auch ohne Gotteslob mitgesungen werden können. Da in der häuslichen Isolation nicht immer genug Exemplare des Gesangbuchs vorrätig sein dürften, war dies eine situations- und familiengerechte Entscheidung. Vielleicht wäre das Adoro te devote („Gottheit tief verborgen“) als Kommuniongesang entbehrlich gewesen, da er ein Klassiker aus der Zeit der Schau­fröm­migkeit ist und gerade jetzt falsche Eindrücke wecken dürfte.

[19] Die Diskussion ist in der kirchlichen Öffentlichkeit voll im Gange und wird auch leidenschaftlich wie kon­­trovers geführt. Auf jeden Fall ist jeder Versuch, den Menschen trotz physischer Absenz gerade auch liturgisch nahe zu sein, erst einmal gut. In einer solchen Ausnahmesituation ohne Präzedenzfälle kann man sowieso nicht von Ideallösungen sprechen, weil die Bedingungen nicht ideal sind. Verschärft wird das Problem auch angesichts des Triduum sacrum als höchstem Fest im Kirchenjahr.

[20] Es ist sehr auffällig, wie in der aktuellen Diskussion die Liturgie der Hauskirche zum bestimmenden Pa­radigma und Vorbild erhoben wird, obwohl daraus bisweilen völlig konträre Konsequenzen abgeleitet wer­den. Wenn im 20. Jahrhundert die Periode der reichskirchlichen Standardisierung zum Goldenen Zeit­alter der Liturgiegeschichte avanciert war, geht man jetzt noch einige Jahrhunderte zurück. Das Be­mühen um eine gerechtere Wertschätzung des häuslichen Gebets und liturgischen Feierns ist eine er­freuliche Entwicklung: Es ist aber ein Diskurs der Gegenwart für die Herausforderungen von heute. Die Liturgiegeschichte kann motivierend und instruktiv sein, man kann aus ihr aber nicht konkrete norma­tive Handlungsanweisungen ableiten. Das hängt gerade auch damit zusammen, dass die Quellen der Vergangenheit zu Geschichtsbildern konstruiert werden müssen: Historische Rekonstruktion ist immer auch narrative Konstruktion (also Geschichtsschreibung), s. Robert F. Taft: Historicism Revisited, in: Studia Liturgica 14 (1982) 97–109; Albert Gerhards: Wozu und wie heute Liturgiegeschichtsschreibung betreiben?, in: Albert Gerhards / Benedikt Kranemann (Hg.): Dynamik und Diversität des Gottesdienstes. Liturgiegeschichte in neuem Licht. Freiburg im Breisgau 2018, 15–32; Harald Buchinger: Zukunft aus der Geschichte? Historische Liturgieforschung im Wandel, in: Peter Ebenbauer / Bert Groen (Hg.): Zukunftsraum Liturgie. Gottesdienst vor neuen Herausforderungen. Wien 2019, 9–26. Außerdem ist die Quellenlage zur Liturgie vor dem 4. Jahrhundert im Vergleich zur nachkonstantinischen Zeit beson­ders fragmentarisch – es ist daher aufschlussreich, wie die vielen Lücken jeweils gefüllt werden, wenn man im Moment vom Vorbild der Hauskirchenliturgie spricht.

[21] Nicht von ungefähr beginnt der seit 1970 geltende Ordo Missae mit den Worten „populo congregato“ und hebt darauf ab, dass die Versammlung des Gottesvolks den Beginn der Eucharistiefeier bestimmt.

[22] Jede liturgische Rolle soll „nur das und all das tun“, was ihrer Aufgabe im Gottesdienst ent­spricht (SC 28).

[23] Vgl. für den ersten Einstieg: Teresa Berger (Hg.): Liturgy In Migration. From the Upper Room to Cyberspace. Collegeville 2012; Teresa Berger: @ Worship. Liturgical Practices in Digital Worlds. New York 2017; das Heft Liturgie und Kultur 9/1 (2018); Alexander Deeg (Hg.): Liturgie – Körper – Medien. Herausforderungen für den Gottesdienst in der digitalen Gesellschaft. Leipzig 2019.

[24] Freilich bleibt zu bedenken, dass digitale Interaktivität viele ältere Teilnehmende ausschließt, die die­se technischen Möglichkeiten nicht gewohnt sind zu nutzen. Hierbei ist Fingerspitzengefühl gefragt.

[25] Schon vor der Coronakrise lag ein offensichtliches Beispiel vor: Das Stundengebet wird in der Praxis statistisch primär „privat“ gebetet und eben nicht in der Kirche. Die Gemeinschaft der Betenden ist eine von dislozierten Personen. Für diesen wichtigen Hinweis danke ich Harald Buchinger.

[26] Eine „geistige Kommunion“ ist eben nicht ein nur gradueller Unterschied zum Kommuniongang.

[27] Es geht hier allein um die Frage nach einer passenden liturgischen Vielfalt in der medialen Ausstrahlung, nicht um die selbstverständliche Relevanz der Eucharistie. Die Messe wird ja nicht eingestellt und das Angebot von Eucharistiefeiern im Fernsehen wird von vielen Menschen angenommen, wie nicht zu­letzt die spürbar erhöhten Einschaltquoten zeigen, s. www.katholisch.de/artikel/25013-fernseh­gottesdienste-verzeichnen-steigende-zuschauerzahlen [9.IV.2020].

[28] Es geht mir darum, den Fokus stärker auf Gottesdienstformen zu richten, deren Gestalt in besonderer Wei­se von liturgischen Sprechakten sowie dem Wort Gottes geprägt ist und bei denen die gottesdienstli­che Kommunikation im Notfall (!) einigermaßen auch digital gelingt, v. a. wenn die Semipermeabilität der medialen Übertragung entschärft wird. Trotzdem gilt es zu betonen, dass sich die Materialität und üb­rigens auch die Dialogizität der Liturgie anthropologisch gerade in der physischen Präsenz erweist, in­sofern wir alle Körper sind und unsere Existenz leiblich verfasst ist. Wortgottesdienste selbst partizipe­ren durch ihre Performanz ebenso an der materiellen Dimension der Liturgie. Für die Diskussion die­ses Themas bedanke ich mich bei Ingrid Fischer.

[29] Zu erwähnen ist hier das Projekt Stundenbuch Online des DLI in Trier, das auch als App für das Smart­phone zum Download bereitsteht; die App wird immer mehr als Alternative zu den zahlreichen Ein­zelbänden in der Printfassung angenommen und ist auch für unterwegs sehr gut geeignet. Die perso­nellen Kapazitäten reichen allerdings noch nicht aus, um die komplexen Feinheiten des liturgischen Ka­lenders und die regionalen bzw. diözesanen Gedenktage wiederzugeben, was für viele Tage im Kirchen­jahr leider ein spürbares Manko darstellt. Niederschwelliger, familiengerechter und zum Einstieg gut geeignet sind die Tagzeitenformulare im neuen Gotteslob von 2013.

[30] Schon frühzeitig in der Coronakrise haben Albert Gerhards, Benedikt Kranemann und Stephan Winter diesen Vorschlag in die Diskussion einbracht, s. www.katholisch.de/artikel/24874-privatmessen-passen-nicht-zum-heutigen-verstaendnis-von-eucharistie am Ende ihres Beitrags [9.IV.2020].

[31] Vgl. Benedikt Kranemann (Hg.): Wie das Wort Gottes feiern? Der Wortgottesdienst als theologische Herausforderung. Freiburg D 2002 (Quaestiones Disputatae 194).

[32] Gerade diese jetzt offensichtlich gewordene Erfahrung, wie es ist, die Eucharistie nicht gemeinsam fei­ern zu können, schärft den Blick für die Gemeinden, die dies schon z. T. seit Jahrzehnten tun müssen. Die dabei gemachten positiven Erfahrungen bezeugen die Kraft des Glaubens dieser Gemeinden ange­sichts des faktischen eucharistischen Fastens, das liturgietheologisch und ekklesiologisch keine Dauer­lösung sein kann. Die aktuelle Ausnahmesituation macht so gesehen klar, dass es für die Entwicklung der Liturgie nicht immer produktiv ist (und in der Liturgiegeschichte war), wenn die Ausnahme zur Regel wird. Gleiches gilt für die besprochenen Themen bestimmter Reinheitsvorstellungen und die medial ver­mittelten Feiern (s. o.): Auf Wahrnehmungsverschiebungen ist sensibel zu achten; erforderliche Kom­promisse sind in Grenzsituationen einzugehen, aber medial vermittelte Gottesdienste sind kein äqui­valenter Ersatz für die physische Versammlung.

[33] In solchen ökumenischen Gottesdiensten wird die erstrebte Einheit schon gelebt und gefeiert, s. Predrag Bukovec / Regina Augustin / Dorothea Haspelmath-Finatti / Florian Wegscheider (Hg.): Liturgie als Chance und Herausforderung für die Ökumene. Beiträge der Liturgiewissenschaft zur Einheit der Kirchen. Innsbruck 2017 (Pro Oriente 41). Es ist nicht Nichts oder etwas bloß Konstruiertes, son­dern die auf der Basis der einen Taufe vorgegebene Einheit aller Gläubigen im liturgischen Lobpreis Got­tes. Deswegen ist es auch ökumenisch weitgehend breiter Konsens, dass nicht wiedergetauft wird, s. dazu das in Lima verabschiedene Grundsatzdokument Baptism, Eucharist and Ministry des Ökumenischen Rates der Kirchen von 1982 (BEM 15 f.) und die Magdeburger Erklärung von 2007, die von elf Kir­chen in Deutschland verantwortet wird. Vgl. hier auch Achim Budde: Ökumenisches Stundengebet – Motor der Einheit, in: Heiliger Dienst 66 (2012) 220–226.

[34] Vgl. Predrag Bukovec: Eine Kerze im Fenster. Ein Hoffnungslicht in der Coronavirus-Pandemie, in: Gottesdienst 54/9 (2020) 105.

 


DDr. Bukovec: Eine Kerze im Fenster

Eine Kerze im Fenster. Ein Hoffnungslicht in der Coronavirus-Pandemie [PDF]

Erstveröffentlichung: Gottesdienst 54/9 (2020) 105.

Die Corona-Krise hat jetzt schon fatale Auswirkung auf das Leben der Menschen. Davon bleibt auch die Liturgie nicht verschont, die mit einer noch nie dagewesenen Situation konfrontiert ist, nämlich mit dem Einstellen der öffentlichen Gottesdienste in den Kirchen. Das liturgische Leben spielt sich für die meisten Menschen nun vor allem zu Hause ab.

Eine bemerkenswerte Initiative, die sich durch die digitalen Kanäle schon in viele Wohnungen auf der ganzen Welt verbreitet hat, ist das „Licht der Hoffnung“. Dabei wird jeden Abend am Fenster eine Kerze entzündet und das Vaterunser gebetet. Das Basisritual kann durch weitere Feierelemente wie eine Vesper oder eine Schriftmeditation angereichert werden. Die Gemeinde St. Pankratius im hessischen Oberhausen-Osterfeld hat damit einen liturgischen Baustein ins Rollen gebracht, der binnen kürzester Zeit große Akzeptanz fand und der auch seitens der Kirchen als ökumenisches Zeichen aufgegriffen wurde. Die Liturgischen Institute im deutschsprachigen Raum haben das Hoffnungslicht in ihre Aussendungen aufgenommen und Materialien zur Hand gegeben; in Österreich rufen katholische, evangelische und orthodoxe Kirchenleitungen zum Mitfeiern auf. Der Hashtag #lichterderhoffnung soll diese Gebetsaktion in den sozialen Netzwerken verbreiten. Die Initiative hat darüber hinaus weltweite Resonanz erfahren.

Anamnetische Solidarität

Das sichtbare Anzünden einer Kerze am Fenster lässt in die bedrohte Außenwelt hinein ein Zeichen der christlichen Solidarität und Hoffnung aufleuchten. Man verbindet sich im Gebet mit den anderen Betenden. Allein schon das Fenster ist in der gegenwärtigen Situation ein durchlässiges Zeichen, Grenze und Kontaktmöglichkeit zugleich, physische Trennung und Zusammenstehen in einem. Gerade auch angesichts der Vereinsamung, die die Coronakrise für viele Menschen mit sich bringt, leuchtet die Kerze dagegen an und drückt Solidarität aus: Wir sind füreinander da, wir denken an euch, wir beten gemeinsam mit euch.

Mit der Zeit wird es sicher sinnvoll sein, der größer werdenden Zahl der am Coronavirus Verstorbenen mit diesem Licht zu gedenken und so auch eine Form der anamnetischen Solidarität zu üben. In einer Situation, in welcher die Opfer des Virus in Einsamkeit ohne das Beisein ihrer Angehörigen sterben müssen und die Angehörigen nicht einmal Abschied nehmen können (selbst bei den Beisetzungen ist die Personenzahl limitiert), wird dieses kleine Licht in einer so großen Dunkelheit auch unsere Verletzlichkeit auszudrücken.

Licht der Osternacht

So schlicht und niederschwellig das Licht der Hoffnung auf den ersten Blick erscheinen mag, so treffsicher und tiefgründig zeugt es von einem Gespür für den Geist der Liturgie: In der diesmal derart speziellen Fasten- und Osterzeit kann die Kerze das Licht der Osternacht symbolisieren, Christus als Licht der Welt (Joh 8,12) und Christus als der glimmende Docht, der nicht erlischt (Jes 42,3–4). Die in der Liturgie an sich schon reiche Lichtsymbolik erinnert bei diesem abendlichen Ritual zudem an das Luzernar in der Vesper.

Der Kerze als nonverbalem Element ist das Vaterunser als verbales Element beigesellt: das Basisgebet aller Christinnen und Christen ökumeneweit. Und auch dies entspricht einem folgerichtigen liturgischen Impuls, denn das Vaterunser ist wohl der älteste Teil des täglichen Gebets der Kirche – es geht bis in die Anfänge zurück, wie die um 100 n. Chr. verfasste Kirchenordnung der Didache (Kapitel 8) zeigt. Schon in neutestamentlicher Zeit beteten Christinnen und Christen in ihren Häusern das Gebet des Herrn und heiligten so den Tag.

Das Erfrischende am Hoffnungslicht ist, dass es keine großangelegte Liturgie ist, aber es ist ein liturgisches Ritual. Seine Mitfeier ist erfahrungsintensiv und trotzdem nicht von besonderen Voraussetzungen bestimmt. In seiner liturgiesensiblen Konzeption handelt es sich um etwas, das auch im wörtlichen Sinn einen „Glanz edler Einfachheit“ (SC 34) ausstrahlt.


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Dr. Markus Weißer: Leibliche Präsenz

Leibliche Präsenz in medialer Entgrenzung. Die Corona-Pandemie als theologische Herausforderung und Chance

Dr. Markus Weißer über die Dimension der Leiblichkeit angesichts von „social distancing“ – und die theologischen Fragen, die hier gestellt werden:

https://www.feinschwarz.net/leibliche-praesenz-in-medialer-entgrenzung-die-corona-pandemie-als-theologische-herausforderung-und-chance/


Judith König: Ungleichzeitigkeiten

Ungleichzeitigkiten. Beobachtungen aus dem "rasenden Stillstand"[1] [PDF]

Als Bibelwissenschaftlerin stößt man häufiger auf Ungleichzeitigkeiten, ist die Bibel doch voll von Geschichten, die die Zeit anhalten oder dehnen, in denen alles gleichzeitig zu geschehen scheint oder die einen schon alles verstanden haben, während die anderen ratlos danebenstehen und sich wie im falschen Film fühlen. Sie ist voll von Geschichten, in denen Gott schon, aber auch noch nicht seine Herrschaft ausgebreitet hat, in denen Jesus lebt, obwohl er gestorben ist.

Auch als Hochschullehrerin sind einem die Ungleichzeitigkeiten nicht fremd. Nicht immer gehen meine Lehrveranstaltungen, die Vorbereitungen dazu und das Schreiben meiner Doktorarbeit zur basileia tou theou im Markusevangelium ganz reibungslos eins in eins. In Phasen, in denen der Terminkalender besonders voll ist, verschieben kleine Änderungen schon einmal den Plan einer ganzen Woche.

Noch nie allerdings habe ich die Wucht der Ungleichzeitigkeit so deutlich gespürt wie in den letzten Tagen. Zeitliche Abläufe, die unverrückbar schienen, planbar und vorhersehbar wie der Wechsel der Jahreszeiten, sind plötzlich vollständig ausgehebelt und durcheinandergeworfen.

Fragen aus dem beruflichen Mikro-Kontext wie „Wann wird unser Semester beginnen?“, „Wann können unsere Prüfungen stattfinden?“, „Wann gibt es wieder einen Zugang zur Universitätsbibliothek“ – so berechtigt sie auch sein mögen –, verblassen hinter ganz anderen, existentielleren Fragen:

„Wann sehe ich meine Familie wieder?“

„Wann können wir die großen Feste des Lebens wieder als solche feiern?“

„Wie gestalte ich Alltag, Leben und Arbeit so, dass es niemandem schadet; so, dass es anderen nützt?“

Ungestellt bleiben selbst dabei noch die Fragen derer, die mit der gegenwärtigen Krise an Körper und Seele, in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lebensgrundlage bedroht und existentiell gefährdet sind.

Wie können und wollen wir in einer solchen Situation Christinnen und Christen sein?

Auch in den Antworten auf diese Frage lässt sich derzeit eine schwindelerregende Ungleichzeitigkeit feststellen. Meldungen von Papst Franziskus, der die Übertragung eines Pestkreuzes aus Rom in den Vatikan veranlasst hat,[2] lassen sich nicht in den gleichen Tag setzen mit dem digitalen Impuls, den ich aktuell täglich morgens von meiner Netzgemeinde[3] auf das Smartphone geschickt bekomme. Mittelalter trifft auf das 21. Jahrhundert? Vielleicht macht dieses Bild ungleichzeitiger Gleichzeitigkeit mir klarer als jeder Fach-Aufsatz es könnte, was es bedeutet, in diachroner Gemeinschaft mit zahllosen Generationen von Glaubenden vor mir zu stehen. 

Aber: Auch die Sehnsucht der vielen Menschen in meinem Umfeld nach Nähe und Ansprache, nach Zuwendung und Hilfe durch ihre Kirche kann ich nur schwer in dieselbe Zeit setzen mit dem, was nun die Versammlung der Gemeinde in den Kirchengebäuden ersetzt – und mancherorts gar alternativlos ersetzt –: Messen, die hinter verschlossenen Türen gefeiert werden.[4]

Gleichzeitig sprießen und sprossen – auch mit Unterstützung der Amtsstrukturen der Kirche – kreative Initiativen, greifen helfende Hände ineinander, damit niemand durchs Netz fällt – auch die nicht, die nicht ans weltweite Netz angeschlossen sind.

Nun mag es Menschen geben, die Ungleichzeitigkeiten genießen, die auf der Welle surfen und problemlos ihre Uhr umstellen, oder – noch besser – gleich für jede Zeitzone eine eigene Uhr am Handgelenk tragen. Meine eigene Erfahrung aber zeigt: Bei allem kreativen und innovativem Potential, das Ungleichzeitigkeiten und Verwerfungen in sich bergen, lässt es sich doch für gewöhnlich mit dem Gegenüber besser kommunizieren, wenn man mit ihm oder ihr synchron geht.

Um solch eine Synchronizität herzustellen, oder das Aufeinander-Einstellen der Uhren zumindest zu erleichtern, lohnt es sich meistens, das Gegenüber dazu zu befragen, was er braucht. Was sie bewegt.

Wie können und wollen wir in einer solchen Situation Christinnen und Christen sein?

Vielleicht zuerst im Modus der Frage(n) –

Was brauchst du? Was bewegt dich?

Sich aufeinander einstellen, Ungleichzeitigkeiten miteinander aushalten und gleichzeitig-ungleichzeitig die Zwischen-Zeiträume auch gestalten. Das täte freilich nicht nur auf der Ebene kirchlicher Strukturen und Abläufe Not, sondern auch in der Theologie.

Bevor ich also zurück zu meinen Forschungen rund um die körperliche Präsentation der basileia tou theou im Markusevangelium in Dialog mit der phänomenologischen Philosophie des 20. Jahrhunderts gehe – die Selbstironie ist durchaus beabsichtigt –, frage ich mich: Wann hat die Theologie zum letzten Mal gefragt, was diejenigen, für die sie forscht, eigentlich brauchen?

Was muss jetzt, in dieser Situation, an diesem Tag, an diesem Ort, kritisch und wissenschaftlich hinterfragt und gleichzeitig auf Gott hin gedeutet werden?

Über Antworten – die gleichzeitig und ungleichzeitig Fragen sind! – freue ich mich…  

Judith König

judith.koenig@ur.de

31. März 2020

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[1] Michael Schüßler auf: https://www.feinschwarz.net/corona/ [letzter Zugriff: 27.03.2020].

[4] Vgl. dazu z.B. den Kommentar von Johann Pock aus pastoralliturgischer Sicht unter https://theocare.wordpress.com/2020/03/27/karwochenliturgie-im-zeichen-von-covid-19-eine-vertane-chance/ [letzter Zugriff: 30.03.2020] und die Debatte zum Thema auf katholisch.de: https://www.katholisch.de/artikel/24944-eucharistie-ohne-volk-per-livestream-rueckschritt-oder-fortschritt [letzter Zugriff: 30.03.2020].


Prof. Scheule: Ganz ohne Kuscheln geht es nicht

Corona fordert Entscheidungen - Antworten eines Ethikers [PDF]

Moraltheologe Scheule: Ganz ohne Kuscheln geht es nicht

Von Christoph Renzikowski (KNA, 19.03.2020, 12.00 Uhr)

Regensburg (KNA) Die Coronakrise verlangt Entscheidungen: von der Staatsmacht, der Kirche und jedem einzelnen Bürger. Der katholische Regensburger Moraltheologe Rupert Scheule (50) gibt Antworten, von letzen Klopapierrollen bein Discounter über Kuschelbedürfnisse bis zur Telefonbeichte. Scheule ist verheirateter Diakon und hat fünf Kinder.

KNA: Herr Scheule, Senioren zählen zur Hochrisikogruppe und gehen trotz Hilfsangeboten weiter einkaufen. Weisheitliche Gelassenheit oder unverantwortlicher Leichtsinn?

Scheule: Ich glaube, es ist eher das erste. Meine alten Eltern haben als Teenager Bombennächte, Hunger und auch Verfolgung erlebt. Da ist man vielleicht insgesamt weniger aufgeregt angesichts von Existenz-Bedrohungen. Trotzdem wäre es besser, sie würden angebotene Unterstützung annehmen. Helfen und sich helfen lassen ist seit jeher das, was unsere Spezies überleben lässt.

KNA: Die Oma lebt allein zuhause und ist weit weg. Kann man sie jetzt noch zu sich holen - in die Großstadt?

Scheule: Das sollten Sie besser die Corona-Experten vom Robert-Koch-Institut fragen. Meine Intuition sagt mir: Die Oma bleibt besser, wo sie ist, wenn es ihr dort gut geht. Sie können ja mehrmals am Tag mit ihr telefonieren.

KNA: Liebe braucht Zärtlichkeit. Sollten Paare untereinander und mit ihren Kindern jetzt gar nicht mehr kuscheln?

Scheule: Das ist nicht zu machen. Unser zwischenmenschlicher Nahraum muss bewohnbar bleiben. Aber außer mit unseren Liebsten sollten wir nicht noch mit allen möglichen anderen Leuten kuscheln. Als Moraltheologe würde ich das freilich auch unabhängig von Corona sagen.

KNA: Nächstenliebe und Sicherheitsabstand - wo ist die Grenze?

Scheule: So seltsam es klingt und so sehr sich unsere christlichen Reflexe wehren: In diesen Zeiten ist Sicherheitsabstand Nächstenliebe. Ich freue mich aber schon jetzt auf den Tag, an dem dieser Satz nicht mehr stimmt.

KNA: Ist die Beichte per Telefon möglich?

Scheule: Warum nicht? Die Glaubenskongregation hat 1989 festgestellt, dass sie stets gültig und in extremen Ausnahmefällen auch erlaubt ist. Vielleicht findet der eine oder die andere im Corona-Shutdown ja die Ruhe und den Ernst, es mal wieder mit dem Sakrament der Versöhnung zu versuchen? Dann ran ans Handy und den Pfarrer anrufen. Nach der flächendeckenden Absage von Gottesdiensten, Konferenzen und Besprechungen haben Priester freie Kapazitäten.

KNA: Kirchliche Rituale leben auch von Körperkontakt wie Salbung und Handauflegen. Sind berührungslose Sakramente denkbar?

Scheule: Dass es keine Sakramente im Internet gibt, wie der Päpstliche Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel 2002 feststellte, habe ich schon vor Corona für veraltet gehalten. Richtig ist: Es gibt keine Sakramente ohne die Möglichkeit, Heil als real zu erfahren. Aber warum soll das nicht im Netz möglich sein? Wir alle leben doch schon lange sehr reale Beziehungen im Netz mit Diensten wie Whatsapp und Instagram. In Zeiten von Corona und Digitalisierung heißt das für uns als Kirche: bitte mehr Fantasie!

KNA: Auch die Kirche kennt eine Art Notstandsrecht. Wäre es jetzt nicht höchste Zeit, ausgebildete Laientheologen in der Klinikseelsorge auch offiziell mit der Spendung von Sakramenten zu beauftragen?

Scheule: Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass sich solche Innovationseffekte gleichsam als Leidensgewinn aus großen Krisen ergeben. Das war bei der Wiederbelebung des Ständigen Diakonats nach den grundstürzenden Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs so. Ich finde auch, dass die Krankensalbung nicht Priestern vorbehalten bleiben müsste. Warum nicht auch Diakone und andere diakonisch wirkende Männer und Frauen der Kirche?

KNA: Wie ist das Handeln von Seelsorgern zu beurteilen, die sich bemüßigt fühlen, gegen staatliche oder kirchliche Vorschriften zu verstoßen, um anderen Beistand zu leisten?

Scheule: Wenn dieser Beistand notwendig ist und nicht anders realisiert werden kann, ist er ethisch gerechtfertigt. Moral und Recht sind nicht notwendig deckungsgleich. Allerdings müssen die Seelsorger dann auch bereit sein, ohne Gejammer die staatlichen und kirchlichen Sanktionen zu tragen.

KNA: Gottesdienste sind inzwischen verboten. Dennoch haben die Christen selbst in schlimmsten Verfolgungszeiten immer zusammen gefeiert, notfalls geheim. Nur mit dem Unterschied, dass die Gefahr jetzt weniger von der Staatsmacht droht.

Scheule: Das macht genau einen wichtigen Unterschied! Wenn wir in geschlossener Formation Bittprozessionen abhalten oder gemeinsam in Lourdes-Wasser baden, wie es mancher offenbar für sinnvoll hält, dann tun wir nichts gegen das Virus, sondern befördern es. Wir wissen heute, dass wir Heil nicht mit Heilung verwechseln dürfen. Es gilt das Heil zu bezeugen, aber ohne Heilungschancen oder Gesundheit zu gefährden. Gemeinschaft ist und bleibt das Lebenselixier der Kirche. Nun ist Einfallsreichtum gefragt, diese Gemeinschaft vorläufig anders als physisch zu organisieren. Tun wir nicht so, als sei das nicht möglich. Es geht. Theologisch, spirituell und auch technisch.

KNA: Jesus ruft an vielen Stellen der Bibel zur vollständigen Hingabe auf: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wie ist das in Zeiten einer Pandemie zu verstehen?

Scheule: Nicht als Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben. Aber vor dem sicheren Tod können wir uns halt nie retten. Eine stets nur vorläufig mögliche Todesmeidung sollte daher nicht das einzige Lebensziel sein. Wer glaubt, dass sein Leben so oder so in den Armen des liebenden Christus endet, erfährt wohl auch im Pandemie-Alltag mehr Weite. Vielleicht steckt man es da sogar leichter weg, wenn einem ein anderer die letzte Klorolle vor der Nase wegkauft.

Alle Rechte am Text liegen bei der KNA, Weiterverbreitung nur nach schriftlicher Genehmigung

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Prof. Dirscherl: Fastenpredigt in der Pfarreiengemeinschaft St. Pauli/St. Joseph für den 28. März 2020

Fastenpredigt in der Pfarreiengemeinschaft St. Pauli/St. Josef für den 28. März 2020 [PDF]

Wenn wir uns nicht im Raum treffen können, lasst uns in der Zeit einander nahe sein! Geteilte Zeit, die nicht verloren geht

Prof. Dr. Erwin Dirscherl, Universität Regensburg

Liebe Gemeinde von St. Paul und St. Josef,

in diesen angespannten Zeiten werden unsere normalen Tätigkeiten und gewohnten Abläufe auf einschneidende Weise unterbrochen. Besonders hart ist es, dass wir uns eine räumliche Trennung von anderen Menschen auferlegen müssen, um Leben zu schützen. Wir können uns zurzeit nicht räumlich begegnen, nicht unmittelbar die leibhaftige Nähe des anderen Menschen spüren. Aber es gibt einen anderen Raum, in dem wir uns nach wie vor begegnen können: die Zeit! Wir können in dieser angespannten Zeit einander nahe sein, auch wenn wir uns nicht körperlich begegnen können. Wir können die Sorgen und Nöte der Anderen, auch ihre Liebe und Zuneigung immer noch in uns spüren, auch wenn sie nicht in unserer räumlichen Nähe sind. Wir können mit den Anderen sprechen. Die vielen Medien vom Videostreaming oder Skypen im Internet bis hin zum geschriebenen Brief ermöglichen eine Kommunikation und Nähe in der Zeit, die wir miteinander teilen. Wir alle wohnen in der einen und selben Zeit, in dem einen Leib, der die Welt ist, in der wir alle solidarisch miteinander verbunden sind. Diese Verbundenheit bleibt auch jetzt und wir glauben als Christinnen und Christen zutiefst daran, dass Gott allen Menschen in dieser Zeit nahe ist und sie in grenzenloser Liebe miteinander verbindet. Er ermöglicht, dass wir unsere Liebe und Sorge für den Anderen auch dann in der Zeit leben können, wenn es räumlich nicht geht.

Papst Franziskus gibt der Zeit gegenüber dem Raum den Vorzug, wenn er in „Evangelii Gaudium“ das Prinzip formuliert: „Die Zeit ist mehr wert als der Raum“ (EG 222). Damit will der Papst Zeit für das Handeln gewinnen, denn dieses Prinzip „erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen.“ (EG 223) Das sind prophetische Worte, die in Zeiten einer solchen Krise, wie wir sie erleben, von großem Wert sind und uns trösten und ermutigen können. Wir wissen zurzeit nicht, wie es genau weitergehen wird und wann wir wieder in den gewohnten Alltag zurückkehren können, aber diese Ungewissheit haben wir auch im normalen Leben, nur verdrängen wir sie da allzu oft. Wir kennen unsere Zukunft nicht, weder jetzt noch in normalen Zeiten. Keiner weiß, was passieren wird, denn wir verfügen nicht einfach über unsere Zeit und unsere Zukunft. Vieles widerfährt uns ungewollt und überraschend. Das wird uns in einer solchen bedrohlichen Krise erst richtig bewusst. Was passieren wird, ist offen. Die Ungewissheit ist aber immer mit einer Offenheit verbunden, die uns, so verrückt das klingen mag, einen Raum des Handelns eröffnet, wenn wir es schaffen, dass nicht die Angst, die alles eng machen und einschließen will, die Überhand gewinnt. „Fürchtet euch nicht!“ Diese Ermutigung Jesu gilt uns heute mehr als sonst: Habt keine Angst, denn ihr könnt die Zeit gestalten, die uns so vieles zumutet, aber in der wir auch Handlungsmöglichkeiten haben.  

Papst Franziskus betont, dass der Vorrang der Zeit bedeute, „Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen.“ (EG 223) Zeit ist eine dynamische Größe, die in Bewegung bleibt, die nicht an einem Ort stehen bleibt oder an einen bestimmten Raum gebunden werden kann. Franziskus will, dass wir in der Zeit die Initiative ergreifen, dass wir immer wieder neu und voller Hoffnung anfangen. (EG 24) Das ist unsere Chance in diesen Zeiten der Not!

Ich möchte nun eine Meditation anfügen, die auf Jesus blickt, der als menschgewordenes Wort Gottes all unsere Sorgen und Nöte kennt, der weiß, wie sich Angst und Sorge, aber auch Hoffnung und Freude anfühlen.

Jesus hat in den letzten Tagen seines Lebens den Tod vor Augen. Wenn der Tod kommt, wie viel Zeit bleibt da dem Menschen noch? Was fängt der Mensch mit seiner Zeit an, wenn das Ende naht? Jesus spürt, dass die Zeit knapp wird. Was tut er? Er füllt die Zeit, die ihm bleibt, mit einer Geste, die bis heute identitätsstiftender Grund unseres Glaubens ist: Er feiert das letzte Mahl mit den Seinen, kurz vor seinem Tod. Er nimmt sich Zeit für seine Jünger, für Gott und für sich. Er bleibt nicht alleine in seinem Ringen mit Gott. Es stellt sich ihm die Frage, was bleiben wird. Welche Spuren wird er hinterlassen? Versetzen wir uns doch in diese Zeit vor seinem Tod, die noch nicht weiß, was alles geschehen wird.

Jesus hat wie wir eine offene Zukunft vor sich, die ihm alle Hoffnung abverlangt. Wüsste er sicher, was passieren, dass er am dritten Tage auferstehen würde – was wäre das für eine Hoffnung, die mit dem sicheren Sieg rechnen kann? Wozu Angst und Sorgen, wozu dann flehende Gebete zum Vater? Das Wort Gottes ist ganz und gar in die Zeit eingetreten, Jesus verzichtet auf eine göttliche Allwissenheit, er ist der zeitlichen Abfolge unterworfen, so hat es Johannes Paul II. erklärt. Jesus setzt sich unserem Zeitlauf aus, in dem wir nicht schon alles wissen und die Zukunft kennen können. Dennoch aber müssen wir Entscheidungen treffen, die für die Zukunft bedeutsam sind. Wie können wir das wagen? Worauf können wir uns verlassen?

Jesus stellt sich diese Fragen auch. Er will sich dem Willen Gottes überlassen, er setzt sich Gott und den Menschen aus. Und er reicht den Jüngern das Brot mit den Worten: mein Leib für euch. An diesem Abend vor seinem Tod steht Jesu Zukunft auf dem Spiel. Er bindet sie an Gott und, trotz ihrer Schwächen und ihres Versagens, an seine Jünger und an uns, die wir ihm nachfolgen: Tut dies zu meinem Gedächtnis! Was geschieht und geschehen ist, wird als Spur der Erinnerung tief in die Zeit eingegraben und kann somit lebendige Gegenwart bleiben.

Jesus hat für die Menschen gelebt und für Gott, er hat Menschen Zeit und Raum für ihr Leben, für Umkehr, Heilung, Tröstung und Vergebung geschenkt. Er wollte, dass sie menschlich leben können und er wusste, dass sie der helfenden und barmherzigen Nähe Gottes bedürfen, die immer wieder im Alltag verschüttet zu werden droht.

Jesus hat den Menschen die Augen geöffnet für eine Leben spendende Gegenwart Gottes, die sie entdecken können wie die Kraft eines unscheinbaren Samenkorns, das zum Schatz und zur Kraftquelle für die Zukunft werden kann. Wenn diese verborgene Gegenwart Gottes von uns auch als vergrabener Schatz im Acker dieser schweren Zeiten entdeckt wird, dann kann sie wirken und sich entfalten, für uns und für die Anderen. Jesus Christus steht für diese Leben spendende Nähe Gottes und daher teilt er sein Leben und seine Zeit mit uns allen im Zeichen des Brotes. Wer von diesem Brot isst oder wer Gottes Wort hört oder liest, stellt sich bewusst in die Gegenwart des Herrn, in der wir immer schon leben. Seine Gegenwart ist beim letzten Abendmahl ohne Grenzen für alle geöffnet, eine große Weite in dem kleinen Saal des Abendmahles. Jesu Wirken bleibt nicht räumlich auf Galiläa und Jerusalem beschränkt, durch seinen Tod und seine Auferweckung wird es universal entgrenzt und kann alle erreichen. Jesus schenkt seine Zeit und sein Leben auch angesichts des bevorstehenden Todes allen Menschen. Er schließt sich nicht ein in Angst und Trauer, sondern holt alle in seine Hoffnung, sein Leben und seine Zeit hinein, die unsere Zukunft eröffnet: Mein Leib, meine Gegenwart, mein Leben für Euch alle, über den Tod hinaus! Er teilt seine Zeit mit uns, im Leben wie im Sterben, und siehe: sie reicht für alle. Er schließt uns und auch die schwachen Jünger aus seinem Leben und seiner Zeit nicht aus, sondern vertraut sich uns und ihnen an, im Wissen um unsere Stärken und Schwächen.

Jeder Mensch als Bild Gottes repräsentiert Gott, alle Getauften repräsentieren Christus. Welches Vertrauen kommt uns hier entgegen! Gott vertraut uns und traut uns etwas zu. Wir neigen wie die Jünger dazu, nur unsere Stärken oder unsere Schwächen in den Mittelpunkt zu stellen, entweder himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt zu sein. Jesus führt uns in einen wohltuenden Abstand zu unserem Leben, so dass wir beides entdecken können: Glücken und Scheitern. Er weiß, dass seine Jünger mit ihm treu unterwegs waren, viel Gutes getan haben, dass sie von Zweifeln geschüttelt wurden und doch wieder zu ihm hielten, dass sie der Vergebung und Versöhnung bedürfen, die Jesus ihnen im Namen des barmherzigen Gottes immer neu gewährt. Auch in Verstrickungen von Schuld wird uns wieder neuer Raum und neue Zeit eröffnet, kann in der Zeit wieder gut werden, was zuvor zerbrochen war.

Tut dies zu meinem Gedächtnis: Dies ist der Appell an unsere Verantwortung: wie gehst du mit dem Schatz der Zeit um, in der Gott wohnt? Was geschieht für dich in der Zeit? Hast Du die Not der Anderen im Blick? Bist du dir bewusst, dass du in der Haltung Gottes und Jesu lebst, wenn du deine Zeit mit Anderen teilst? Jesus nimmt sich die Zeit zu fragen, was bleiben wird. Und er vertraut das Bleibende uns als seinen Jüngerinnen und Jüngern an, damit seine Liebe grenzenlos wachsen und immer neu Raum und Zeit für das gelungene Leben der Menschen eröffnen kann. So können auch wir mit der Zeit umgehen. Wir können in ihr die liebende Gegenwart Gottes spürbar werden lassen.

Im Nachhinein wissen wir, was Jesus widerfahren ist: sein Leben wurde in die Gegenwart Gottes hineingenommen, die Auferweckung ist die Entgrenzung seiner Zeit und seines Lebens: er der war, der ist und der kommen wird. Der Tod und die Bedrohung haben nicht das letzte Wort! Der Herr trägt alle Zeiten in sich, denen er sich radikal geöffnet hat. Daher binden wir die Gegenwart Gottes in besonderer Weise an ihn: er ist mit dem Vater der Herr über die Zeit, er vermag sie zu eröffnen, zu schenken und zu erfüllen. Seine Gegenwart hört nicht mit dem Tod auf, sie geht weiter mit uns durch die Zeit, sie endet nicht. Unsere Zeit wird durch die Liebe Gottes verwandelt, nicht zerstört. So können auch wir die Zeit der Not und Isolation wandeln in eine Zeit, in der wir füreinander da sind, uns gegenseitig helfen oder über den Gartenzaun oder den Balkon miteinander sprechen.

Auch wenn wir nicht mit allen im Raum des Abendmahlssaales sein können, erreicht die Gegenwart Gottes jeden von uns in seiner oder ihrer Zeit. Gott ist in seinem heiligen Geist und in seinem Wort für uns da, egal an welchem Ort wir uns befinden. Denn er geht in unserer Zeit vorüber, er hinterlässt Spuren und wir können seine Liebe und Barmherzigkeit auch jetzt spüren, den Mitmenschen weiterschenken und daraus Geduld, Kraft und Zuversicht schöpfen, bis wir alle wieder in einem Raum zusammenkommen können! Dann werden wir erneut seine bleibende Gegenwart in unserem Leben bewusst miteinander feiern und besonders all derer gedenken, die diese Zeit der Not nicht überlebt haben. Tun wir alles dafür, dass es möglichst wenige sind, die von uns gehen müssen! Nehmen wir unsere Verantwortung für das Leben der Anderen wahr! Das ist unsere Berufung. Wenn wir diese Verantwortung wahrnehmen, dann erst trifft es zu, dass die Schwachen nichts von uns zu befürchten haben. Dann bekommt das Wort „Fürchtet Euch nicht!“ noch eine ganz andere konkrete Bedeutung in dieser unserer Zeit.

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