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Theologie und die Corona-Krise

Magdalena Hürten: Wahrnehmung des kirchlichen Handelns in Zeiten von Corona

Wahrnehmung des kirchlichen Handelns in Zeiten von Corona [PDF]

An der Frage nach der Systemrelevanz der katholischen Kirche hat sich schon zu Beginn der Pandemie eine breite Diskussion entzündet, die weiter anhält. Am 12. Februar 2021 äußerte sich Peter Frey in einem persönlichen Essay in Christ und Welt zum kirchlichen Handeln in der Corona-Zeit. [1] Darin zieht der Chefredakteur des ZDF und Mitglied des ZdK eine kritische Bilanz: viele Chancen Präsenz zu zeigen, habe man verpasst. Diese Wortmeldung veranlasste den Trierer Bischof Ackermann zu einer Stellungnahme, die eine Woche später als offener Brief auf der Bistumsseite veröffentlicht wurde.[2] Er stimmt in vielen Punkten mit Frey überein, will das negative Vorzeichen unter der Gesamtrechnung aber so nicht hinnehmen. Diese beiden Wortmeldungen stehen exemplarisch für viele weitere und weisen auf deutliche Differenzen in der Wahrnehmung hin.[3]

Differenzen gibt es aber nicht nur bei der Beurteilung kirchlichen Handelns. Ein genauerer Vergleich deckt weitere Unterschiede auf. Frey nimmt in seinem Essay ein sehr weites Feld kirchlicher Wortmeldungen in den Blick: Neben gottesdienstlichem Handeln kommt auch der Vergemeinschaftungscharakter der Kirche zur Sprache, die Tätigkeit im seelsorglich-caritativen Bereich, insbesondere der Umgang mit Tod und Trauer und die spirituelle Begleitung. Dagegen fällt im Brief Ackermanns eine starke Fokussierung auf liturgische Feiern und kirchliche Angebote in den Pfarreien auf. Innovative Angebote, die über den Sonntagsgottesdienst hinausgehen, werden nur in einem Satz genannt. In einem weiteren Satz wird die Sorge um Kranke und Trauernde erwähnt und damit der Blick auch auf kategoriale kirchliche Arbeitsfelder gelenkt. Die oberste Maxime des Bischofs scheint jedoch die Aufrechterhaltung des Status quo zu sein. Das kirchliche Angebot aus vorpandemischen Zeiten muss so gut es geht weitergeführt werden.

Der Essay von Peter Frey macht jedoch deutlich, dass diese Strategie nicht aufgeht. Die Pandemie hat das Leben der Menschen verändert, viele Selbstverständlichkeiten radikal in Frage gestellt und soziale Nöte verstärkt. Mit einem „weiter wie bisher“ ist dieser neuen Realität nicht beizukommen. Die Menschen erwarten in dieser Krisenzeit von der katholischen Kirche Begleitung und Unterstützung. Die Antwort der Kirche kann sich dabei nicht allein auf liturgische Feiern stützen, insbesondere das diakonische Handeln der Kirche ist hier gefragt und ein mutiges Suchen nach neuen Wegen und Formen. Liest man die Beiträge von Frey und Ackermann gewinnt man den Eindruck, die Kirche hätte in dieser Hinsicht weitestgehend versagt.

Die internationale Studie „Churches Online in Times of Corona“[4] widerlegt diesen Eindruck. Sie zeigt, dass kirchliche Mitarbeiter:innen im ersten Lockdown durchaus kreativ geworden sind, sich in neue digitale Räume und an neue Formate herangetraut haben und das nicht nur für liturgische Angebote, sondern insbesondere auch für seelsorgliche und diakonische Anliegen nutzen.[5] Warum aber scheinen diese Angebote in der öffentlichen Wahrnehmung der Kirche kaum eine Rolle zu spielen?

Eine mögliche Antwort kann mit Herbert Haslinger gegeben werden:

„Die Begegnung mit dem anderen Menschen, die auf nichts anderes aus ist als darauf, diesem konkreten, individuellen Menschen zu helfen, in der ihm von Gott gegebenen Würde zu leben – eine solche diakonische Begegnung ist in sich und aus sich authentisches Zeugnis von Gott, Praxis gemäß dem, was wir als Willen Gottes erahnen können. Und sie ist das gerade und nur dann, wenn dabei kein ‚mehr‘, kein darüber hinausgehendes religiöses, christliches oder kirchliches Spezifikum, kein zusätzlicher Effekt für die Kirche angestrebt wird.“[6]

Er hebt einerseits die hohe theologische Bedeutung diakonischen Handelns heraus und erklärt gleichzeitig seine Unsichtbarkeit: Es handelt sich bei diakonischen Diensten um ein selbstloses Handeln, das frei ist von jeder Instrumentalisierung. Daher verbietet sich auch ein Missbrauch dieser Praxis für die kirchliche Selbstdarstellung in der Krise.

Dennoch bleibt ein gewisser Zweifel, ob dies tatsächlich die Ursache der Unsichtbarkeit diakonischen Handelns in der Pandemie ist. Öffentlichkeit und gesellschaftliche Wertschätzung können nämlich auch zur Wirksamkeit der Angebote beitragen. Seelsorger:innen und engagierte Ehrenamtliche weisen durch ihre Praxiserfahrung eine hohe Expertise für in doppeltem Sinne virulente Themen auf. So z.B. die Diskussion um Triage, die Frage nach dem Stellenwert der seelischen Gesundheit, die Sorge um Menschen in Altenheimen und in abgeriegelten Krankenhäusern, die Frage nach Sterbe- und Trauerbegleitung, die sozialen Nöte von Menschen, die sich an katholische Beratungsstellen wenden… Wenn das hier vorhandene Wissen um die Bedürfnisse auch marginalisierter Gruppen und die vorhandene Expertise nicht gehört werden, geht es vielleicht nicht nur um Bescheidenheit, wie sie Herbert Haslinger der Diakonie von Grund auf zuschreibt. Hier geht es dann um eine Frage der Repräsentation und damit auch der Macht. Es geht darum, wer in dieser Zeit eine Stimme bekommt, welche Themen wie viel Aufmerksamkeit bekommen. Michael Schüßler konstatiert: „Die zu starke Konzentration auf traditionelle Sichtbarkeit von Kirche entwertet die flüchtigen ‚Care-Ereignisse‘ von Begegnung und Bestärkung, von Gottes- und Nächstenliebe, von denen Menschen im Lockdown leben – und auf die es auch theologisch ankommt.“[7]

Auf ein weiteres Ungleichgewicht in Bezug auf die Sichtbarkeit kirchlichen Handelns weist Johann Pock hin: „Sichtbar waren durch Corona medial monatelang nicht die vielen kompetenten Frauen, die das Pfarr- und Gemeindeleben wesentlich tragen, sondern hauptsächlich geweihte Männer in gestreamten Privatgottesdiensten.“[8] Und so sei hinzugefügt: Auch die diakonischen Dienste werden mehrheitlich von Frauen geleistet, die ebenso unsichtbar bleiben. Hier müsste auch innerhalb der Kirche diskutiert werden, was besonders zu Beginn der Pandemie gesellschaftlich zum Thema wurde: Die mangelnde Wertschätzung der Care-Arbeit, die mehrheitlich durch Frauen erbracht wird.[9]

Es bleibt also der Verdacht, dass die mangelnde Sichtbarkeit des kirchlich-diakonischen Handelns während der Corona-Pandemie auch mit einer mangelnden Wertschätzung verbunden ist. Angesichts der Wortmeldungen, die deutlich machen, dass es ein großes Interesse an solchen Angeboten und ein Bedürfnis nach seelsorglicher Begleitung außerhalb der traditionellen Strukturen gibt und ganz im Sinne des diakonischen Anliegens, dem „konkreten, individuellen Menschen zu helfen, in der ihm von Gott gegebenen Würde zu leben“[10], braucht diakonisches Handeln eine größere Öffentlichkeit. Nur so können alldiejenigen erreicht werden, denen diese Angebote helfen wollen und nur so können sich Akteur:innen der Diakonie am gesamtgesellschaftlichen Diskurs beteiligen, um auf bestehende Nöte hinzuweisen und zur Lösung bestehender Problemlagen beizutragen. Dieser unverkennbaren Relevanz der Diakonie sollten weder Grabenkämpfe um die Stellung der einzelnen kirchlichen Vollzüge noch Geschlechterfragen im Wege stehen. Frei nach Hartmut Rosa: „Systemrelevant sollte eben nicht heißen: Was ist relevant für das Aufrechterhalten der kirchlichen Strukturen, sondern was ist relevant und wichtig für das Aufrechterhalten unseres Lebens, für ein gelingendes Leben.“[11]

Magdalena Hürten

magdalena.huerten@ur.de

04.05.2021


[1] Frey, Peter, Tage der Demut. Kirchen in der Corona Pandemie, online: www.zeit.de/2021/07/kirchen-corona-pandemie-gottesdienst-beistand-glaube/komplettansicht [04.05.2021].

[2] Offener Brief von Bischof Stephan Ackermann an Peter Frey, online: www.bistum-trier.de/bistum-bischof/bischof/im-wortlaut/bei-anderen-anlaessen/offener-brief-an-peter-frey.

[3] Weitere kritische Wortmeldungen finden sich u.a. hier: Heribert Prantl: Kirche wirkte in Pandemie kleinmütig und angepasst, Podcast von Katharina Geiger, online: www.katholisch.de/artikel/28235-heribert-prantl-kirche-wirkte-in-pandemie-kleinmuetig-und-angepasst [04.05.2021]; Pock, Johann Kirchliches "Kerngeschäft" und christlicher Auftrag angesichts von Amazonien und Corona – in der Spannung von Liturgie und Diakonie, in: Sonderausgabe Quart 2021, 61-69; Verteidigung des kirchlichen Handelns u.a. hier: Becker widerspricht Kritik: Kein Rückzug der Kirche in Corona-Pandemie, online: www.katholisch.de/artikel/28763-becker-widerspricht-kritik-kein-rueckzug-der-kirche-in-corona-pandemie [04.05.2021].

[4] www.contoc.org

[5] Vgl. Nord, Ilona/Schlag, Thomas, Führt Corona die Kirchen in eine postdigitale Reformation, online: www.feinschwarz.net/fuehrt-corona-die-kirchen-in-eine-postdigitale-reformation [04.05.2021].

[6] Haslinger, Herbert: „Nachgehen in die äußersten Verlorenheiten“. Pastoral in Zeiten von Corona, in: ThGl 110 (3/2020), 321-331, hier:  325.

[7] Schüßler, Michael, Was heißt in Corona: Erfahungsbezug von Theologie? Online: https://www.feinschwarz.net/was-heisst-in-corona-erfahrungsbezug-von-theologie/ [04.05.2021].

[8] Pock, Kirchliches "Kerngeschäft" und christlicher Auftrag angesichts von Amazonien und Corona – in der Spannung von Liturgie und Diakonie, in: Sonderausgabe Quart 2021, 61-69.

[9] Auf einen Zusammenhang zwischen der mangelnden Wertschätzung der Diakonie und deren Ausübung mehrheitlich durch Frauen hat Ulrike Hudelmaier bereits 2005 hingewiesen: Hudelmaier, Ulrike, Zweitrangigkeit der Frauen – Zweitrangigkeit der Diakonie? Überlegungen zu geschlechtsspezifischen Aufgaben- und Machtverteilungen in der Diakonie, in: Bucher, Rainer/Krockauer, Rainer (Hg.), Macht und Gnade. Untersuchungen zu einem konstitutiven Spannungsfeld der Pastoral, Münster 2005.

[10] Haslinger, Herbert: „Nachgehen in die äußersten Verlorenheiten“. Pastoral in Zeiten von Corona, in: ThGl 110 (3/2020), 321-331, hier:  325.

[11] Vgl. Rosa, Hartmut: Folgen der Coronakrise. Was in unserer Gesellschaft wirklich systemrelevant ist, online: www.deutschlandfunk.de/folgen-der-coronakrise-was-in-unserer-gesellschaft-wirklich.886.de.html?dram:article_id=477022 [04.05.2021]. Im Original heißt es: „Systemrelevant sollte eben nicht heißen: Was ist relevant für das Aufrechterhalten der Finanzmärkte, sondern was ist relevant und wichtig für das Aufrechterhalten unseres Lebens, für ein gelingendes Leben.“


Christoph Naglmeier: Kirche in der (Corona-)Krise? Pastoraltheologische Beobachtungen

Kirche in der (Corona-)Krise? Pastoraltheologische Beobachtungen [PDF]

Es war eines der eindrucksvollsten Bilder im ersten Halbjahr 2020: Papst Franziskus pilgert durch die menschenleeren Straßen Roms. Ziel des Weges war ein sogenanntes Pestkreuz, das in der Kirche San Marcello al Corso aufbewahrt wird und im Pestjahr 1522 in einer 16-tägigen Prozession durch die Stadt getragen wurde, worauf, der Überlieferung nach, die Seuche ein Ende fand.[1] Dieses Handeln des Pontifex verweist im Umgang mit Krankheiten exemplarisch auf Ungleichzeitigkeiten,[2] mit denen sich die Kirche konfrontiert sieht und welche durch kirchliches Handeln reproduziert werden: Auf der einen Seite das Bemühen um die Vereinbarkeit von Naturwissenschaften und Glaube, welches sich beispielsweise in vielen aktuellen Stellungnahmen kirchlicher Amtsträger ausdrückt.[3] Auf der anderen Seite die kirchliche Praxistradition, die sich maßgeblich aus der Erfahrung mit der mittelalterlichen Pest speist, und die Bittgebetstradition im Speziellen. Auf Fragen der Gegenwart wird mit Antworten aus einer Vergangenheit reagiert, die den naturwissenschaftlichen Kontext der gegenwärtigen Fragen nicht erfassen (können). „Kein Bittgebet, keine Prozession wird den Ausbruch des Virus eindämmen. Was in Pestzeiten nicht funktioniert hat, wird auch im 21. Jahrhundert nicht funktionieren.“[4] Die Fortschritte hinsichtlich der Vereinbarkeit von Naturwissenschaften und Glaube angesichts der Pandemie sind auch mit der Einsicht seitens Kirche und Theologie verbunden, dass die Verbesserung der Lebensumstände[5] maßgeblich damit zu tun hat, dass in den Naturwissenschaften „Gott als Erklärungshypothese ausgeschaltet wurde“ und methodisch keine Rolle mehr spielt.[6]

Deutungsschwierigkeiten

Auch hinsichtlich der theologischen Erklärungshypothesen ist ein direkter Zusammenhang zwischen Handeln Gottes und der Pandemie selten zu finden. Zwar sprach Papst Pius XII. 1941 noch davon, dass Gott Prüfungen über Einzelmenschen und Völker hereinbrechen lässt, „um gemäß den Forderungen der Gerechtigkeit die Sünden zu bestrafen.“[7] Papst Franziskus grenzt sich hiervon ab, reiht sich aber in ein modernepessimistisches Deutungsnarrativ ein. Die Pandemie sei ein zorniger Weckruf der Natur, der uns zu einem besseren Umgang mit der Natur anhält.[8] Hier fragt Magnus Striet kritisch an: „Will die Natur dadurch, dass ein Virus einen neuen Wirt findet, dem Menschen bedeuten, dass es um die Ökosysteme und das Klima schlecht bestellt ist? Will der Papst ernsthaft sagen, dass es auf der Erde keine Virusepidemien gäbe, wenn die Menschheit anders leben würde? Mit dem naturwissenschaftlichen Wissen unserer Tage scheint mir eine solche These nur schwer in Einklang zu bringen zu sein. Die Natur steuert nicht bewusst.“[9] Zwar gibt es „eine solche Epidemie begünstigende, ökonomische und kulturelle Faktoren“, bei denen das Handeln der Menschheit eine erhebliche Rolle spielt. Aber: „Selbst wenn die Welt morgen friedlich werden würde, mehr Gerechtigkeit herrschen und Menschen bescheidener leben würden, gäbe es keine Sicherheit vor einem solchen biologischen Drama.“[10] Papst Franziskus ist für seine kritische Haltung gegenüber den negativen Folgen von Kapitalismus, Globalisierung und der Ausbeutung der ökologischen Systeme bekannt. Im gerade erwähnten Fall jedoch ist die anthropomorphe Lesart evolutiver Prozesse zu kritisieren. Die Deutungsschwierigkeiten lassen sich theologisch hinsichtlich der Frage nach Gott weiter zuspitzen.

Die Frage nach Gott

Auch im Kontext der Pandemie stellen sich fundamentale Fragen nach Gott: Welchen Gott verkündet die katholische Kirche, besonders im Angesicht der Schwierigkeiten einer jeden Zeit? Welche Gottesbilder werden durch kirchliches Handeln produziert? So banal die Frage zunächst klingen mag, so komplex und diffus sind die Antwortversuche. Klar ist: Ein interventionistisches Gottesbild, welches sich in kirchlichem Handeln oft ausdrückt, ist und bleibt fragil: „Selbst Gott kann nicht in einer kausalursächlichen Weise in die menschliche Freiheit eingreifen, soll Freiheit wirklich Freiheit sein. […] Als Gnade können Menschen begreifen, dass Gott sie in ihrer Freiheit frei sein lässt. Will Gott deshalb nicht in die Prozesse der Biologie eingreifen, weil er einen kalkulierbaren Freiheitsgebrauch und keine Willkür zeigen will, was er täte, wenn er nach Gutdünken regulieren würde, so obliegt die Naturgestaltung und damit auch die Virenbekämpfung allein dem Menschen. Dies ist auch theologisch zu akzeptieren.“[11] Aus der pastoraltheologischen Perspektive, die hier eingenommen wird, und die gemäß Gaudium et spes die Zeichen der Zeit wahr- und ernstnimmt und im Licht des Evangeliums zu deuten versucht, ist festzustellen, dass breit und erschöpfend diskutierte Themengebiete der Theologie neu in den Fokus rücken: Ob die Theodizee-Frage,[12] die mit Anfragen an ein interventionistisches Gottesbild[13] einhergeht, im weitesten Sinne liturgische Fragestellungen[14] oder die Frage nach Verhältnisbestimmungen und schiefen Priorisierungsdiskursen hinsichtlich der kirchlichen Grundvollzüge:[15] Die Theologie ist in der aktuellen Situation gefragt, ihre akademischen Diskurse aktiv in die kirchlich-praktischen Fragestellungen einzubringen bzw. diese zum Gegenstand eigener Überlegungen zu machen. Exemplarisch ist das Bittgebet aufzuführen, da sich hier die Diskrepanz zwischen kirchlichem Vollzug und gesellschaftlicher Wahrnehmung für eine schlaglichtartige Beobachtung der Probleme eignet.

Bittgebet zwischen tradierter Frömmigkeitspraxis und theologischer Reflexion[16]

Wie oben bereits angesprochen, ist die römisch-katholische Kirche darum bemüht, das Verhältnis von Naturwissenschaften und Glauben positiv-harmonisierend darzustellen. Dennoch drängt sich mit Blick auf die aktuelle Lage und die pandemische Vergangenheit der Weltgeschichte die Frage auf, ob und inwiefern die Frömmigkeitspraxis, in der das Bittgebet eine elementare Rolle spielt, in der heutigen Situation anschlussfähig sein kann. Wie bereits erwähnt, sind diese Anfragen nicht neu. Christoph Böttigheimer resümiert im Schlusswort seines in prä-pandemischen-Zeiten erschienen Buchs Sinn[losigkeit] des Bittgebets wie folgt: „Tatsächlich ist jede personale Gottesvorstellung vor einem naiven, allzu affirmativen Anthropomorphismus zu schützen; sowenig Gott nach dem Modell des Menschen gedacht werden darf, sowenig ist das Gebet im Sinne eines gewöhnlichen Dialogs im Rahmen einer Ich-Du-Relation zu denken. Überhaupt ist das Modell des Zwiegespräches zur Beschreibung der Grundstruktur des Gebetes gänzlich ungeeignet […].“ Zwar lasse sich „die Sinnhaftigkeit nicht aller, wohl aber bestimmter Bittgebete mit der Vernunft verantworten. Doch es muss ebenso offen eingeräumt werden, dass sich keineswegs sämtliche Probleme, die das Bittgebet aufwirft, rational zufriedenstellend beantworten lassen.“ [17] An dieser Stelle ist festzustellen, dass genau jene „Ich-Du-Relation“, die in Kombination mit einem versteckten Do-ut-Des-Zusammenhang auftreten kann, häufig zum Ausdruck gebracht wird.[18]

Offene Fragen

An dieser Stelle können Fragen nur angeschnitten werden, da es die Komplexität der Sachverhalte verbietet, einfache Antworten zu geben. Vielmehr soll angesichts dieses Problemaufrisses das Bewusstsein dafür geschärft werden, dass theologische Fragestellungen auch öffentlich relevant sind. Darüber hinaus bleibt kirchliche Praxis angesichts der Ungleichzeitigkeiten zwischen Frömmigkeitspraxis, Naturwissenschaften und reflektierender Theologie eine Herausforderung.

Christoph Naglmeier

christoph.naglmeier@ur.de

28. April 2021


[1] Vgl. katholisch.de, Für ein Ende der Corona-Pandemie: Papst pilgert zu Pestkreuz, online: https://www.katholisch.de/artikel/24853-fuer-ein-ende-der-corona-pandemie-papst-pilgert-zu-pestkreuz [17.04.2021].

[2] König, Judith, Ungleichzeitigkeiten. Beobachtungen aus dem „rasenden Stillstand“, online: https://www.uni-regensburg.de/theologie/fakultaet/theologie-und-die-corona-krise/index.html [17.04.2021].

[3] Vgl. hierfür exemplarisch die Impfempfehlung des Vatikans: katholisch.de, Vatikan äußert sich zu Corona-Impfungen – Kritik an Impfgegnern. 20-Punkte-Papier zu ethischen Fragen veröffentlicht, online: https://www.katholisch.de/artikel/28168-vatikan-aeussert-sich-zu-corona-impfungen-kritik-an-impfgegnern [17.04.2021]. Zudem ist häufig in Stellungnahmen zu lesen, dass man für die Forscher:innen beten solle, da deren Arbeit der Schlüssel in der Pandemiebekämpfung ist. Ebenso paradigmatisch war die rasche Zustimmung zur Aussetzung der Gottesdienste. Die heilsbringende Wirkung der Sakramente wurde somit nicht durch eine Vernachlässigung des Infektionsschutzes auf die Probe gestellt.

[4] Striet, Magnus, Theologie im Zeichen der Corona-Pandemie. Ein Essay, Ostfildern 2021, 64.

[5] Aus mitteleuropäischer Perspektive eine allgemeine Verbesserung der Lebensumstände zu konstatieren, läuft Gefahr, komplexe Zusammenhänge und Wechselwirkungen globaler Fort- und Rückschrittsprozesse zu verkennen. Darauf kann an dieser Stelle lediglich hingewiesen werden.

[6] Striet, Corona, 93.

[7] Kajan, Simon, Ist die Corona-Epidemie die Strafe Gottes, online: https://www.die-tagespost.de/kirche-aktuell/aktuell/Ist-die-Corona-Epidemie-die-Strafe-Gottes;art4874,206650 [17.04.2021]

[8] Vgl. Striet, Corona, 69.

[9] Striet, Corona, 69.

[10] Striet, Corona, 70.

[11] Striet, Corona, 91.

[12] Vgl. Schüssler, Werner, Welt ohne Viren? Corona und die Theodizee-Frage, in: Herder Korrespondenz 75 (2/2021), 47-48.

[13] Vgl. Irlenborn, Bernd, Irrelevanz der Gottesrede? Christlicher Glaube in der Corona-Krise, in: Theologie und Glaube 110 (3/2020), 248-257.

[14] Vgl. Bukovec, Pedrag, Der Kommuniongang als Medikamentenausgabe? Provisorische Überlegungen zu provisorischen Lösungen, in: Feulner, Hans-Jürgen, Haslwanter (Hg.), Gottesdienst auf eigene Gefahr? Die Feier der Liturgie in der Zeit von Covid-19, Münster 2020, 567-575; Bukovec, Pedrag, Das Coronavirus als liturgischer V-Effekt, in: Heiliger Dienst 74 (2020), 1-11; Wildt, Kim de, Plum, Robert J.J.M., Bleibt alles anders? Liturgiewissenschaftliche Anmerkungen zur Kirche in Corona-Zeiten, in: Lebendige Seelsorge 71 (6/2020), 421-424. Jürgens, Benedikt, Lock-in im Lockdown, Kirchliche Liturgiefixierung und ihre Auflösung, in: Lebendige Seelsorge 71 (6/2020), 425-429; Feulner, Hans-Jürgen, Gebotene Vorsicht. Liturgie und Hygiene, in: Herder Korrespondenz 74 (4/2020), 13-14.

[15] Vgl. Haslinger, Herbert, „Nachgehen in die äußerten Verborgenheiten“. Pastoral in Zeiten von Corona, in: Theologie und Glaube 110 (3/2020), 321-331; Pock, Johann, Kirchliches „Kerngeschäft“ und christlicher Auftrag angesichts von Amazonien und Corona – in der Spannung von Liturgie und Diakonie, in/online: https://www.academia.edu/45582190/Kirchliches_Kerngesch%C3%A4ft_und_christlicher_Auftrag [24.04.2021].

[16] Vgl. auch die Diskussion zwischen Oliver Wintzek und Christoph Böttigheimer in der Herder Korrespondenz: Wintzek, Oliver, Das Gottesprojekt. Eine moderne Theologie für die Corona-Krise, in: Herder Korrespondenz 75 (1/2021), 47-50; Böttigheimer, Christoph, Kritische Reflexion der Gottrede. Eine Replik auf Oliver Wintzek, in: Herder Korrespondenz 75 (3/2021), 41-42.

[17] Böttigheimer, Christoph, Sinn[losigkeit] des Bittgebets. Auf der Suche nach einer rationalen Verantwortung, Freiburg im Breisgau 2018, 166.

[18] Julia Knop diagnostiziert an dieser Stelle einen Retrokatholizismus: „Weder Weihwasser noch Hostie wirken viruzid. Und nicht alles, was erlaubt ist und vor Jahrzehnten einmal gängig war, ist heute sinnvoll. Ob ein täglicher Blasiussegen, Einzelkommunionen außerhalb der privatim zelebrierten Messe, priesterliche Sakramentsprozessionen durch leere Straßen, die Weihe ganzer Bistümer an das Herz der Gottesmutter, Generalabsolutionen und Ablässe im Jahr 2020 angemessene und tragfähige kirchliche Reaktionen auf die Corona-Krise sind, kann zumindest gefragt werden.“ Knop, Julia, Ein Retrokatholizismus, der gerade fröhliche Urständ feiert, online: https://www.uni-erfurt.de/katholisch-theologische-fakultaet/fakultaet/aktuelles/theologie-aktuell/ein-retrokatholizismus-der-gerade-froehliche-urstaend-feiert-julia-knop-warnt-vor-kirchlichen-rueckschritten-angesichts-corona [24.04.2021]. An dieser Stelle ist auch nach der Intention hinter einem „Gebetsmarathon für Ende der Pandemie“ zu fragen: Benötigen wir einen Marathon, um eine bestimmte Summe zu erreichen? Verhält es sich etwa wie bei einem Spendenlauf, bei dem die benötigte Summe durch Sponsoren erst gegeben wird, wenn genügend Personen mitlaufen? Vgl. vatican news, Vatikan ruft zu Gebetsmarathon für Ende der Pandemie auf, online: https://www.vaticannews.va/de/papst/news/2021-04/gebetsmarathon-rosenkranz-papst-franziskus-ende-pandemie-mai.html [24.04.21].


Gregory Tucker: Doing Holy Week at home during COVID-19

DOING HOLY WEEK AT HOME DURING COVID-19

by Gregory Tucker 

First published: "Μεγάλη Εβδομάδα κατ’ οίκον την περίοδο του κορωνοϊού,” in Καιρός του ποιήσαι: Η Ορθοδοξία ενώπιον της πανδημίας του κορωνοϊού, Nikolaos Asproulis und Nathaniel Wood (Hrsg.) (Volos: Demetrias, 2020), 97–100.

Online: https://publicorthodoxy.org/2020/04/12/holy-week-at-home-covid-19/


Many Christians around the world have come to realise over the last few weeks that this year’s Holy Week and Pascha will be somewhat unlike any that they have previously experienced, on account of the current viral pandemic. Very many churches are now closed, with services cancelled or in-person participation restricted to a select “skeleton crew.” Orthodox Christians are obviously not exempt from the consequences of the pandemic and many are already mourning the loss of public worship at the high point of the liturgical year, even as they understand and respect the regulations imposed by civil authorities.

Although it may be possible during the coming weeks to view or listen to liturgical services online, many churchgoers will rightly acknowledge that this is no substitute for prayer and worship in person. Screens and speakers necessarily render us the passive audience of a performance. Clergy can quickly become like stars of stage and screen, existing in a glittering world somewhere “out there,” apart from our own mundane experience of isolation and enclosure. The edges of our electronic devices frame liturgical action like the proscenium arch in a theatre, with the same effect of separating drama from life. Even if we successfully minimise distractions, disable pop-up notifications, and discipline ourselves to remain quiet and present to the broadcast, many of us will still desire something more immediate and active than online liturgy—something truly in the here-and-now of our reality of social distancing and quarantine.

Various possibilities present themselves as alternatives (or, complements) to watching liturgy online, including the observation (or revival!) of our prayer rule with renewed energy and attentiveness, and the disciplined reading of scripture, especially the Psalms and Gospels. But it is also possible to bring the services themselves into our homes, and some may be inclined to do this during a period that would ordinarily be saturated by liturgy.

This may come as a surprise! Those Orthodox who habitually attend only the Divine Liturgy may be unaware that almost all of our Holy Week services are, structurally speaking, little more than slightly adapted versions of the offices that are celebrated throughout the year (daily in monasteries; on weekends and feasts in most parishes) with some unique ritual elements added (many of which are, in fact, of quite recent provenance). Even those with an appreciation of this fact may be unaware that our services can be celebrated, at least occasionally, outside the context of formal public worship in the church building.

Indeed, the offices—the non-sacramental services of Vespers, Matins, Compline, and the Hours—can be served without clergy. In fact, some communities even habitually celebrate them in this manner—this includes all women’s monasteries without a full-time priest-chaplain and those (nowadays rarer) men’s monasteries that follow the ancient custom of not having ordained members of the brotherhood. Since most of the Holy Week services are offices, they can also be served by lay people. It goes without saying, of course, that the celebration of the sacramental rites (Divine Liturgy, unction, confession, etc.) is not possible for laypersons, and they should not substitute “sacrament-like” rituals in place of the Divine Liturgy or other services requiring the ministry of a priest. Nonetheless, laypersons can read the offices, and thus observe much of the Holy Week liturgy, albeit somewhat denuded of the ritual splendor normally associated with it.

What does this involve? As always, there is much variety across different Orthodox traditions, and those who are serious about trying to take up liturgical practice at home should seek guidance where they can. Basically, however, the services are observed as described in the liturgical books (at this time of year: Book of Hours/Horologion [for the fixed parts of the services], Triodion [for the seasonal texts], and Typikon [for the rules]), but clerical formulae and rituals are omitted. Thus, for example, there are no processions, censings or sprinklings, or entrances into the altar (one of which, presumably, most Orthodox Christians do not have at home in any case). Moreover, blessings (e.g. “Blessed is our God…” at the start of the services and “May the blessing of the Lord be upon you…” at the end of services) are substituted with the formula “Through the prayers of our holy Fathers, O Lord Jesus Christ our God, have mercy upon us and save us,” the giving of the peace (e.g. “Peace be with you all”) is omitted, and litanies and their concluding prayers are replaced by “Lord, have mercy,” twelve times for a long litany and three times for a small litany.

It must be acknowledged that the services of the Byzantine Rite are not simple and Holy Week can be a challenge even under regular conditions! For those who have never celebrated a reader’s service (as they are technically known) at home, it is probably too ambitious to imagine that you will be able to execute a flawless “reader’s Holy Week” at short notice this year. But you may be able to do something—and necessity is the mother of invention, as they say! Even if you cannot put together a full office, you might, at the very least, find an opportunity to read or hear the appointed scriptural passages, sing or read a few hymns (the canons at Matins are especially rich and good summaries of the principal themes of each day), and begin to cultivate the disciplines of prayer, contemplation, and silence at home. None of this will make up for the absence of beautiful services concelebrated by our liturgical communities, but we need not miss out entirely. In fact, this crisis may even present us with an opportunity to deepen our understanding and appreciation of the liturgical services and to re-engage with them personally as a source and rule of faith.


Many resources are available online and in print for the celebration of the Byzantine Rite (Orthodox) offices. For Holy Week, one can make do with a Book of Hours (Ὡρολόγιον, Часocлoвъ) and the Lenten Triodion (Τριῴδιον, Постнаѧ Трїωдь); the Pentecostarion or Flowery Triodion (Πεντηκοστάριον, Цвѣтнаѧ Трїωдь) will need to be added for Matins of Pascha and the services thereafter. St Vladimir’s Seminary Press offers a reasonably-priced package of Lenten service books that do much of the hard work of assembling services for you (i.e. you do not need any other books for Holy Week); other publishers offer other options and much is, indeed, available online for free.

Since they are difficult to find online, here are rubrics for occasions in Holy Week when the Divine Liturgy would usually be celebrated, when circumstances dictate that this cannot be so, translated from the Russian Typikon:

On Holy & Great Monday, Tuesday, and Wednesday

At Vespers: at “O Lord, I have cried” we chant half of the appointed stichera on six. Glory, Both now: Doxastikon. Entrance with the Gospel. “O joyful Light.” Prokeimena and readings. Gospel. “Make us worthy.” Evening Litany of Completion. At the Aposticha: the other half of the stichera, with the usual verses. Glory, Both now: Doxastikon. “Now you let your servant depart.” Trisagion. Lenten dismissal troparia: “Rejoice, O Virgin Theotokos” and the rest as usual with bows. Lenten daily ending.

[The first “half” of the appointed stichera, for “O Lord, I have cried” corresponds to those given in the Triodion at the Praises of Matins; the second “half” of the appointed stichera, for the Aposticha, corresponds to those given at the Aposticha of Matins. There is basically one set of Stichera (for the Praises and “O Lord, I have cried”) and Aposticha (for Matins and Vespers) for each day of Holy & Great Week.]

Great and Holy Thursday

The Typikon is silent on how to serve Vespers on this day apart from the Divine Liturgy of Saint Basil the Great. It may be assumed that the order given for Vespers on Monday, Tuesday, and Wednesday in Holy & Great Week apart from the Divine Liturgy of the Presanctified Gifts is to be followed. However, one should note both (i) that the Typikon does not appoint the Aposticha of Matins to be sung at “O Lord, I have cried” on Holy Thursday when Vespers is celebrated with the Divine Liturgy and (ii) that the Triodion supplies a unique Doxastikon, “Judas is truly of the generation of vipers,” for the same service.

The following order thus seems appropriate: at “O Lord, I have cried,” we chant stichera on six (from the Praises of Matins, including the Doxastikon, doubling one sticheron). Glory, both now: Doxastikon (given in the Triodion at Vespers of the day). Entrance with the Gospel. “O joyful Light.” Prokeimena and readings. Prokeimenon. Apostle. Alleluia. Gospel. Augmented Litany of Fervent Intercession. “Make us worthy.” Evening Litany of Completion. At the Aposticha: stichera with their proper verses (from the Aposticha of Matins). “Now you let your servant depart.” Trisagion. Troparion: “When the glorious disciples.” The rest as usual [with no bows, since they are given up following vespers on Holy & Great Wednesday], including the dismissal of the day.

Great and Holy Saturday

It should be known that, if out of some great need, there is no celebration of the Liturgy, At Vespers: at “O Lord, I have cried” we chant stichera on eight: three of the Resurrection, one from Anatolios, and three from the Triodion, doubling the first. Glory: Tone Six, “Moses mystically prefigured today.” Both now: Tone One, Theotokion [i.e., Dogmatikon]. Entrance with censer. “O joyful Light.” Prokeimenon: “The Lord is king.” And the readings from the Triodion in their order. After the readings have ended, Augmented Litany of Fervent Intercession. “Make us worthy.” Evening Litany of Completion. At the Aposticha: sticheron of the Resurrection in Tone One and the three Alphabetical stichera with their verses, “The Lord is God.” Glory, both now: Theotokion from the Octoechos in Tone One. “Now you let your servant depart.” Trisagion. Troparion: “The noble Joseph” Glory: Resurrection troparion in Tone Two, “When you descended to death.” Both now: “The myrrh bearing women.” Dismissal.

Great and Holy Pascha

If out of need there be no Liturgy, following Matins: instead of [the usual] Typika, we sing “Christ is risen” thrice. “Having beheld the resurrection of Christ” once. Then: Hypakoē, “Before the dawn, Mary and the women.” Glory: Kontakion, “You descended into the tomb, O immortal Lord.” Both now: “Only-begotten Son.” Then, at the Beatitudes: the troparia from Odes III and VI of the Matins Canon. Prokeimenon. Apostle. Alleluia. Gospel. Then: “Remember us, O Lord”, “The heavenly choir sings to you.” Then we sing the Creed. The prayer: “Remit, pardon, forgive, O God, our offences.” The Lord’s Prayer. Then: Kontakion, “You descended into the tomb, O immortal Lord.” Glory, both now: Theotokion [from the Paschal Hour], “Rejoice, divine and sanctified dwelling of the Most High.” “Lord, have mercy” forty times. Then: “One is holy, one is Lord, Jesus Christ, to the glory of God the Father. Amen.” And then, instead of “Blessed be the name of the Lord”, we sing “Christ is risen” thrice. Then Psalm 33, “I will bless the Lord at all times” up to “shall not be deprived of any good.” Then we sing the dismissal and depart to the Trapeza.


Gregory Tucker is a doctoral candidate, currently finalising a dissertation on liturgical theology in the hymns of the Middle Byzantine cathedral rite of Constantinople. He is also a former parish choir director and a frequent concelebrant of reader’s services.



Prof. Scheule: Folgen der Corona-Pandemie für Gesellschaft, Kirche und Familie

„Wir sind immer dann besonders gut, wenn wir zusammenhalten“ [PDF]

Kirsten Oberhoff fragte Professor Rupert Scheule nach den Folgen der Corona-Pandemie für Gesellschaft, Kirche und Familie.

Das Interview zum Nachlesen finden Sie HIER.

Erstveröffentlichung: misericordia, Juni 2020, 16-18.


DDr. Bukovec: Das Coronavirus als liturgischer V-Effekt

Das Coronavirus als liturgischer V-Effekt [PDF]

Erstveröffentlichung: https://www.liturgie.at/dl/pKsoJKJKkOmmLJqx4KJK/Bukovec_online.pdf

Die durch Covid-19 verursachte Pandemie hat Auswirkungen auf das gesamte gesellschaftliche Leben. Auch die Kirchen sehen sich durch die Maßnahmen zur Eindämmung des Virus mit bislang unbekannten Herausforderungen konfrontiert. In besonderer Weise erfahrbar wird die Krise in den liturgischen Vollzügen und der aktuellen Auslotung der Möglichkeiten, wie got­tesdienstliches Leben in dieser Situation fortgesetzt werden kann.

Solidarität I – Bedrohungen

Die Coronakrise ist nicht allein eine gesundheitliche Bedrohung, sondern sie zieht viele weitere Krei­se: Gravierende soziale, kulturelle und wirtschaftliche Eruptionen treten schon jetzt spürbar ein. Dabei wird oft der Rückgriff auf archaische Muster beobachtet, um der einmaligen Si­tuation Herr zu werden. Dies gilt für die getroffenen und unerlässlichen Maßnahmen selbst, hat aber bereits nach einer Woche Lockdown dazu geführt, dass in der gesellschaftlichen Diskus­sion eine ethische Debatte um die Abwägung zwischen Gesundheit und Wirtschaft entbrannt ist, bei der prominent auch utilitaristische Kalkulationen bemüht werden; der absolute Wert des menschlichen Lebens kann plötzlich hinterfragt werden.[1]

Im Bereich der Liturgie kann man neben den vielen aktuell diskutierten bedrohlichen Perspektiv­verschiebungen auch die Frage der Reinheit anführen.[2] Das Gefährliche hier sind die wechseln­den Bedeutungen von „Reinheit“, die in der Coronakrise zu Tage treten: Schon vor dem Her­unterfahren der in der Kirche gefeierten Liturgie gewann die Einhaltung von Hygiene eine neue Dimension. Der erste Schritt der internen Maßnahmen zur Eindämmung war der Verzicht auf die Mund- und Kelchkommunion, aber es trifft mittlerweile auch weniger offensichtliche Sym­bolisierungen und Irritationen[3] im liturgischen Tun: Ein aufschlussreiches Beispiel war der Fern­sehgottesdienst am Laetare-Sonntag – dem ersten Sonntag nach dem Shutdown – im ZDF, der aus Bensheim übertragen wurde.[4] Das Desinfektionsmittel wurde gleich zweimal in Nah­aufnahme eingeblendet, bei der Händewaschung während der Gabenbereitung und vor der Kommunion. Auch wenn dies eine durchaus nachvollziehbare Geste war, bleibt zu bedenken, wie leicht sich neue symbolische Codes einschleichen. Worauf dieses scheinbare Detail hin­weist, ist das Problem, wie post coronam hygienische Erwägungen den Umgang mit den li­turgischen Vollzügen, gerade mit ihren materiellen Elementen, bestimmen werden. Hygiene wird ein Thema bleiben und die aktuelle Krise wird Spuren hinterlassen; es gilt jedoch, diese The­matik liturgisch sinnvoll zu integrieren.[5] Der geschärfte Blick auf Hygiene ist wichtig, es geht aber v. a. auch um das Problem eines Bewusstseinswandels.

Dass der Hygienediskurs keine Nebensache ist, kann uns ein Blick in die jüngere Liturgiegeschich­te lehren: Kulturgeschichtlicher Wandel macht natürlich auch vor der Gestaltung des Got­tesdienstes keinen Halt. Die Entdeckung der Infektionswege in der Medizin des 19. Jahrhun­derts und die verbesserte Kenntnis der bakteriellen und viralen Ursachen für viele Krankhei­ten führten in einigen Denominationen in den USA zur Einführung steriler Formen der Kommu­nion.[6] Der außerhalb der Katholischen Kirche verschiedentlich zu beobachtende Gebrauch von Hostienspendern, Einzelkelchen oder von Communion Sets (Wein in kleinen, kaffeesahne­ähnlichen Plastikbechern mit eingeschweißter Hostie) erklärt sich aus der beabsichtigten Ver­meidung von physischem Kontakt: Der Körper des Anderen wird als Bedrohung wahrgenom­men, weswegen die eucharistischen Elemente zum Schutz vor Kontamination luftdicht ver­packt werden. Dass die Symbolik des gemeinsamen Essens und Trinkens, des Ineinanders von Communio und Kommunion in dieser phänotypischen Realisierung verzerrt werden, ist die Folge.

Liturgietheologisch impliziert dieses instruktive Beispiel eine latente Gefahr auch im Hinblick auf die gegenwärtige Krise: Die zu befürchtende Drehung in der Wahrnehmung im Horizont pri­mär hygienischer Kategorien stellt ein Konzept von Reinheit in den Vordergrund, das ambiva­lent ist. Leicht schieben sich Subtexte von medizinischer, moralischer und ritueller Reinheit in­einander; „Reinheit“ als ein diskursives Konstrukt hat damit soziale Konsequenzen. Da die Li­turgie als symbolische Performanz abläuft, kann eine Symbolisierung solcher Diskurse eine Mehr­deutigkeit schaffen, die liturgietheologisch höchst bedenklich ist. Was drückt es über den Ge­meinschaftscharakter des Gottesdienstes aus? Welche Konnotationen werden in die Eucha­ristie eingetragen? Dass man Reinheit mit Vorsicht genießen muß, wird klar, wenn man be­denkt, dass das Motiv der Eucharistie als „Arznei der Unsterblichkeit“[7] in großer Spannung steht zur aktuellen Lage. Es ist daher zentral, die notwendigen Maßnahmen sauber von eucharistietheologischen Aussagen zu trennen und die Diskursebenen strikt auseinanderzuhalten.[8] Sonst kommt am Ende ein völlig neuer „Kult der reinen Hände“ heraus, der diesmal alle Mitfeiernden prägt. Die aktuelle Coronakrise führt uns vor Augen, dass das schillernde Konzept von Reinheit nicht allein zwischen kultischen und moralischen Kategorien oszilliert, sondern seit der Entwicklung der modernen Medizin auch eine dritte Form von Reinheit zum Paradigma gehört. Der gesunde Körper kann aber keine Voraussetzung für Gottes Zuwendung sein,[9] auch und gerade nicht in der gott-menschlichen Kommunikation der Liturgie. Zu befürchten wäre in Zukunft eine verstärkte Reserviertheit gegenüber der Kelchkommunion, obwohl es sich hierbei um eine eucharistietheologisch zentrale Errungenschaft der Liturgiereform handelt. Die Art des Friedensgrußes wäre ein weiterer Punkt, vieles andere ist noch nicht einmal abzusehen.

 

Solidarität II – Grenzen

Die Aussetzung öffentlicher Feiern in den Kirchen führt die Liturgie an ihre Grenzen. Gleichzei­tig erscheinen die bisherigen Grenzen des liturgischen und pastoralen Handelns als neue Zen­tren: So gehört die Digitalisierung gerade jetzt zu den Bereichen, aus denen Expertise und Vor­erfahrungen hilfreich sind, wenn es darum geht, Wege zu finden, trotz Kontaktsperre gemein­schaftlich den Gottesdienst zu feiern. Nicht vergessen sollte man aber auch die Kompeten­zen der Kategorialen Seelsorge in den Pflegeheimen und Krankenhäusern, welche mit ihrem Erfahrungsschatz Optionen aufzeigen können, die sich momentan als Herausforderungen stel­len.[10]

Alte Menschen und Vorerkrankte sind ja nicht erst seit SARS-CoV-2 Risikogruppen. Die Pflege­heime waren schon davor konfrontiert mit der Ausbreitung der Grippewellen und anderer leicht übertragbarer Krankheiten, die sogar zu Kettenreaktionen bei den Ansteckungen führen konn­ten.[11] Die von der sel. Hildegard Burjan (1883–1933) ins Leben gerufene Caritas Socialis (CS)[12] ist aktiv in der Pflege von demenzkranken Bewohnerinnen und Bewohnern, hat zudem im Haus Wien-Rennweg einen weiteren Schwerpunkt u. a. auf Menschen mit Multipler Sklero­se, ein Tageszentrum für Seniorinnen und Senioren und einen Kindergarten.[13] Es gibt eine Ka­pelle (seit 2019 „Schöpfungskapelle“ genannt), in der freitags und sonntags die Messe ge­feiert wird, ferner verschiedene Andachten und eine monatliche Taizé-Gebetsstunde mit be­sonderem Fokus auf Menschen mit fortgeschrittener Demenz. 2019 wurden durch die Hygi­e­­nebeauftragte des Hauses auch die Vorkehrungen bei der Liturgie evaluiert, und im Gespräch mit dem Pastoralteam entwickelte sich eine lange und sensibel abwägende Diskussion um einen verbesserten Gesundheitsschutz, der mit der Liturgie kompatibel ist. Man entschied sich, die Desinfektion der Hände beim Zelebranten und den Kommunionhelferinnen und -helfern gewissenhaft, aber diskret[14] einzusetzen. Der Zeitpunkt musste medizinisch effektiv und li­turgisch unauffällig sein, nämlich unmittelbar vor der Gabenbereitung an der Kredenz sowie zwi­schen Friedensgruß und Agnus Dei. Durch die Diskretion sollte einerseits ein missverständ­liches Signal gegenüber den Kommunizierenden vermieden und andererseits die liturgische Symbolisierung eines Fremdkörpers wie dem Desinfektionsmittelspender (etwa im Sinne eines neu­en liturgischen Geräts) verhindert werden.

Solche und ähnliche Erfahrungen sind nur ein Beispiel, wie bei der Gestaltung von Fernsehgot­tesdiensten Hygiene unzweideutig und möglichst unsichtbar integriert werden könnte.[15] Denn eine Desinfizierung der Hände beim Lavabo ist nicht nur zu auffällig, sondern auch zu spät, da Brot, Wein und Wasser bereits bereitet sind.[16]

Auch im Kontext anderer Fragen, die aufgrund der aktuellen Notwendigkeit medial vermittelter Gottesdienste aufgeworfen werden, kann die Kategorialseelsorge sensible Hilfestellungen anbieten: In der CS herrscht Konsens darüber, dass dem Einsatz der aus der Kapelle live übertragenen Feier aufs Zimmer eine komplementäre Funktion zukommt und die physische Teilnahme, sofern das möglich ist (und gern in Begleitung einer ehrenamtlichen Person), der Vorzug gegeben werden muss; dies sowohl aus liturgietheologischen als auch aus seelsorglichen Überlegungen heraus. Die Teilnahme am Bildschirm im Zimmer wird jedenfalls flankiert durch die Austeilung der Krankenkommunion oder – noch besser[17] – durch das Mitfeiern der gesamten Messe durch eine ehrenamtliche Person mit der Bewohnerin/ dem Bewohner; auch die gemeinsame Mitfeier einer Gruppe auf dem Stockwerk ist eine Option.

Angesichts der Coronakrise, bei der die physische Teilnahme der Gemeinde ausfällt, gilt es wachzuhalten, dass jedwede Form von TV- oder Online-Übertragungen eo ipso keine Ideallösung sein kann, sondern der Charakter des Provisorischen auch liturgisch sichtbar sein muss. Die erwähnten Fernsehmessen am Laetare-Sonntag haben die Problematik thematisiert und diese schmerzliche Leerstelle kenntlich gemacht, sei es durch die direkte Anrede der Zuseher/innen, sei es durch eine Kerze während der Fürbitten (ZDF) oder die provisorische Gestaltung des Feierraums, bei der die technische Apparatur nicht versteckt wurde (ORF III).[18]

Wenn in der aktuellen Lage die „Grenzliturgien“ für die „Zentren“ gefragt sind, sollten diese wert­vollen pastoralen Felder post coronam nicht wieder aus dem Blick geraten. Wertschätzung, v. a. aber Solidarität wäre neu zu denken angesichts der gesellschaftlichen Marginalisie­rung und der schwierigen finanziellen Ausstattung in den Diözesen. Wenn Social distancing nun eine traumatische Erfahrung für alle wird, kann das eine neue Sensibilität für blinde Flecke vor der Krise wecken.

 

Solidarität III – Herausforderungen

Die Unmöglichkeit, gemeinsam als Volk Gottes das „Werk unserer Erlösung“ (Sacrosanctum Concilium [SC] 2 und 5) zu fei­ern, stellt die Liturgie bis in ihre Fundamente hinein vor riesige Herausforderungen.[19] Gebot der Stunde ist ein mehrgleisiger Weg, der sowohl Ermutigung und Materialien für Feierformen zu Hause[20] an die Hand gibt als auch die mediale Übertragung von Gottesdiensten im Fernse­hen und als Livestreams anbietet.

Man muss auch den nun eingetretenen kontextuellen Wandel von TV-Gottesdiensten berücksich­tigen: Waren sie bislang ein komplementäres Angebot, sind sie derzeit gewissermaßen ein Er­satz. War bislang die feiernde Gemeinde zu sehen, ist sie nun nahezu als Ganze unsichtbar, sieht man doch ausschließlich die anderen liturgischen Rollen. Diese paradoxale Situation erfordert eine liturgietheologi­sche Reflexion, die hochkomplex ist und nur angeschnitten werden kann.

Das Sich-Versammeln[21] des Volkes Gottes „am selben Ort“ (1 Kor 11,20; Apg 2,44) ist ein Grund­pfeiler der Liturgie seit ihren Anfängen: Die Communio der Getauften versammelt sich und feiert in rituellen Handlungen und Symbolen das Geheimnis des Glaubens und unserer Er­lösung. Jeder Gottesdienst ist anamnetische Realisierung des Paschamysteriums des Gekreu­zigt-Auferstandenen im Heiligen Geist und in eschatologischer Erwartung. Dies geschieht öf­fentlich und physisch. In besonderer Weise gilt dies für die Eucharistiefeier als Mittelpunkt der gesamten Liturgie; sie ist Höhepunkt und Quelle allen kirchlichen Tuns (Lumen gentium 11). Kirche kon­stituiert sich nämlich zuallererst in der Eucharistie; Leib und Blut Christi sind ekklesiogen, in­sofern Kirche Gottesdienstgemeinschaft bedeutet und der Leib Christi in den eucharistischen Ge­stalten mit dem Leib Christi als Kirche untrennbar verbunden ist. Die Coronakrise schlägt al­so gleichsam in die Wurzel hinein, denn eigentlich ist die physische Präsenz der Feiernden „am selben Ort“ obligatorisch. Doch auch ein anderer Aspekt verschärft das Problem: Gerade die Verwendung materieller Elemente, bei der Messe konkret von Brot und Wein, kann allein in einer „analogen“ Feier geschehen und ist nicht virtuell übertragbar. Liturgie ist eine in vieler­lei Hinsicht leibliche Erfahrung und der Einbezug der materiellen Schöpfung drückt eine the­ologische Spitzenaussage im Verhältnis von Gott und Welt aus.

Zum Wesen der Liturgie gehört weiters das dialogische Moment: Die Kommunikation mit Gott und untereinander drückt sich durch die Verteilung der einzelnen performativen Akte auf verschiedene Rollen aus. Das Dialogische, horizontal wie vertikal, ist eine Gegebenheit der Lex orandi. Der Ausfall der Gemeinde ist der Sache nach nicht kompensierbar durch die anderen Rollen (Vorsteher, Lektor/in, Kantor/in, Ministrierende, Organist/in u. a.), auch wenn sie alle selbstverständlich ebenfalls Getaufte und Teil der Gemeinde sind – sie üben aber einen besonderen liturgischen Dienst aus.[22] Die Verlagerung einer zentralen liturgischen Rolle hinter die Bildschirme ist eine Hürde, da die Durchlässigkeit hier semipermeabel ist und nur in eine Richtung geht: Auch wenn man hinter dem Bildschirm mitfeiert, ist man primär doch Zuseher/in und damit in einer rezeptiven Rolle. Im Falle der Eucharistie ist zudem noch zu beachten, dass Hochgebet und Kommunion ineinander verschränkt sind als zwei Kulmationspunkte eines Akts; wenn der zweite Teil kompensiert werden muss, entsteht eine Schieflage.

Hier kommen die technischen Möglichkeiten und die Erfahrungen mit Gottesdiensten im digitalen Zeitalter auf den Plan.[23] Viele Gemeinden bedenken dies schon und wenden jetzt neue Formate an: Durch die Integration digitaler Kommunikation können bspw. Fürbitten interaktiv gestaltet werden.[24] Die Interaktivität verweist darauf, dass es zwischen physischer und virtueller Präsenz auch Differenzierungen gibt und darin keine absolute Alternative besteht.[25] Doch gerade im Fall der Messe können diese Formen der Einbindung nur begrenzt den garstigen Graben der räumlichen Trennung überwinden, denn die materielle Dimension ist hier nicht ersetzbar.[26] Eine Hoffnung über Corona hinaus wäre die Aufrechterhaltung des Streamings aus Sensibilisierung für kranke Menschen in der Gemeinde und überhaupt für alle, die nicht direkt teilnehmen können.

Gerade die Intensivierung der digitalen Kommunikation im Kontext der Liturgie ist begrüßenswert. Sie zeigt aber auch auf, dass dann im Miteinander vorrangig die Dimension des verbalen Aus­drucks fokussiert werden kann. Insofern stellt sich die Frage, ob nicht wenigstens komplemen­tär[27] zur Eucharistiefeier andere wichtige liturgische Feiern einzubeziehen wären, die das Wort Gottes stärker akzentuieren.[28]

Zu denken ist dabei an verschiedene Feierformen, etwa die Tagzeitenliturgie[29] und Wort-Gottes-Feiern.[30] Sie kommen den aktuellen Herausforderungen auch dadurch entgegen, dass im Gebetsleben zu Hause die Lesung und Meditation der Heiligen Schrift momentan einen wichti­gen Stellenwert bekommt. Wort-Gottes-Feiern verweisen aber darüber hinaus auf pastorale Zu­sammenhänge, die in vielen Gemeinden schon vor der Coronakrise Realität waren: Der ur­sprünglich durch den Priestermangel bedingte Übergang zur Wort-Gottes-Feier an vielen Sonn­tagen des Jahres führte zu einer auch positiv zu sehenden Beheimatung des „Tisches des Gotteswortes“ (SC 51) in den Gemeinden.[31] Wenn nun allgemein die Vulnerabilität der Li­turgie in den Blick kommt, kann dies zur Solidarität mit den Gemeinden führen, die auch sonst der regelmäßigen Eucharistie entbehren müssen.[32] Unsere menschliche Verletzlichkeit ist so oder so in den Gottesdiensten dieser Krisenzeit zu thematisieren und der Fürbitte und Kla­ge vor Gott ebenso wie der Sehnsucht nach der Eucharistie Raum in der Feiergestaltung zu geben.

Tagzeitenliturgie und Wort-Gottes-Feiern sind schließlich auch eine ökumenische Chance, um in der Krise gemeinsam als Christinnen und Christen vor Gott zu treten. Die Ausstrahlung einer ökumenischen Feier zu den privilegierten Sendeterminen hätte eine starke liturgische Symbolkraft. Trennendes muss und soll nicht kaschiert werden, aber ein gemeinsam gefeierter Wortgottesdienst ist kein liturgischer Nebenschauplatz, sondern eine bedeutende Form der liturgischen Realisation der Gemeinschaft der Getauften, die die Kirchengrenzen übersteigt.[33]

Wie ökumenisch und solidarisch das liturgische Leben der Menschen in dieser schwierigen Zeit ist, zeigt sich hervorragend an Initiativen wie dem Hoffnungslicht, bei dem sich Christ/innen weltweit im Gebet verbinden, wenn sie abends am Fenster eine Kerze entzünden und das Vaterunser beten.[34] Bei allem Traumatischen und Verheerenden der Corona­krise sind solche leisen Zeichen doch eine Bestärkung der Hoffnung und des Zusammenhalts im Glauben.


Literatur

Arnold Angenendt: „Mit reinen Händen“. Das Motiv der kultischen Reinheit in der abendländischen Askese, in: Georg Jenal (Hg.): Herrschaft, Kirche, Kultur. FS F. Prinz. Stuttgart 1993, 297–316.

Teresa Berger: @ Worship. Liturgical Practices in Digital Worlds. New York 2017.

Predrag Bukovec: Liturgieethische Irritationen, in: Liturgie und Kultur 10 (2019) 16–23.

Anselm Schubert: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018.

Franz J. Zeßner: Das Wesen der Feier ist „Zustimmung zum Leben“ (Ph. Harnoncourt). Über eine besondere Fähigkeit von Menschen mit Demenz, in: Heiliger Dienst 72 (2018) 212–220.

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[1] Das ist gerade für eine christlich motivierte Ethik alarmierend. Es ist nur verständlich, dass das riesige Aus­maß der noch nicht einmal abzuschätzenden Folgen – gerade hinsichtlich Armut und Arbeitslosigkeit – solche Fragen nach dem Danach evoziert. Sehr heikel wird es, wenn letztlich eine archaische Rech­nung aufgemacht wird: Wie viele Menschenleben (besonders der Alten und anderer Risikogruppen) sind wir bereit, zu opfern für das Wohl der Allgemeinheit? Dabei ist der Zenit bei der Zahl der To­desfälle noch nicht einmal erreicht.

[2] Der kulturelle Umbruch zwischen Spätantike und westlichem Frühmittelalter zeigt sich in der Liturgie am Eindringen von archaischer Religiosität im Zusammenhang mit dem Opferverständnis, eines spezifischen geistlichen Leistungsbegriffs und dem Reinheitsparadigma beim Kultpersonal, s. Arnold Angenendt: „Mit reinen Händen“. Das Motiv der kultischen Reinheit in der abendländischen Askese, in: Georg Jenal (Hg.): Herrschaft, Kirche, Kultur. FS F. Prinz. Stuttgart 1993, 297–316; Arnold Angenendt: Das Frühmittelalter. Die abendländische Christenheit von 400 bis 900. Stuttgart 32001; Arnold Angenendt: Offertorium. Das mittelalterliche Messopfer. Münster 42014 (Liturgiegeschichtliche Quellen und Forschungen 101).

[3] Bei liturgischen Irritationen handelt es sich um widersprüchliche Aussagen beim multidimensionalen liturgischen Handeln, wenn etwa zwischen non-verbalem Element und dem Gebeteten Unstimmigkeiten entstehen oder wenn die Kommunikation unter den an der Liturgie Beteiligten nicht stimmig ist oder wenn die Rituale in ihrer Performanz einen Subtext erhalten, der der Intention des Rituals zuwiderläuft, s. dazu Predrag Bukovec: Liturgieethische Irritationen, in: Liturgie und Kultur 10 (2019) 16–23.

[4] Zur Veranschaulichung einiger der in diesem Beitrag thematisierten Problemstellungen sollen Beob­ach­tungen anhand der in Österreich und Deutschland im öffentlich-rechtlichen Fernsehen übertragenen Mess­feiern einfließen. Die am 22. März 2020 auf ORF III (10 Uhr) bzw. im ZDF (9:30 Uhr) ausgestrahlten Gottesdienste sind insofern interessant, als hierbei die ersten Versuche vorliegen, mit der neuen Si­tuation des Lockdowns umzugehen. Gerade weil man z. T. noch unbekannte Bahnen einschlagen muss­te, ist in beiden Messen das spürbare Ringen um die Einbeziehung der Zuseher/innen zu würdigen. Die hier problematisierten Aspekte reichen weiter und sollen in erster Linie anschaulich machen, wel­che Friktionen in der Liturgie durch die Coronakrise überhaupt entstehen können. 

[5] Mögliche Anknüpfungspunkte werden im folgenden Kapitel präzisiert, s. u.

[6] Vgl. Anselm Schubert: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls. München 2018, 163–186.

[7] Der geprägte Begriff φάρμακον τῆς ἀθανασίας entstammt dem 2. Jh. und ist in den Ignatianen (Eph. 20,2; dort sogar noch expliziter: ἀντίδοτος τοῦ μὴ ἀποθανεῖν „Gegengift gegen das Sterben“) und bei Cle­mens von Alexandrien (protr. 10,106,2) belegt. In den Liturgietheologien der Spätantike, aber auch in den eucharistischen Gebetsstücken wurde diese Vorstellung sehr prominent. Sie findet sich nicht nur in den Ostkirchen, sondern auch im aktuellen Messbuch, bspw. bei der Purifikation von Patene und Kelch nach der Kommunion („Was wir mit dem Munde empfangen haben, Herr, das lass uns mit reinem Her­zen aufnehmen, und diese zeitliche Speise werde uns zur Arznei der Unsterblichkeit“). Man beachte die Unterscheidung zwischen realsymbolisch-sakramentaler und rein physischer Bedeutung in dieser letzt­genannten Formel: Genau darum geht es. Das neue Messformular, das angesichts der momentanen Pandemie eigens erstellt wurde, erwähnt im Schlussgebet die „Medizin des ewigen Lebens“: s. www.erzdioezese-wien.at/dl/rrotJKJnkkMlJqx4KJK/Messe_in_Zeit_der_Pandemie.pdf [9.IV.2020].

[8] Die Unsicherheit verrät sich dort, wo in der aktuellen Situation die gesundheitlichen Gefahren relativiert wer­den unter Rückgriff auf das Motiv der Arznei der Unsterblichkeit, bspw. Ende Februar 2020 in der Ru­mänischen Orthodoxen Kirche, s. noek.info/nachrichten/osteuropa/13-russland/1461-osteuro­pa-kirchliche-reaktionen-auf-corona-epidemie [9.IV.2020]. Mittlerweile wird deutlich, dass überhaupt in vie­len orthodoxen wie katholischen Kirchen in Osteuropa dieses Dilemma virulent geworden ist, s. den in­struktiven Beitrag von Regina Elsner in www.zois-berlin.de/publikationen/zois-spotlight/kirchen-und-die-corona-krise-in-osteuropa-nur-der-glaube-hilft/ [9.IV.2020]. Auch in der Katholischen Kir­che im sog. Westen gibt es freilich vereinzelte Stimmen, die bei der Eucharistie (oder dem Lourdes-Was­ser) ähnlich argumentieren.

[9] Sehr lesenswert sind Jörg Seilers Gedanken, die auch auf die Coronakrise eingehen: theologie-aktuell.uni-erfurt.de/ueber-reinheit-und-unreinheit-seiler/ [9.IV.2020].

[10] Die Digitalisierung wird im nächsten Kapitel nochmals aufgegriffen werden, s. u.

[11] Ich beschränke mich im Folgenden auf die Caritas Socialis in Wien, da ich hier durch eigene ehrenamt­liche pastorale und liturgische Tätigkeit Vorerfahrungen habe. Die Expertise der Kategorialseelsorge in den Diözesen wird post coronam bei der Bewältigung der Krisenfolgen für die Liturgiewissenschaft von großem Interesse sein; ein Desiderat wäre u. a. auch die empirische Erhebung des Umgangs mit Hy­gienerichtlinien in der Liturgie vor und während der Corona-Pandemie.

[12] 1919 wurde die Schwesterngemeinschaft gegründet, die heute u. a. auch in Deutschland und Brasilien aktiv ist. 2003 wurde zur organisatorischen Bewältigung der vielfältigen Aufgaben im Gesundheitswesen und darüber hinaus die gleichnamige Stiftung gegründet, in dessen Leitung auch der Schwes­tern­orden repräsentiert ist. Letztes Jahr wurde das 100-jährige Jubiläum feierlich begangen. Zur CS, s. www.cs.at [6.IV.2020].

[13] Zu den liturgischen Erfahrungen und der dahinterstehenden Liturgietheologie in der CS, s. Franz J. Zeßner: Das Wesen der Feier ist „Zustimmung zum Leben“ (Ph. Harnoncourt). Über eine besondere Fähigkeit von Menschen mit Demenz, in: Heiliger Dienst 72 (2018) 212–220; Franz J. Zeßner: Vergessen und Erinnern. Menschen mit Demenz feiern Gottesdienst im Pflegeheim. Würzburg 2016 (STPS 94).

[14] Auf eine diskrete Anwendung bei gleichzeitiger Sensibilität für hygienische Standards verweist Hans-Jürgen Feulner: Liturgie und Hygiene. Gebotene Vorsicht, in: Herder Korrespondenz 74/4 (2020) 13 f., 14.

[15] Eine Ironie der Perikopenordnung war, dass für den 4. Fastensonntag im Lesejahr A ausgerechnet Jesu Heilung des Blindgeborenen (Joh 9) die vorgesehene Evangelienlesung ist. Der dort erwähnte Spei­chelteig hört sich angesichts der Coronakrise wie eine unerhörte Provokation an, die in der Predigt auf die Gefahren von Reinheitsvorstellungen und Ausgrenzungsmechanismen (rein/unrein, heilig/sündig) hin hätte ausgelegt werden können.

[16] Die Händewaschung bei der Gabenbereitung ist (wie der eucharistische Teil der Messe insgesamt) ein hochstilisierter liturgischer Vollzug. Ihre Bedeutung ergibt sich aus der rituellen Handlungssequenz, nicht aus einem Händewaschen aus hygienischen Gründen, bei dem man zweimal Happy Birthday singen kann. Der Laetare-Gottesdienst auf ORF III am selben Tag hat zum Glück auf eine pädagogische (oder apologetische?) Inszenierung verzichtet und das Desinfektionsfläschchen nicht demonstrativ einge­blendet.

[17] Dies hängt natürlich von den Kapazitäten der Einrichtung ab und ist in Pflegeeinrichtungen nicht immer umsetzbar.

[18] Vorbildlich an der ORF III-Ausstrahlung war auch die niederschwellige Liedauswahl, da viele leicht me­morierbare Kehrverse gewählt wurden, die auch ohne Gotteslob mitgesungen werden können. Da in der häuslichen Isolation nicht immer genug Exemplare des Gesangbuchs vorrätig sein dürften, war dies eine situations- und familiengerechte Entscheidung. Vielleicht wäre das Adoro te devote („Gottheit tief verborgen“) als Kommuniongesang entbehrlich gewesen, da er ein Klassiker aus der Zeit der Schau­fröm­migkeit ist und gerade jetzt falsche Eindrücke wecken dürfte.

[19] Die Diskussion ist in der kirchlichen Öffentlichkeit voll im Gange und wird auch leidenschaftlich wie kon­­trovers geführt. Auf jeden Fall ist jeder Versuch, den Menschen trotz physischer Absenz gerade auch liturgisch nahe zu sein, erst einmal gut. In einer solchen Ausnahmesituation ohne Präzedenzfälle kann man sowieso nicht von Ideallösungen sprechen, weil die Bedingungen nicht ideal sind. Verschärft wird das Problem auch angesichts des Triduum sacrum als höchstem Fest im Kirchenjahr.

[20] Es ist sehr auffällig, wie in der aktuellen Diskussion die Liturgie der Hauskirche zum bestimmenden Pa­radigma und Vorbild erhoben wird, obwohl daraus bisweilen völlig konträre Konsequenzen abgeleitet wer­den. Wenn im 20. Jahrhundert die Periode der reichskirchlichen Standardisierung zum Goldenen Zeit­alter der Liturgiegeschichte avanciert war, geht man jetzt noch einige Jahrhunderte zurück. Das Be­mühen um eine gerechtere Wertschätzung des häuslichen Gebets und liturgischen Feierns ist eine er­freuliche Entwicklung: Es ist aber ein Diskurs der Gegenwart für die Herausforderungen von heute. Die Liturgiegeschichte kann motivierend und instruktiv sein, man kann aus ihr aber nicht konkrete norma­tive Handlungsanweisungen ableiten. Das hängt gerade auch damit zusammen, dass die Quellen der Vergangenheit zu Geschichtsbildern konstruiert werden müssen: Historische Rekonstruktion ist immer auch narrative Konstruktion (also Geschichtsschreibung), s. Robert F. Taft: Historicism Revisited, in: Studia Liturgica 14 (1982) 97–109; Albert Gerhards: Wozu und wie heute Liturgiegeschichtsschreibung betreiben?, in: Albert Gerhards / Benedikt Kranemann (Hg.): Dynamik und Diversität des Gottesdienstes. Liturgiegeschichte in neuem Licht. Freiburg im Breisgau 2018, 15–32; Harald Buchinger: Zukunft aus der Geschichte? Historische Liturgieforschung im Wandel, in: Peter Ebenbauer / Bert Groen (Hg.): Zukunftsraum Liturgie. Gottesdienst vor neuen Herausforderungen. Wien 2019, 9–26. Außerdem ist die Quellenlage zur Liturgie vor dem 4. Jahrhundert im Vergleich zur nachkonstantinischen Zeit beson­ders fragmentarisch – es ist daher aufschlussreich, wie die vielen Lücken jeweils gefüllt werden, wenn man im Moment vom Vorbild der Hauskirchenliturgie spricht.

[21] Nicht von ungefähr beginnt der seit 1970 geltende Ordo Missae mit den Worten „populo congregato“ und hebt darauf ab, dass die Versammlung des Gottesvolks den Beginn der Eucharistiefeier bestimmt.

[22] Jede liturgische Rolle soll „nur das und all das tun“, was ihrer Aufgabe im Gottesdienst ent­spricht (SC 28).

[23] Vgl. für den ersten Einstieg: Teresa Berger (Hg.): Liturgy In Migration. From the Upper Room to Cyberspace. Collegeville 2012; Teresa Berger: @ Worship. Liturgical Practices in Digital Worlds. New York 2017; das Heft Liturgie und Kultur 9/1 (2018); Alexander Deeg (Hg.): Liturgie – Körper – Medien. Herausforderungen für den Gottesdienst in der digitalen Gesellschaft. Leipzig 2019.

[24] Freilich bleibt zu bedenken, dass digitale Interaktivität viele ältere Teilnehmende ausschließt, die die­se technischen Möglichkeiten nicht gewohnt sind zu nutzen. Hierbei ist Fingerspitzengefühl gefragt.

[25] Schon vor der Coronakrise lag ein offensichtliches Beispiel vor: Das Stundengebet wird in der Praxis statistisch primär „privat“ gebetet und eben nicht in der Kirche. Die Gemeinschaft der Betenden ist eine von dislozierten Personen. Für diesen wichtigen Hinweis danke ich Harald Buchinger.

[26] Eine „geistige Kommunion“ ist eben nicht ein nur gradueller Unterschied zum Kommuniongang.

[27] Es geht hier allein um die Frage nach einer passenden liturgischen Vielfalt in der medialen Ausstrahlung, nicht um die selbstverständliche Relevanz der Eucharistie. Die Messe wird ja nicht eingestellt und das Angebot von Eucharistiefeiern im Fernsehen wird von vielen Menschen angenommen, wie nicht zu­letzt die spürbar erhöhten Einschaltquoten zeigen, s. www.katholisch.de/artikel/25013-fernseh­gottesdienste-verzeichnen-steigende-zuschauerzahlen [9.IV.2020].

[28] Es geht mir darum, den Fokus stärker auf Gottesdienstformen zu richten, deren Gestalt in besonderer Wei­se von liturgischen Sprechakten sowie dem Wort Gottes geprägt ist und bei denen die gottesdienstli­che Kommunikation im Notfall (!) einigermaßen auch digital gelingt, v. a. wenn die Semipermeabilität der medialen Übertragung entschärft wird. Trotzdem gilt es zu betonen, dass sich die Materialität und üb­rigens auch die Dialogizität der Liturgie anthropologisch gerade in der physischen Präsenz erweist, in­sofern wir alle Körper sind und unsere Existenz leiblich verfasst ist. Wortgottesdienste selbst partizipe­ren durch ihre Performanz ebenso an der materiellen Dimension der Liturgie. Für die Diskussion die­ses Themas bedanke ich mich bei Ingrid Fischer.

[29] Zu erwähnen ist hier das Projekt Stundenbuch Online des DLI in Trier, das auch als App für das Smart­phone zum Download bereitsteht; die App wird immer mehr als Alternative zu den zahlreichen Ein­zelbänden in der Printfassung angenommen und ist auch für unterwegs sehr gut geeignet. Die perso­nellen Kapazitäten reichen allerdings noch nicht aus, um die komplexen Feinheiten des liturgischen Ka­lenders und die regionalen bzw. diözesanen Gedenktage wiederzugeben, was für viele Tage im Kirchen­jahr leider ein spürbares Manko darstellt. Niederschwelliger, familiengerechter und zum Einstieg gut geeignet sind die Tagzeitenformulare im neuen Gotteslob von 2013.

[30] Schon frühzeitig in der Coronakrise haben Albert Gerhards, Benedikt Kranemann und Stephan Winter diesen Vorschlag in die Diskussion einbracht, s. www.katholisch.de/artikel/24874-privatmessen-passen-nicht-zum-heutigen-verstaendnis-von-eucharistie am Ende ihres Beitrags [9.IV.2020].

[31] Vgl. Benedikt Kranemann (Hg.): Wie das Wort Gottes feiern? Der Wortgottesdienst als theologische Herausforderung. Freiburg D 2002 (Quaestiones Disputatae 194).

[32] Gerade diese jetzt offensichtlich gewordene Erfahrung, wie es ist, die Eucharistie nicht gemeinsam fei­ern zu können, schärft den Blick für die Gemeinden, die dies schon z. T. seit Jahrzehnten tun müssen. Die dabei gemachten positiven Erfahrungen bezeugen die Kraft des Glaubens dieser Gemeinden ange­sichts des faktischen eucharistischen Fastens, das liturgietheologisch und ekklesiologisch keine Dauer­lösung sein kann. Die aktuelle Ausnahmesituation macht so gesehen klar, dass es für die Entwicklung der Liturgie nicht immer produktiv ist (und in der Liturgiegeschichte war), wenn die Ausnahme zur Regel wird. Gleiches gilt für die besprochenen Themen bestimmter Reinheitsvorstellungen und die medial ver­mittelten Feiern (s. o.): Auf Wahrnehmungsverschiebungen ist sensibel zu achten; erforderliche Kom­promisse sind in Grenzsituationen einzugehen, aber medial vermittelte Gottesdienste sind kein äqui­valenter Ersatz für die physische Versammlung.

[33] In solchen ökumenischen Gottesdiensten wird die erstrebte Einheit schon gelebt und gefeiert, s. Predrag Bukovec / Regina Augustin / Dorothea Haspelmath-Finatti / Florian Wegscheider (Hg.): Liturgie als Chance und Herausforderung für die Ökumene. Beiträge der Liturgiewissenschaft zur Einheit der Kirchen. Innsbruck 2017 (Pro Oriente 41). Es ist nicht Nichts oder etwas bloß Konstruiertes, son­dern die auf der Basis der einen Taufe vorgegebene Einheit aller Gläubigen im liturgischen Lobpreis Got­tes. Deswegen ist es auch ökumenisch weitgehend breiter Konsens, dass nicht wiedergetauft wird, s. dazu das in Lima verabschiedene Grundsatzdokument Baptism, Eucharist and Ministry des Ökumenischen Rates der Kirchen von 1982 (BEM 15 f.) und die Magdeburger Erklärung von 2007, die von elf Kir­chen in Deutschland verantwortet wird. Vgl. hier auch Achim Budde: Ökumenisches Stundengebet – Motor der Einheit, in: Heiliger Dienst 66 (2012) 220–226.

[34] Vgl. Predrag Bukovec: Eine Kerze im Fenster. Ein Hoffnungslicht in der Coronavirus-Pandemie, in: Gottesdienst 54/9 (2020) 105.

 


DDr. Bukovec: Eine Kerze im Fenster

Eine Kerze im Fenster. Ein Hoffnungslicht in der Coronavirus-Pandemie [PDF]

Erstveröffentlichung: Gottesdienst 54/9 (2020) 105.

Die Corona-Krise hat jetzt schon fatale Auswirkung auf das Leben der Menschen. Davon bleibt auch die Liturgie nicht verschont, die mit einer noch nie dagewesenen Situation konfrontiert ist, nämlich mit dem Einstellen der öffentlichen Gottesdienste in den Kirchen. Das liturgische Leben spielt sich für die meisten Menschen nun vor allem zu Hause ab.

Eine bemerkenswerte Initiative, die sich durch die digitalen Kanäle schon in viele Wohnungen auf der ganzen Welt verbreitet hat, ist das „Licht der Hoffnung“. Dabei wird jeden Abend am Fenster eine Kerze entzündet und das Vaterunser gebetet. Das Basisritual kann durch weitere Feierelemente wie eine Vesper oder eine Schriftmeditation angereichert werden. Die Gemeinde St. Pankratius im hessischen Oberhausen-Osterfeld hat damit einen liturgischen Baustein ins Rollen gebracht, der binnen kürzester Zeit große Akzeptanz fand und der auch seitens der Kirchen als ökumenisches Zeichen aufgegriffen wurde. Die Liturgischen Institute im deutschsprachigen Raum haben das Hoffnungslicht in ihre Aussendungen aufgenommen und Materialien zur Hand gegeben; in Österreich rufen katholische, evangelische und orthodoxe Kirchenleitungen zum Mitfeiern auf. Der Hashtag #lichterderhoffnung soll diese Gebetsaktion in den sozialen Netzwerken verbreiten. Die Initiative hat darüber hinaus weltweite Resonanz erfahren.

Anamnetische Solidarität

Das sichtbare Anzünden einer Kerze am Fenster lässt in die bedrohte Außenwelt hinein ein Zeichen der christlichen Solidarität und Hoffnung aufleuchten. Man verbindet sich im Gebet mit den anderen Betenden. Allein schon das Fenster ist in der gegenwärtigen Situation ein durchlässiges Zeichen, Grenze und Kontaktmöglichkeit zugleich, physische Trennung und Zusammenstehen in einem. Gerade auch angesichts der Vereinsamung, die die Coronakrise für viele Menschen mit sich bringt, leuchtet die Kerze dagegen an und drückt Solidarität aus: Wir sind füreinander da, wir denken an euch, wir beten gemeinsam mit euch.

Mit der Zeit wird es sicher sinnvoll sein, der größer werdenden Zahl der am Coronavirus Verstorbenen mit diesem Licht zu gedenken und so auch eine Form der anamnetischen Solidarität zu üben. In einer Situation, in welcher die Opfer des Virus in Einsamkeit ohne das Beisein ihrer Angehörigen sterben müssen und die Angehörigen nicht einmal Abschied nehmen können (selbst bei den Beisetzungen ist die Personenzahl limitiert), wird dieses kleine Licht in einer so großen Dunkelheit auch unsere Verletzlichkeit auszudrücken.

Licht der Osternacht

So schlicht und niederschwellig das Licht der Hoffnung auf den ersten Blick erscheinen mag, so treffsicher und tiefgründig zeugt es von einem Gespür für den Geist der Liturgie: In der diesmal derart speziellen Fasten- und Osterzeit kann die Kerze das Licht der Osternacht symbolisieren, Christus als Licht der Welt (Joh 8,12) und Christus als der glimmende Docht, der nicht erlischt (Jes 42,3–4). Die in der Liturgie an sich schon reiche Lichtsymbolik erinnert bei diesem abendlichen Ritual zudem an das Luzernar in der Vesper.

Der Kerze als nonverbalem Element ist das Vaterunser als verbales Element beigesellt: das Basisgebet aller Christinnen und Christen ökumeneweit. Und auch dies entspricht einem folgerichtigen liturgischen Impuls, denn das Vaterunser ist wohl der älteste Teil des täglichen Gebets der Kirche – es geht bis in die Anfänge zurück, wie die um 100 n. Chr. verfasste Kirchenordnung der Didache (Kapitel 8) zeigt. Schon in neutestamentlicher Zeit beteten Christinnen und Christen in ihren Häusern das Gebet des Herrn und heiligten so den Tag.

Das Erfrischende am Hoffnungslicht ist, dass es keine großangelegte Liturgie ist, aber es ist ein liturgisches Ritual. Seine Mitfeier ist erfahrungsintensiv und trotzdem nicht von besonderen Voraussetzungen bestimmt. In seiner liturgiesensiblen Konzeption handelt es sich um etwas, das auch im wörtlichen Sinn einen „Glanz edler Einfachheit“ (SC 34) ausstrahlt.


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Dr. Markus Weißer: Leibliche Präsenz

Leibliche Präsenz in medialer Entgrenzung. Die Corona-Pandemie als theologische Herausforderung und Chance

Dr. Markus Weißer über die Dimension der Leiblichkeit angesichts von „social distancing“ – und die theologischen Fragen, die hier gestellt werden:

https://www.feinschwarz.net/leibliche-praesenz-in-medialer-entgrenzung-die-corona-pandemie-als-theologische-herausforderung-und-chance/


Judith König: Ungleichzeitigkeiten

Ungleichzeitigkiten. Beobachtungen aus dem "rasenden Stillstand"[1] [PDF]

Als Bibelwissenschaftlerin stößt man häufiger auf Ungleichzeitigkeiten, ist die Bibel doch voll von Geschichten, die die Zeit anhalten oder dehnen, in denen alles gleichzeitig zu geschehen scheint oder die einen schon alles verstanden haben, während die anderen ratlos danebenstehen und sich wie im falschen Film fühlen. Sie ist voll von Geschichten, in denen Gott schon, aber auch noch nicht seine Herrschaft ausgebreitet hat, in denen Jesus lebt, obwohl er gestorben ist.

Auch als Hochschullehrerin sind einem die Ungleichzeitigkeiten nicht fremd. Nicht immer gehen meine Lehrveranstaltungen, die Vorbereitungen dazu und das Schreiben meiner Doktorarbeit zur basileia tou theou im Markusevangelium ganz reibungslos eins in eins. In Phasen, in denen der Terminkalender besonders voll ist, verschieben kleine Änderungen schon einmal den Plan einer ganzen Woche.

Noch nie allerdings habe ich die Wucht der Ungleichzeitigkeit so deutlich gespürt wie in den letzten Tagen. Zeitliche Abläufe, die unverrückbar schienen, planbar und vorhersehbar wie der Wechsel der Jahreszeiten, sind plötzlich vollständig ausgehebelt und durcheinandergeworfen.

Fragen aus dem beruflichen Mikro-Kontext wie „Wann wird unser Semester beginnen?“, „Wann können unsere Prüfungen stattfinden?“, „Wann gibt es wieder einen Zugang zur Universitätsbibliothek“ – so berechtigt sie auch sein mögen –, verblassen hinter ganz anderen, existentielleren Fragen:

„Wann sehe ich meine Familie wieder?“

„Wann können wir die großen Feste des Lebens wieder als solche feiern?“

„Wie gestalte ich Alltag, Leben und Arbeit so, dass es niemandem schadet; so, dass es anderen nützt?“

Ungestellt bleiben selbst dabei noch die Fragen derer, die mit der gegenwärtigen Krise an Körper und Seele, in ihrer wirtschaftlichen und sozialen Lebensgrundlage bedroht und existentiell gefährdet sind.

Wie können und wollen wir in einer solchen Situation Christinnen und Christen sein?

Auch in den Antworten auf diese Frage lässt sich derzeit eine schwindelerregende Ungleichzeitigkeit feststellen. Meldungen von Papst Franziskus, der die Übertragung eines Pestkreuzes aus Rom in den Vatikan veranlasst hat,[2] lassen sich nicht in den gleichen Tag setzen mit dem digitalen Impuls, den ich aktuell täglich morgens von meiner Netzgemeinde[3] auf das Smartphone geschickt bekomme. Mittelalter trifft auf das 21. Jahrhundert? Vielleicht macht dieses Bild ungleichzeitiger Gleichzeitigkeit mir klarer als jeder Fach-Aufsatz es könnte, was es bedeutet, in diachroner Gemeinschaft mit zahllosen Generationen von Glaubenden vor mir zu stehen. 

Aber: Auch die Sehnsucht der vielen Menschen in meinem Umfeld nach Nähe und Ansprache, nach Zuwendung und Hilfe durch ihre Kirche kann ich nur schwer in dieselbe Zeit setzen mit dem, was nun die Versammlung der Gemeinde in den Kirchengebäuden ersetzt – und mancherorts gar alternativlos ersetzt –: Messen, die hinter verschlossenen Türen gefeiert werden.[4]

Gleichzeitig sprießen und sprossen – auch mit Unterstützung der Amtsstrukturen der Kirche – kreative Initiativen, greifen helfende Hände ineinander, damit niemand durchs Netz fällt – auch die nicht, die nicht ans weltweite Netz angeschlossen sind.

Nun mag es Menschen geben, die Ungleichzeitigkeiten genießen, die auf der Welle surfen und problemlos ihre Uhr umstellen, oder – noch besser – gleich für jede Zeitzone eine eigene Uhr am Handgelenk tragen. Meine eigene Erfahrung aber zeigt: Bei allem kreativen und innovativem Potential, das Ungleichzeitigkeiten und Verwerfungen in sich bergen, lässt es sich doch für gewöhnlich mit dem Gegenüber besser kommunizieren, wenn man mit ihm oder ihr synchron geht.

Um solch eine Synchronizität herzustellen, oder das Aufeinander-Einstellen der Uhren zumindest zu erleichtern, lohnt es sich meistens, das Gegenüber dazu zu befragen, was er braucht. Was sie bewegt.

Wie können und wollen wir in einer solchen Situation Christinnen und Christen sein?

Vielleicht zuerst im Modus der Frage(n) –

Was brauchst du? Was bewegt dich?

Sich aufeinander einstellen, Ungleichzeitigkeiten miteinander aushalten und gleichzeitig-ungleichzeitig die Zwischen-Zeiträume auch gestalten. Das täte freilich nicht nur auf der Ebene kirchlicher Strukturen und Abläufe Not, sondern auch in der Theologie.

Bevor ich also zurück zu meinen Forschungen rund um die körperliche Präsentation der basileia tou theou im Markusevangelium in Dialog mit der phänomenologischen Philosophie des 20. Jahrhunderts gehe – die Selbstironie ist durchaus beabsichtigt –, frage ich mich: Wann hat die Theologie zum letzten Mal gefragt, was diejenigen, für die sie forscht, eigentlich brauchen?

Was muss jetzt, in dieser Situation, an diesem Tag, an diesem Ort, kritisch und wissenschaftlich hinterfragt und gleichzeitig auf Gott hin gedeutet werden?

Über Antworten – die gleichzeitig und ungleichzeitig Fragen sind! – freue ich mich…  

Judith König

judith.koenig@ur.de

31. März 2020

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[1] Michael Schüßler auf: https://www.feinschwarz.net/corona/ [letzter Zugriff: 27.03.2020].

[4] Vgl. dazu z.B. den Kommentar von Johann Pock aus pastoralliturgischer Sicht unter https://theocare.wordpress.com/2020/03/27/karwochenliturgie-im-zeichen-von-covid-19-eine-vertane-chance/ [letzter Zugriff: 30.03.2020] und die Debatte zum Thema auf katholisch.de: https://www.katholisch.de/artikel/24944-eucharistie-ohne-volk-per-livestream-rueckschritt-oder-fortschritt [letzter Zugriff: 30.03.2020].

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Prof. Scheule: Ganz ohne Kuscheln geht es nicht

Corona fordert Entscheidungen - Antworten eines Ethikers [PDF]

Moraltheologe Scheule: Ganz ohne Kuscheln geht es nicht

Von Christoph Renzikowski (KNA, 19.03.2020, 12.00 Uhr)

Regensburg (KNA) Die Coronakrise verlangt Entscheidungen: von der Staatsmacht, der Kirche und jedem einzelnen Bürger. Der katholische Regensburger Moraltheologe Rupert Scheule (50) gibt Antworten, von letzen Klopapierrollen bein Discounter über Kuschelbedürfnisse bis zur Telefonbeichte. Scheule ist verheirateter Diakon und hat fünf Kinder.

KNA: Herr Scheule, Senioren zählen zur Hochrisikogruppe und gehen trotz Hilfsangeboten weiter einkaufen. Weisheitliche Gelassenheit oder unverantwortlicher Leichtsinn?

Scheule: Ich glaube, es ist eher das erste. Meine alten Eltern haben als Teenager Bombennächte, Hunger und auch Verfolgung erlebt. Da ist man vielleicht insgesamt weniger aufgeregt angesichts von Existenz-Bedrohungen. Trotzdem wäre es besser, sie würden angebotene Unterstützung annehmen. Helfen und sich helfen lassen ist seit jeher das, was unsere Spezies überleben lässt.

KNA: Die Oma lebt allein zuhause und ist weit weg. Kann man sie jetzt noch zu sich holen - in die Großstadt?

Scheule: Das sollten Sie besser die Corona-Experten vom Robert-Koch-Institut fragen. Meine Intuition sagt mir: Die Oma bleibt besser, wo sie ist, wenn es ihr dort gut geht. Sie können ja mehrmals am Tag mit ihr telefonieren.

KNA: Liebe braucht Zärtlichkeit. Sollten Paare untereinander und mit ihren Kindern jetzt gar nicht mehr kuscheln?

Scheule: Das ist nicht zu machen. Unser zwischenmenschlicher Nahraum muss bewohnbar bleiben. Aber außer mit unseren Liebsten sollten wir nicht noch mit allen möglichen anderen Leuten kuscheln. Als Moraltheologe würde ich das freilich auch unabhängig von Corona sagen.

KNA: Nächstenliebe und Sicherheitsabstand - wo ist die Grenze?

Scheule: So seltsam es klingt und so sehr sich unsere christlichen Reflexe wehren: In diesen Zeiten ist Sicherheitsabstand Nächstenliebe. Ich freue mich aber schon jetzt auf den Tag, an dem dieser Satz nicht mehr stimmt.

KNA: Ist die Beichte per Telefon möglich?

Scheule: Warum nicht? Die Glaubenskongregation hat 1989 festgestellt, dass sie stets gültig und in extremen Ausnahmefällen auch erlaubt ist. Vielleicht findet der eine oder die andere im Corona-Shutdown ja die Ruhe und den Ernst, es mal wieder mit dem Sakrament der Versöhnung zu versuchen? Dann ran ans Handy und den Pfarrer anrufen. Nach der flächendeckenden Absage von Gottesdiensten, Konferenzen und Besprechungen haben Priester freie Kapazitäten.

KNA: Kirchliche Rituale leben auch von Körperkontakt wie Salbung und Handauflegen. Sind berührungslose Sakramente denkbar?

Scheule: Dass es keine Sakramente im Internet gibt, wie der Päpstliche Rat für die Sozialen Kommunikationsmittel 2002 feststellte, habe ich schon vor Corona für veraltet gehalten. Richtig ist: Es gibt keine Sakramente ohne die Möglichkeit, Heil als real zu erfahren. Aber warum soll das nicht im Netz möglich sein? Wir alle leben doch schon lange sehr reale Beziehungen im Netz mit Diensten wie Whatsapp und Instagram. In Zeiten von Corona und Digitalisierung heißt das für uns als Kirche: bitte mehr Fantasie!

KNA: Auch die Kirche kennt eine Art Notstandsrecht. Wäre es jetzt nicht höchste Zeit, ausgebildete Laientheologen in der Klinikseelsorge auch offiziell mit der Spendung von Sakramenten zu beauftragen?

Scheule: Es wäre jedenfalls nicht das erste Mal, dass sich solche Innovationseffekte gleichsam als Leidensgewinn aus großen Krisen ergeben. Das war bei der Wiederbelebung des Ständigen Diakonats nach den grundstürzenden Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs so. Ich finde auch, dass die Krankensalbung nicht Priestern vorbehalten bleiben müsste. Warum nicht auch Diakone und andere diakonisch wirkende Männer und Frauen der Kirche?

KNA: Wie ist das Handeln von Seelsorgern zu beurteilen, die sich bemüßigt fühlen, gegen staatliche oder kirchliche Vorschriften zu verstoßen, um anderen Beistand zu leisten?

Scheule: Wenn dieser Beistand notwendig ist und nicht anders realisiert werden kann, ist er ethisch gerechtfertigt. Moral und Recht sind nicht notwendig deckungsgleich. Allerdings müssen die Seelsorger dann auch bereit sein, ohne Gejammer die staatlichen und kirchlichen Sanktionen zu tragen.

KNA: Gottesdienste sind inzwischen verboten. Dennoch haben die Christen selbst in schlimmsten Verfolgungszeiten immer zusammen gefeiert, notfalls geheim. Nur mit dem Unterschied, dass die Gefahr jetzt weniger von der Staatsmacht droht.

Scheule: Das macht genau einen wichtigen Unterschied! Wenn wir in geschlossener Formation Bittprozessionen abhalten oder gemeinsam in Lourdes-Wasser baden, wie es mancher offenbar für sinnvoll hält, dann tun wir nichts gegen das Virus, sondern befördern es. Wir wissen heute, dass wir Heil nicht mit Heilung verwechseln dürfen. Es gilt das Heil zu bezeugen, aber ohne Heilungschancen oder Gesundheit zu gefährden. Gemeinschaft ist und bleibt das Lebenselixier der Kirche. Nun ist Einfallsreichtum gefragt, diese Gemeinschaft vorläufig anders als physisch zu organisieren. Tun wir nicht so, als sei das nicht möglich. Es geht. Theologisch, spirituell und auch technisch.

KNA: Jesus ruft an vielen Stellen der Bibel zur vollständigen Hingabe auf: Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wie ist das in Zeiten einer Pandemie zu verstehen?

Scheule: Nicht als Gleichgültigkeit gegenüber dem eigenen Leben. Aber vor dem sicheren Tod können wir uns halt nie retten. Eine stets nur vorläufig mögliche Todesmeidung sollte daher nicht das einzige Lebensziel sein. Wer glaubt, dass sein Leben so oder so in den Armen des liebenden Christus endet, erfährt wohl auch im Pandemie-Alltag mehr Weite. Vielleicht steckt man es da sogar leichter weg, wenn einem ein anderer die letzte Klorolle vor der Nase wegkauft.

Alle Rechte am Text liegen bei der KNA, Weiterverbreitung nur nach schriftlicher Genehmigung

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Prof. Dirscherl: Fastenpredigt in der Pfarreiengemeinschaft St. Pauli/St. Joseph für den 28. März 2020

Fastenpredigt in der Pfarreiengemeinschaft St. Pauli/St. Josef für den 28. März 2020 [PDF]

Wenn wir uns nicht im Raum treffen können, lasst uns in der Zeit einander nahe sein! Geteilte Zeit, die nicht verloren geht

Prof. Dr. Erwin Dirscherl, Universität Regensburg

Liebe Gemeinde von St. Paul und St. Josef,

in diesen angespannten Zeiten werden unsere normalen Tätigkeiten und gewohnten Abläufe auf einschneidende Weise unterbrochen. Besonders hart ist es, dass wir uns eine räumliche Trennung von anderen Menschen auferlegen müssen, um Leben zu schützen. Wir können uns zurzeit nicht räumlich begegnen, nicht unmittelbar die leibhaftige Nähe des anderen Menschen spüren. Aber es gibt einen anderen Raum, in dem wir uns nach wie vor begegnen können: die Zeit! Wir können in dieser angespannten Zeit einander nahe sein, auch wenn wir uns nicht körperlich begegnen können. Wir können die Sorgen und Nöte der Anderen, auch ihre Liebe und Zuneigung immer noch in uns spüren, auch wenn sie nicht in unserer räumlichen Nähe sind. Wir können mit den Anderen sprechen. Die vielen Medien vom Videostreaming oder Skypen im Internet bis hin zum geschriebenen Brief ermöglichen eine Kommunikation und Nähe in der Zeit, die wir miteinander teilen. Wir alle wohnen in der einen und selben Zeit, in dem einen Leib, der die Welt ist, in der wir alle solidarisch miteinander verbunden sind. Diese Verbundenheit bleibt auch jetzt und wir glauben als Christinnen und Christen zutiefst daran, dass Gott allen Menschen in dieser Zeit nahe ist und sie in grenzenloser Liebe miteinander verbindet. Er ermöglicht, dass wir unsere Liebe und Sorge für den Anderen auch dann in der Zeit leben können, wenn es räumlich nicht geht.

Papst Franziskus gibt der Zeit gegenüber dem Raum den Vorzug, wenn er in „Evangelii Gaudium“ das Prinzip formuliert: „Die Zeit ist mehr wert als der Raum“ (EG 222). Damit will der Papst Zeit für das Handeln gewinnen, denn dieses Prinzip „erlaubt uns, langfristig zu arbeiten, ohne davon besessen zu sein, sofortige Ergebnisse zu erzielen.“ (EG 223) Das sind prophetische Worte, die in Zeiten einer solchen Krise, wie wir sie erleben, von großem Wert sind und uns trösten und ermutigen können. Wir wissen zurzeit nicht, wie es genau weitergehen wird und wann wir wieder in den gewohnten Alltag zurückkehren können, aber diese Ungewissheit haben wir auch im normalen Leben, nur verdrängen wir sie da allzu oft. Wir kennen unsere Zukunft nicht, weder jetzt noch in normalen Zeiten. Keiner weiß, was passieren wird, denn wir verfügen nicht einfach über unsere Zeit und unsere Zukunft. Vieles widerfährt uns ungewollt und überraschend. Das wird uns in einer solchen bedrohlichen Krise erst richtig bewusst. Was passieren wird, ist offen. Die Ungewissheit ist aber immer mit einer Offenheit verbunden, die uns, so verrückt das klingen mag, einen Raum des Handelns eröffnet, wenn wir es schaffen, dass nicht die Angst, die alles eng machen und einschließen will, die Überhand gewinnt. „Fürchtet euch nicht!“ Diese Ermutigung Jesu gilt uns heute mehr als sonst: Habt keine Angst, denn ihr könnt die Zeit gestalten, die uns so vieles zumutet, aber in der wir auch Handlungsmöglichkeiten haben.  

Papst Franziskus betont, dass der Vorrang der Zeit bedeute, „Prozesse in Gang zu setzen anstatt Räume zu besitzen.“ (EG 223) Zeit ist eine dynamische Größe, die in Bewegung bleibt, die nicht an einem Ort stehen bleibt oder an einen bestimmten Raum gebunden werden kann. Franziskus will, dass wir in der Zeit die Initiative ergreifen, dass wir immer wieder neu und voller Hoffnung anfangen. (EG 24) Das ist unsere Chance in diesen Zeiten der Not!

Ich möchte nun eine Meditation anfügen, die auf Jesus blickt, der als menschgewordenes Wort Gottes all unsere Sorgen und Nöte kennt, der weiß, wie sich Angst und Sorge, aber auch Hoffnung und Freude anfühlen.

Jesus hat in den letzten Tagen seines Lebens den Tod vor Augen. Wenn der Tod kommt, wie viel Zeit bleibt da dem Menschen noch? Was fängt der Mensch mit seiner Zeit an, wenn das Ende naht? Jesus spürt, dass die Zeit knapp wird. Was tut er? Er füllt die Zeit, die ihm bleibt, mit einer Geste, die bis heute identitätsstiftender Grund unseres Glaubens ist: Er feiert das letzte Mahl mit den Seinen, kurz vor seinem Tod. Er nimmt sich Zeit für seine Jünger, für Gott und für sich. Er bleibt nicht alleine in seinem Ringen mit Gott. Es stellt sich ihm die Frage, was bleiben wird. Welche Spuren wird er hinterlassen? Versetzen wir uns doch in diese Zeit vor seinem Tod, die noch nicht weiß, was alles geschehen wird.

Jesus hat wie wir eine offene Zukunft vor sich, die ihm alle Hoffnung abverlangt. Wüsste er sicher, was passieren, dass er am dritten Tage auferstehen würde – was wäre das für eine Hoffnung, die mit dem sicheren Sieg rechnen kann? Wozu Angst und Sorgen, wozu dann flehende Gebete zum Vater? Das Wort Gottes ist ganz und gar in die Zeit eingetreten, Jesus verzichtet auf eine göttliche Allwissenheit, er ist der zeitlichen Abfolge unterworfen, so hat es Johannes Paul II. erklärt. Jesus setzt sich unserem Zeitlauf aus, in dem wir nicht schon alles wissen und die Zukunft kennen können. Dennoch aber müssen wir Entscheidungen treffen, die für die Zukunft bedeutsam sind. Wie können wir das wagen? Worauf können wir uns verlassen?

Jesus stellt sich diese Fragen auch. Er will sich dem Willen Gottes überlassen, er setzt sich Gott und den Menschen aus. Und er reicht den Jüngern das Brot mit den Worten: mein Leib für euch. An diesem Abend vor seinem Tod steht Jesu Zukunft auf dem Spiel. Er bindet sie an Gott und, trotz ihrer Schwächen und ihres Versagens, an seine Jünger und an uns, die wir ihm nachfolgen: Tut dies zu meinem Gedächtnis! Was geschieht und geschehen ist, wird als Spur der Erinnerung tief in die Zeit eingegraben und kann somit lebendige Gegenwart bleiben.

Jesus hat für die Menschen gelebt und für Gott, er hat Menschen Zeit und Raum für ihr Leben, für Umkehr, Heilung, Tröstung und Vergebung geschenkt. Er wollte, dass sie menschlich leben können und er wusste, dass sie der helfenden und barmherzigen Nähe Gottes bedürfen, die immer wieder im Alltag verschüttet zu werden droht.

Jesus hat den Menschen die Augen geöffnet für eine Leben spendende Gegenwart Gottes, die sie entdecken können wie die Kraft eines unscheinbaren Samenkorns, das zum Schatz und zur Kraftquelle für die Zukunft werden kann. Wenn diese verborgene Gegenwart Gottes von uns auch als vergrabener Schatz im Acker dieser schweren Zeiten entdeckt wird, dann kann sie wirken und sich entfalten, für uns und für die Anderen. Jesus Christus steht für diese Leben spendende Nähe Gottes und daher teilt er sein Leben und seine Zeit mit uns allen im Zeichen des Brotes. Wer von diesem Brot isst oder wer Gottes Wort hört oder liest, stellt sich bewusst in die Gegenwart des Herrn, in der wir immer schon leben. Seine Gegenwart ist beim letzten Abendmahl ohne Grenzen für alle geöffnet, eine große Weite in dem kleinen Saal des Abendmahles. Jesu Wirken bleibt nicht räumlich auf Galiläa und Jerusalem beschränkt, durch seinen Tod und seine Auferweckung wird es universal entgrenzt und kann alle erreichen. Jesus schenkt seine Zeit und sein Leben auch angesichts des bevorstehenden Todes allen Menschen. Er schließt sich nicht ein in Angst und Trauer, sondern holt alle in seine Hoffnung, sein Leben und seine Zeit hinein, die unsere Zukunft eröffnet: Mein Leib, meine Gegenwart, mein Leben für Euch alle, über den Tod hinaus! Er teilt seine Zeit mit uns, im Leben wie im Sterben, und siehe: sie reicht für alle. Er schließt uns und auch die schwachen Jünger aus seinem Leben und seiner Zeit nicht aus, sondern vertraut sich uns und ihnen an, im Wissen um unsere Stärken und Schwächen.

Jeder Mensch als Bild Gottes repräsentiert Gott, alle Getauften repräsentieren Christus. Welches Vertrauen kommt uns hier entgegen! Gott vertraut uns und traut uns etwas zu. Wir neigen wie die Jünger dazu, nur unsere Stärken oder unsere Schwächen in den Mittelpunkt zu stellen, entweder himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt zu sein. Jesus führt uns in einen wohltuenden Abstand zu unserem Leben, so dass wir beides entdecken können: Glücken und Scheitern. Er weiß, dass seine Jünger mit ihm treu unterwegs waren, viel Gutes getan haben, dass sie von Zweifeln geschüttelt wurden und doch wieder zu ihm hielten, dass sie der Vergebung und Versöhnung bedürfen, die Jesus ihnen im Namen des barmherzigen Gottes immer neu gewährt. Auch in Verstrickungen von Schuld wird uns wieder neuer Raum und neue Zeit eröffnet, kann in der Zeit wieder gut werden, was zuvor zerbrochen war.

Tut dies zu meinem Gedächtnis: Dies ist der Appell an unsere Verantwortung: wie gehst du mit dem Schatz der Zeit um, in der Gott wohnt? Was geschieht für dich in der Zeit? Hast Du die Not der Anderen im Blick? Bist du dir bewusst, dass du in der Haltung Gottes und Jesu lebst, wenn du deine Zeit mit Anderen teilst? Jesus nimmt sich die Zeit zu fragen, was bleiben wird. Und er vertraut das Bleibende uns als seinen Jüngerinnen und Jüngern an, damit seine Liebe grenzenlos wachsen und immer neu Raum und Zeit für das gelungene Leben der Menschen eröffnen kann. So können auch wir mit der Zeit umgehen. Wir können in ihr die liebende Gegenwart Gottes spürbar werden lassen.

Im Nachhinein wissen wir, was Jesus widerfahren ist: sein Leben wurde in die Gegenwart Gottes hineingenommen, die Auferweckung ist die Entgrenzung seiner Zeit und seines Lebens: er der war, der ist und der kommen wird. Der Tod und die Bedrohung haben nicht das letzte Wort! Der Herr trägt alle Zeiten in sich, denen er sich radikal geöffnet hat. Daher binden wir die Gegenwart Gottes in besonderer Weise an ihn: er ist mit dem Vater der Herr über die Zeit, er vermag sie zu eröffnen, zu schenken und zu erfüllen. Seine Gegenwart hört nicht mit dem Tod auf, sie geht weiter mit uns durch die Zeit, sie endet nicht. Unsere Zeit wird durch die Liebe Gottes verwandelt, nicht zerstört. So können auch wir die Zeit der Not und Isolation wandeln in eine Zeit, in der wir füreinander da sind, uns gegenseitig helfen oder über den Gartenzaun oder den Balkon miteinander sprechen.

Auch wenn wir nicht mit allen im Raum des Abendmahlssaales sein können, erreicht die Gegenwart Gottes jeden von uns in seiner oder ihrer Zeit. Gott ist in seinem heiligen Geist und in seinem Wort für uns da, egal an welchem Ort wir uns befinden. Denn er geht in unserer Zeit vorüber, er hinterlässt Spuren und wir können seine Liebe und Barmherzigkeit auch jetzt spüren, den Mitmenschen weiterschenken und daraus Geduld, Kraft und Zuversicht schöpfen, bis wir alle wieder in einem Raum zusammenkommen können! Dann werden wir erneut seine bleibende Gegenwart in unserem Leben bewusst miteinander feiern und besonders all derer gedenken, die diese Zeit der Not nicht überlebt haben. Tun wir alles dafür, dass es möglichst wenige sind, die von uns gehen müssen! Nehmen wir unsere Verantwortung für das Leben der Anderen wahr! Das ist unsere Berufung. Wenn wir diese Verantwortung wahrnehmen, dann erst trifft es zu, dass die Schwachen nichts von uns zu befürchten haben. Dann bekommt das Wort „Fürchtet Euch nicht!“ noch eine ganz andere konkrete Bedeutung in dieser unserer Zeit.

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