Fortuna als Begleiterin einer Wissenschaftskarriere - Bericht zur Abschiedsvorlesung von Prof. Dr. Albert Dietl
Nach über 30 Jahren an der Universität Regensburg hielt der Kunsthistoriker Prof. Dr. Albert Dietl (Professur für Bildkünste des Mittelalters) am 3. Dezember 2025 eine Abschiedsvorlesung im Kreis seiner Kolleginnen und Kollegen, auswärtiger Gäste sowie zahlreicher Studierender. Er stellte dabei die Bildtradition der Glücksgöttin Fortuna in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Das Mittelalterzentrum „Forum Mittelalter“, in dem Albert Dietl über viele Jahrzehnte als Forschender und Vorstandsmitglied tätig war, hatte zu der Veranstaltung im H 24 eingeladen. Im Rahmen der Abschiedsvorlesung wurde auch der neueste Band 23 der Reihe Forum Mittelalter-Studien präsentiert, dessen Konzeption und Herausgabe Albert Dietl maßgeblich verantwortete.
Mit der Publikation des Bandes „Stadttore und Stadtmauern in der Vormoderne. Funktionale, repräsentative und mediale Aspekte“, der die Beiträge der Jahrestagung des Forum Mittelalter aus dem Jahr 2024 dokumentiert, schließt sich auch für den scheidenden Kunsthistoriker ein Kreis: Sein Beitrag „Die Stimme der Stadt“ beschäftigt sich mit den Stadttoren in mittelalterlichen Kommunen Italiens und ihren reichhaltigen, adressatenbezogenen Inschriften im 12. bis 14. Jahrhundert; er baut damit auf seiner 2009 erschienenen Habilitationsschrift zur umfassenden Untersuchung und Dokumentation der mittelalterlichen Künstlerinschriften Italiens auf. Neben der Rolle mittelalterlicher Stadtbefestigungen werden in dem Tagungsband auch Funktion, Ausstattung und Agency von Stadttoren und -mauern der griechischen und römischen Antike erforscht. Diese zeitliche Tiefendimension ist den Mitherausgebern, Prof. Dr. Dirk Steuernagel und Dr. Lorenzo Cigaina (Institut für Klassische Archäologie), ihrer archäologischen Expertise und internationalen Vernetzung zu verdanken.
Die Abschiedsvorlesung begann mit einem sehr persönlichen Einblick in die eigene Biographie des Emeritus: „Das Rad der Glücksgöttin Fortuna kann als Bild für meine wissenschaftliche Karriere gelten“, sagte Albert Dietl zu Beginn seiner Vorlesung. Phasen ohne Anstellung und kürzerer Verträge seien erst mit einer 2005 angetretenen Richard-Krautheimer-Gastprofessur an der renommierten Bibliotheca Hertziana (Max-Planck-Institut) in Rom überwunden worden. Den 2007 erfolgten Ruf auf eine Professur für Kunstgeschichte (Bildkünste des Mittelalters) an die Universität Regensburg stellte Dietl als Höhepunkt in der Kreisbewegung des Glücksrads dar. Dort habe er nicht zuletzt im „Forum Mittelalter“ und im GRK „Metropolität in der Vormoderne“ wichtige interdisziplinäre Forschungspartner:innen sowie später eng verbundene Weggefährt:innen gefunden.
Im zweiten Teil der Vorlesung verfolgte Albert Dietl die mittelalterliche Bildtradition der Fortuna, die bisher nicht kunsthistorisch aufgearbeitet ist. Der antike Philosoph Boethius prägte in seiner Trostschrift „De consolatione philosophiae“ im 6. Jahrhundert als erster das Bild des „in kreisendem Schwung“ gedrehten Rades der Fortuna. Es dauerte allerdings bis in die Mitte des 12. Jahrhunderts bis erste bildliche Darstellungen entstanden, zunächst ganz losgelöst von dem Boethius-Text. Bis ins späte 13. Jahrhundert begannen nach Dietl die Fortuna-Darstellungen aber „geradezu explosionsartig ihr bild-künstlerisches Potential zu entfalten, und zwar in allen Bildgattungen von der Miniatur bis zum Wandbild, von der Bauplastik bis zum Fußbodenmosaik“. Gut in Erinnerung bleiben die sog. „Fortuna rotans“-Darstellungen mit einem Quartett aus Herrscherfiguren, die das Rad nach oben befördert, herabstürzt, überrollt und wieder nach oben hievt, wie in einer Handschrift der Carmina Burana.
Mit den Klängen der späteren musikalischen Umsetzung von Carl Orff im Ohr folgten die Teilnehmenden fasziniert den virtuosen Bildanalysen der Abschiedsvorlesung. Prof. Dr. Albert Dietl zeigte sich hier einmal mehr als Kunsthistoriker mit Tiefenschärfe und großem Horizont, der weit über die Grenzen des eigenen Faches hinaus auch historische, sprachliche, literaturwissenschaftliche und theologische Kontexte einbezieht. Nicht nur sein thematischer und fachlicher Weitblick, auch seine menschliche Zugänglichkeit und wissenschaftliche Großzügigkeit als Lehrer werden im Mittelalterzentrum „Forum Mittelalter“ und an der Universität Regensburg fehlen.