Programm der Tagung „Wahrheit im Feuer, in den Sternen oder in der Untersuchung? Vormoderne Wahrheitspraktiken in globalhistorischer Perspektive“
Wahrheit ist in aller Munde. Um sich hiervon zu überzeugen, genügt ein Blick in aktuelle Medien – einerlei ob in herkömmliche oder in die Social Media. Wahrheitspostulate ebenso wie Fake News begegnen einem hier allenthalben. Man könnte also den – allerdings irrigen – Eindruck gewinnen, dass der „Wille zur Wahrheit“ (Michel Foucault) ein modernes Phänomen sei. Doch dem ist bezeichnenderweise nicht so: Nicht erst in der heutigen Zeit ist Wahrheit ein ebenso begehrtes wie umstrittenes Gut, sondern selbiges ließe sich ebenso für die Vormoderne konstatieren. Was sich aber durchaus unterscheidet, sind die Praktiken, welche in der Vormoderne bemüht wurden, um Wahrheitsfragen zu entscheiden: die Wahrheitspraktiken also. Die Historisierung jener Praktiken verspricht daher, einen wichtigen Beitrag zur aktuellen Debatte zu leisten.
Bisher wurde die Herausforderung aber vor allem für die Moderne und Postmoderne in Angriff genommen, die Vormoderne im Allgemeinen und das Mittelalter im Besonderen wurde eher am Rande thematisiert. So erklärt es sich, warum noch immer grundlegende Fragen zur Thematik offen sind: Welche Praktiken standen in der Vormoderne überhaupt zur Verfügung, um Wahrheit her- bzw. sicherzustellen? Welche Logiken lassen sich hinter diesen Wahrheitspraktiken dechiffrieren bzw. welchen „Wahrheitsregimen“ (Foucault) waren diese verpflichtet? Welche kommunikativen Strategien und Machtinstrumente wurden ferner von den Akteuren in Anschlag gebracht, um ihrer Sicht der Dinge als Wahrheit Geltung zu verschaffen und andere Geltungsansprüche zurückzuweisen? Inwiefern lässt sich Wahrheit gar als Differenzeffekt bestimmen?
Diesen Leitfragen soll auf der Konferenz in einem breiten Untersuchungszeitraum nachgespürt werden, wobei über die klassischen Epochengrenzen hinausgegriffen und ein dezidiert globalhistorischer Ansatz verfolgt wird: Insofern werden auf der Konferenz nicht nur Mittelalterhistoriker sprechen, die Lateineuropa im Blick haben, sondern auch Alt- und Frühneuzeithistoriker sowie Mediävistinnen, die andere Räume erforschen, darunter den Nahen und Mittleren Osten, Byzanz und Japan.
Dienstag, 22.09.2026, Großer Runtingersaal im Runtingerhaus, Keplerstraße 1, 93047 Regensburg
15.00–16.00 Uhr
Anmeldung
Begrüßung
Prof. Dr. Jenny Oesterle-El Nabbout
Einführung
PD Dr. Tim Weitzel
Schwerpunkt: Theorien und Methoden der Wahrheitsgeschichte (Moderation: PD Dr. Tim Weitzel)
16.00–17.00 Uhr
Prof. Dr. Bernhard Kleeberg (Erfurt)
Vortrag: Wenn es um die Wahrheit geht: Differenz- und Praxiseffekte
17.30–18.30 Uhr
Öffentlicher Abendvortrag von Prof. Dr. Martin Mulsow (Erfurt)
Vortrag: Die Wahrheit vor 50.000 Jahren. Möglichkeiten und Probleme einer „deep history“ von veridischen Praktiken
19.00 Uhr
Gemeinsames Abendessen (Selbstzahler)
Mittwoch, 23.09.2026, H 24 im Vielberth-Gebäude, Universitätsstraße 31, 93053 Regensburg
Schwerpunkt: Wahrheit in der Abgrenzung oder Wahrheit als Differenzeffekt I (Moderation: PD Dr. Tim Weitzel)
09.00–10.00 Uhr
Prof. Dr. Hitoshi Karikome (Okayama), per ZOOM
Vortrag: The Quest for and Establishment of ‘Truth’ in the Secular and Sacred Worlds of Medieval Japan: Factuality, Authenticity and Legitimacy
10.00–11.00 Uhr
Prof. Dr. Jörg Oberste (Regensburg)
Vortrag: Die Macht des Wortes. Disputationen zwischen Recht- und Andersgläubigen in Okzitanien um 1200 als Wahrheitspraktik
11.00–11.30 Uhr
Kaffeepause
11.30–12.30 Uhr
Prof. Dr. Eva Haverkamp-Rott (München) Vortrag: "Lüge oder Wahrheit" als Argumentationskriterien in Responsen
12.30–13.30 Uhr
Mittagspause
Schwerpunkt: Wahrheit in der Abgrenzung oder Wahrheit als Differenzeffekt II (Moderation: Prof. Dr. Jörg Oberste)
13.30–14.30 Uhr
Prof. Dr. Wolfram Drews (Münster)
Vortrag: Wahrheitspraktiken in der jüdisch-christlichen Auseinandersetzung des 15. Jahrhunderts
14.30–15.30 Uhr
PD Dr. Marcel Bubert (Münster)
Vortrag: Evidenzpraktiken und epistemischer Wandel. Formen und Bedingungen der Austragung von Wahrheitskonflikten im Spätmittelalter
15.30–16.00 Uhr
Kaffeepause
Schwerpunkt: Strategien der Wahrheitsproduktion oder Wahrheit als Konstrukt? (Moderation: Prof. Dr. Jenny Oesterle-El Nabbout)
16.00–17.00 Uhr
Dr. Christina Bröker (Paderborn)
Vortrag: Konstruktionen von Wahrheitsähnlichkeit – Arbeitsprozesse und Vorstellungen von englischen Chronisten im 13. Jahrhundert
17.00–18.00 Uhr
Prof. Dr. Jan Bremmer (Groningen)
Vortrag: The Truth: From Archaic Greece to Early Christianity (Gospel of John, Justin’s Dialogue with Trypho and the Pseudo-Clementines)
19.00 Uhr
Gemeinsames Abendessen
Donnerstag, 24.09.2026, H 24 im Vielberth-Gebäude, Universitätsstraße 31, 93053 Regensburg
Schwerpunkt: Wahrheit global I (Moderation: Prof. Dr. Jan Bremmer)
9.00–10.00 Uhr
Assoc.-Prof. Dr. Asami Kobayashi (Okayama), per ZOOM
Vortrag: Wahrheit – gefunden, gemacht oder verborgen? Zur Aushandlung von Wahrheit im Inquisitionsverfahren des 13. Jahrhunderts
10.00–11.00 Uhr
Prof. Dr. Albrecht Fuess (Marburg)
Vortrag: "Es gibt keinen Zwang in der Religion". Zu Wahrheitskonzepten im vormodernen islamischen Denken
11.00–11.30 Uhr
Kaffeepause
11.30–12.30 Uhr
Dr. Susanne Härtel (Berlin)
Vortrag: „Weisung der Wahrheit war in seinem Mund“. Halachische Entscheidungsprozesse vor dem Hintergrund jüdischer Migration im Osmanischen Reich um 1500
12.30–13.30 Uhr
Mittagspause
Schwerpunkt: Wahrheit global II (Moderation: Dr. Susanne Ehrich)
13.30–14.30 Uhr
Dr. Sebastian Kolditz (Berlin)
Vortrag: Orthodoxia – Zur Wahrheitsproduktion auf allgemeinen Konzilien in Spätantike und Mittelalter
14.30–15.30 Uhr
Nora Toaspern, M. A. (Regensburg)
Vortrag: Wege der Wahrheitsfindung an byzantinischen Gerichten im 11. Jahrhundert: Prozesse des Richters Eustathios Rhomaios
15.30–16.00 Uhr
Abschlussdiskussion (Moderation: Prof. Dr. Jenny Oesterle-El Nabbout/ PD Dr. Tim Weitzel)