Der Weltuntergang
eine Revue in zehn Bildern
von Jura Soyfer
im Theater an der Uni
vom 29. Juni bis 3. Juli
Inhalt
Im Kosmos
Bild 1: Das Stück beginnt in unserem Sonnensystem. Dort beraten die Planeten mit der Sonne, warum die Sphärenharmonie nicht mehr stimmt. Die Sonne hat festgestellt, dass die Erde aus dem Takt geraten ist – bleibt nur die Frage: Warum? Als Experten hat die Sonne den Erdmond herbeigerufen und dieser klärt das Rätsel dann auf: Die Erde hat Menschen und dieses Ungeziefer irritiert sie so, dass sie sich nicht mehr auf ihre Drehungen konzentrieren kann. Jetzt braucht man natürlich eine Lösung zu diesem Problem; ein vorbeiziehender Komet, Konrad, wird auf den Weg geschickt, auf die Erde aufzuprallen und so die Menschen zu vernichten und das Problem zu beseitigen.
Auf der Erde
Bild 2: Professor Guck entdeckt bei seinen astronomischen Studien einen neuen Kometen, seine Freude verkehrt sich aber schnell ins Gegenteil, als er berechnet, dass dieser in vier Wochen die Erde treffen und vernichten wird. Er macht sich auf, die Menschheit zu warnen und den Weltuntergang mit einer Erfindung zu verhindern.
Bild 3: Die Journalisten berichten von dem bevorstehenden Weltuntergang wie von allen anderen Sensationen.
Bild 4: Bei seinem Versuch, die Menschheit zu informieren und zu retten, hat Professor Guck eine Audienz bei „Einem Führer“, der das Ausmaß dieser Entdeckung nicht erkennt und die und Guck nur für seine machtpolitischen Kalkül missbrauchen möchte.
Bild 5: In fünf Einzelszenen sieht man, wie die Menschheit mit der Nachricht über ihren Untergang umgeht. Sie vertrauen auf die Aussagen der Obrigkeit, glauben, dass der Weltuntergang nur die anderen treffen wird, überlegen sich, was man zum Weltuntergang am besten anzieht … Kurz, sie können sich nicht vorstellen, dass die Katastrophe wirklich sie trifft, planen munter ihr Leben nach dem Weltuntergang und leben ansonsten ihr kleines Leben mit ihren Träumen, Hoffnungen und Sorgen weiter.
Bild 6: Professor Guck hat seine Erfindung, um die Menschheit zu retten, vollendet, und versucht jetzt, irgendeinen Staat dazu zu bringen, sie zu bauen. Allerdings vergeblich, da er an schon der Dummheit, den Ressentiments und der Faulheit der kleinen Beamten scheitert, von denen er sich Genehmigungen erhofft.
Bild 7: Zwölf Stunden vor dem Auftreffen des Kometen auf der Erde irrt Professor Guck verzweifelt auf einer Straße umher. Nachdem er alles versucht hat, um die Menschen über die Situation aufzuklären, beobachtet er fassungslos, wie sie weiter ihren Geschäften nachgehen, singen, rauben, Selbstmord begehen. Ein lebendig gewordenes Plakat, die Titze-Tante, singt ihn mit einem Werbelied in den Schlaf. Aufgeweckt wird er von einem Wachmann, der ihm den Hinweis gibt, dass sich in Amerika Menschen versuchen, mit einem Luftschiff in Sicherheit zu bringen. Professor Guck fährt nach Amerika ...
Bild 8: Die Menschen, die sich retten wollen, sind ein immens reicher Großindustrieller mit seiner Frau und Sekretärin sowie ein Dichter und eine Filmdiva – sie haben den Ernst der Lage nicht im Geringsten begriffen und wollen nur ihre Aktien retten. Die Dinge, die Professor Guck zum Überleben der Menschheit mitgeben möchte, haben so keinen Platz mehr. Allerdings stellt sich heraus, dass der Erbauer dieses Luftschiffs ein Betrüger war, der nur das Geld ergaunern wollte und dass seine Passagiere - wie der Rest der Menschheit - , dem Untergang geweiht sind.
Bild 9: Eine Minute vor dem Auftreffen des Kometen auf die Erde zieht Professor Guck Bilanz.
… und wieder im Kosmos.
Bild 10: Die wütenden Planeten und die Sonne wollen von dem Kometen Konrad wissen, wieso der Plan nicht geklappt hat …
Zum Autor
Zum Autor
Jura Soyfer wurde am 8. Dezember 1912 in Charkow in der Ukraine geboren. Er war der Sohn eines jüdischen Industriellen und seine wohlbehütete, bürgerliche Kindheit endete mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs 1914. 1920 flieht die Familie, als die Bolschewiken die ukrainische Hauptstadt erreichen, über die türkische Grenze und lässt sich 1921 in der Nähe von Wien nieder.
Die gesellschaftliche Veränderungen der zwanziger Jahre machten den Fünfzehnjährigen über das Studium sozialistischer Schriften zum überzeugten Marxisten, eine Haltung, die durch die sich zuspitzende politische Situation in Österreich noch bestärkt wird. 1927 tritt er in den “Bund sozialistischer Mittelschüler Österreichs" ein. 1929 wird bei einem Aufenthalt in einer Ferienkolonie Soyfers satirisches Talent entdeckt, als er bei einer Lagerrevue mitmacht – und von da führt sein Weg in das politische Kabarett der sozialdemokratischen Partei. Er publiziert seine ersten Texte z. B. in der Arbeiter-Zeitung.
Nach seiner Matura im Jahre 1931 schreibt Soyfer sich an der Universität Wien in den Fächern Deutsch und Geschichte ein; auch um die Gegenwart verstehen zu lernen und über ein Studium der Germanistik zum Schriftsteller zu werden. 1932 wird er auf einer Reportage-Reise Zeuge der Zustände in Deutschland und prophezeit in einem Text “Die Zukunft Deutschlands ist nicht nur grau, sie ist feldgrau”.
Seine Texte in dieser Zeit sind politische Texte, Gebrauchstexte für den Kampf gegen den erstarkenden (Austro-)Faschismus und als solche dem Tagesgeschehen verhaftet und von der Agit-Prop-Kultur geprägt. Nach 1934 ändern sich die Produktionsbedingungen für ihn radikal; mit der Illegalisierung der Arbeiterbewegung und der Einführung der Zensur gingen für Soyfer einerseites viele Publikationsmöglichkeiten verloren, andererseits trat er aber auch der - illegalen – KPÖ bei.
So fand Soyfer mit seinen - satirischen – Mittelstücken - den Weg in die oppositionellen Kellertheater der politisch gewordenen Wiener Kleinkunst, die ein Gegengewicht zu dem harmlosen, geregelten Abonnementenbetrieb der großen Theater bildeten und ihre eigene Zeit kritisierten und zu verändern suchten.
Der Weltuntergang – sein erstes Mittelstück – wurde 1936 aufgeführt und warnt in seinem – prophetischen – Titel und Inhalt vor der menschgemachten politischen Katastrophe, die Soyfer nicht nur in dem Nachbarstaat Deutschland, sondern auch in Österreich näher kommen sieht.
Nach einer Verhaftung aufgrund einer Verwechslung, die allerdings die österreichische Polizei auf den gleichfalls oppositionellen Soyfer aufmerksam macht, wird er bei dem Versuch, auf Skiern über die Schweizer Grenze zu fliehen, mit seinem Freund Hugo Ebner am 13. März 1938 festgenommen. Sie werden nach Dachau gebracht und im Herbst nach Buchenwald überstellt.
Dort starb Soyfer am 16. Februar 1939 mit sechsundzwanzig Jahren an Typhus, nachdem er seine Entlassungspapiere und ein Visum in die USA erhalten hatte.
Bild und Informationen: Jura Soyfer: Das Gesamtwerk, hg. von Horst Janka, Wien, 1980, sowie weitere Informationen aus: Langmann, Peter: Sozialismus und Literatur. Jura Soyfer. Studien zu einem österreichischen Schriftsteller der Zwischenkriegszeit, Frankfurt am Main, 1986.