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Musikstück der Woche

Mit dem „Musikstück der Woche“ stellen Mitglieder des Instituts für Musikwissenschaft während der Vorlesungszeit einmal wöchentlich eine Höranregung mit persönlicher Note online – zum Nachhören, Anregen-Lassen und Weiter-Entdecken. Wir freuen uns über Feedback!

(Der Zugang zur Naxos Music Library ist nur über das Uni-Netz möglich. Außerhalb des Campus ist der Zugriff über einen VPN-Client möglich.)


18.-24.10.2021: Ausgesucht von Michael Braun

Liz Carroll, As the Crow Flies (Album Half Day Road)

(Liz Carroll, Jake Charron)

Ich sitze also mit der Familie beim Abendessen, und im Radio läuft eine Reportage über die vielerorts noch sehr lebendig gehaltene Tradition des Fiddling. Eine Zeitlang höre ich mit einem Ohr zu, aber als schließlich ein Beispielstück eingespielt wird – Liz Carrolls As the Crow Flies von ihrem aktuellen Album Half Day Road –, bin ich für die Tischkonversation endgültig nicht mehr verfügbar. Und weil mir das Stück auch danach nicht mehr aus dem Kopf gegangen ist, habe ich das gemacht, was in diesen Situationen meistens das Beste ist: das ganze Album kaufen. Seitdem ist aus mir kein Experte für Fiddling oder das zugehörige Repertoire geworden, aber immerhin weiß ich, dass sich das Stück etwas wegbewegt („slightly away, very slightly away“, wie Carroll während eines Konzerts im Kennedy Center kommentierte) vom traditionellen Rahmen des irisch-amerikanischen Fiddling und seinem Kosmos aus Reels, Jigs, Hornpipes und anderen traditionellen Tanztypen. Es ist trotzdem eine Herausforderung, bei dieser Komposition Carrolls nicht mitzutanzen, und sei es auch nur in Form eines mitwippenden Fußes, rhythmisch zuckender Schultern oder einfach in Gedanken. Und das wäre dann gar nicht so unpassend angesichts der typischen Spielposition, die häufig beim Fiddling zu sehen ist: im Sitzen, die Taktschwerpunkte mit dem Fuß mitklopfend, mit einem scheinbar zurückhaltenden Musizierstil, der wenig zu tun hat mit der expressiven Bogenführung klassischen Solo-Violinspiels, und einem faszinierenden Fingertanz (!) auf dem Griffbrett, der sich um Lagenwechsel kaum kümmert, dafür großen Wert legt auf Borduneffekte und Doppelgriffe.  Ob Geiger*innen eigentlich wissen, dass sie auch eine Fiddle in Händen halten?

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Musikstück der Woche (Archiv)


Sommersemester 2021

12.-18.7.2021: ausgesucht von Bettina Berlinghoff-Eichler

Richard Strauss, Krämerspiegel op. 66
(Dietrich Fischer-Dieskau, Gerald Moore)

„In dieser letzten Woche der Vorlesungszeit möchte ich Ihre Ohren auf einen der ungewöhnlichsten Liederzyklen in der Geschichte des Klavierliedes lenken, den in den letzten Monaten des Ersten Weltkriegs komponierten Krämerspiegel von Richard Strauss. Bei diesem handelt es sich um ein etwa halbstündiges Gelegenheitswerk, in dem Strauss seiner Verärgerung über das zeitgenössische Musikverlagswesen Ausdruck verleihen wollte, ohne letztlich auf einträgliche Tantiemen hoffen zu können. Denn in großem Stil verkäuflich oder aufführbar waren diese Lieder keineswegs. Der Entstehungsanlass der 12 Gesänge ist hinlänglich bekannt. Strauss hatte 1903 oder 1904 dem Berliner Verlag Bote & Bock seine Symphonia domestica op. 53 für die horrende Summe von 35.000 Mark überlassen und sich ferner dazu verpflichtet, weitere 12 neu komponierte Lieder an diesen zu liefern. Nachdem Strauss dieser Verpflichtung mit den sechs Liedern op. 56 nur zur Hälfte nachgekommen war, monierte der Verlag, der Mitglied der von Hugo Bock, Oskar von Hase und Robert Lienau gegründeten Genossenschaft zur Verwertung musikalischer Aufführungsrechte und somit ein Kontrahent der Genossenschaft deutscher Tonsetzer und der Anstalt für musikalisches Aufführungsrecht war, als deren Vorsitzender Richard Strauss fungierte, tatsächlich erst 1917 den Vertragsbruch und drohte mit juristischen Schritten.

Um Bote & Bock auszutricksen, bat Strauss Anfang 1918 den wegen seiner spitzen Zunge berühmt-berüchtigten Theaterkritiker Alfred Kerr um eine Reihe von satirischen Gedichten, in denen die wichtigsten deutschen zeitgenössischen Musikverleger verunglimpft werden sollten. Dass Bote & Bock sich weigern würden, diese Lieder zu drucken, hatte Strauss dabei natürlich einkalkuliert. Und Kerr lieferte, was Strauss sich wünschte: 12 kurze und teilweise äußerst boshafte Spottgedichte, in denen Musikverleger und Händler als profitgierige Schröpfer der Komponisten, als Bedrohung für die Kunst oder sogar, wie in Nr. 9, als blutsaugende Wanzen verunglimpft werden. In den ersten sieben Nummern stehen denn auch Musikverlage bzw. deren Inhaber im Mittelpunkt – Bote & Bock und Hugo Bock (Nr. 1 und 2), Breitkopf & Härtel mit Oskar von Hase (Nr. 3), der Drei-Masken-Verlag mit Ludwig Friedmann (Nr. 4), der Verlag der Gebrüder Karl und Franz Reinecke (Nr. 5), der C. F. Kahnt-Verlag mit Robert Lienau (Nr. 6) und der Schott-Verlag mit Ludwig Strecker (Nr. 7), aber nicht Strauss’ neuer Verleger Adolph Fürstner –, während in den Nummern 8 bis 12 das Verhältnis zwischen Verlegern, Händler und Komponisten im Allgemeinen thematisiert wird. Als angeblicher Verfasser der Lieder wird in der letzten, zumindest in musikalischer Hinsicht versöhnlichen Nummer schließlich Till Eulenspiegel benannt.

Strauss vertonte die Gedichte Kerrs innerhalb weniger Tage im März und im Mai 1918 und bot diese kurz darauf unter dem Titel Die Händler und die Kunst Bote & Bock zum Verlag an, erhielt sie jedoch verständlicherweise kommentarlos zurück. Welcher Musikverlag hätte denn diese – im Prinzip in der Zeit kaum aufführbaren – Lieder auch veröffentlichen sollen? Der Liederzyklus erschien schließlich ohne Kenntnis der betroffenen Musikverleger 1921 in geringer Stückzahl unter dem Titel Krämerspiegel im Berliner Kunstverlag von Paul Cassirer als bibliophile Ausgabe mit Radierungen von Michael Fingesten und einer Widmung an Straussens engagiertem Mitstreiter in Sachen Urheberrecht, Friedrich Rösch. Eine der ersten Aufführungen fand, organisiert von Kerr, in halböffentlichem Rahmen November 1925 in Berlin mit der norwegischen Sängerin Sigrid Johanson und dem Pianisten Michael Raucheisen statt.

Alfred Kerr charakterisierte später Strauss’ von musikalischer Ironie geprägten Vertonungen als ‚bezaubernde Musik, witzig und holdselig; spaßhaft wie auch feierlich. Mit Anspielungen auf die eigenen symphonischen Gebilde. Kurz: bezaubernd.‘ Die erwähnten Anspielungen waren freilich bereits in den von Kerr gelieferten, vermutlich von Strauss beeinflussten Texten vorgegeben: In Nr. 2 sind es u. a. Walzerklänge aus dem Rosenkavalier, in den Nr. 7, 8 und 9 Zitate aus Tod und Verklärung, in Nr. 11 kaum wahrnehmbare Motive aus Ein Heldenleben und in Nr. 12, wie könnte es anders sein, ein Thema vom Beginn des Till Eulenspiegel. Darüber hinaus zitiert oder verarbeitet Strauss aber auch Musik anderer Komponisten wie Richard Wagner in Nr. 6 (Naturmotiv aus dem Ring des Nibelungen) oder Ludwig van Beethoven in Nr. 11 (sog. Schicksalsmotiv aus der Sinfonie Nr. 5). Und nun wünsche ich Ihnen viel Vergnügen beim Anhören dieser musikalischen Schätze!“

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Disc 5, Tracks # 7–18


5.-11.7.2021: ausgesucht von Christopher Dagleish

William Byrd, Great Service

„Der sogenannte Great Service ist eine Reihe von Cantica und anderen Elementen für die Matins (Morgenlob), Communion (Eucharistie) und Evensong (Abendlob), Gottesdienste der anglikanischen Kirche, komponiert von William Byrd (ca. 1540–1623). Der Great Service ist die letzte und aufwändigste seiner vier Vertonungen der Cantica für die anglikanische Liturgie. Byrd bringt Vertonungen von sieben Bestandteilen der drei Hauptgottesdienste des liturgischen Tages: Venite (Psalm 95), Te Deum (ambrosianischer Lobgesang), Benedictus (Lobgesang des Zacharias, Lukas 1:68–79), Kyrie eleison (die dreigliedrige Litanei), Creed (Glaubensbekenntnis), Magnificat (Lobgesang Marias, Lukas 1:46–55) und Nunc dimittis (Lobgesang des Simeon, Lukas 2:29–32).

Anders als ein Großteil von Byrds geistlicher Musik wurde der Great Service zu Byrds Lebzeiten nicht gedruckt, und sein Überleben ist hauptsächlich unvollständigen Sets von Kirchenchor-Stimmbüchern sowie drei zeitgenössischen Orgelstimmen zu verdanken. Der Great Service muss vor 1606 komponiert worden sein, dem letzten Datum, das in einer der frühesten Quellen angegeben ist, dem sogenannten Baldwin Commonplace Book (GB Lbl Roy. App. 24 d 2, vgl. www.diamm.ac.uk/sources/1910/. Neuere Forschungen deuten darauf hin, dass er etwas früher, zwischen 1592 und 1595, entstanden sein könnte.

Der Great Service ist für fünfstimmigen Chor, aufgeteilt in Decani und Cantoris (Namen für die beiden Chorgestühle, in denen die zwei Abteilungen des Chores einander gegenüber im Kirchenschiff saßen), geschrieben. Einige Abschnitte sind für Solistengruppen komponiert, die als ‚Verse‘ (Strophe) bezeichnet werden und im Gegensatz zu den ‚vollen‘ Abschnitten stehen. Der Chor wurde normalerweise durch die Orgel verdoppelt (wie die erhaltenen Orgelstimmen deutlich machen) und wahrscheinlich manchmal durch laute Blasinstrumente (Zinken und Posaunen), eine Praxis, die bei den zeitgenössischen Puritanern viel Empörung hervorrief. Byrd hatte den Great Service hauptsächlich für den Chapel Royal Choir vorgesehen, der ihn bei großen liturgischen Festen und Staatsanlässen während der frühen Stuart-Periode gesungen haben soll. Der Great Service wird immer noch zu festlichen Gelegenheiten von englischen Kathedralchören aufgeführt.

Als Chorsänger, der viele Jahre sowohl in Kirchenchören als auch in einem Kathedralchor gesungen hat, hatte ich das Glück, den Great Service nicht nur live in der atemberaubend hallenden Akustik einer Kathedrale zu hören, sondern ihn auch in einem Kirchenchor in Oxford zu singen. In den letzten Jahren sind mehrere Aufnahmen erschienen, die die Schönheit seiner Polyphonie und seine hypnotischen, meditativen Qualitäten demonstrieren. Ob Sie die schlichte Schönheit einer A-cappella-Aufnahme mit minimaler Besetzung bevorzugen oder die resonante Akustik des King’s College Cambridge mit seinem berühmten Chor und unaufdringlicher Orgelbegleitung, oder eine vollblütige Aufnahme mit Zinken und Posaunen, Sie können aus den folgenden Aufnahmen wählen, die alle über die Naxos Music Library oder YouTube erhältlich sind und Auszüge aus Byrds Great Service enthalten. Ich würde empfehlen, sich das Magnificat anzuhören: Versuchen Sie sich vorzustellen, wie Sie in einer Kathedrale beim Evensong (Abendlob) bei Kerzenschein sitzen, sich von der Architektur (z. B. einem Fächergewölbe) inspirieren lassen und die Gedanken mit den musikalischen Linien wandern. Viel Spaß beim Hören!“

Tallis Scholars (a cappella)
Link zur Naxos Music Library oder mit Partitur bei YouTube

Choir of King’s College, Cambridge / Stephen Cleobury (mit Orgelbegleitung)
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Musica Contexta, English Cornett and Sackbut Ensemble / Simon Ravens (mit Zinken und Posaunen)
Link zur Naxos Music Library oder YouTube


28.6.-4.7.2021: ausgesucht von Michael Wackerbauer

Talk Talk, The Rainbow (Album Spirit of Eden)

„Wer mit der 1981 gegründeten und bereits 1991 wieder aufgelösten Band um Mark Hollis lediglich Hits wie Such a Shame oder It’s My Life auf den kommerziell sehr erfolgreichen ersten Scheiben verbindet, wird über die elaborierten Klangwelten des 1988 veröffentlichten vierten Studio-Albums Spirit of Eden, das ganz neue Wege einschlägt, erstaunt sein und vielleicht – wie ich – nicht mehr davon loskommen. Schon die ungewöhnliche Länge des ausgewählten ersten Titels, in dem konventionelle Gitarren-Riffs und Beats nur ephemere Erscheinungen sind, macht klar, dass es sich nicht um Musik für den auditiven Schnelldurchgang nebenbei handelt. Das raffiniert konstruierte Klangkunstwerk bindet Aufmerksamkeit. Form, Harmonik und insbesondere die ganz ungewöhnlich ausgefeilten Sounds ziehen mich immer wieder in ihren Bann. Für mich ist dieses Album ein Stück Pop-Avantgarde von einem Anspruch, der wieder einmal zeigt, dass diese Musik für eine Beschäftigung in unserer Disziplin sehr attraktiv sein kann. Dass die Nummer am Ende abrupt abbricht, hat damit zu tun, dass hier eigentlich sehr kunstvoll in die nächste Nummer Eden übergeleitet wird – also weiterhören! Ein kleiner Beitrag zur Rehabilitierung der so viel geschmähten 80er.“

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21.-27.6.201 ausgesucht von Patricia Hahn

Alan Jackson, Remember When

„Darauf angesprochen, doch auch mal ein Musikstück der Woche beizutragen, stand für mich als bekennender Countryfan und Teil einer Countryband schnell fest, es musste, konnte nur ein Stück dieses oft verpönten und belächelten Genres sein.

Einer der für mich ersten Countrysongs und gleichzeitig eine der schönsten Balladen der Countrymusik stammt von Alan Jackson, einem der erfolgreichsten Country-Musiker der letzten 30 Jahre: Remember When. In diesem autobiographischen Song reflektiert Jackson die Etappen seiner Beziehung mit Ehefrau Denise, die bereits im Teenageralter begann. Eine einfache Melodie, ein wunderschöner, ehrlicher Text, die warme Stimme dieses Künstlers und das Zusammenspiel von traditionellen Countryelementen, den warmen Streichern und den modernen, aber unaufdringlichen Elementen der Popmusik im Hintergrund berühren mich auch heute noch.

Vor einigen Jahren besuchte ich eine große Countrymusik-Veranstaltung mit Cowboys und -girls jeden Alters. Bei den ersten Takten dieses Liedes beobachtete ich damals fasziniert, wie plötzlich alte Haudegen mit Cowboyhut aufstanden, ihre Damen an sich drückten und eng umschlungen zu diesem Song tanzten. Damals wie heute ein sehr bewegender Moment für mich, der dieses Lied für mich zu etwas ganz Besonderem gemacht hat.“

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14.-20.6.2021: ausgesucht von Andreas Wehrmeyer

Arnold Schönberg, Phantasy for Violin with Piano Accompaniment op. 47
(Yehudi Menuhin, Glenn Gould)

„Dieses Stück, Schönbergs letztes abgeschlossenes Kammermusikwerk, entstand 1949 auf Anregung des Geigers Adolph Koldofsky, der es auch am 13. September 1949 (aus Anlass von Schönbergs 75. Geburtstag) uraufführte.

Die autographen Quellen belegen, dass Schönberg zuerst die Violinstimme ausarbeitete, der Klavierpart kam eine Woche später hinzu. Dem Pianisten Eduard Steuermann erklärte er: ‚Ich möchte dich […] [darauf] aufmerksam machen, dass das Klavier wirklich nur als Begleitung gespielt werden sollte. Das ist kein Duo, sondern ein Stück für Solo Geige mit Begleitung, die sich niemals durch Selbständigkeit vordrängen darf.‘ Dem entspricht auch der auffällige Titel ‚… with Piano Accompaniment‘.

Der Violinpart entfaltet sich in bevorzugt eruptiv-expressiven Gesten und Abläufen, dem das Klavier, in vorwiegend akkordischem Satz, zur Seite tritt, ohne aber ‚Begleitung‘ im Engeren zu sein; eher dient es der Komplementierung und Verdeutlichung. Insgesamt ergibt sich der Eindruck eines beziehungsreich gefügten Ganzen mit dialogischen Strukturen.

Das Stück ist ein (auch nostalgischer) Reflex der großen klassischen Musiktradition mit viel ‚Wiener espressivo‘. Eindrucksvoll durchdringen sich freie Impulse (Phantasy) und Bindekräfte des guten Alten, etwa in der Formgebung mit den Umrissen eines viersätzigen Sonatenzyklus, in der Aufstellung und Durchführung von Themen, dem Wachrufen vertrauter Satzcharaktere u. a.

Ich lernte das Stück kennen, als ich mich (in meiner Berliner Studienzeit) zum ersten Mal ausgiebiger mit dem Werk Schönbergs befasste. Das Opus 47 schlägt die Brücke zum ‚hitzigen‘ Expressionismus des frühen Schönberg; es war mir (im Unterschied zu anderen Werken des Spätwerks) sofort sympathisch, leuchtete mir ein; und dabei ist es bis heute geblieben.

Hinweisen möchte ich noch auf die bei YouTube eingestellte (Video-)Aufnahme des Stücks durch (ich zitiere) ‚Glenn Gould & Yehudi Menuhin - Schoenberg, Phantasy for Violin and Piano‘ (!) – mit einführendem Small talk der beiden Musiker.“

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⇒ Tracks #9 und 10

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7.-13.6.2021: ausgesucht von Sophie Pichler

Richard Wagner, Siegfried-Idyll
(Columbia Symphony Orchestra, Bruno Walter)

„‚Wie ich aufwachte, vernahm mein Ohr einen Klang, immer voller schwoll er an, nicht mehr im Traum durfte ich mich wähnen, Musik erschallte, und welche Musik! Als sie verklungen, trat R. mit den fünf Kindern zu mir ein und überreichte mir die Partitur des Symphonischen Geburtstagsgrußes –, in Tränen war ich, aber auch das ganze Haus; auf der Treppe hatte R. sein Orchester gestellt und so unser Tribschen auf ewig geweiht!‘ (Karl-Maria Guth (Hrsg.), Cosima Wagner: Die Tagebücher in drei Bänden. Bd. 1: 1869–1873, 2015, S. 245.)

So erinnert sich Cosima Wagner an die Erstaufführung des Siegfried-Idylls (WWV 103), damals noch Tribschener Idyll, am 25. Dezember 1870 in ihren Tagebüchern. Es ist ihr 33. Geburtstag, anlässlich dessen Richard Wagner seiner Frau im Schweizer Exil dieses wunderbare Stück komponiert hat. Wenn ich es höre, habe ich immer das gleiche Bild vor Augen: Im Vordergrund das stattliche Haus der Familie Wagner, umgeben von einem großen, einladenden Garten. Im Hintergrund erstrahlen die pittoresken Alpen, die vom letzten warmen Sonnenschein des Spätsommerabends ganz in rotes Licht getaucht sind. Es ist ein friedliches Bild, wenn auch bei genauem Hinsehen nicht alles perfekt ist – aber in diesem einen Moment könnte es schöner nicht sein.“

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⇒ Track #2


31.5.-6.6.2021: ausgesucht von Lukas Fröhlich

Globus, Aeternae
(Album Epicon)

„Die extreme Ansicht, dass E-Musik die einzig wahre Kunst sei, während es sich bei U-Musik um minderwertigen Schund handele, wird wohl nur von Wenigen vertreten, und noch ungewöhnlicher dürfte es sein, wenn ein Kind diese Ansicht vertritt. Aber es gibt sie, diese Kinder; das weiß ich aus Erfahrung – denn ich war eines davon. Seit Disneys Fantasia 2003 meine Begeisterung für Musik geweckt hatte, hörte ich ausschließlich klassische Musik und stand allem Anderen reichlich skeptisch bis ablehnend gegenüber. Das änderte sich erst 2012, als mir die Band Globus empfohlen wurde, und ich vollkommen überwältigt von dieser Musik feststellte, dass meine bisherige Einstellung womöglich doch nicht ganz richtig war. Die letztendliche Konsequenz dieser Feststellung war ebenjene völlige Offenheit für jede Art von Musik, die gewissermaßen Grundvoraussetzung für ein Studium der Musikwissenschaft ist. Ohne Übertreibung würde ich Globus als eine der Ursachen dafür nennen, dass ich jetzt hier bin (und ein „Musikstück der Woche“ vorstelle), daher kann ich gar nicht anders, als für meinen ersten Beitrag zu dieser Rubrik ein Stück dieser Band zu wählen. Ich entschied mich dabei für das Stück Aeternae vom ersten Album der Band (Epicon aus dem Jahr 2006). Deutlich hörbare Grundlage ist Händels berühmte Sarabande aus der Suite in d-Moll HWV 437, und es ist interessant, was mit deren Thema im Laufe des Stücks passiert; nicht umsonst trägt es den zunächst womöglich etwas irritierenden Beinamen Sarabande Suite. Der Text ist, wie für Globus nicht unüblich, dreisprachig und sehr interpretationsoffen, die Musik gewohnt episch und stark von Orchester und Chor geprägt, alles andere dürfte durch Hören klarer werden als durch meine Erklärungen. Ich wünsche also viel Vergnügen dabei.“

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24.-30.5.2021: ausgesucht von Johannes Schäbel

Alexander Skrjabin, Sonate Nr. 4 in Fis-Dur, op. 30
(Konstantin Semilakovs, Klavier)

»In leichtem Schleier, durchsichtigem Nebel
Strahlt weich ein Stern, weit weg und einsam.
Wie schön! Das bläuliche Geheimnis
Seines Glanzes winkt mir zu, wiegt mich ein.
Bring mich zu dir, ferner Stern!«

„So beginnt das im Original französische Gedicht (Übersetzung Sigfried Schibli), das Alexander Skrjabin als sprachliches Element zu seiner vierten Klaviersonate verfasste. Ich habe es erst geraume Zeit nach meiner ersten Begegnung mit dem Stück kennengelernt. Vor einigen Jahren kam ich ganz zufällig bei einem Musikabend am Regensburger Institut für Musikpädagogik in den Genuss, Eugen Dietrich beim Spielen der Sonate zuzuhören. Ich kann mich noch genau an einzelne Gesten des Pianisten erinnern und bin heute wie damals begeistert, wie sehr diese Musik dazu einlädt – vielleicht sogar dazu auffordert – nicht nur innerlich, sondern mit dem ganzen Körper in sie einzutauchen.

Jahre später beschäftigte mich das Stück wieder, weil ich einen Text zu einer Skrjabin gewidmeten CD von Konstantin Semilakovs schreiben durfte. Kurze Zeit vorher konnte ich sie auch ein zweites Mal live erleben – diesmal in der wieder sprachlos machenden Interpretation von Semilakovs. Sprachlos zu sein half mir leider so gar nicht bei dem Vorhaben, im Rahmen des CD-Projektes etwas zu Skrjabins Musik zu sagen. Nach einiger Zeit der Vertiefung in die Welt des Komponisten habe ich ein paar Worte gefunden, daneben auch ein paar wissenswerte Details: Wussten Sie, dass der große Mystiker und sich selbst oft zum Gott überzeichnende Skrjabin ganz verrückt nach Kringeln (Süßgebäck) war?

Zum süßlichen Anfang der vierten Sonate könnte man sich doch gut ein zauberhaftes, mit funkelndem Besteck lockendes Teezimmer mit allerlei Kringeln und Klingeln der zum Tisch bittenden Fee vorstellen. Der nahtlos anschließende zweite Satz lässt uns dann entzückt weiterfliegen – »volando« heißt es in der Satzüberschrift – hin zum im Gedicht am Ende verschlungenen, fern glänzenden Stern. Es bleibt abzuwägen, ob der sagenhafte Zuckerrausch in ekstatischer Höhe endet und uns – wie es später im Gedicht heißt – »im Wahnsinn des Verlangens« mit dem fernen Stern verschmelzen lässt oder nach ein bisschen Übelkeit belehrt, dass man vielleicht doch zuviel gegessen hat! Mir scheint die Sonate jedenfalls eines der zugänglicheren Werke Skrjabins zu sein. Der ganze Zauber dieser Musik entfaltet sich bestimmt vor allem in einer Live-Aufführung, aber dem leuchtenden Fis-Dur-Gewitter am Ende kann ich mich auch in der Aufnahme nie ganz entziehen.

Weitere Ideen und Hintergründe zur Musik Skrjabins sind in meinem Text zur CD Skrjabin. Couleurs Sonores von Konstantin Semilakovs festgehalten, der auf seiner Homepage frei zugänglich ist und auch ein Interview mit ihm umfasst. Darin geht es unter anderem um synästhetische Phänomene, die für Skrjabin und oft auch seine Interpreten eine wichtige Rolle spielen. Über die Beschreibung Ihrer Erlebnisse im »Kringelsalon« würde ich mich sehr freuen, falls Sie etwas davon teilen möchten.“

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⇒ Tracks #25 und 26


17.-23.5.2021: ausgesucht von Franziska Weigert

John Adams, Hallelujah Junction, 1st movement
(Nicolas Hodges und Rolf Hind, Klaviere)

„Wenn ich Sommerurlaub brauche, aber keinen Urlaub habe, schaue ich gerne Call Me By Your Name. Wenn ich keine zwei Stunden Zeit für den Film habe, höre ich John Adams Halleluja Junction, das dort als Filmmusik eingesetzt wird. Und schon fahre ich geistig sieben Minuten lang mit einem alten, klapprigen Fahrrad durch die Lombardei. Allen, die den Film (noch) nicht kennen, mag beim Hören diese Assoziation nicht ersichtlich sein. Nichtsdestotrotz, tolle Musik – unbedingt mit Kopfhörern hören, dann werden die zwei Klaviere plastisch!“

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⇒ Track #4


10.-16.5.2021: ausgesucht von Arn Goerke

Richard Wagner: Vorspiel aus Lohengrin
(Berliner Philharmoniker, Herbert von Karajan)

„Seit ich diese zarten, leisen, in sich ruhenden, an Schönheit und Glanz reich strahlenden A-Dur-Klänge des Lohengrin-Vorspiels zum ersten Mal gehört habe, seinerzeit in der Deutschen Oper Berlin, bin ich davon ergriffen. Mit den zweimaligen Flageolett-Akkorden der 4 Sologeigen, die jeweils nach den ersten beiden Einsätzen der Flöten und Oboen ‚übrig bleiben‘, gehört der Anfang dieses wunderbaren Musikstückes zum Leisesten und Behutsamsten, was Richard Wagner geschrieben hat. Über die sich anschließende Steigerung zum Fortissimo des Höhepunktes hat Richard Strauss gesagt, dass sie nie übertroffen worden und wahrscheinlich unübertrefflich sei …
Und es hat mich immer schon fasziniert, und begeistert mich mit fortschreitendem Alter zunehmend, dass eben dieses Fortissimo, beim ersten der Beckenschläge, ein – dem Subjekt, der ‚wunderwirkenden Niederkunft des Grales im Geleite der Engelschar‘ (wie Wagner selbst es beschreibt) angemessenes – ‚innerliches Fortissimo‘ ist, und somit die möglicherweise ebenfalls mit fortschreitendem Alter wachsende Ahnung des Menschen von dem, worum es gehen könnte, noch unterstreicht.
Es gibt einen wunderbaren Ausschnitt aus einer Radiosendung von 1954, in der Thomas Mann zum Lohengrin-Vorspiel spricht (lässt sich bei YouTube finden, sehr empfehlenswert!): Aus seinem, Thomas Manns, Munde zu erfahren, dass er das Lohengrin-Vorspiel für den ‚Gipfel der Romantik‘ hält und dass es ja kein Wunder sei, dass die Romantik ihren Gipfel nicht im Sprachlichen, nicht in der Dichtung, sondern in der Musik, in Tönen erreicht hat, adelt dieses Stück und überhaupt die Musik zusätzlich sehr.

Ich wünsche Ihnen viel Freude bei der musikalischen Gralssuche und hoffe, dass auch Ihnen das Vorspiel zum Lohengrin ans Herz wachsen wird.“

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⇒ Track #1


3.5.-9.5.2021: ausgesucht von Peter Thoma

Benny Golson: Whisper Not
(Benny Golson’s New York Scene)

„Der Tenorsaxophonist Benny Golson (* 25.01.1929) gehört seit den 1950er Jahren zu den absoluten Superstars des amerikanischen Jazz. Er ist einer der stilbildenden Schöpfer des Hardbop und vertritt eine eher lyrische Form dieser Stilistik. Durchschlagende Erfolge erlangte er nicht nur durch sein Saxophonspiel, sondern auch durch seine Tätigkeit als Komponist und Arrangeur. Viele seiner Kompositionen wurden zu Standards im Jazz-Repertoire (Whisper Not, Along Came Betty, The Blues March, u. v. m.). Ich selbst hatte die große Ehre, als Mitglied der Peter Herbolzheimer European Masterclass Big Band bei einem Konzert mit ihm als Gaststar aufzutreten.
Vorstellen möchte ich das Stück Whisper Not, eine seiner bekanntesten und schönsten Kompositionen. Bemerkenswert bei dieser Aufnahme aus dem Jahr 1957 ist die Verwendung des Waldhorns, einem Instrument, das im Jazz nach wie vor eher selten zu hören ist. Das Arrangement stammt von dem heute 92-jährigen Golson selbst.“

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⇒ Track #2


26.4.-2.5.2021: ausgesucht von Michael Braun

Antonio Vivaldi, Konzert in C-Dur RV 114, 3. Ciaccona
(Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon)

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass Vivaldi allzu lange gebraucht hat, um diesen Satz zu schreiben: die geläufige Bassfigur der Chaconne, darüber eine einfache dreistimmige Streichertextur mit klaren Rollenverteilungen der Einzelinstrumente, die sichere Kenntnis der Fähigkeiten seines eingespielten Mädchenorchesters im Pietà-Waisenhaus – vermutlich hat er das mehr oder weniger aus dem Ärmel geschüttelt. Aber weil Vivaldi nun mal Vivaldi ist, klingt es eben trotzdem hinreißend, frisch und energiegeladen. Dabei aber bloß nicht auf die Solovioline warten! Die kommt nicht. Stattdessen brilliert Andrea Marcons Venice Baroque Orchestra mit einer für mich kongenialen Einspielung auch ohne Virtuosenpartie. Nur schade, dass der Spaß nach gut drei Minuten auch schon wieder vorbei ist.“

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⇒Track #15


19.-25.4.2021: ausgesucht von Rebecca Wolf

Conlon Nancarrow, Study for Player Piano No. 3a
(auf CD aufgenommen 1988, gespielt auf einem Ampico Reproduktionsklavier)

„Mit dem Stück der Woche schlagen wir dieses Mal die Brücke zwischen Jazz und Klassik. Es geht um Conlon Nancarrows ersten Teil der Study for Player Piano No. 3, auch bekannt als Boogie-Woogie-Suite. Nancarrow (1912–1997), zunächst ausgebildeter Jazz-Trompeter, komponierte ab 1949 über 50 Stücke für das selbstspielende Klavier. Er komponierte direkt ins Medium, indem er die Notenrollen stanzte – eine zeitaufwändige Praxis (⇒ Illustration). Seine Studies wurden berühmt für irrwitzige Tempi, Polyrhythmen und Tonfolgen, die von Menschenhand kaum zu spielen sind. Die Musik soll geradezu mechanisch klingen – und doch ist sie auch Tanzmusik!“

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⇒ Track #1


12.-18.4.2021: ausgesucht von Katelijne Schiltz

Jean Mouton, Nesciens mater
(Theatre of Voices, Ltg.: Paul Hillier)

„Diese Motette habe ich Anfang der 1990er Jahre kennengelernt: Ich hatte gerade das erste Jahr meines Musikwissenschaftsstudiums in Leuven hinter mir und habe in den Sommerferien an einer Masterclass für Alte Musik teilgenommen. Spätestens nachdem wir Jean Moutons Nesciens mater gesungen hatten, wusste ich: DAS ist die Art von Musik, über die ich mehr wissen will. Das Werk übt auf mich eine einzigartige Faszination aus: es ist achtstimmig, aber nur vier Stimmen sind notiert – die anderen vier müssen mittels der Technik des Kanons aus den geschriebenen Stimmen abgeleitet werden. Das Erstaunliche ist, dass diese enorme, ja fast mathematische Komplexität kaum hörbar ist: Das Ergebnis ist ein wunderbar transparentes, sich allmählich entfaltendes und berührendes Stück Polyphonie.“

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⇒ Track #1



  1. Fakultät für Philosophie, Kunst-, Geschichts- und Gesellschaftswissenschaften

Musikstück der Woche