Multilingualism | Mehrsprachigkeit | Багатомовність
© BAYHOST 2025 Programm des Workshops als PDF (öffnet neues Fenster). (nicht barrierefrei)
Wie kann Sprache Brücken bauen, Wunden heilen und Integration fördern? Diese Fragen standen im Mittelpunkt des Ukrainisch-Bayerischen Workshops, der am 28. und 29. Oktober 2025 an der Universität Regensburg stattfand. Die zweitägige Konferenz wurde von BAYHOST in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für interdisziplinäre Ukrainestudien „Denkraum Ukraine“ und dem Forum Mehrsprachigkeit und Regionalität (FoMuR) der Universität Regensburg organisiert.
Die Veranstaltung knüpfte an die im Jahr 2024 in Budapest von BAYHOST organisierte Tagung „Cooperation with Ukraine in the Humanities“ an und setzte den dort begonnenen Dialog fort. Der Fokus lag diesmal auf dem Thema Mehrsprachigkeit – mit besonderem Augen-merk auf Sprachdidaktik, Herkunftssprachen und die Rolle von Sprache in der Verarbeitung von Trauma und Kriegserfahrung. Ziel war es, bestehende wissenschaftliche Netzwerke zu festigen, neue Kooperationen zwischen bayerischen und ukrainischen Hochschulen zu initiieren und auch die Zusammenarbeit mit Nachbarländern wie Polen, Österreich oder Ungarn sowie mit Forschenden der ukrainischen Diaspora zu stärken.
Eröffnung und erster Konferenztag
Die Eröffnung des Workshops fand im Vielberth-Gebäude der Universität Regensburg statt. In ihren Begrüßungsworten hoben Prof. Dr. Bernhard Dotzler, Dekan der Fakultät für Sprach-, Literatur- und Kulturwissenschaften, Herr Yurii Nykytiuk, Generalkonsul der Ukraine in München, sowie die Gastgeber Prof. Dr. Björn Hansen und Prof. Dr. Rupert Hochholzer (Forum Mehrsprachigkeit und Regionalität, Universität Regensburg) und Prof. Dr. Mirja Lecke (Co-Leiterin des Zentrums „Denkraum Ukraine“) die Bedeutung von Sprach- und Bildungskooperationen für die europäische Verständigung hervor.
Der wissenschaftliche Auftakt, moderiert von Prof. Dr. Jonas Grünke (Professur für Mehrsprachigkeit, Universität Regensburg), widmete sich grundlegenden Fragen der Mehrsprachigkeit und ihrer gesellschaftlichen Bedeutung. Grünke führte mit einem Beitrag über Herkunftssprachen und die Rolle von Sprache bei der Bewältigung traumatischer Erfahrungen in das Thema ein.
Anschließend sprach Dr. Johanna Holzer (Johannes-Gutenberg-Universität Mainz) über „Forced Migration, Trauma and Multilingualism“ und die sprachliche Rekonstruktion extremer Erfahrungen. Dr. Oksana Turkevych (Universität Regensburg) stellte ihr Konzept der „Ukrainian Heritage Language Lessons“ vor, das zeigt, wie Herkunftssprachenunter-richt zur Verarbeitung von Fluchterfahrungen beitragen kann. Dr. Lesya Skintey (Universität Innsbruck) präsentierte empirische Forschung zu Partizipation und Zweitspracherwerb ukrainischer Schülerinnen und Schüler im deutschen Sprachunterricht, und Dr. Natalia Marakhovska (Mariupol State University / Französisches Forschungszentrum für Geistes- und Sozialwissenschaften, Prag) sprach über poetische Ansätze in der Sprach- und Trauma-Erfahrung geflüchteter Gemeinschaften.
Am Nachmittag wurde außerdem das 20-jährige Bestehen von BAYHOST gefeiert. Bei Musik, kurzen Rückblicken und Gesprächen über die Entwicklung des bayerischen Hochschulzentrums wurde deutlich, wie bedeutend seine Rolle als Brücke zwischen Bayern und Mittel-, Ost- und Südosteuropa ist. Das an-schließende gemeinsame Abendessen in der Regensburger Altstadt bot Gelegenheit zum Austausch in geselliger Atmosphäre.
Zweiter Konferenztag – Forschung, Praxis und gemeinsames Lernen
Der zweite Konferenztag vertiefte die Diskussionen und verband wissenschaftliche Analyse mit praktischen Ansätzen. Am Vormittag fan-den zwei parallele Sektionen statt. In der von BAYHOST moderierten Sektion präsentierten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Ukraine, Deutschland, Polen und weiteren Ländern aktuelle Projekte. Prof. Dr. Tetiana Kuznietsova (Borys Grinchenko Kyiv Metropo-litan University) sprach über den Wandel sprachlicher Einstellungen während des Krieges in der Ukraine. Dr. Natalia Shumeiko (Bratislava University of Economics and Business) stellte den Einsatz Künstlicher Intelligenz zur sprachlichen und sozialen Integration ukrainischer Geflüchteter vor, während Prof. Dr. Rusudan Makhachashvili (Borys Grinchenko Kyiv Metropolitan University) das digitale lexikographische Projekt „Glossary of War“ präsentierte – ein Beispiel dafür, wie Sprachwissenschaft und digitale Technologien zusammenwirken können, um gesellschaftlich relevante Themen aufzugreifen.
Parallel dazu fand ein praxisorientierter Workshop von Dr. Imke Hansen statt, die für die Menschenrechtsorganisation Libereco – Partnership for Human Rights tätig ist. Der Workshop vermittelte Methoden traumasensibler Kommunikation und sprachlicher Achtsamkeit, die in Liberecos Programmen zum “psycho-social support” in der Ukraine entwickelt werden. Hansen zeigte, wie sich psycholinguistische Erkenntnisse und humanitäre Praxis miteinander verbinden lassen, um Sprache als Werkzeug der Selbstregulation und der Resilienzförderung einzusetzen. Damit ergänzte der Workshop die Forschungsvorträge in idealer Weise und verdeutlichte die praktische Dimension des Themas Mehrsprachigkeit.
Am Nachmittag standen erneut Beiträge zum Themenfeld Language and Trauma im Mittel-punkt. PD Dr. Nataliia Lazebna (Julius-Maximilians-Universität Würzburg) und Studierende der Universität Würzburg sowie der Ukrainischen Freien Universität München präsentierten ihr Projekt „Crafting Languages, Shaping Selves“, das Sprache als Ausdruck von Identität und Resilienz begreift. Dr. Lyudmyla Kruhlenko (Pryazovskyi State Technical University / Universität Bamberg) stellte ein Modell für traumasensibles Online-Lernen zwischen der Ukraine und Deutschland vor, während Assoc. Prof. Tetiana Krushynska (Universität Jyväskylä) die Herausforderungen bilingualer medizinischer Ausbildung in der Ukraine beleuchtete.
Den Abschluss des Workshops bildete eine umfangreiche Postersession mit über 25 wissenschaftlichen Beiträgen. Forschende aus Bayern, der Ukraine, Polen, Georgien, Österreich und Deutschland präsentierten dort ihre Projekte – von neuen Lehrkonzepten und Good-Practice-Beispielen über linguistische Analysen der ukrainischen Sprachlandschaft bis hin zu Projekten zur Förderung von Kindern und Jugendlichen im Kontext von Flucht und Mehrsprachigkeit. André Isidro von der Bavarian Research Alliance (BayFOR) stellte ergänzend Fördermöglichkeiten für internationale Forschungskooperationen vor und motivierte zur Einreichung gemeinsamer Projektanträge.
Ein starkes Zeichen wissenschaftlicher Zusammenarbeit
Der Workshop in Regensburg machte deutlich, dass Mehrsprachigkeit weit über sprachwissenschaftliche Fragestellungen hinausreicht: Sie ist ein zentraler Bestandteil gesellschaftlicher Integration, ein Medium kollektiver Erinnerung und ein Instrument der Verständigung über Grenzen hinweg. Für BAYHOST bleibt es weiterhin essenziell, die bayerisch-ukrainische Kooperation und gemeinsame Forschung dau-erhaft zu fördern und um multilaterale Per-spektiven mit Nachbarländern wie Polen und Österreich zu erweitern. Ebenso wichtig bleibt es, die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit ukrainischen Forschenden in der Diaspora weiter zu stärken.