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Metropolitan Citizenship – Wie denken die BürgerInnen über ihre Metropolregion?

In Kooperation mit Forschern aus fünf Ländern (Schweden, Schweiz, Niederlande, Spanien und Polen) untersucht dieses Projekt die politische Identifikation in europäischen Metropolregionen. Basierend auf einer Umfrage unter Bürgern der Metropolregion Stuttgart analysieren wir die Existenz einer politischen Identifikation bzw. die Zufriedenheit mit den Leistungen dieser regionalen Ebene im politischen Mehrebenensystem der Bundesrepublik Deutschland. Die Ergebnisse zeigen, dass die Einwohner wenig über die institutionellen Strukturen der regionalen Ebene wissen, dass sich jedoch eine beträchtliche Anzahl von Einwohnern ihrer Metropolregion verbunden fühlt. Eine Mehrheit der Bürger unterstützt die weitreichende, überregionale Gemeinsamarbeit von Städten und Kommunen und ist mit der Output-Dimension der Regionalpolitik zufrieden. Wir verwenden logistische Regressionen, um die Auswirkungen persönlicher Ressourcen, kognitiver territorialer Orientierungen und Kontextfaktoren auf die Einstellung zur Metropolenebene zu bestimmen. Dabei zeigt sich, dass sich die Faktoren Bildung, wahrgenommene Lebensqualität, Mobilität und politische Identifikation mit der eigenen Gemeinde am stärksten auf die Entwicklung einer politischen Identifikation mit der metropolitanen Ebene auswirken. So mit zeigen sich in dieser explorativen Studie erste Hinweise auf eine gemeinsame Verbundenheit gegenüber der Metropolregion Stuttgart. 

Die wichtigsten Ergebnisse dieses Verbundprojektes wurden 2014 auf der internationalen UAA/EURA Konferenz „Citizenship in City-regions and the City Futures III” präsentiert und 2017 im Special Issue “Comparing Local Citizenship in City-regions” (Journal of Urban Affairs 40/1, Hrsg. Anders Lidström/Linze Schaap) veröffentlicht: 

Walter-Rogg, Melanie. 2017. What about metropolitan citizenship? Attitudinal attachment of residents to their city-region. Journal of Urban Affairs, 40(1), 130–148. 

Große Stadtentwicklungsprojekte in der Bundesrepublik Deutschland – eine demokratische Herausforderung für Eliten und die Zivilgesellschaft 

Im Blickwinkel der Stadt- und Regionalforschung stehen seit einiger Zeit die Konflikte und Schwierigkeiten großer Bauprojekte und Infrastrukturmaßnahmen. In Deutschland war eines der bundesweit bekanntesten und auch umstrittensten Projekte die Neugestaltung des Stuttgarter Hauptbahnhofes durch das Projekt Stuttgart 21. Doch auch zahlreiche weitere Neu- und Umbauten ziehen den Unmut des Volkes auf sich, beispielsweise der Bau der Hamburger Elbphilharmonie, der neue Berliner Flughafen oder die geplante Erweiterung des Flughafens in München. Die häufigsten Vorwürfe an die Politik lauten: zu hohe Kosten, zu große Verzögerungen und zu geringe Berücksichtigung der Bürgerinteressen. Große Infrastrukturprojekte sind mittlerweile zu einer enormen Herausforderung für Eliten und die Zivilgesellschaft gleichermaßen geworden. In dem Forschungsprojekt soll mittels einer qualitativen Analyse herausgearbeitet werden, welche Akteure in welchen Phasen großer Bauprojekte entscheidenden Einfluss gehabt haben. Der Vergleich zweier Flughafenprojekte (Erweiterung des Frankfurter Flughafens und Neubau des Flughafens Berlin-Brandenburg) soll dazu führen, unterschiedliche Erfolgsbedingungen zu formulieren. Die Analyse stützt sich theoretisch auf das DIAREE-Konzept, das sowohl auf die Input Legitimation (Deliberation, Inklusiveness, Verantwortlichkeit) wie auch auf die Output Legitimation (Responsivität, Effizienz, Effektivität) rekurriert. In der empirischen Analyse kommt das Programm APES (Akteur-Prozess-Event-Schema) zum Einsatz, das die Untersuchung und Visualisierung der jeweiligen Akteurskonstellationen und ihrer Ressourcen während eines politischen Entscheidungsprozesses  ermöglicht. Die wichtigsten Ergebnisse sind im folgenden Paper zusammengefasst:

Melanie Walter-Rogg, Veronika Zeichinger und Jasper Hamberg. 2015. Big Urban Renewal Projects in Germany  – A Democratic Challenge for Elites and the Civil Society

Akteur-Prozess-Ereignis-Schema für den Bau des Flughafens Berlin

Wahlverhalten und politische Legitimation in Metropolregionen 

Wahlverhalten und politische Legitimation in Metropolregionen 

Von 2002 bis 2013 war Prof. Walter-Rogg Mitglied der internationalen Forschergruppe „International Metropolitan Observatory (IMO)“. Forscher aus 18 Ländern haben ausgehend von den Ergebnissen in USA und Kanada in der ersten IMO-Phase untersucht, ob sich in anderen Ländern ähnliche Suburbanisierungsprozesse wie in Nordamerika mit ähnlichen Implikationen für politische Einstellungen und politischem Verhalten feststellen lassen. Eine erste Bestandsaufnahme der Suburbanisierungsprozesse in der Bunderepublik Deutschland sowie eine erste Auswertung vorhandener nationaler Umfragedaten zeigte, dass vor allem in Westdeutschland ähnliche Folgen der Suburbanisierung in den Einstellungen und dem Verhalten der Bürger zu beobachten sind. Allerdings war auch zu erkennen, dass für eine genauere Untersuchung des politischen Kontextes eine Datenbasis auf Gemeindeebene generiert werden muss, da die vorhanden Daten zu wenig Fälle bzw. Informationen enthielten, um intraregionale Strukturen und Unterschiede herauszuarbeiten. Diese Ergebnisse für die Bundesrepublik Deutschland wurden 2005 unter dem Titel „Metropolitan Areas and Political Impact in Germany“ im Herausgeberband von Prof. Vincent Hoffmann-Martinot und Prof. Jefferey Sellers veröffentlicht: 

 

Walter-Rogg, Melanie. 2005. Metropolitan Areas and Political Impact in Germany. In: Sellers, J./Hoffmann-Martinot, V. (eds.): Metropolitanization and Political Change. Urban and Regional Research International Vol. 6. Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 87-117.

In der zweiten IMO-Projektphase (2005-2007) untersuchte die Forschergruppe die politischen und administrativen Reformen der Metropolregionen in den beteiligten Ländern. Das deutsche Projekt bezieht sich dabei auf die Metropolregion Stuttgart, das wirtschaftliche und politische Zentrum des Landes Baden-Württemberg im Südwesten Deutschlands. Nach der Verabschiedung eines Gesetzes zur Stärkung der Zusammenarbeit in der Region Stuttgart durch das baden-württembergische Parlament wurden im Jahr 1994 grundlegende Reformen zur Bildung der Metropolregion Stuttgart durchgeführt. Das Gesetz ersetzte die früheren Strukturen für die interkommunale Zusammenarbeit durch die Schaffung einer neuen Art von öffentlich-rechtlicher Institution, der „Verbandregion Stuttgart“. Diese regionale Instituttion erhielt eine weitgehende Unabhängigkeit durch ein eigenes Budget, eine direkt gewählte Regionalversammlung und Zuständigkeiten in den Bereichen Planung, Wohnen, wirtschaftliche Entwicklung und Kommunikationsinfrastruktur. Die Fallstudie analysiert den politisch-administrativen Prozess der Entwicklung und Umsetzung der Reform in der Region Stuttgart im Hinblick auf die gewählte Strategie und die Bewertung und Akzeptanz die beteiligten Akteure. Die wichtigsten Ergebnisse sind 2007 im zweiten IMO-Band Governing Metropolises: Profiles of Issues and Experiments on Four Continents, der von den Kanadiern Prof. Jean-Pierre Collin und Dr. Mélanie Robertson herausgegeben wurde, veröffentlicht: 

Walter-Rogg, M./Sojer, M. 2007: Metropolitan Governance Reform in Germany. In: Collin, Jean-Pierre/Robertson, Mélanie (Hrsg.): Governing Metropolises: Profiles of Issues and Experiments on Four Continents. Québec: Presses de l’Université Laval. 283-315. 

Reforming municipal institutions in a metropolitan center involves a variety of local political and civil society interests and can lead to relatively radical changes in government organizations. A reform's success and acceptance, and the speed at which new bodies are established clearly depend on the manner in which the reform is justified, designed, and implemented. This monograph, which looks at post-reform situations, will attempt to outline the reform development and implementation process at the political and administrative levels, while keeping in mind the following questions: 

  • What role have local elected officials and residents been given in preparing reforms? 

  • What was the government strategy? 

  • Who was responsible for the institutional or organizational design of the new bodies? 

  • Have implementation methods had an impact on acceptance of the reform and the speed of organizational integration? 

  • What kind of political and organizational fallout resulted, and how was it managed?

In der 3. IMO-Projektphase (2008-2013) übernahm Prof. Walter-Rogg Gemeinsam mit Prof. Jefferey Sellers (University of California, L.A.), Prof. Daniel Kübler (Universität Zürich) und Dr. Alan Walks (University of Toronto) die Herausgeberschaft des dritten Ergebnisbandes. Dafür wurde eine Datenbank mit Informationen aus elf Staaten generiert, um die Frage zu untersuchen, ob nationale Konfliktlinien den Wettbewerb und die Parteistrukturen auf jeder politischerEbene bestimmen oder Unterschiede im regionalen Wahlverhalten in und zwischen Metropolregionen existieren. Die Forschergruppe kam zu dem Ergebnis, dass die Metropolitanisierung der Politik eine neue Herausforderung für nationale Parteiensysteme und demokratische Traditionen bedeutet. Zentrale Annahme dabei war, dass die Dynamiken, die von der Wohnumgebung einer Person ausgehen, auf eine Re-Territorialisierung von Ideologien, bürgerlichem Engagement und Parteipräferenzen hinweisen, die eine Neukonfiguration von Politik in modernen Staaten nach sich zieht. Diese Re-Territorialisierung ist nicht an der traditionellen Konfliktlinie Zentrum-Peripherie zwischen Agrar- und Industriestaaten festzumachen, sondern an neuen Konfliktlinien in und zwischen Metropolregionen. Neue Wählermobilisierungsstrategien der politischen Parteien müssen diesen veränderten Realitäten Rechnung tragen, d.h. die spezifischen Interessen verschiedener regionaler Wählersegmente berücksichtigen. Die Ergebnisse der internationalen Forschergruppe wurden im Jahr 2013 nach einem mehrjährigen Austausch in Workshops in Stuttgart, Bordeaux und Montréal publiziert. Das gemeinsame Buch “Political Ecology of the Metropolis” wurde von der Columbia University Press für den “Best Book Award from the European Politics and Society Section” der American Political Science Association (APSA) nominiert.

Hanspeter Kriesi, Stein Rokkan Chair for Comparative Politics, European University Institute, 2013: “Based on a painstaking empirical analysis of no less than eleven country cases, this study documents the pervasiveness and importance of the reterritorialisation of politics in a globalised world. This return of territory is not patterned along cleavages as we know them, but based on new territorialised contrasts within and between metropolitan areas. The thought-provoking study draws our attention to the challenge the metropolitanisation of politics poses to national parties and democratic traditions.” 

Jefferey M. Sellers, Daniel Kübler, Melanie Walter-Rogg und R. Alan Walks. 2013. The Political Ecology of the Metropolis. Metropolitan Sources of Electoral Behavior in Eleven Countries. Colchester: ECPR Press. 

Walter-Rogg, Melanie. 2013. Does Political Ecology matter? Voting Behavior in German Metropolitan Areas. In: The Political Ecology of the Metropolis. Metropolitan Sources of Electoral Behavior in Eleven Countries. Colchester: ECPR Press. With Jefferey M. Sellers, Daniel Kübler und R. Alan Walks, 227-266.

Walter-Rogg, Melanie 2013. Conclusion – Metropolitan Sources of Political Behavior. With Jefferey M. Sellers, Daniel Kübler, R. Alan Walks, Philippe Rochat, 419-478.

Unsere Ergebnisse für die BRD zeigen, dass vor allem das lokale Wahlverhalten und weniger stark das nationale Wahlverhalten von strukturellen, regionalen Faktoren und dem engeren Kontext der Metropolregionen beeinflusst wird. Allerdings erlauben die durchgeführten Mehrebenenanalysen keine Aussagen über individuelle Erklärungsvariablen für Wahlbeteiligung bzw. Wahlverhalten in deutschen Metropolregionen bzw. deren verschiedenen Siedlungszonen (Kernstadt, reichere, ärmere, dicht oder schwach besiedelte Umlandgemeinden). Deshalb ist es notwendig im nächsten Projektschritt das individuelle Wahlverhalten und dessen möglichen Determinanten in Metropolregionen zu erfassen. Diese Datenbasis erlaubt dann die Berechnung von multivariaten Mehrebenenmodellen, die individuelle, lokale und regionale Faktoren berücksichtigen, um deren relative Bedeutsamkeit für die Erklärung des Wahlverhaltens in modernen Gesellschaften zu untersuchen. In diesem Zusammenhang wollen wir zudem untersuchen, inwieweit die neuen regionalen Steuerungsmodelle von den Bürgern akzeptiert sind.

Metropolitan Governance über Bundes- oder Landesgrenzen hinweg 

Seit vielen Jahren beschäftigt sich Prof. Walter-Rogg mit Untersuchungsgegenständen der lokalen Politikforschung und seit 2002 verstärkt mit dem Thema „Metropolitan Governance“ und zwar stets in international vergleichender Perspektive. Unter dem Schlagwort „Metropolitan Governance“ wird untersucht, mit welchen politischen Steuerungsmodellen die verantwortlichen Akteure auf die Suburbanisierungsprozesse in großen Agglomerationsräumen bzw. Metropolregionen reagieren, um ihre Pflichten und Aufgaben in wichtigen regionalen Politikfeldern zu leisten. Der Begriff Governance soll ausdrücken, dass Steuerung und Regelung nicht nur vom Staat, sondern auch von nicht-staatlichen Akteuren wahrgenommen wird. Während Prof. Walter-Rogg zu Beginn vor allem untersuchte, welche politischen Steuerungsmodelle bei regionalen Kooperationen zu beobachten sind und welche Variation diese aufweisen, sollen künftig verstärkt regionale Kooperationen in föderalen Systemen sowie über mehrere Nationen hinweg im Vordergrund stehen. In diesem Zusammenhang besteht seit  2010 eine Kooperation mit dem Forum of Federations in Ottawa (Kanada). 2013 publizierte Prof. Walter-Rogg dazu ein Forschungsbeitrag über die beiden Metropolregionen Hamburg und Mitteldeutschland: 

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