Lehrforschungprojekt: Landtagswahl 2023 in Bayern
Zur Landtagswahl am 8. Oktober 2023 in Bayern führten wir ebenso wie fünf Jahre zuvor ein Lehrforschungsprojekt an der Universität Regensburg durch. Das Schwerpunktthema bildete dabei die Mobilisierung und Analyse der Nichtwähler in der Stadt Regensburg. Auch dieses Mal waren wieder viele Studierende der Universität Regensburg an dem Projekt beteiligt, das im Zeitraum von 4 Wochen vor der Bayernwahl 2023 am 8. Oktober 2023 und 4 Wochen danach stattfand. Der Schwerpunkt lag dabei auf einem Feldexperiment mit schriftlichen Befragungen, Tiefeninterviews, Haustürbesuchen und Fokusgruppengesprächen in ausgewählten Monitoringgebieten des Regensburger Sozialindex und insgesamt 12.000 Haushalten. Der Sozialindex wird seit dem Jahr 2022 von der Stadt Regensburg erstellt. Wir sind daran interessiert, ob sich die Nichtwähler in gut situierten Wohngebieten von den Nichtwählern in prekären Wohngebieten unterscheiden und wenn ja, wodurch. Zudem wurde der überparteiliche Mobilisierungseffekt von einer Erinnerung an die Landtagswahl 2023 getestet. Die Stadt Regensburg hat sich hier sehr kooperativ gezeigt und stellt uns die Daten des Sozial- und Demographiemonitoring für die 71 Regensburger Wohngebiete für die Stichprobenziehung zur Verfügung. Zudem ist die Stadt auch sehr an unseren Ergebnissen interessiert, da sie neben vielen weiteren Indikatoren wie Bevölkerungsstruktur oder Erwerbstätigkeit auch das politische Verhalten in den Monitoringgebieten beobachten möchte.
Der Forschungsstand zum Thema „ungleiche Wahlbeteiligung“ zeigt, dass auch in Deutschland „massive Unterschiede in der Wahrscheinlichkeit des Wählens abhängig vom Bildungsstand, der Schichtzugehörigkeit oder auch dem Einkommen“ (Roßteutscher & Schäfer 2016, S. 455) zu beobachten sind. Da der soziale Status „nicht zufällig über die Gesellschaft verteilt ist, sondern Menschen mit höherem Status in der Regel in anderen Wohnbezirken leben als Menschen niedrigeren Status, kommt es zu einer zunehmenden Ballung von Hoch- bzw. Niedrigwahlbezirken“ (Roßteutscher & Schäfer 2016, S. 455). Auch in Regensburg ist dieses Phänomen zu beobachten. Zwar war die Beteiligung an der Bundestagswahl 2021 in Regensburg insgesamt mit 77,2 % (Bayern: 79,9%) sowie zur Landtagswahl 2023 mit 71,6 % (Bayern: 73,1 %) zufriedenstellend. Allerdings hat das Amt für Stadtentwicklung bzw. das Statistische Amt für die 71 Gebiete des Regensburger Sozial- und Demographiemonitoring gezeigt, dass die Wahlbeteiligung bei der BTW 2021 zwischen 57,3 % (Friedrich-Viehbacher Allee) und 89,3 % (Oberer und Unterer Wöhrd) variiert (Stadt Regensburg 2022, S. 67).
Lange Zeit waren Nichtwähler in Deutschland ein „unbekannte[s] Wesen“ (Falter & Schumann 1994) und kein relevanter Forschungsgegenstand. Die wachsende Wahlabstinenz seit den Hochzeiten mit über 90 % Beteiligung in den 1970er Jahren wurde als unproblematisch und eher als Anpassung an normale Verhältnisse in westlichen Demokratien (Normalisierungsthese) angesehen (Roth 1992). Empirische Studien zeigten zu dieser Zeit, dass sich Nichtwähler und Wähler in Herkunft und Einstellungen nicht sonderlich stark unterschieden und deshalb die Nichtwähler als sozialstrukturell „unauffällig“ (Roth & Wüst 2007, S. 400) einzustufen waren. Dies änderte sich allerdings im Jahr 2009. Damals sank die Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl mit nur 70,8 % (West: 72,3 %/ Ost: 64,8 %) auf einen historischen Tiefstand (Westle et al. 2013, S. 475) und der Anteil der Nichtwähler nahm bedenkliche Ausmaße an. Auch Merkel und Petring (2012, S. 100) warnten vor den Verwerfungen einer „Zweidrittel-Demokratie“, in der sozial Benachteiligte nicht mehr am politischen Leben teilnähmen. Zunehmend wich die Normalisierungsthese der Krisenthese, die besagt, dass die zunehmende Wahlabstinenz bestimmter Bevölkerungsgruppen mit einer wachsenden Unzufriedenheit mit dem politischen System und seinen Akteuren zusammenhänge.
Seitdem widmet sich die Politikwissenschaft mit verstärkter Aufmerksamkeit der Analyse von Nichtwählern, allerdings v.a. auf der Bundesebene der BRD. In jüngster Zeit sind aber gerade bei Kommunal- und Landtagswahlen deutliche Beteiligungsrückgänge zu vermerken (Faas & Hohmann 2015; Faus & Alin 2023). So beteiligten sich bei der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Jahr 2022 nur 55,5 % der Wahlberechtigten. Faus und Alin (2023) veröffentlichten dazu eine Studie, in der sie verstärkt auf die qualitative Methode des Fokusgruppengespräches setzen, um mehr über die Motive der Nichtwähler zu erfahren. Vor allem in den USA (Gerber & Green 2000, 2017) werden immer öfter Feldexperimente zur Wählermobilisierung eingesetzt. Damit wird die Frage untersucht, ob und wenn ja unter welchen Umständen Nichtwähler wieder zur Teilnahme bereit sind. In der deutschen Nichtwählerforschung bildet diese Methode eher die Ausnahme. Aus diesem Grund führten wir in einer explorativen Mixed Method-Studie mittels einer Kombination aus quantitativen und qualitativen Methoden in der Stadt Regensburg auf Basis des Sozialindex ein Feldexperiment zur Bayernwahl 2023 durch. Vor allem Haustürbesuche haben sich als parteilicher wie auch überparteilicher Mobilisierungsfaktor für die Wahlbeteiligung als effizent erwiesen (Hohmann 2021). Aber auch Methoden wie standardisierte Befragungen, Tiefeninterviews und Fokusgruppengespräche. Die Erhebung dieser vielfältigen Informationen ermöglicht uns, aktuelle Fragen der Nichtwählerforschung gemeinsam mit unseren Studierenden zu untersuchen und zu beantworten. Für die Forschungsergebnisse des Lehrforschungsprojektes ist im Jahr 2027 eine Publikation im Verlag Springer VS geplant, in der auch sehr gute Bachelor- und Masterarbeiten Berücksichtigung finden:
Walter-Rogg, Melanie und Raphael Richter. 2027. Die Landtagswahl 2023 in Bayern – Analysen zum Wahlverhalten und zur politischen Kultur im Freistaat. Wiesbaden: Springer VS.
Universitätsstudie Bayernwahl 2018 (USBW18)
In diesem Projekt werden mittels neuer statistischer Verfahren die Wählerwanderungen bei der Landtagswahl 2018 in Bayern bestimmt. Das interdisziplinäre und universiätsübergreifende Verbundprojekt USBW18 besteht aus Vertretern der Disziplinen Politikwissenschaft (Wahl- und Meinungsforschung, Parteienforschung), Statistik und Kommunikationswissenschaft der Universitäten LMU München, Regensburg und Passau:
Ludwig-Maximilians-Universität München
Helmut Küchenhoff, Paul W. Thurner, André Klima, Ingrid Mauerer
Universität Regensburg
Melanie Walter-Rogg, Tassilo Heinrich
Universität Passau
Thomas Knieper, Harry Haupt, Stefan Mang, Joachim Schnurbus
Das Ziel des Projektes ist es, eine wissenschaftlich transparente Schätzung der Wählerwanderungen in einem Flächenland vorzunehmen, und hierbei mehrere Datenquellen (Exit Polls, Telefoninterviews, Aggregatdaten der amtlichen Wahlergebnisse auf Gemeinde- und Stimmbezirksebene) systematisch zu kombinieren. Der Mixed-Method-Ansatz der Universitätsstudie Bayernwahl 2018 (USBW18) umfasst mehrere Datenerhebungen. Die für Bayern repräsentative Telefonbefragung wurde vom Centrum für Marktforschung der Universität Passau sowie Studierenden der LMU München durchgeführt, bei den Nachwahlbefragungen waren 200 Studierenden der drei Universitäten beteiligt.
Datenmodule der USBW18-Studie:
1. Bayernweite Telefonumfrage (CATI)
a. Vorwahlbefragung (4.500 Interviews)
b. Nachwahlbefragung (3.500 Interviews)
2. Randomisierte Exit-Poll-Umfrage in drei Städten mit unterschiedlichem Urbanitätsgrad (München, Passau und Regensburg) sowie weiteren Gemeinden in der Oberpfalz und in Niederbayern. Insgesamt wurden N = 17.200 Interviews erhoben.
a. München (6.500 Interviews)
b. Passau und Landkreis Passau (4.500 Interviews)
c. Regensburg sowie weitere Gemeinden in der Oberpfalz und in Niederbayern (6.200 Interviews).
3. Bayernweite Online-Nachwahlbefragung (N = 1.835).
Die bayernweite Telefonumfrage und die Exit Polls innerhalb der USBW18-Studie stützen sich auf kurz gehaltene, zweiseitige Erhebungsbögen, in denen vor allem nach der beabsichtigten bzw. der tatsächlichen Wahlentscheidung und der vergangenen Wahlentscheidung (Rückerinnerungsfrage, Recall-Frage) gefragt wird. Die Erhebungsform orientiert sich weitestgehend an dem Vorgehen von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen, oder etwa der deutschen nationalen Wahlstudie (German Longitudinal Election Study, GLES). Da das bayerische Wahlsystem die Erst- und Zweitstimme aufsummiert und diesen daher identische Bedeutung bei der Ermittlung der Parteienanteile zukommt, haben wir bei der aktuellen Wahlentscheidung zwischen Erst- und Zweitstimme unterschieden.
Basierend auf theoretischen Vorüberlegungen aus den Bereichen Politik- und Kommunikationswissenschaft wurden in der USBW18-Studie bestimmte Schwerpunkte gesetzt. Beispielsweise wurden in Form einer offenen Frage die Gründe für einen Stimmwechsel erhoben. Weiterhin wurde mit Hilfe einer Rückerinnerungsfrage die Zweitstimmenvergabe bei der Bundestagswahl 2017 erfasst. Die Online-Nachwahlbefragung integriert identische Fragestellungen aus der Telefon- und Exit Poll-Befragung in einen deutlich umfangreicheren Fragebogen von 33 Fragen zum Wahlverhalten, zur Beurteilung von Kandidaten und Kandidatinnen, zum Wahlkampf, den Koalitionspräferenzen sowie zu weiteren politischen Einstellungen.
Eine erste Schätzung der Wählerwanderung für die beiden Landtagswahlen 2013 und 2018 für ganz Bayern verwendet die Ergebnisse der CATI-Vorwahlbefragung unter Berücksichtigung der tatsächlichen Ergebnisse aus den Regierungsbezirken (= Wahlkreise). Im ersten Schritt werden dabei die Wählerwanderungen getrennt für die Regierungsbezirke bestimmt. Dabei erfolgt ein Ausgleich möglicher Verzerrungen aufgrund einer erhebungsbedingten zu geringen Anzahl von Telefoninterviews in den Großstädten durch sogenannte Poststratifizierungsgewichte. Anschließend werden die geschätzten Wählerwanderungen mittels der Methode des Iterativen Proportional Fitting-Verfahrens (IPF) (vgl. Klima et al. 2017: 120) getrennt für jeden Regierungsbezirk an die tatsächlichen Randverteilungen angepasst. Das Gesamtergebnis für Bayern ergibt sich damit als das aus den Wahlberechtigten gewichtetes Mittel der einzelnen Regierungsbezirke.
Die geschätzte Wählerwanderung für Bayern zeigt, dass die Ströme von der CSU weg in recht ähnlichem Ausmaß die Grünen und die FW, in höherem Ausmaß die AfD speisen. Die CSU kann diese massiven Abwanderungen aber durch die Mobilisierung von Nichtwählern zumindest etwas abdämpfen. Diese Auffächerung der Abflüsse an programmatisch sehr unterschiedliche Parteien, zeigt welche internen Fliehkräfte diese Partei aushalten musste. Das gilt für die Flüchtlingspolitik wie für den zunehmend virulent werdenden Gegensatz zwischen Wirtschaftsboom und Umweltpolitik in Bayern und v.a. in München. Die sozialdemokratische Partei erscheint im freien Fall. Ihr ohnehin schon geringer Anteil in Bayern wird noch einmal halbiert. Die Wähler wandern massiv zu den Grünen und zur CSU, aber auch zu den Freien Wählern, und zur AfD, und in die Nichtwahl. Die Grünen sind tatsächlich die großen Profiteure der Wählerbewegungen. Sie attrahieren in großem Maßstab von CSU und SPD, und mobilisieren auch noch einmal viele ehemalige Nichtwähler an die Urne. Es handelt sich also um eine enorme und effektive Mobilisierungsleistung während der Kampagne. Das ist sicherlich den bemerkenswert dynamischen und authentischen KandidatInnen geschuldet – einerseits. Aber ebenfalls wichtig ist: Die Grünen haben dieses Mal nicht wie in 2013 Steuererhöhungen für Besserverdienende in den Vordergrund gestellt, sondern eine geschickte ‚Vergrünung‘ des Heimatbegriffs mit einer kompromisslosen Haltung in der Einwanderungsfrage verknüpft, und sehr geschlossen vertreten. Die AfD, erstmalig 2018 bei einer Landtagswahl in Bayern angetreten, hat ein zweistelliges Ergebnis erreichen können. Die Ströme zeigen, dass ihre Wählerschaft vor allem aus ehemaligen Wählern der CSU und der Sonstigen sowie Nichtwählern stammt.
Die politische Debatte um die Landtagswahl 2018 in Bayern kreiste vor allem um die erdrutschartigen Verluste von CSU und SPD sowie die hohen Gewinne bei den Grünen und der AfD. In dieser Diskussion sollte man auch die Ausgangslage seit der Bundestagswahl 2017 in Bayern berücksichtigen. Diese ist für eine strategische Bewertung der Landtagswahlergebnisse wichtig, da die hohen CSU-Verluste bei der Bundestagswahl in Bayern und die für Westdeutschland außergewöhnlich hohen AfD-Ergebnisse zwischenzeitlich die Ablösung des Ministerpräsidenten Seehofer zur Folge hatte. Insofern muss die Bewertung der CSU-Verluste, der SPD-Verluste, wie auch der Grünen- und AfD-Gewinne die Bundestagswahl 2017 als zusätzlichen Maßstab nehmen. Daher wurde in der USBW 18-Studie zusätzlich eine Rückerinnerungsfrage für die Bundestagswahl 2017 – und zwar für die Zweitstimme – in den Fragebogen aufgenommen. Obwohl den Ergebnissen eine unterschiedliche Verrechnung von Erst- und Zweitstimmen zugrunde liegt, lohnt es sich, die Parteianteile bei der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl 2018 zu vergleichen. Interessanterweise zeigt sich hier im Aggregat, dass die CSU kaum verloren hat und die AfD nicht zulegen konnte, sondern sogar verloren hat. Die hohen Erfolge der Grünen aber auch der FW gehen einher mit maßgeblichen Verlusten der SPD, der FDP und der Linken.
Durch die Datenbasis der USBW18-Studie kann dieser Aspekt der Wahl direkt analysiert werden. Hierzu wird die beabsichtigte Zweitstimmenabgabe bei der Landtagswahl 2018 mit der Rückerinnerung der Zweitstimmenvergabe bei der Bundestagswahl 2017 verglichen. Erst dieses Vorgehen erlaubt eine Schätzung der individuellen Wählerwanderungsentscheidungen. Es zeigt sich, dass die CSU gegenüber dieser Messlatte in geringerem Ausmaße verloren (verglichen mit den Verlusten zwischen Landtagswahl 2013 und Landtagswahl 2018) hat. Davon konnten vor allem die Freien Wähler (FW) und die Grünen profitieren; relevante Verluste gab es auch an die Nichtwähler. Partiell konnten diese Verluste der CSU durch Gewinne von der FDP und von der AfD ausgeglichen werden. Auch wenn die hohen Verluste der SPD ein dominierendes Thema bei der Landtagswahl sind, zeigt sich, dass die FDP und die Linken prozentuell einen größeren Anteil ihrer Wählerschaft – im Vergleich zur Bundestagswahl – verloren haben. Im Vergleich dazu fallen die Verluste der AfD niedriger aus, aber auch sie konnte ihr Bundestagswahlergebnis nicht halten. Alle saldierten Wanderungsströme sind in der folgenden Abbildung dargestellt:
Die gemeinsame Publikation aller beteiligten Forscher:innen erschien 2022 in der Politischen Vierteljahresschrift:
Paul W. Thurner, André Klima, Helmut Küchenhoff, Ingrid Mauerer, Stefan Mang, Melanie Walter-Rogg, Tassilo Heinrich, Thomas Knieper and Joachim Schnurbus. 2022. Micromotives of Vote Switchers and Macrotransitions. Politische Vierteljahresschrift Vol. 63, No. 4, 663-684. Gemeinsam
Pressemitteilungen USBW 2018
- Universitätsstudie Bayernwahl 2018 stellt Ergebnisse vor (externer Link, öffnet neues Fenster)
- Analyse zur Landtagswahl 2018 (externer Link, öffnet neues Fenster)
- Studie zur Landtagswahl 2018 - Süddeutsche (externer Link, öffnet neues Fenster)
- Studie zur Landtagswahl - Welt (externer Link, öffnet neues Fenster)
Landtagswahl 2018
Das Lehrforschungsprojekt Universitätsstudie Bayernwahl 2018 (USBW18) wurde als Kooperationsstudie von drei bayerischen Universitäten (LMU München, Universität Passau und Universität Regensburg) durchgeführt. Im Rahmen dieses Projektes wurden innovatives Forschen, Lehre und Praxis zusammengebracht. Zentrales wissenschaftliches Ziel dabei ist die valide theoretische und methodische Bestimmung der Wechselwählerströme in Mehrparteiensystemen. Zugleich werden in weiteren Erhebungsmodulen etablierte sowie neuere Erklärungen des Wahlverhaltens empirisch überprüft.
Sommersemester 2018: Lehrforschungsprojekt am Beispiel der Landtagswahl 2018 in Bayern
Die Studierenden erhielten im Lehrforschungsprojekt eine Einführung in die theoretische Grundlagen der empirischen Wahlforschung bzw. Wechselwahlforschung und Wählerwanderungsanalyse. Die Vor- und Nachteile der gängigen Methoden der Wählerwanderungsanalyse (Hochrechnung von Exit Polls und Surveys auf Basis von Indvidualdaten, ökologische Inferenz auf Basis von Aggregatdaten) wurde ausführlich besprochen und danach das Hybridmodell des Iterativen Proportional Fitting-Verfahrens (IPF) nach Klima et al. 2017 vorgestellt. Dieser methodischen Einführung folgte ein Überblick über die Wechselwahlmotive bei Wahlen im Allgemeinen und bei Landtagswahlen im Speziellen sowie eine ausführliche Beschäftigung mit den Wahlen in Bayern und der Frage, ob die „Uhren in Bayern wirklich anders gehen“ (Falter 1982, Mintzel 1987). Im dritten Seminarabschnitt stand der Wahlkampf zur Landtagswahl in Bayern am 14.10.2018 im Vordergrund. Hierbei wurden die wichtigsten Themen, das Kandidatenangebot, mögliche Koalitionsmöglichkeiten sowie die Wählerpräferenzen behandelt. Auf Basis dieser Grundlagen und Erkenntnisse formulierten die Studierenden in Gruppen Forschungsfragen und arbeiteten Untersuchungsdesigns aus, die mit den selbst erhobenen Daten untersucht werden sollten. Auch die komplexe Stichprobenziehung für die Telefon- und Nachwahlbefragung (Exit Poll) war Gegenstand des Seminars. In den letzten beiden Sitzungen wurden die SeminarteilnehmerInnen in der Funktion als Teamkapitän geschult. Jedes Exit-Poll-Team bestand aus einem Kapitän und zwei InterviewerInnen. Die Regensburger Studierenden führten dann am 14. Oktober 2018 die Nachwahlbefragungen in 25 Wahllokalen in der Stadt Regensburg und ausgewählten Gemeinden in der Oberpfalz und Niederbayern durch.
PROF. WALTER-ROGG mit Regensburger Studierenden, die am Lehrforschungsprojekt USBW18 teilnahmen und die Exit-Poll-Befragungen in Regensburg und anderen Städten und Gemeinden in der Oberpfalz durchführten.
In zehn zufällig gezogenen Regensburger Stimmbezirken nahmen über 70 Prozent der Wähler (N = 3.052) an der Nachwahlbefragung teil. Auf Basis dieser Ergebnisse könen wir für die Stadt Regensburg die Wechselwählerströme zwischen den Landtagswahlen 2013 und 2018 sowie zwischen der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl 2018 nachzeichnen. In der folgenden Abbildung ist die Wählerwanderung zwischen der Landtagswahl 2013 und der Landtagswahl 2018 in Regensburg zu sehen. Dargestellt sind die saldierten Gewinne bzw. Verluste der Parteien. Die Darstellungen an den Seiten geben jeweils den Anteil der saldierten Verluste (links) bzw. Gewinne (rechts) in Bezug auf die gesamten saldierten Wählerbewegungen (y-Achse) und in Bezug auf die Gesamtwählerschaft der Partei (x-Achse) an.
- Die CSU verliert Wähler an alle Parteien. 10.8% der CSU-Wähler in 2013 haben in 2018 die Grünen gewählt, 10.3% die AfD, 7.4% die FW und 6.8% die FDP.
- Den Christsozialen ist es aber auch gelungen, die Stimmen von FDP- und Freien Wählern zu bekommen (20.6% bzw. 18%).
- Die Grünen konnten aus allen politischen Lagern Wähler dazugewinnen. Am meisten von der SPD (29,7%) und der FDP (22.7%), aber auch von den Linken (18.1%) und den Freien Wählern (18%).
- Von allen bei der Landtagswahl 2018 angetretenen Parteien konnten die Grünen die meisten Nichtwähler mobilisieren (29.2%). Aber auch der AfD (18.9%) und der CSU (16.5%) gelang dies in einem beachtlichen Ausmaß.
- Die größte Loyalität zeigen in der Stadt Regensburg die Wähler der Grünen: mehr als drei Viertel der Wähler (76.7%) haben diese Partei bereits im Jahr 2013 gewählt. Mit deutlichem Abstand aber auch relativ hoch ist die Parteitreue der CSU- und der Linken-Wähler (60% bzw. 58.2%).
- Eine große Wechselbereitschaft ist hingegen bei den Wählern der SPD zu sehen: lediglich 36.1% haben 2018 und 2013 diese Partei gewählt. Fast ebenso niedrig sind die Haltequoten bei den Freien Wählern (37.3) und der FDP (38.6%).
In der nächsten Abbildung ist die Wählerwanderung zwischen der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl 2018 in Regensburg zu sehen. Dargestellt sind die saldierten Gewinne bzw. Verluste der Parteien. Die Darstellungen an den Seiten geben jeweils den Anteil der saldierten Verluste (links) bzw. Gewinne (rechts) in Bezug auf die gesamten saldierten Wählerbewegungen (y-Achse) und in Bezug auf die Gesamtwählerschaft der Partei (x-Achse) an. Drei Regensburger Parteien haben sehr treue Wähler: 72.5% der Grünen-Wähler bei der Bundestagswahl 2017 haben diese Partei auch bei der Landtagswahl 2018 in Bayern gewählt. Bei der AfD und der CSU sind diese Anteil etwas niedriger, aber immer noch sehr hoch (70.1% bzw. 67.7%). Im Vergleich zur Bundestagswahl 2017 hat vor allem die FDP bei der Landtagswahl 2018 Wähler verloren. Lediglich etwas über ein Viertel (26.1%) der FDP-Wähler 2017 wählten auch 2018 diese Partei. Bei der SPD und der Linken beträgt dieser Anteil 40.4% bzw. 41.%. Bei den Freien Wählern waren es immerhin 50.4%.
Landtagswahl 2018
Wintersemester 2018/19: Der Mixed-Method-Ansatz am Bsp. des Lehrforschungsprojektes zur LTW 2018 in Bayern
Im WS 2018/19 hatten die Studierenden die Gelegenheit, auf Basis der Mixed-Method-Daten der USBW18-Studie eigene Forschungsprojekte zu realisieren und Seminar- oder Qualifikationsarbeiten abzufassen. Die Forschungsrelevanz war aufgrund der disruptiven Veränderungen des Parteiensystems in Deutschland in der letzten Dekade begründet. Im Vordergrund stand vor allem die Frage, welchen Einfluss Wählerwanderungen auf das Ergebnis der Landtagswahl 2018 in Bayern hatten. Bayern bildete hierbei einen sehr interessanten Spezialfall, da die CSU in den Jahren zuvor versucht hat, sich in der Flüchtlingspolitik von der Schwesterpartei CDU abzugrenzen. Wenn dies gelang, müsste die AfD bei der Landtagswahl 2018 geringere Zugewinne erzielt haben als bei der Bundestagswahl 2017. Das im Sommer 2018 durchgeführte Lehrforschungsprojekt zur Landtagswahl in Bayern ermöglichte es den Studierenden, vielfältige Forschung zu betreiben. Sie konnten z.B die Individualdaten der USBW18-Studie mit den Aggregatdaten der bayerischen Kommunen wie auch mit den offiziellen Wahlergebnissen zur LTW 2013/2018 und BTW 2017 verknüpfen, um z.B. Mehrebenenanalysen durchzuführen. Oder eine Medienanalyse mithilfe der Online-Datenbank Lexis Nexis leisten oder die Inhalte digitaler Kommunikation zwischen politischen Eliten und Bürgern auswerten. Ziel des praxisorientierten Seminars war die Entwicklung von Forschungsfragen im Hinblick auf das Wahlverhalten in Bayern und deren Beantwortung durch eine sinnvolle Kombination verschiedener Dateninformationen. Nach einer kurzen Einführung in den Mixed-Method-Ansatz und die Beschreibung der erhobenen Daten bildeten die Teilnehmer Kleingruppen, die Einzelthemen bearbeiteten und erste Auswertungen präsentierten. Die Themen wie z.B. Wählerwanderung, Wechselmotive, Stadt-Land-Unterschiede oder interdependentes Wahlverhalten zwischen Bundes- und Landesebene orientierten sich am bisherigen Forschungsstand der empirischen Wahlforschung, einige Studierende verwendeten aber auch explorative Forschungsansätze.
Folgende Forschungsarbeiten sind aus dem Praxisseminar entstanden:
1. Vergleich der Themenagenden von Parteien und Wählern – Eine Analyse mit MAXQDA
2. Asylpolitik als Wechselgrund bei den bayerischen Landtagswahlen 2018 – Analyse der Wählerwanderung von der CSU zu den Grünen
3. Wechselwahl von der CSU zu Bündnis 90/Die Grünen
4. Von der CSU zur AfD in der Oberpfalz und in Niederbayern – wer wechselt und warum
MA-Arbeiten:
- Deprivation, Protest und Flüchtlinge: Eine Mixed-Methods-Analyse zu den Gründen der AfD-Wähler und der Themensetzung der AfD bei der Bayernwahl 2018
- Zwischen Protest und rechter Ideologie –Analyse der AfD-Wähler in Bayern bei der Landtagswahl 2018
- Exit Poll, Wahlprogramm und Twitter: Vergleich der Themenagenden von Parteien und Wählern zu den bayerischen Landtagswahlen 2018
BA-Arbeiten:
- Einfluss der Bundespolitik auf den Landtagswahlkampf in Bayern 2018 - Eine Untersuchung politischer Kommunikation auf Twitter
- Die Bedeutung von Themen bei der bayerischen Landtagswahl 2018
Seminararbeiten:
- Wie wählte die stimmstärkste Generation? Eine Analyse des Wahlverhaltens der Babyboomer im Vergleich mit der Generation Y. Ein Mixed-Method-Ansatz zur Bayerischen Landtagswahl 2018.
- Zwischen Protest und rechter Ideologie – Entwicklung eines Forschungsdesigns zur Analyse der AfD-Wähler in Bayern bei der Landtagswahl 2018
- Issue Voting bei den Bayerischen Landtagswahlen 2018 – Eine Mixed-Method-Analyse der Wählerwanderung von der CSU zu den GRÜNEN
- Der Wahlerfolg von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN bei der bayerischen Landtagswahl 2018
- Vergleich der Themenagenden von Parteien und Wählern zu den bayerischen Landtagswahlen 2018
- Ist die Gleichstellung von Frau und Mann für die Regensburger (Wähler*innen) ein Kriterium für die Wahlentscheidung bei der Landtagswahl 2018 in Bayern?
- Wählerverhalten in Regensburg. Eine Analyse anhand der bayerischen Landtagswahl 2018
- Eine Analyse der AfD auf rechtspopulistischen Inhalte im Kontext von Migration auf Twitter
Wahlverhalten und politische Kultur in Bayern
Die Landtagswahl im Freistaat Bayern am 14. Oktober 2018 bestätigte den Trend, der bereits in anderen Bundesländern und auf der Bundesebene in der vergangenen Dekade zu beobachten war: Das Parteiensystem in der Bundesrepublik Deutschland differenziert sich weiter aus. Die bayerischen Grünen waren mit dem Wahlkampfmotto „Wir treten für ein weltoffenes, buntes und sicheres Bayern für alle ein und kämpfen für Freiheit und Anerkennung, Respekt und Akzeptanz für alle Menschen“ (www.gruene-bayern.de/positionen/a-z/sozialen-zusammenhalt-staerken/) äußerst erfolgreich. Positiv gewendet bedeutet dies, dass auch im CSU-dominierten Bayern die Landespolitik bunter wird, die Wähler somit mehr Auswahlmöglichkeiten für ihre Interessenvertretung haben. Gleichzeitig mehren sich kritische Stimmen, dass das erstmahlige Antreten der Alternative für Deutschland (AfD) auch im südlichsten Bundesland eine Gefahr für die Demokratie bedeuten könnte. Tatsächlich zeigte das Wahlergebnis einen erheblichen Verlust an Stammwählern für die etablierten Parteien CSU und SPD, ein zufriedenstellenden Ergebnis für die Freien Wähler (FW) und die Liberalen (FDP), einen Achtungserfolg für die Alternative für Deutschland (AfD) und ein Rekordhoch für die Grünen. Die bayerischen Grünen erzielten 17,6 Prozent der Stimmenanteile und damit einen Stimmenzuwachs von neun Prozentpunkten im Vergleich zu den Landtagswahlen 2013. Dies überraschte durchaus in dem traditionell konservativ geprägten Bundesland, in dem die Grünen in den vergangenen 40 Jahren nie mehr als 9,4 Prozent (LTW 2008) der Stimmen erhielten.
Auf Basis der Universitätsstudie USBW18 untersucht dieses Projekt das Wahlverhalten und die politische Kultur in Bayern im Hinblick auf die Forschungsstränge „Politische Geographie“, „Politische Soziologie“ und „Medien und Wahlkampf“. Dabei werden zum einen strukturelle Entwicklungen im Bundesland Bayern mit Entwicklungen im Wahlverhalten verglichen, regionales Wahlverhalten in Bayern analysiert und speziell Kleinparteien und ihre Wahlerfolge in Bayern betrachtet. Zudem interessiert uns der Zusammenhang zwischen Issue-Voting und Wechselwahl, von Stimmensplitting und strategisches Wählen bei der Landtagswahl und der Einfluss verschiedener Faktoren wie Wahlkampfführung, Kandidatenangebot, Themen oder auch spezifischer Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Bildung auf das Wahlverhalten bei der Landtagswahl 2018 in Bayern. Schließlich wird untersucht, welche Themen den Wahlkampf bestimmten und welchen Einfluss die Berichterstattung in klassischen und sozialen Medien auf den Wahlkampf hatten.
Die Ergebnisse dieses Projektes sind in der folgenden Publikation zusammengefasst:
Walter-Rogg, Melanie und Tassilo Heinrich. 2023. Die Landtagswahl 2018 in Bayern. Analysen zum Wahlverhalten und zur politischen Kultur im Freistaat. Wiesbaden: Springer VS. Gemeinsam mit Tassilo Heinrich. https://doi.org/10.1007/978-3-658-41392-7.
Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2017
Das Projekt von Ann Kathrin-Reinl und Melanie Walter-Rogg prüft, ob die im Jahr 1980 von Reif und Schmitt entwickelte Nebenwahltheorie in Zeiten europaweiter Krisen an Erklärungskraft für das Wahlverhalten im deutschen Mehrebenensystem einbüßte. Europäische und landespolitische Themen sowie sub- und supranationales Wahlverhalten könnten durch überstaatliche Krisen an Einfluss im nationalen Wahlentscheid gewonnen haben. Mittels einer Kombination von GLES-Daten, welche unmittelbar vor der Bundestagswahl 2017 erhoben wurden, wird untersucht, ob eine zunehmende Interdependenz der politischen Ebenen zu beobachten ist. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bundestagswahl 2017 noch immer als Hauptwahl klassifiziert werden kann. Gleichzeitig ist aber auch eine Relevanz europäischer und landespolitischer Begebenheiten für die Wahlabsicht bei der Bundestagswahl 2017 festzustellen. Folglich plädieren wir dafür, den Ansatz der Nebenwahltheorie zu erweitern und in künftigen Studien ein zunehmend interdependentes Abstimmungsverhalten im politischen Mehrebenensystem der Bundesrepublik zu berücksichtigen.
Die Ergebnisse dieses Projektes sind in der folgenden Publikation zusammengefasst:
Reinl, AK., Walter-Rogg, M. (2019). Interdependentes Wahlverhalten? Eine Analyse der Auswirkung europaweiter Krisen auf die Wahlabsicht bei der Bundestagswahl 2017. In: Korte, KR., Schoofs, J. (eds) Die Bundestagswahl 2017. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-25050-8_6 (externer Link, öffnet neues Fenster)