Universitätsstudie Bayernwahl 2018 (USBW18)
In diesem Projekt werden mittels neuer statistischer Verfahren die Wählerwanderungen bei der Landtagswahl 2018 in Bayern bestimmt. Das interdisziplinäre und universiätsübergreifende Verbundprojekt USBW18 besteht aus Vertretern der Disziplinen Politikwissenschaft (Wahl- und Meinungsforschung, Parteienforschung), Statistik und Kommunikationswissenschaft der Universitäten LMU München, Regensburg und Passau:
Ludwig-Maximilians-Universität München
Helmut Küchenhoff, Paul W. Thurner, André Klima, Ingrid Mauerer
Universität Regensburg
Melanie Walter-Rogg, Tassilo Heinrich
Universität Passau
Thomas Knieper, Harry Haupt, Stefan Mang, Joachim Schnurbus
Das Ziel des Projektes ist es, eine wissenschaftlich transparente Schätzung der Wählerwanderungen in einem Flächenland vorzunehmen, und hierbei mehrere Datenquellen (Exit Polls, Telefoninterviews, Aggregatdaten der amtlichen Wahlergebnisse auf Gemeinde- und Stimmbezirksebene) systematisch zu kombinieren. Der Mixed-Method-Ansatz der Universitätsstudie Bayernwahl 2018 (USBW18) umfasst mehrere Datenerhebungen. Die für Bayern repräsentative Telefonbefragung wurde vom Centrum für Marktforschung der Universität Passau sowie Studierenden der LMU München durchgeführt, bei den Nachwahlbefragungen waren 200 Studierenden der drei Universitäten beteiligt.
Datenmodule der USBW18-Studie:
1. Bayernweite Telefonumfrage (CATI)
a. Vorwahlbefragung (4.500 Interviews)
b. Nachwahlbefragung (3.500 Interviews)
2. Randomisierte Exit-Poll-Umfrage in drei Städten mit unterschiedlichem Urbanitätsgrad (München, Passau und Regensburg) sowie weiteren Gemeinden in der Oberpfalz und in Niederbayern. Insgesamt wurden N = 17.200 Interviews erhoben.
a. München (6.500 Interviews)
b. Passau und Landkreis Passau (4.500 Interviews)
c. Regensburg sowie weitere Gemeinden in der Oberpfalz und in Niederbayern (6.200 Interviews).
3. Bayernweite Online-Nachwahlbefragung (N = 1.835).
Die bayernweite Telefonumfrage und die Exit Polls innerhalb der USBW18-Studie stützen sich auf kurz gehaltene, zweiseitige Erhebungsbögen, in denen vor allem nach der beabsichtigten bzw. der tatsächlichen Wahlentscheidung und der vergangenen Wahlentscheidung (Rückerinnerungsfrage, Recall-Frage) gefragt wird. Die Erhebungsform orientiert sich weitestgehend an dem Vorgehen von Infratest dimap und der Forschungsgruppe Wahlen, oder etwa der deutschen nationalen Wahlstudie (German Longitudinal Election Study, GLES). Da das bayerische Wahlsystem die Erst- und Zweitstimme aufsummiert und diesen daher identische Bedeutung bei der Ermittlung der Parteienanteile zukommt, haben wir bei der aktuellen Wahlentscheidung zwischen Erst- und Zweitstimme unterschieden.
Basierend auf theoretischen Vorüberlegungen aus den Bereichen Politik- und Kommunikationswissenschaft wurden in der USBW18-Studie bestimmte Schwerpunkte gesetzt. Beispielsweise wurden in Form einer offenen Frage die Gründe für einen Stimmwechsel erhoben. Weiterhin wurde mit Hilfe einer Rückerinnerungsfrage die Zweitstimmenvergabe bei der Bundestagswahl 2017 erfasst. Die Online-Nachwahlbefragung integriert identische Fragestellungen aus der Telefon- und Exit Poll-Befragung in einen deutlich umfangreicheren Fragebogen von 33 Fragen zum Wahlverhalten, zur Beurteilung von Kandidaten und Kandidatinnen, zum Wahlkampf, den Koalitionspräferenzen sowie zu weiteren politischen Einstellungen.
Eine erste Schätzung der Wählerwanderung für die beiden Landtagswahlen 2013 und 2018 für ganz Bayern verwendet die Ergebnisse der CATI-Vorwahlbefragung unter Berücksichtigung der tatsächlichen Ergebnisse aus den Regierungsbezirken (= Wahlkreise). Im ersten Schritt werden dabei die Wählerwanderungen getrennt für die Regierungsbezirke bestimmt. Dabei erfolgt ein Ausgleich möglicher Verzerrungen aufgrund einer erhebungsbedingten zu geringen Anzahl von Telefoninterviews in den Großstädten durch sogenannte Poststratifizierungsgewichte. Anschließend werden die geschätzten Wählerwanderungen mittels der Methode des Iterativen Proportional Fitting-Verfahrens (IPF) (vgl. Klima et al. 2017: 120) getrennt für jeden Regierungsbezirk an die tatsächlichen Randverteilungen angepasst. Das Gesamtergebnis für Bayern ergibt sich damit als das aus den Wahlberechtigten gewichtetes Mittel der einzelnen Regierungsbezirke.
Die geschätzte Wählerwanderung für Bayern zeigt, dass die Ströme von der CSU weg in recht ähnlichem Ausmaß die Grünen und die FW, in höherem Ausmaß die AfD speisen. Die CSU kann diese massiven Abwanderungen aber durch die Mobilisierung von Nichtwählern zumindest etwas abdämpfen. Diese Auffächerung der Abflüsse an programmatisch sehr unterschiedliche Parteien, zeigt welche internen Fliehkräfte diese Partei aushalten musste. Das gilt für die Flüchtlingspolitik wie für den zunehmend virulent werdenden Gegensatz zwischen Wirtschaftsboom und Umweltpolitik in Bayern und v.a. in München. Die sozialdemokratische Partei erscheint im freien Fall. Ihr ohnehin schon geringer Anteil in Bayern wird noch einmal halbiert. Die Wähler wandern massiv zu den Grünen und zur CSU, aber auch zu den Freien Wählern, und zur AfD, und in die Nichtwahl. Die Grünen sind tatsächlich die großen Profiteure der Wählerbewegungen. Sie attrahieren in großem Maßstab von CSU und SPD, und mobilisieren auch noch einmal viele ehemalige Nichtwähler an die Urne. Es handelt sich also um eine enorme und effektive Mobilisierungsleistung während der Kampagne. Das ist sicherlich den bemerkenswert dynamischen und authentischen KandidatInnen geschuldet – einerseits. Aber ebenfalls wichtig ist: Die Grünen haben dieses Mal nicht wie in 2013 Steuererhöhungen für Besserverdienende in den Vordergrund gestellt, sondern eine geschickte ‚Vergrünung‘ des Heimatbegriffs mit einer kompromisslosen Haltung in der Einwanderungsfrage verknüpft, und sehr geschlossen vertreten. Die AfD, erstmalig 2018 bei einer Landtagswahl in Bayern angetreten, hat ein zweistelliges Ergebnis erreichen können. Die Ströme zeigen, dass ihre Wählerschaft vor allem aus ehemaligen Wählern der CSU und der Sonstigen sowie Nichtwählern stammt.
Die politische Debatte um die Landtagswahl 2018 in Bayern kreiste vor allem um die erdrutschartigen Verluste von CSU und SPD sowie die hohen Gewinne bei den Grünen und der AfD. In dieser Diskussion sollte man auch die Ausgangslage seit der Bundestagswahl 2017 in Bayern berücksichtigen. Diese ist für eine strategische Bewertung der Landtagswahlergebnisse wichtig, da die hohen CSU-Verluste bei der Bundestagswahl in Bayern und die für Westdeutschland außergewöhnlich hohen AfD-Ergebnisse zwischenzeitlich die Ablösung des Ministerpräsidenten Seehofer zur Folge hatte. Insofern muss die Bewertung der CSU-Verluste, der SPD-Verluste, wie auch der Grünen- und AfD-Gewinne die Bundestagswahl 2017 als zusätzlichen Maßstab nehmen. Daher wurde in der USBW 18-Studie zusätzlich eine Rückerinnerungsfrage für die Bundestagswahl 2017 – und zwar für die Zweitstimme – in den Fragebogen aufgenommen. Obwohl den Ergebnissen eine unterschiedliche Verrechnung von Erst- und Zweitstimmen zugrunde liegt, lohnt es sich, die Parteianteile bei der Bundestagswahl 2017 und der Landtagswahl 2018 zu vergleichen. Interessanterweise zeigt sich hier im Aggregat, dass die CSU kaum verloren hat und die AfD nicht zulegen konnte, sondern sogar verloren hat. Die hohen Erfolge der Grünen aber auch der FW gehen einher mit maßgeblichen Verlusten der SPD, der FDP und der Linken.
Durch die Datenbasis der USBW18-Studie kann dieser Aspekt der Wahl direkt analysiert werden. Hierzu wird die beabsichtigte Zweitstimmenabgabe bei der Landtagswahl 2018 mit der Rückerinnerung der Zweitstimmenvergabe bei der Bundestagswahl 2017 verglichen. Erst dieses Vorgehen erlaubt eine Schätzung der individuellen Wählerwanderungsentscheidungen. Es zeigt sich, dass die CSU gegenüber dieser Messlatte in geringerem Ausmaße verloren (verglichen mit den Verlusten zwischen Landtagswahl 2013 und Landtagswahl 2018) hat. Davon konnten vor allem die Freien Wähler (FW) und die Grünen profitieren; relevante Verluste gab es auch an die Nichtwähler. Partiell konnten diese Verluste der CSU durch Gewinne von der FDP und von der AfD ausgeglichen werden. Auch wenn die hohen Verluste der SPD ein dominierendes Thema bei der Landtagswahl sind, zeigt sich, dass die FDP und die Linken prozentuell einen größeren Anteil ihrer Wählerschaft – im Vergleich zur Bundestagswahl – verloren haben. Im Vergleich dazu fallen die Verluste der AfD niedriger aus, aber auch sie konnte ihr Bundestagswahlergebnis nicht halten. Alle saldierten Wanderungsströme sind in der folgenden Abbildung dargestellt:
Die gemeinsame Publikation aller beteiligten Forscher:innen erschien 2022 in der Politischen Vierteljahresschrift:
Paul W. Thurner, André Klima, Helmut Küchenhoff, Ingrid Mauerer, Stefan Mang, Melanie Walter-Rogg, Tassilo Heinrich, Thomas Knieper and Joachim Schnurbus. 2022. Micromotives of Vote Switchers and Macrotransitions. Politische Vierteljahresschrift Vol. 63, No. 4, 663-684. Gemeinsam
Pressemitteilungen USBW 2018
- Universitätsstudie Bayernwahl 2018 stellt Ergebnisse vor (externer Link, öffnet neues Fenster)
- Analyse zur Landtagswahl 2018 (externer Link, öffnet neues Fenster)
- Studie zur Landtagswahl 2018 - Süddeutsche (externer Link, öffnet neues Fenster)
- Studie zur Landtagswahl - Welt (externer Link, öffnet neues Fenster)
Wahlverhalten und politische Kultur in Bayern
Die Landtagswahl im Freistaat Bayern am 14. Oktober 2018 bestätigte den Trend, der bereits in anderen Bundesländern und auf der Bundesebene in der vergangenen Dekade zu beobachten war: Das Parteiensystem in der Bundesrepublik Deutschland differenziert sich weiter aus. Die bayerischen Grünen waren mit dem Wahlkampfmotto „Wir treten für ein weltoffenes, buntes und sicheres Bayern für alle ein und kämpfen für Freiheit und Anerkennung, Respekt und Akzeptanz für alle Menschen“ (www.gruene-bayern.de/positionen/a-z/sozialen-zusammenhalt-staerken/) äußerst erfolgreich. Positiv gewendet bedeutet dies, dass auch im CSU-dominierten Bayern die Landespolitik bunter wird, die Wähler somit mehr Auswahlmöglichkeiten für ihre Interessenvertretung haben. Gleichzeitig mehren sich kritische Stimmen, dass das erstmahlige Antreten der Alternative für Deutschland (AfD) auch im südlichsten Bundesland eine Gefahr für die Demokratie bedeuten könnte. Tatsächlich zeigte das Wahlergebnis einen erheblichen Verlust an Stammwählern für die etablierten Parteien CSU und SPD, ein zufriedenstellenden Ergebnis für die Freien Wähler (FW) und die Liberalen (FDP), einen Achtungserfolg für die Alternative für Deutschland (AfD) und ein Rekordhoch für die Grünen. Die bayerischen Grünen erzielten 17,6 Prozent der Stimmenanteile und damit einen Stimmenzuwachs von neun Prozentpunkten im Vergleich zu den Landtagswahlen 2013. Dies überraschte durchaus in dem traditionell konservativ geprägten Bundesland, in dem die Grünen in den vergangenen 40 Jahren nie mehr als 9,4 Prozent (LTW 2008) der Stimmen erhielten.
Auf Basis der Universitätsstudie USBW18 untersucht dieses Projekt das Wahlverhalten und die politische Kultur in Bayern im Hinblick auf die Forschungsstränge „Politische Geographie“, „Politische Soziologie“ und „Medien und Wahlkampf“. Dabei werden zum einen strukturelle Entwicklungen im Bundesland Bayern mit Entwicklungen im Wahlverhalten verglichen, regionales Wahlverhalten in Bayern analysiert und speziell Kleinparteien und ihre Wahlerfolge in Bayern betrachtet. Zudem interessiert uns der Zusammenhang zwischen Issue-Voting und Wechselwahl, von Stimmensplitting und strategisches Wählen bei der Landtagswahl und der Einfluss verschiedener Faktoren wie Wahlkampfführung, Kandidatenangebot, Themen oder auch spezifischer Merkmale wie Geschlecht, Alter oder Bildung auf das Wahlverhalten bei der Landtagswahl 2018 in Bayern. Schließlich wird untersucht, welche Themen den Wahlkampf bestimmten und welchen Einfluss die Berichterstattung in klassischen und sozialen Medien auf den Wahlkampf hatten.
Die Ergebnisse dieses Projektes sind in der folgenden Publikation zusammengefasst:
Walter-Rogg, Melanie und Tassilo Heinrich. 2023. Die Landtagswahl 2018 in Bayern. Analysen zum Wahlverhalten und zur politischen Kultur im Freistaat. Wiesbaden: Springer VS. Gemeinsam mit Tassilo Heinrich. https://doi.org/10.1007/978-3-658-41392-7.
Wahlverhalten bei der Bundestagswahl 2017
Das Projekt von Ann Kathrin-Reinl und Melanie Walter-Rogg prüft, ob die im Jahr 1980 von Reif und Schmitt entwickelte Nebenwahltheorie in Zeiten europaweiter Krisen an Erklärungskraft für das Wahlverhalten im deutschen Mehrebenensystem einbüßte. Europäische und landespolitische Themen sowie sub- und supranationales Wahlverhalten könnten durch überstaatliche Krisen an Einfluss im nationalen Wahlentscheid gewonnen haben. Mittels einer Kombination von GLES-Daten, welche unmittelbar vor der Bundestagswahl 2017 erhoben wurden, wird untersucht, ob eine zunehmende Interdependenz der politischen Ebenen zu beobachten ist. Die Ergebnisse zeigen, dass die Bundestagswahl 2017 noch immer als Hauptwahl klassifiziert werden kann. Gleichzeitig ist aber auch eine Relevanz europäischer und landespolitischer Begebenheiten für die Wahlabsicht bei der Bundestagswahl 2017 festzustellen. Folglich plädieren wir dafür, den Ansatz der Nebenwahltheorie zu erweitern und in künftigen Studien ein zunehmend interdependentes Abstimmungsverhalten im politischen Mehrebenensystem der Bundesrepublik zu berücksichtigen.
Die Ergebnisse dieses Projektes sind in der folgenden Publikation zusammengefasst:
Reinl, AK., Walter-Rogg, M. (2019). Interdependentes Wahlverhalten? Eine Analyse der Auswirkung europaweiter Krisen auf die Wahlabsicht bei der Bundestagswahl 2017. In: Korte, KR., Schoofs, J. (eds) Die Bundestagswahl 2017. Springer VS, Wiesbaden. https://doi.org/10.1007/978-3-658-25050-8_6 (externer Link, öffnet neues Fenster)