Dr. Hamilton
Forschungsprojekt
Kein Philosoph hatte in den letzten fünfzig Jahren eine größere Auswirkung auf die angelsächsische Theologie als der Österreicher Ludwig Wittgenstein (1889-1951). Wittgenstein wird normalerweise als „Sprachphilosoph“ eingestuft. Diese Beschreibung ist jedoch ohne Ergänzung eher irreführend, denn dem „späteren“ Wittgenstein zufolge ist Sprache immer in Kontexte eingebettet, die über Sprache hinausgehen und mit unseren Worten eine Wechselwirkung eingehen. Deshalb spricht Wittgenstein bekanntermaßen von „Sprachspielen“ und „Lebensformen“: Bilder, die die Wichtigkeit der Vielfalt der menschlichen Handlungsweisen, der Leiblichkeit (insbesondere der Gestik) sowie der menschlichen Gemeinschaft (sowohl lokal als auch universell) für die sprachliche Kommunikation einbeziehen. Genauer gesagt, kann man Wittgenstein demnach als einen Philosophen bezeichnen, der sich der sorgfältigen Beschreibung der mannigfaltigen menschlichen Sprachpraktiken und der Entfaltung ihrer Logik widmet.
Wittgensteins großer Einfluss auf die Theologie ist von seinem Selbstverständnis als Denker her zu verstehen. Nach Wittgensteins eigener Ansicht nämlich geht es in seiner Philosophie um die Befreiung von falschen Denkformen oder „Bildern“, die „uns gefangen halten“ (vgl. Philosophische Untersuchungen §115). In PU §133 beschreibt er beispielweise seine Methode als therapeutisch: „Es gibt nicht eine Methode der Philosophie, wohl aber gibt es Methoden, gleichsam verschiedene Therapien“. In §309 fragt Wittgensteins imaginiertes Gegenüber: „Was ist dein Ziel in der Philosophie?“ Worauf Wittgenstein bekanntermaßen antwortet: „Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen.“ Diese besondere Art von Philosophieren macht Wittgenstein für die Theologie anwendbar: Er ist nämlich ein Denker, der der Theologie hilft, eingebettete Fehler zu erkennen und loszuwerden (Freiheit von) sowie die Logik der eigenen (theologischen) Sprache besser zu begreifen und zu verwenden (Freiheit für).
Wittgenstein, obwohl selber kein Theologe, interessierte sich stark für die einzigartige Sprache der Theologie – und besonders für den Begriff „Gott“ – und bezeichnete Theologie daher als eine Art „Grammatik“ (vgl. §373). Die Beschreibung „Theologie als Grammatik“ haben Theologen und Theologinnen mit Begeisterung aufgenommen. Aber wie ist diese genauer zu verstehen? Wo braucht die Theologie „Therapie“? Wo muss der „Ausweg aus dem Fliegenglas“ gezeigt werden? Hier gibt es in der englisch- und deutschsprachigen Theologie verschiedene Antworten, die meine Habilitation darstellt. Meine Habilitation bietet eine übergreifende, systematische Zusammenfassung und Evaluation der Rezeption Wittgensteins in der Theologie, die englisch- und deutschsprachige wissenschaftliche Literatur einbezieht. Im zweiten Teil werde ich mich mit Wittgensteins Philosophie direkt auseinandersetzen im besonderen Hinblick auf seine theologische Relevanz.
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