Zu Hauptinhalt springen

DaF - Theatergruppe Babylon - Aufführungen - 2023

Don Tristano und Donna Isotta

oder

zwei Stunden sind oft mehr wert als vier

Leitmotiv–Burleske

von

Herbert Rosendorfer

im Theater an der Uni

4. bis 8. Juli 2023


Inhalt

Rahmenhandlung auf der großen Bühne
Carlo Goldoni bekommt ein Libretto der Wagner-Oper „Tristan und Isolde“ in die Hand - und er beschließt, dieses Stück mit seiner Theatergruppe aufzuführen. Als der Autor von „Der Diener zweiter Herren“ ist Goldoni aber mehr an die Konstellationen und Lösungen der Komödie gewöhnt und baut den Text, während er ihn mit seiner Truppe aufführt, um. Seine Schauspieler:innen sich als die Charaktere der Commedia dell‘arte glücklicherweise an spontane Handlungsentwicklungen gewöhnt.
Als erstes fügt Goldoni den Diener von Don Tristano (=Tristan) hinzu: Truffaldino, der als Diener natürlich schlau und gewitzt ist und die Handlung dann auch zu einem Happy End führt. Ihm entspricht auf der Seite von Donna Isotta (Isolde) Smeraldina (Brangäne), deren Zofe.

Erster Akt (auf dem Schiff nach Venedig)
Die Handlung beginnt auf dem Schiff, das Isotta nach Venedig bringt, wo sie den Onkel Tristanos, den alten und geizigen Don Pantalone (Marke), heiraten soll. Diese Heirat soll, wie uns Brighella erzählt, einen alten Streit zwischen Don Pantalone und Isottas Vater beilegen.
Smeradina beklagt gegenüber Truffaldino, dass ihre schöne, junge Herrin diesen alten Don Pantalone heiraten soll und so planen die beiden, ihnen einen Liebestrank zu geben. Nicht etwa, um sie ineinander verliebt zu machen, das sind sie schon, wie der lebenskluge Truffaldino feststellt, sondern um ihnen die Erlaubnis zu geben, diese Liebe auch zuzulassen.
Smeraldina und Truffaldino erklären ihren beiden Herren, dass der einzige Ausweg aus dieser Lage Selbstmord ist - und sie würden ihnen Gift beschaffen, damit sie sich umbringen können.
Statt des Gifts geben sie ihnen dann aber einen Liebestrank. Der erste Akt endet damit, dass Tristano und Isotta, nachdem sie den Liebestrank getrunken haben, sich in die Arme sinken.

Rahmenhandlung auf der großen Bühne
Wir erfahren, dass Truffaldino als verkleideter Notar eine Trauung vorgenommen hat und seinen Lohn jetzt in Spaghetti umsetzt.

Zweiter Akt (vor Pantalones Haus in Venedig)
Vor dem Haus von Don Pantalone wartet der Dottore Mellotto auf Pantalone, der eigentlich zur Börse möchte, um dort Geschäfte zu machen. Der Dottore hält Pantalone auf und verrät ihm - gegen Bezahlung - das seine Frau ihn mit seinem Neffen betrügt. Die beiden planen, so zu tun, als ob sie nach Padua verreisen wollten, in Wirklichkeit aber diese Information an Tristano weiterzugeben und das Liebespaar dann auf frischer Tat zu ertappen. Der Dottore erzählt also Truffaldino die Geschichte der angeblichen Reise von Pantalone.

Rahmenhandlung auf der großen Bühne
Die Handlung stoppt kurz, weil Carlo Goldoni von Gotthold Ephraim Lessing, einem der größten deutschen Dichter der Aufklärung Besuch bekommt: Die beiden tauschen sich über die Problem und Besonderheiten von Komödien und Tragödien aus - allerdings verstehen das die Schauspieler:innen von Goldonis Truppe nicht so wirklich - und so misslingt Goldonis Versuch, Lessing mit einer Aufführung eines Stücks aus Minna von Barnhelm oder Das Soldatenglück, eine Freude zu machen - gründlich, weil die an die Effekte der Commedia dell‘arte gewöhnten Schauspieler mit Lessings feiner Untersuchung von Liebe, Ehre und der Wichtigkeit der wirtschaftlichen Beziehungen nicht zurechtkommen. Nachdem Lessing und Goldoni noch kurz die Unsterblichkeit und Meisterschaft Shakespeares gerühmt haben, geht es mit der Handlung weiter.

Zweiter Akt (vor Pantalones Haus in Venedig)
Don Tristano schleicht sich zu einem Rendezvous mit Donna Isotta, da er ja denkt, dass Don Patalone aus dem Weg ist. Die beiden werden überrascht, Don Tristano gelingt die Flucht, Donna Isotta wird von Don Pantalone mit Konsequenzen bedroht und damit endet der zweite Akt.

Rahmenhandlung auf der großen Bühne
Lessing und Goldoni diskutieren, dass nach der Flucht von Isolde nach dem Wagnerschen Textbuch nicht mehr viel Handlung für den dritten Akt übrig ist. In ihre Versuche, dieses Problem zu lösen und die Musik erträglicher zu machen, platzt der Wanderer, der ein glühender Wagnerverehrer ist und sich darüber beschwert, was Goldoni und seine Truppe aus Tristan und Isolde gemacht hat. Trotz seiner Drohungen baut Goldoni das Stück weiter um, als der Wanderer zornig abgeht, stellt sich heraus, dass es eigentlich Pantalone war.
Truffaldino bietet einen alternativen Schluss an, da er die Intrige des Dottore als gewitzer Diener natürlich durchschaut hat.

Dritter Akt (vor Don Pantalones Haus in Venedig)
Vor dem Haus von Don Pantalone wartet der Dottore Mellotto, Truffaldino lässt sich angeblich in die Falle locken und tut so, als ob er glaubt, dass der Dottore und Pantalone nach Padua verreisen. Er schickt aber Donna Isotta und Don Tristano getrennt fort, so dass sie sich ein Alibi organisieren können. Er lässt sich mit Smeraldina in einer Umarmung erwischen, die beiden zurückkommenden Liebenden zeigen sich empört von den Unterstellungen. Als Donna Isotta Pantalone eine Ohrfeige gibt, fällt die Heiratsurkunde auf den Boden; es stellt sich heraus, dass die Heirat ungültig ist, da Truffaldino die Trauung vorgenommen hat.
Pantalone gibt seinen Segen, dass Donna Isotta und Don Tristanio (diesmal wirklich) heiraten und mit diesem Happy End endet das Stück.


Interpretation

Wie schon unser Film am Anfang etwas süffisant fragt - natürlich könnten wir keinen Wagner spielen und auch sonst keine große Tragödie. Und natürlich wollen wir das auch gar nicht.

Aber warum haben wir uns ausgerechnet in diesen doch sehr krisengeschüttelten Zeiten ein Stück ausgesucht, das mit seinem Untertitel „Leitmotiv-Burleske“ das Komödiantische, Schwankhafte ja schon im Titel trägt.

Zum einen finden wir, dass das eine falsche Fährte von Rosendorfer ist - zwischen allen diesen Späßen über gehörnte Ehemänner und Nachttöpfe hat der Text viele zarte Momente, zum Beispiel wenn Smeraldina die Vergänglichkeit der Jugend und Sehnsucht nach Liebe beklagt.
Und auch Truffaldions Antwort, dass man dann halt in alten Geschichten nach alten Lösungen suchen soll, zeigt für uns eine Liebe und einem großen Respekt vor der Geschichte des Theaters, in dem die alten Geschichten immer wieder neu sind.

Da sind wir auch schon bei dem nächsten Grund - solange es Menschen gibt, sind die Konstellationen, in denen wir uns finden und die Schicksale, die wir durchleben - weil wir im besten Sinne menschlich sind - immer wieder vergleichbar. Deswegen sprechen uns auch heute noch die antiken Stoffe aus der Seele. So wie Tristan, Isolde und Brangäne in der Orginalgeschiche ja alles richtig machen wollen und versuchen, als gute Menschen zu handeln und genau deswegen in einer ausweglosen Katastrophe landen, genauso geht es ja auch uns manchmal: Man kann nicht gewinnen, egal, wie sehr man sich anstrengt, am Ende ist man schuld.

„Schuldlos schuldig“ werden Helden auf der Theaterbühne schon seit der Antike - und wir kennen dieses Gefühl noch heute und finden uns in unserem eigenen Leben und im Theater in der tiefen Ungerechtigkeit des Lebens dann doch wieder getröstet und bestärkt. Genauso freuen wir uns noch heute, wenn der Underdog gewinnt und am Ende die „Richtigen“ sich bekommen und das Gleichgewicht des Lebens wieder hergestellt ist.

Im Gegensatz zu einem Weihnachtsfilm können wir hier aber dabei zusehen, wie zwei - gar nicht so unbekannte  - Autoren verhandeln, wie man den Regler von Tragödie auf Komödie drehen kann und welche Effekte komisch sind. Wir sind also unseren Gefühlen im Theater nicht nur ausgeliefert, wir sehen im besten Sinne, wie diese Gefühle entstehen können.

Daneben ist diese Mediation über die Komödie und die Tragödie von einer tiefen Liebe zum Theater, den Schauspieler/innen, ihren Regisseur/innen und Stückeschreiber/innen und dem ganzen Leben auf und hinter der Bühne getragen. Und da wir diese Liebe teilen, hat uns das natürlich sehr angesprochen.
Dann kommen noch ein paar gesalzene Meinungen dazu, wie lange Theaterstücke eigentlich dauern sollen, und ein paar Seitenhiebe auf Wagner und ernste bombastische Musik. Die Kenntnis und die Freude, mit der verschiedene Musikstile, verschiedene Vorstellungen von Theater und Oper und Publikum gegeneinander gestellt werden und zugleich miteinander in Beziehung gesetzt und dann zu einem Stück verschmolzen, hat uns amüsiert und fasziniert.

Die Tragödie entgleitet zwar leicht ins Komische, während die Komödie da robuster ist. Aber gleichzeitig bedeutet Komödie auch viel Arbeit und Timing und Proben und Körperlichkeit - und auf der Strecke haben wir auch ein paar Regenschirme verloren...

Und etwas ernster - gerade die großen tragischen Geschichten, die Katastrophen und Untergänge und erst recht Wagners Musik wurden und werden oft politisch missbraucht. Wir Menschen lassen uns gerne von der großen Tragik verschlingen, von Gefühlen aufwühlen und vergessen in dieser Entgrenzung dann gerne die Vernunft, die Menschlichkeit und die Freundlichkeit  und Toleranz gegenüber anderen, weil sich reiner Zorn oder reine Empörung und die Überzeugung von der Richtigkeit der eigenen Position besser anfühlt.

Als Menschen sind wir alle fehleranfällig und manchmal der Lächerlichkeit preisgegeben. Wir bemühen uns und hin und wieder geht etwas schief und dann stolpert man beim großen Abgang oder verschluckt sich mitten in der Liebeserklärung. Weil wir aber Menschen sind, sind wir auch zur (Selbst)-Ironie fähig und können über unsere nicht so gelungenen Auftritte lachen - im Theater wie im Leben.

Nehmen wir uns  - und die anderen -  also ernst genug, aber nicht zu ernst und lassen uns gerne daran erinnern, dass das Leben voller Tücke und komisch ist.


Zum Autor

Herbert Rosendorfer wurde 1934 in Bozen geboren. In der Zeit von 1939 bis 1943 lebte er in München, danach zog die Mutter mit den Kindern wegen des Krieges nach Kitzbühel zu den Großeltern, 1948 kamen sie nach München zurück - dass er die meiste Zeit seines Lebens dort verbrachte, fand auch Eingang in seine Werke.

Zuerst studierte er ein Jahr Bühnenbild an der Akademie der Bildenden Künste, dann aber Rechtswissenschaften an der Universität München. Seine Karriere als Jurist führte 1967 zu einem Posten als Amtsrichter in München. Ab 1993 war er Richter am Oberlandesgericht Naumburg. 1990 wurde er von der Ludwig-Maximilians-Universität München zum Honorarprofessor für Bayerische Literaturgeschichte ernannt. Nach seiner Pensionierung 1997 lebte er mit seiner dritten Ehefrau in Eppan in Südtirol.

Zu dieser Rückkehr sagte er in einem Interview zum 75. Geburtstag im Februar 2009: „Ich wollte heim, ich gehöre hierher.“(SZ-online, Nachruf am  21.09.2012)

Parallel zu seiner juristischen Tätigkeit schrieb er Texte: Sein literarisches Werk umfasst alle Genres (Lyrik, Romane, Essays, Satiren, Hörspiele, Drehbücher) und sowohl fiktionale wie auch essayistische und geschichtswissenschaftliche Arbeiten.

Umfassend begabt und gebildet, sagte er über sich:
„Ich bin Schriftsteller, ich bin Mensch, politischer Mensch, in dem  Sinn, dass ich politisch interessiert bin, politisch aktiv aber war ich nie. Ich bin Beobachter. Das ist vielleicht der wichtigste Teil dieses Kollegiums, aus dem ich bestehe. Ein bewusst lebender Mensch ist immer auch eine Ansammlung von unterschiedlichen Einzelwesen, von Interessen und Berufen.
Ich bin nicht Maler und Zeichner. Ich zeichne und  male nur gern gelegentlich, zu meiner eigenen  Unterhaltung. Dasselbe  gilt für die Musik. Ich bin nicht Komponist. Dazu hab ich zu viel Respekt vor den wirklichen Komponisten. Ich habe  das   Komponieren  gelernt, schon. Aber auch das ist mehr eine Freizeitbeschäftigung.“
Tiroler Identitäten. Herbert Rosendorfer. Verstehen Sie Rosendorfer? Hg. Martin Kolozs. Eine Biographie von Delia Müller. Innsbruck: 2010, S.8)
Neben seinen phantastischen Texten formulierte er aber auch seine Kritik an der Gesellschaft und sah die Zukunft der Menschen und des Planeten eher dunkelgrau, was sich in folgender Aussage sehr gut nachvollziehen lässt.

„Ich liebe im Großen und Ganzen jeden einzelnen Menschen, den ich näher kennelerne, mit Ausnahmen. Aber die Menschheit insgesamt betrachte ich doch ein bisschen als Ungeziefer, weil sie die Welt, unsere Erde zerstört“ (Rosendorfer, Ich beginne, an der Nichtexistenz Gottes zu zweifeln, S.15).

Kritik an der modernen Welt mit ihrem blinden Konsumwahn und ihrer Hektik ist auch ein Thema seines größten Erfolgs, des Romans „Briefe in die chinesische Vergangenheit“ (1983), in dem die moderne Welt in ihren Paradoxien aus extremer zeitlicher und kultureller Distanz geschildert wird.

Rosendorfer war seit 1990 Honorarprofessor für Bayerische Literaturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München -  und laut Berichten zeigten seine Seminare einen umfassend gebildeten Denker. Rosendorfer war auch Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste und der Akademie der Wissenschaften und der Literatur in Mainz.

Ministerpräsident Horst Seehofer beschrieb ihn anlässlich der Verleihung der Corine für sein Lebenswerk als Dichter mit hohem literarischen Anspruch, großem Unterhaltungswert „und etwas, worauf wir in Bayern besonders großen Wert legen, obwohl es nicht immer verstanden wird: einer feinen Ironie“.

Er starb nach langer Krankheit am 20. September 2012 in Bozen.

Unter Verwendung des Wikipedia-Artikels und des Eintrag im KLG - Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, URL: www.nachschlage.NET/document/16000000469 (abgerufen von Universitätsbibliothek Regensburg am 22.5.2017) Kritisches Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur - KLG edition text + kritik im Richard Boorberg Verlag GmbH & Co Beitrag von Dirk Engelhardt (E) und Bruno H. Weder (B). sowie des Nachrufs in der Süddeutschen Zeitung www.sueddeutsche.de/bayern/efolgsautor-herbert-rosendorfer-gestorben-spaete-rueckkehr-in-die-heimat-1.1474012 ; und des Bandes Herbert Rosendorfer, Ich beginne, an der Nichtexistenz Gottes zu zweifeln. Letzte Gespräche. Herausgeeben von Julia Rosendorfer und Paul Sahner, 2013 München.Bild aus der wikipedia, fotografiert von Dieter Schnöpf, unter creative commons-Lizenz


Rollen

Personen:  in der Reihenfolge ihres Auftretens

Carlo Goldoni

Truffaldino, Diener Don Tristanos

Donna Isotta = die Maske Columbina

Smeraldina, Zofe Donna Isottas

Don Tristano = die Maske Arlecchino

Brighella Kurwenal

Capitano

Dottore Melotto, ein Jurist

Don Pantalone, ein reicher Kaufmann

Gotthold Ephraim Lessing

Im Bühnenoff: Pierrot als Inspizient:in

Scaramouche als Tondirektor:in/Leiter:in der Musik

Ein Liebespaar

Zwei hungrige Diener:innen

Einen reichen Tölpel

Eine theaterhungrige vornehmer Dame

Zwei Bühnenarbeiter:innen

Projektion: Pierrot erklärt die Commedia dell‘ arte

Auf der Bühne steht ein kleines Stegreiftheater. Sonst ist die Bühne leer bis auf ein paar wahllos verschiedene Stühle vorn links und vorn rechts. 



  1. Universität Regensburg

Theatergruppe Babylon

Andreas Legner
Christine Kramel
Dr. Armin Wolff

Babylonlogo 2018

Kontakt

E-Mail