Unter dem Titel „Christologie aus der Liturgie“ kamen vom 23. bis 25. September 2026 namhafte Theologinnen und Theologen aus Deutschland, Österreich, Polen und der Schweiz im Diözesanzentrum Obermünster zusammen. Zu der internationalen und interdisziplinären Tagung eingeladen hatten der Lehrstuhl für Liturgiewissenschaft (PD Dr. Piotr Kubasiak, Prof. Dr. Harald Buchinger,) und der Lehrstuhl für Dogmatik und Dogmengeschichte (Prof. Dr. Dr. Johannes Elberskirch). Gefördert wurde die Konferenz unter anderem von der DFG, der Hans-Vielberth-Universitätsstiftung und dem Bistum Regensburg.
Den Anlass bildete eine Leerstelle: Obwohl die Liturgie als gefeierter Glaube gilt, wird sie als Locus theologicus von der Systematischen Theologie bislang kaum beachtet. Am Beispiel der Christologie als zentralem Traktat der Dogmatik und der römischen Tradition, lotete die Tagung das Potenzial eines interdisziplinären Dialogs von gefeiertem und reflektiertem Glauben aus.
Zum Auftakt ging es um die Zusammenarbeit der beiden theologischen Disziplinen. Robert Woźniak stellte das Projekt einer liturgischen Dogmatik vor, die von der Liturgie auch die praktische Dimension des Glaubens lernen kann. Reinhard Meßner knüpfte die methodische Frage daran: Damit die Liturgie in der Dogmatik wirklich berücksichtigt wird und nicht bloß eine Quelle unter vielen bleibt, brauche es eine neue Methode. Einig war man sich, dass Liturgie und Dogmatik einander kritisch begleiten müssen – sowohl Christologie sei eine Herausforderung für die Liturgie als auch umgekehrt.
Wie sich das am konkreten Material bewährt, zeigte der zweite Tag am Verhältnis von Bibel und Liturgie: Egbert Ballhorn arbeitete aus der Osternacht eine israelzentrierte, theozentrische Christologie heraus, in der Christus als Mittler auftritt, der sich nicht in den Mittelpunkt stellt. Wie stark schon die Auswahl und Kürzung der Antwortpsalmen in der Hohen Woche eine Interpretation darstellt, zeigte Simone Oelke. Harald Buchinger fragte nach der theologischen Produktivität biblischer Textprobleme und plädierte dafür, Mehrdeutigkeiten zu bewahren. Die der Tagung aufgegebene Thematisierung der performativen Aktualisierung griff Tobias Nicklas auf, indem er betonte, dass Christologie beim Lesen und Hören in einer aktiven inneren Performanz stets neu entsteht. Isabella Bruckner erschloss den Weihnachtsfestkreis, in dem die Liturgie die Sehnsucht und insbesondere den Christus als desideratus aller Völker lebendig hält. Peter Ebenbauer machte am Beispiel der Beschneidung Jesu deutlich, wie sehr dessen Judesein in der liturgischen Tradition zurücktritt, und trat dafür ein, die Bundestheologie in die Liturgie zu integrieren. Anhand der Tauffragen fragte Piotr Kubasiak nach der Christologie und beschrieb sie mit Blick auf natum et passum, Geburt und Leiden Christi, als bewusst selektiv fragmentarisch. Matthias Reményi beschloss den zweiten Tag mit einem kritischen Beitrag zur Auferstehung Christi als Anfrage an das bekannte Axiom lex orandi – lex credendi.
Die Erlösung, Gottheit Christi und gelebte Frömmigkeit prägten den letzten Konferenztag. Ingrid Fischer ging den Christologien aus den gefeierten Liturgien der Tagzeitenliturgie an den drei Tagen vor Ostern nach und machte bewusst auf den doppelten Plural aufmerksam. Johannes Elberskirch deutete den Karsamstag von der Schabbatruhe her, die er nicht als Metapher, sondern als Verbindung von Erlösung, sozialer Befreiung und ethischer Aufgabe verstand, und knüpfte dabei an Emmanuel Levinas an. Wie sich eine hohe Christologie aus Hymnen und Gebeten konstruieren lässt, wurde von Alexander Zerfaß entfaltet. Das Beten „zu“ und „durch“ Christus in der Eucharistiefeier thematisierte Ursula Schumacher. Die bleibende Spannung zwischen beiden Gebetsrichtungen verstand sie als Ausdruck des Glaubensvollzugs selbst, der die Dogmatik zu Pluralität ermutigen kann. Den Blick auf die Praxis lenkte Daniela Blum anhand verschiedener Darstellungen von Christus und zeigte damit, wie sich die gelebte Religiosität Ausdruck verschafft. Die Sicht der Konfessionen brachten schließlich Michael Meyer-Blanck für den evangelischen und Josef Wohlmuth für den katholischen Gottesdienst ein.
Die explizit wie implizit gestellte Frage nach Normativität prägte die Vorträge und Diskussionen der Tagung, auch in einer produktiven Differenzierung einer Theologie der Liturgie und einer Theologie aus der Liturgie. Die Konsequenzen der Unterscheidung müsse man erst noch ausloten, wie Harald Buchinger zu verstehen gab. Einen weiteren Gegenstand der Diskussion zum Abschluss bildete das Verhältnis von theologischer Reflexion und gemeindlicher Praxis, dessen Anfragen den Auftakt von Robert Woźniak – „There is no church without liturgy and no liturgy without church.“ – unterstrichen und damit den interdisziplinären Dialog der Tagung in die aktuelle kirchliche Situation zurückbanden.
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