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Aktuelles: Digitale Vortragsreihe

Wintersemester 2026/27

26. August 2026

Kritische Perspektiven auf Bildung für nachhaltige Entwicklung: Theoretische Grundlagen und Praxisanwendungen

Die Reihe beleuchtet kritische und weniger sichtbare Perspektiven im BNE-Diskurs. Dabei werden sowohl theoretische als auch praktische Perspektiven beleuchtet, etwa wie sieht eine dekoloniale BNE aus. Die Vortragstermine beinhalten jeweils einen ca. 45minütigen Vortrag mit anschließender Diskussion.

14tägig mittwochs 17 Uhr

Einwahl in Zoom:
https://uni-regensburg.zoom-x.de/j/65776805310?pwd=gItOyb8XccHxiU256xVkSCxz9kgsb1.1 (externer Link, öffnet neues Fenster)
Meeting-ID: 657 7680 5310 | Kenncode: 051415 | Anmeldung erbeten: sekretariat.bne​(at)​ur.de (öffnet Ihr E-Mail-Programm)

Flyer zum Download (öffnet neues Fenster). (nicht barrierefrei)


Programm:

Mittwoch, 04.11.2026
Der Apfelring mit Biss – ökozentrische Perspektiven im BNE-Diskurs?

Prof. Dr. Markus Wilhelm (Pädagogische Hochschule Luzern)

Seit Jahren dominieren in der Bildung vereinfachte Nachhaltigkeitsmodelle wie das Drei-Säulenmodell, das Nachhaltigkeitsdreieck oder Schnittmengenmodelle, die von einer grundsätzlichen Gleichwertigkeit ökologischer, ökonomischer und sozialer Entwicklungen ausgehen. Zunehmend rücken jedoch fachwissenschaftlich fundierte Ansätze wie Doughnut-Ökonomie, Earth System Justice oder Just Transition in den Fokus. Vor diesem Hintergrund schlagen wir mit dem «Apfelring mit Biss» eine Metapher für eine Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft vor. Als Korridormodell bringt sie eine stärker ökozentrische Perspektive in den Diskurs der Bildung für nachhaltige Entwicklung ein und erfüllt eine doppelte Funktion: Sie dient Lehrkräften als Analyseinstrument zur Einordnung von Bildungsinhalten und Schüler*innen als Werkzeug zur kritischen Auseinandersetzung mit diesen.  

Dabei gewinnt die klassische Unterscheidung zwischen System-, Ziel- und Transformationswissen für die Didaktik der Nachhaltigkeitswissenschaft zunehmend an Bedeutung. Während für System- und Zielwissen die Kategorien der (doppelten) Komplexität und (doppelten) Kontroversität etabliert sind, bleibt Transformationswissen jedoch häufig konzeptionell unterbestimmt. Der Vortrag argumentiert, dass die aus der soziologischen Theorie stammende Kategorie der doppelten Kontingenz geeignet ist, diese Leerstelle zu schließen und mit dem Nachhaltigkeitsmodell «Apfelring mit Biss» kompatibel ist. Daraus entsteht ein Orientierungsrahmen für die Gestaltung von Lehr-Lern-Prozessen, insbesondere im Hinblick auf reale und spielerische Probehandlungen. Die Ausführungen basieren auf aktuellen Forschungsprojekten am UNESCO-Lehrstuhl der Pädagogischen Hochschule Luzern.

Mittwoch, 18.11.2026
Postkoloniale Perspektiven in der BNE am Beispiel von Bildungsteilhabe im ländlichen Ghana

Prof. Dr.in Susanne Ress (Technische Universität Berlin)

Forscherinnen: Sophia Friedson-Ridenour, Nancy Kendall, Susanne Ress, Yaa Ampofo  

In dem Vortrag wird aufbauend auf Forschung zum Wechselverhältnis von Schule und den Folgen des Klimawandels in Futakɔƒe im ländlichen Ghana die Relevanz von postkolonialen Perspektiven in der BNE herausgearbeitet. Die Studie, deren Ergebnisse in dem Vortrag vorgestellt werden, bietet eine mikroanalytische Darstellung der geschlechtsspezifischen Belastungen, denen Schüler:innen ausgesetzt sind, während sie sich zwischen dem Versprechen von Bildung und der Realität ökologischer und wirtschaftlicher Unsicherheit bewegen. Es wird analysiert wie Klimawandel und Umweltzerstörungen die Überlebenslasten von Haushalten verschärfen und lebenswichtige Ressourcen monetarisieren, wodurch geschlechtsspezifische und klassenbezogene Ungleichheiten im Zugang zu Schulbildung sowie das soziale Gefüge, das Lernen stützt, untergraben werden. Gleichzeitig verschärfen Schulsysteme – die sich eng auf die Prüfungsvorbereitung konzentrieren und auf kostenpflichtigen Nachhilfeunterricht angewiesen sind – diese Belastungen oft eher, anstatt sie zu mildern. Das „Postkoloniale“ wird in zweifacher Hinsicht thematisiert, indem gefragt wird: i) inwiefern der Klimawandel und seine Folgen Schulbildung in postkolonialen Kontexten beeinträchtig; ii) in welcher Weise das Wissen um diese Beeinträchtigungen das Nachdenken über BNE z.B. in Deutschland beeinflussen kann (oder sollte). Während Bildung weithin als Schlüsselstrategie zur Förderung von Klimaresilienz und nachhaltiger Entwicklung dargestellt wird, zeigen die Ergebnisse, dass schulpolitische Maßnahmen und Praktiken die klimabedingte Vulnerabilitäten von Schüler:innen noch verstärken können. Die Analysen werfen Fragen zum Umgang mit Differenz auf und liefern Hinweise auf Dekolonialisierungspotentiale in BNE-Diskursen.

Mittwoch, 02.12.2026
“Education for the end of the world as we know it”? Kritik der BNE aus einer (nicht nur) postkolonialen Perspektive

Prof. Dr. Werner Wintersteiner (Alpen-Adria-Universität Klagenfurt)

BNE gilt weltweit als zentrale bildungspolitische Aufgabe und ist in vielen internationalen Dokumenten verankert. Sie beflügelt die Arbeit von Pädagog*innen und liefert ihnen Ressourcen und Legitimation für ihre Arbeit. Zweifelsohne eine Erfolgsgeschichte.  

Andrerseits ist BNE aber immer auf Einsprüche gestoßen, die grundsätzliche Fragen nach der Eignung und Legitimität des Ansatzes aufwerfen. Besonders „nachhaltige Entwicklung“ wird als unmöglicher Kompromiss zwischen dem ökologischen Anliegen und den vorherrschenden ökonomischen Interessen und Machtverhältnissen kritisiert. Das Wachstumsparadigma werde damit festgeschrieben statt infrage gestellt, um “business-as-usual“ betreiben zu können. Dass Bildung eine grundsätzliche gesellschaftliche Transformation anstreben muss, ist auch das Anliegen einer postkolonialen Pädagogik. Sie fragt, welche Bildung darauf vorbereiten könnte, sich der Unmöglichkeit zu stellen, unsere heutigen modern-kolonialen Lebensgewohnheiten aufrechtzuerhalten, die von rassistischer, kolonialer und ökologischer Gewalt geprägt sind. „Anstatt ‚Bildung für nachhaltige Entwicklung‘ neu zu konzipieren, überlegen wir, wie wir uns ‚Bildung für das Ende der Welt, wie wir sie kennen‘ vorstellen könnten“ (Sharon Stein et al. 2021).  

Diese Kritiken sollen genauer vorgestellt werden, um anschließend den Begriff der „Planetary Citizenship Education“ ins Spiel zu bringen.

Mittwoch, 16.12.2026
Ökofeministische Perspektiven auf Bildung unter nicht-nachhaltigen Bedingungen

Dr.in Simone Müller und Prof.in Dr.in Maria Stimm (Universität Graz)

Der zunehmenden Verankerung des Leitbilds der Nachhaltigkeit steht die Diagnose einer‚nachhaltig nicht-nachhaltigen Gesellschaft‘ gegenüber (Blühdorn et al. 2020). Diese verweist auf die Stabilität jener Vergesellschaftungsformen, in denen – auch über Nachhaltigkeitsdiskurse – bürgerlich-kapitalistische, euro-, andro- und anthropozentrische Ordnungen normalisiert werden. Konzepte wie Bildung für Nachhaltige Entwicklung erscheinen vor diesem Hintergrund zwar anschluss- und zustimmungsfähig, werden zugleich aber mit einem Lösungsversprechen aufgeladen, das unter nicht-nachhaltigen Bedingungen kaum einlösbar ist (u.a. Hamborg 2023; Schandl 2003).

Im Vortrag widmen wir uns daher den Un:Möglichkeiten von Bildung unter nicht-nachhaltigen Bedingungen. Im Zentrum stehen dabei jene Verhältnisse, Logiken und Selbstverständlichkeiten, die in pädagogischen Handlungsfeldern wirksam sind und gängige Diskurse und Praktiken von Umwelt- und Nachhaltigkeitsbildung mitformen. Wir rücken damit beispielhaft in den Blick, wie Bildung unter nicht-nachhaltigen Bedingungen selbst an der Reproduktion jener Verhältnisse beteiligt sein kann, die sie zu verändern oder gar zu lösen beansprucht.

Wir knüpfen entlang unserer Problematisierungen Verbindungen mit ökofeministischen Ansätzen, welche gegenwärtige Nachhaltigkeitsdiskurse insofern irritieren, als sie sozial-ökologische Krisen nicht primär als Steuerungs-, Wissens- oder Bewusstseinsproblem fassen, sondern als Effekt verschränkter Herrschaftsverhältnisse analysieren (u.a. Gaard 1993; Plumwood 1993). Damit eröffnen wir eine ökofeministische Perspektive, die nach den nicht-nachhaltigen Bedingungen von Bildung fragt.

Literatur

Blühdorn, Ingolfur/Butzlaff, Felix/Deflorian, Michael/Hausknost, Daniel/Mock, Mirijam (Hrsg.): Nachhaltige Nicht-Nachhaltigkeit. Warum die ökologische Transformation der Gesellschaft nicht stattfindet. Bielefeld: transcript, S. 83–160.

Gaard, Greta (1993): Ecofeminism. Women, Animals, Nature. Philadelphia: Temple University Press, S. 1-12.

Hamborg, Steffen (2023): Zuviel des Guten. Proklamationen und Realitäten der Bildung im Spiegel von Nach-haltigkeit und Transformation. In: DDS – Die Deutsche Schule 115 (2), S. 153–161.

Plumwood, Val (1993): Feminism and the Mastery of Nature. New York: Routledge.

Schandl, Franz (2003): Sustainability? Verwürfe zum ökologischen Dauerlutscher der Nachhaltigkeit. In: Streifzüge 3/2003, S. 13–14 

Mittwoch, 13.01.2027
Posthumanistisch-neumaterialistische Perspektiven auf Bildung für nachhaltige Entwicklung – Gemeinsames Weltwerden

Prof.in Dr.in Anja Sieber Egger und Dr.in Gisela Unterweger (Pädagogische Hochschule Zürich)

Eine sinnvoll konzipierte Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) erscheint angesichts der immer deutlicheren Auswirkungen der Klimakrise dringlicher denn je. Der Vortrag greift aus einer posthumanistisch-neumaterialistischen Perspektive die Frage auf, welche Denkfiguren, Subjekt- und Naturvorstellungen in gängigen Konzepten von BNE wirksam sind – und wo sie angesichts der Verhältnisse im Anthropozän an Grenzen stossen. Fünf zentrale Problemfelder werden eröffnet: 1) Die Vereinfachung ökologischer Zusammenhänge durch lineare und hierarchische Darstellungen; 2) Die Vorstellung von Natur als Ressource für menschliche Bedürfnisse; 3) Ein reduktionistisches Verständnis von Agency, das Handlungsmacht primär dem Menschen zuschreibt; 4) Die Fokussierung auf das individuelle, kompetente Kind; 5) Die Schwierigkeit, Verantwortung in mehr-als-menschlichen Verflechtungen neu zu denken. Der Vortrag fragt, wie Bildungsprozesse aussehen könnten, die als Lernen mit, durch und inmitten von mehr-als-menschlichen Welten verstanden werden. Damit rücken Relationen zwischen Kindern, Dingen, Tieren, Pflanzen, Technologien, Orten und Atmosphären ins Zentrum. Zugleich wird sichtbar, dass eine solche Perspektive Fragen sozialer Ungleichheit, kolonialer Wissensordnungen und pädagogischer Verantwortlichkeit nicht ausblenden kann. Zur Diskussion stehen damit auch die Grenzen kompetenzorientierter und technokratischer Vorstellungen von Nachhaltigkeit. Ziel ist es, BNE nicht nur als Programm zur Zukunftssicherung, sondern als ethisch, politisch und pädagogisch herausfordernde Praxis gemeinsamen Weltwerdens zu diskutieren.

Mittwoch, 27.01.2027
Wachstumskritische Perspektiven auf BNE

Christoph Sanders (Konzeptwerk Neue Ökonomie e. V. )

Dieser interaktive Vortrag führt zunächst in die Debatte zu Grünem Wachstum und Postwachstum/Degrowth ein. Sie verdeutlicht, dass BNE auf inhaltlicher Ebene neben Nachhaltigkeitsstrategien, die auf der Produktionsseite ansetzen (Effizienz und Konsistenz), auch die sozial-kulturelle Strategie der Suffizienz berücksichtigen sollte. Suffizienz stellt letztlich die Frage, was wir tatsächlich für ein gutes Leben (für alle) brauchen und wie wir miteinander (einschließlich der Natur) in Beziehung sein wollen. Diese Frage ist auch zentral für Wachstumskritiken, die globale sowie historisch gewachsene Ausbeutungsverhältnisse berücksichtigt und insbesondere aus dem Globalen Süden inspiriert ist.

Vor diesem Hintergrund wird im Vortrag langsam auch die methodische Relevanz der Wachstumsdebatte deutlich werden. Eine (wachstums-) kritisch-emanzipatorische BNE gibt entsprechend Raum für Emotionen und Körper, um tief verinnerlichten und vermachteten Wahrnehmungs- und Verhaltensmustern auf die Spur zu kommen, die mit wachstumsbasierten und nicht-nachhaltigen Lebens- und Produktionsweisen verbunden sind. Sie erfordert letztlich ein erweitertes Skill-Set für BNE-Referent*innen und die fortwährende Arbeit an einer eigenen diskriminierungssensiblen Haltung. Sie zielt primär auf kritische Reflexion und die Stärkung von Menschen statt auf Verhaltensveränderung. Der Vortrag gibt Raum für Austausch und bietet viele Praxisbeispielen einer entsprechenden BNE von der Methodenplattform „Endlich Wachstum“.

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