Ausgangspunkt der aktuellen Studie von Gregor Dorfleitner und Pedro Guilherme Ribeiro Piccoli von der Pontifícia Universidade Católica do Paraná, Curitiba, Brasilien, war die Frage, was geschieht, wenn Netflix einen alten Unternehmensskandal neu erzählt – einen, dessen Fakten bereits öffentlich bekannt sind.
Nach klassischer Finanzmarkttheorie dürfte in diesem Fall nichts passieren: Sind Informationen öffentlich verfügbar, sollten sie längst in den Aktienkursen verarbeitet sein.
Die empirischen Ergebnisse zeigen jedoch ein anderes Bild.
Die Arbeit untersucht die Kapitalmarkteffekte von Unternehmensskandal-Dokumentationen auf Netflix. Die Analyse zeigt: Sobald eine entsprechende Dokumentation veröffentlicht wird, beginnen die Aktienkurse der betroffenen Unternehmen zu fallen – langsam, aber nachhaltig. Drei Monate nach Veröffentlichung liegen die abnormalen Renditen im Durchschnitt bei rund −15 Prozent.
Parallel dazu steigen Handelsvolumina und Google-Suchanfragen signifikant an. Aufmerksamkeit entsteht – und mit ihr Divestment-Entscheidungen von Investoren.
Die zugrunde liegenden Fakten waren zwar bereits bekannt. Doch erst die narrative Aufbereitung, die enorme Reichweite und die emotionale Wirkung der Plattform führen offenbar dazu, dass diese Informationen für viele Marktteilnehmer tatsächlich handlungsrelevant werden.
Netflix fungiert damit faktisch als neuer Informationsintermediär für Kapitalmärkte.
Reichweite schlägt Verfügbarkeit.
Die Studie ist im Journal of Business Economics erschienen und steht als Open Access zur Verfügung.
Dorfleitner, G., Piccoli, P. (2026). Seeing is believing: The impact of corporate scandal documentaries on stock prices. Journal of Business Economics.
https://doi.org/10.1007/s11573-025-01255-6 (externer Link, öffnet neues Fenster)