Wenn selektiver Abruf Erinnerungen auffrischt
Das Erinnern frisch eingespeicherter Gedächtnisinhalte verschlechtert sich mit der Zeit. Selektiver Gedächtnisabruf kann dieses zeitabhängige Vergessen unterbrechen und die nicht abgerufenen Inhalte wieder zum Leben erwecken. Kontextreaktivierungsprozesse spielen dabei eine zentrale Rolle. Der selektive Abruf reaktiviert den zeitlichen Kontext während der Einspeicherung und führt so zu einer Verjüngung anderer, zur selben Zeit eingespeicherter Inhalte.
Zentrale Publikationen:
- Bäuml, K.-H. T., Meixensperger, S. R., & Hirsch, M. L. (2025). Reinstating memories' temporal context at encoding causes Sisyphus-like memory rejuvenation. Proceedings of the National Academy of Sciences, 122, e2114377119. view full text as pdf
- Bäuml, K.-H. T. & Trißl, L. (2022). Selective memory retrieval can revive forgotten memories. Proceedings of the National Academy of Sciences, 119, e2114377119. view full text as pdf
Wenn das Abtesten von Lernmaterial das Erinnern verbessert
Die wiederholte Abrufübung neu gelernten Materials verbessert den späteren Abruf dieses Materials im Vergleich zu einer Situation, in der dieses nur wiederholt präsentiert wird. Das spätere Lernen weiterer Materialien profitiert ebenfalls von einer solchen Abrufübung. Selbst Tests, die bereits vor dem eigentlichen Lernprozess durchgeführt werden-und damit faktisch ein Raten darstellen-können das Erinnern nachhaltig fördern.
Zentrale Publikationen:
- Kliegl, O., Bartl, J., & Bäuml, K.-H. T. (2024). The pretesting effect comes to full fruition after prolonged retention interval. Journal of Applied Research in Memory and Cognition, 13, 63-70. view full text as pdf
- Pastötter, B., Schicker, S., Niedernhuber, J., & Bäuml, K.-H. T. (2011). Retrieval during learning facilitates subsequent memory encoding. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, & Cognition, 37, 287-297. view full text as pdf
Wenn sich Gedächtnis aktualisiert
Das Ersetzen veralteter, inzwischen irrelevanter Erinnerungen durch neuere, relevantere Erinnerungen ist der Schlüssel zu einem effizienten Gedächtnissystem. Eine solche Gedächtnisaktualisierung zeigt sich, wenn Personen, nach dem Einspeichern einiger Erinnerungen, gebeten werden, diese Erinnerungen wieder zu vergessen, bevor sie andere, angeblich relevantere Erinnerungen einspeichern sollen. Der Vergessenshinweis verschlechtert das Erinnern der veralteten Inhalte und verbessert das Erinnern der neueren Inhalte.
Zentrale Publikationen:
- Abel, M. & Bäuml, K.-H. T. (2017). Testing the context-change account of list-method directed forgetting: The role of retention interval. Journal of Memory and Language, 92, 170-182. view full text as pdf (item material)
- Pastötter, B. & Bäuml, K.-H. (2010). Amount of postcue encoding predicts amount of directed forgetting. Journal of Experimental Psychology: Learning, Memory, & Cognition, 36, 54-65. view full text as pdf
Wenn selektiver Abruf zu Vergessen führt
Der Abruf von Erinnerungen unmittelbar nach ihrer Einspeicherung kann zum Vergessen anderer Erinnerungen führen. Inhibitorische Prozesse spielen dafür eine kritische Rolle. Um den gezielten Abruf bestimmter Erinnerungen zu erleichtern, werden andere, potenziell störende Erinnerungen aktiv inhibiert, was zu einer Schwächung der Gedächtnisrepräsentation dieser Erinnerungen und so zu einer Beeinträchtigung ihres Erinnerns führt.
Zentrale Publikationen:
- Bäuml, K.-H. & Kuhbandner, C. (2007). Remembering can cause forgetting - but not in negative moods. Psychological Science, 18, 111-115. view full text as pdf
- Bäuml, K.-H. (2002). Semantic generation can cause episodic forgetting. Psychological Science, 13, 357-361. view full text as pdf
Gedächtnis bei Kindern und älteren Erwachsenen
Die Gedächtnisleistung von Kindern und älteren Erwachsenen ist im Vergleich zu der bei jungen Erwachsenen in vielerlei Hinsicht beeinträchtigt. Zu den Beeinträchtigungen gehören reduzierte Wirkungen selektiven Gedächtnisabrufs, eine ineffiziente Gedächtnisaktualisierung und eine verminderte positive Wirkung von Gedächtnisabruftrainings. Diese Unterschiede zeigen sich besonders bei Kindergartenkindern und älteren Erwachsenen ab 75 Jahren.
Zentrale Publikationen:
- Aslan, A. & Bäuml, K.-H. T. (2014). Later maturation of the beneficial than the detrimental effect of selective memory retrieval. Psychological Science, 25, 1025-1030. view full text as pdf
- Aslan, A., Bäuml, K.-H. & Pastötter, B. (2007). No inhibitory deficit in older adults’ episodic memory. Psychological Science, 18, 72-78. view full text as pdf
Neuronale Korrelate des Einspeicherns und Vergessens
Wenn neue Erinnerungen im Gedächtnis eingespeichert oder bereits eingespeicherte Erinnerungen abgerufen werden, werden bestimmte Gehirnregionen aktiv. Dabei treten Veränderungen in den Gehirnoszillationen auf, die sich häufig in Amplitudenänderungen in bestimmten Frequenzbändern widerspiegeln. Die beteiligten Gehirnregionen und die Auswirkungen auf die Oszillationen variieren je nach Aufgabe und unterscheiden sich zwischen Einspeicherung und Abruf.
Zentrale Publikationen:
- Hanslmayr, S., Volberg, G., Wimber, M., Raabe, M., Greenlee, M. & Bäuml, K.-H. T. (2011). The relationship between brain oscillations and BOLD signal during memory formation: a combined EEG-fMRI study. The Journal of Neuroscience, 31, 15674-15680. view full text as pdf
Hanslmayr, S., Spitzer, B., & Bäuml, K.-H. (2009). Brain oscillations dissociate between semantic and non-semantic encoding of episodic memories. Cerebral Cortex, 19, 1631-1640. view full text as pdf