Workshop der AG Fernsehen der GfM und der Medienwissenschaft Regensburg
Universitat Regensburg
Raum: BioPark 1 | BIP 1.0.09 (Navigation: https://urwalking.ur.de/navi/navi/nn/Campusplan/1/1163/Biopark1/1/11?v=ur (externer Link, öffnet neues Fenster))
28.– 29. Mai 2026
Organisation: Jana Zündel (zuendel@tfm.uni-frankfurt.de (öffnet Ihr E-Mail-Programm)); Kim Carina Hebben (kim.hebben@tu-dortmund.de (öffnet Ihr E-Mail-Programm)); Christine Piepiorka (christine.piepiorka@gmx.de (öffnet Ihr E-Mail-Programm)) und Herbert Schwaab (herbert.schwaab@ur.de (öffnet Ihr E-Mail-Programm))
Beschreibung
True Crime ist eine kulturelle Form mit engen Bindungen an die Geschichte, Technologie und Ästhetik des Fernsehens. Es verkörpert in vollkommener Weise den überwachenden Charakter des Mediums. True Crime aktiviert Zuschauende nicht nur durch den Aufruf zur Verbrechensbekämpfung in Formaten wie Aktenzeichen XY Ungelöst seit den 1960er Jahren, sondern macht mit Camcorder- und später Smartphoneaufnahmen diese selbst zu Medienakteur:innen. Bilder von Überwachungskameras und weiteres dokumentarisches Material wie Beweisfotos, Verhöraufnahmen, Gerichtsübertragungen und Re-Enactments von Verbrechen schreiben sich direkt in die televisuellen Formen ein. Damit tragen sie zu einer Popularisierung von punitiven Fantasien als Teil einer neuen – vor allem in den USA von law and order-Ideologien geprägten – Verbrechenskultur bei. True Crime liefert aber nicht nur hybride Bilder und Narrationen des Fernsehens, sondern lässt sich, wie Deborah Jermyn in ihrer Studie zu Crimewatch UK (2007) anmerkt, als Medium der Verarbeitung einer vor allem von Frauen empfundenen Angst vor Verbrechen und Gewalt begreifen. Zugleich ist True Crime Teil einer von Mark Seltzer (2007) beschriebenen wound culture, die auf tiefgreifende Verletzungen, Irritation und Ängste der Gesellschaft verweist.
Der Jahresworkshop 2026 der AG Fernsehen, „True Crime, Fernsehen und Medien“, wird sich mit den vielfältigen Verbindungen zwischen Kriminalität, mediatisierter Verbrechensaufklärung und Fernsehen beschäftigen. Gerade in den letzten Jahren haben diese in aufwendigen True-Crime-Formaten von Streaming-Plattformen wie Netflix eine neue Konjunktur erlebt, dabei aber ihre Bindung an klassische Formate und Ästhetiken des Fernsehens behalten. Aktivitäten der Zuschauenden finden heute in der Form von „web sleuthing“ statt, entsteht eine von Forensik faszinierte Fankultur (Rothöhler 2021), die es kritisch zu erfassen gilt. Gerade die Erweiterung dieser publikumsseitigen Medienpraktiken und des ‚Genres‘ True Crime um Podcasts, die sich an fernsehseriellen Erzählweisen orientieren (z.B. der erste erfolgreiche Podcast Serial von Sarah Koenig von 2014) und in den 2010er Jahren populär wurden, weist auf komplexe transmediale Verflechtungen von Fernsehen, Online-Plattformen und sozialen Medien hin, die Tanja Horeck (2019) als einen effektiven Produzenten von Affekten und der Zirkulation von content identifiziert hat. True Crime mag schon immer eine eher randständige und problematische Kultur gewesen sein, mit der Popularität im Fernsehen und auf Streaming-Portalen und dem komplexen Zusammenspiel mit Podcast und anderen Plattformen der digitalen Kultur rückt es immer stärker in das Zentrum unserer Medienkultur.
Programm
28. und 29. Mai 2026
DONNERSTAG, 28.05.2026
13:00–13:30 Begrüßung
Organisatorisches
Christine Piepiorka, Kim Hebben und Jana Zundel (Sprecherinnen der AG Fernsehen)
Impuls: Überwachen und Strafen… auf YouTube und TikTok
Herbert Schwaab (Regensburg)
13:30–14:00 Kriminologie und True Crime
Reality Check: True Crime
Tabea Ding et al. (Universitat Regensburg, Lehrstuhl fu r Strafrecht und Kriminologie)
14:15 – 14:30 Pause
14:30 – 15:30 Panel I: Forensik des Verbrechens und des Sozialen
Blutspurenanalyse vs. True Crime-Podcast: Forensische Medienpraktiken in DEXTER und DEXTER – NEW BLOOD
Melanie Mika (Tubingen)
Reassessment, Reinterpretation, New Rendering. Soziale (Re-)Kontextualisierungen in fiktionalen True-Crime-Serien
Jan Weckwerth (Gottingen)
15:30 – 15:45 Pause
15:45 – 17:15 Panel II: Verbrechen und Wissenseffekte
Zwischen Aufklärung und Voyeurismus. Ripperologie und die problematische Produktivität des True Crime
Chiara-Marie Hauser (Wien)
Monitoring Uncertainty. Zur epistemischen Struktur von True Crime
Raphaela Tkotzyk (Dortmund)
Zwischen Aufklärung und Sensationalismus: Zur gesellschaftlichen Funktion von True-Crime-TV-Formaten
Constanze Schliwa (Hamburg)
17:15 – 18:00 Tatort-Wechsel
18:00 – 19:30 Kinovorstellung (geplant, TBC)
DIESE SENDUNG IST KEIN SPIEL – DIE UNHEIMLICHE WELT DES EDUARD ZIMMERMANN (Regina Schilling, D 2024)
Filmgalerie Regensburg
20:00 Gemeinsames Abendessen
FREITAG, 29.05.2026
9:00 – 10:00 Panel III: Web Sleuthing und Zuschauerinvestigation
From Viewers to Investigators: Audience Participation in Turkish True Crime Talk Shows
Zeynep Tuna (Frankfurt/Berlin)
Verletzende Bilder – Zu medialen Übergängen, Archivalness und True Crimes Legitimationsstrukturen
Julia Wilms (Koln)
10:00 – 10:15 Pause
10:15 – 11:00 Workshop zum DfG Projekt: „Web Sleuthing. Medienpraktiken kriminalistisch ermittelnder Amateur:innen“
Web Sleuthing und televisuelle Ästhetik. Forensische Artefakte, serielle Formen und aktivierte Zuschauer:innen in True Crime
Anne Ganzert (Marburg)
11:00 – 11:15 Pause
11:15 – 12:15 Panel IV: Verdachtsmomente und Verschwörungsnarrative
Verdachtskaskaden. Nicht endende Fallstudien in digitalen True-Crime-Formaten
Jan Harms (Dusseldorf)
True Crime und Political Commentary auf YouTube
Fabian Kling (Mainz)
12:15 – 12:30 Pause
12:30 – 13:30 Panel V: True Crime in odd places
Tatorte. Wahre Schuld im fiktionalen Verbrechen
Gal Hertz (Jerusalem)
„Who is the Masked Man?” – Zur Verbindung zwischen professionellem Wrestling und True Crime
Oliver Kroner (Dusseldorf)
13:30 – 14:00 Abschlussdiskussion