Aktuelle Forschungsprojekte
Medienepistemologie und Digitale Wissenskulturen
Heisenberg-Professur | Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2026–2031
Übergreifendes Ziel des Vorhabens ist es, einen Ansatz zu entwickeln, der ein aisthetisch-epistemologisches Pendant zu existierenden historiografischen, begrifflichen und methodischen Ansätzen der Critical AI Studies anbietet. Dazu soll die grundlegende Veränderung des Verhältnisses zwischen dem Sensiblen und dem Intelligiblen durch das Maschinelle Lernen (ML) näher bestimmt werden. Das bedeutet, es gilt zu erforschen, wie technische Systeme die Wahrnehmung dehumanisieren und rehumanisieren, und auszuloten, welche Konsequenzen dies jeweils für den Erkenntnisprozess hat.
Das Neue des Ansatzes besteht darin, dass er medienepistemologische Fragestellungen mit medienästhetischen Perspektiven kombiniert und über eine praxeologische Zugangsweise dezidiert auf die empirische Untersuchung gegenwärtiger Praktiken des ML ausrichtet. Die existierenden medienepistemologischen Arbeiten zielen vornehmlich auf die Erschließung historischer Wissensbestände ab oder untersuchen die Genese der gegenwärtige Wissensformationen hervorbringenden Techniken und strukturierenden Begriffe. Das Vorhaben hingegen erforscht mit praxeologischen Methoden, die maßgeblich im Kontext der Science and Technology Studies entwickelt wurden, wie Wissen gegenwärtig in Laboren und an Luft- und Raumfahrtzentren verfertigt wird (Thema 1) und untersucht, wie Ansätze aus dem Feld der Critical AI Studies es ermöglichen, das kritisch-reflexive Potential aktueller Positionen im Gebiet der Medienkunst herauszuheben (Thema 2).
Während der Fokus des ersten Themas auf erkenntnisgenerierenden Formen des ML liegt, konzentriert sich das zweite Thema auf ML in ästhetischen Praktiken. Die Bearbeitung des zweiten Themas zielt darauf ab, ausgewählte Werke zu analysieren, anhand derer sich die ästhetischen Strategien zur Adressierung gesellschaftlicher, globaler und planetarischer Schieflagen, die Praktiken des ML verstärken, besonders gut untersuchen lassen. Forschungsleitend ist die These, dass die künstlerischen Arbeiten exemplarisch Auswege aus den ungleichheitsverstärkenden Praktiken und mystifizierenden Diskursen um die Künstliche Intelligenz weisen und zugleich mitunter die massenwirksame Begeisterungs- und Befürchtungsrhetorik unhinterfragt übernehmen und von den problematischen Praktiken der Datensammlung und Annotation profitieren.
Die forschungsstrategischen Ziele der geplanten Arbeiten bestehen darin, einen Beitrag zum spartenübergreifenden Dialog mit den Natur- und Computerwissenschaften zu leisten und eine selbstreflexive Standortbestimmung medienepistemologischer Forschung vorzunehmen. Geschehen soll dies über eine Positionierung im Schnittfeld von Critical AI Studies, Medienästhetik und praxeologischer Wissenschafts- und Technikforschung.
AI in the Sky. Die Infrastrukturierung des Erdorbits, planetarische Wahrnehmung und digitale Zwillinge der Erde
DFG-Projekt (Sachmittel) | Gefördert von der Deutschen Forschungsgemeinschaft, 2026–2029 | Projektteam: Prof. Dr. Bettina Papenburg, Jan Knöferl, M.A.
Übergreifendes Ziel des Vorhabens ist es, durch exemplarische medienethnografische Laborforschung am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und an weiteren ausgewählten Standorten des Copernicus-Erdbeobachtungsprogramms in Kombination mit einer Dispositiv- und Nutzungsanalyse von geomedialen Plattformen wie Destination Earth (DestinE), die Daten zur Entwicklung von Simulationsmodellen, sog. digitalen Zwillingen, der Erde versammeln, im Fachgebiet der Medienwissenschaft einen neuen theoretisch-methodischen Ansatz zu entwickeln. Konkret bedeutet dies, zu erkunden, wie und zu welchem Zweck Maschinelles Lernen in der Satellitensteuerung und der Auswertung von Geodaten eingesetzt wird, um die Frage zu beantworten, wie derartige Medientechniken Erkenntnisse über die planetare Klimaentwicklung generieren. Die These lautet, dass das durch Sensortechnik und Maschinelles Lernen in der Fernerkundung hervorgebrachte Wissen nicht allein die Hypervisibilität und Kalkulierbarkeit planetarischer Phänomene vortäuscht, sondern dass es zudem um eine black box herum organisiert ist. Die vorwiegend automatisierten Infrastrukturen der Datenerhebung und -analyse klammern menschliche Wahrnehmungs- und Erkenntnisleistungen zugunsten eines Berechenbarkeits- und Prognostikphantasmas aus bzw. verbannen das menschliche Erkennen an den Anfang – die Konzeptionsphase – und das Ende – die Interpretationsphase – des Erkenntnisprozesses.
Erstes Teilziel des Vorhabens ist es, die Infrastrukturen und Medientechniken der planetarischen Wahrnehmung zu erforschen, um das Verhältnis zwischen dem Sensiblen und dem Intelligiblen über eine Erörterung der Wechselwirkungen zwischen der Ästhetik und der Epistemologie von Satellitenbildern und Lernalgorithmen näher zu bestimmen. Ausgehend von der Einsicht, dass Sensing und Sense-Making hier auseinanderdriften, soll ein mittlerer Weg zwischen einer Medienepistemologie, die Künstliche Intelligenz (KI) als Ideologie versteht, und einer Medienepistemologie, die auf KI als Klassifikationswerkzeug fokussiert, erkundet werden.
Zweites Teilziel ist es herauszuarbeiten, welche Weltsichten die digitalen Zwillinge der Erde, die unterschiedliche, thematisch ausgerichtete Zukunftsszenarien simulieren, verstärken oder unterwandern. Dazu gilt es zu ermitteln, was durch die Suggestion einer planetarischen Übersicht wahrnehmbar und was unwahrnehmbar wird und welche Konsequenzen sich daraus für das Selbst-Welt-Verhältnis ergeben. Die These lautet, dass die Ästhetik des Allsichtbaren, die Simulationsmodelle der Erde vorspiegeln, den Sinn für das Nichtsichtbare anästhetisiert.
Das dritte Teilziel ist es aufzuweisen, welchen Mehrwert eine praxeologisch-mikroanalytische Zugangsweise für die medienwissenschaftliche Theoriebildung erbringt. Dazu sollen die empirisch gewonnenen Einsichten in die sensorisch-ästhetischen Praktiken der Fernerkundung an die epistemologische Reflexion der sich in den Simulationsmodellen manifestierenden Weltbilder angebunden werden.