Zölle! Das Für und Wider von Handelsbeschränkungen von Friedrich List bis Donald Trump
Wirtschafts- und Zollgeschichte Argentiniens
(Autor: Andreas Aumer)
Abstract
Nach einigen Jahrzehnten der Konsolidierung und Expansion erfuhr die 1853 gegründete Republik Argentinien eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs. Der Export von Agrarprodukten machte Argentinien von 1880 bis 1929 zu einer der reichsten Nationen der Welt. Argentinien profitierte in diesem Zeitraum vom Freihandel insbesondere mit Großbritannien und verfolgte selbst eine liberale Zollpolitik. Erst die Weltwirtschaftskrise 1929 führte zur Abkehr vom liberalen Agro-Export System und zur Hinwendung zu der protektionistischen Importsubstitution. Von 1929 bis 1955 war die argentinische Zollpolitik von hohen Import- und Exportzöllen zum Schutz und Ausbau der heimischen Industrie geprägt. Es folgte eine Phase von 1955 bis 1976 in der sich liberale und protektionistische Zollpolitik abwechselten, bevor die Militärregierung von 1976 eine radikal liberale Zollpolitik durchsetzte. Die Radikalität dieser Reform wurde in den darauffolgenden Jahren zwar bald wieder gemildert, dennoch blieb die Zollpolitik der Republik Argentinien seitdem weitestgehend liberal. Krisen des Staatshaushalts im 21. Jahrhundert führten allerdings zur Wiedereinführung von Exportzöllen auf einige Agrarprodukte.
Die Entstehung Argentiniens
Die Ursprünge der Republik Argentinien liegen in den südamerikanischen Kolonien der spanischen Krone. Ihr Kolonialgebiet in Südamerika unterteilten die Spanier in sogenannte Vizekönigreiche, eines davon das Vizekönigreich „Rio de la Plata“ umfasste unter anderem auch große Teile des heutigen Argentiniens. Nach dem erfolgreichen Unabhängigkeitskrieg der Kolonien 1810-1816 gegen Spanien spaltete sich das ehemalige Vizekönigreich in Bolivien, Paraguay, Uruguay und die „Vereinigten Provinzen des Rio de la Plata“, die sich 1853 in die Republik Argentinien umbenannten, auf.
Argentiniens „Goldenes Zeitalter“ 1880-1929
Ab ca. 1880 begann Argentiniens goldenes Zeitalter eine Phase des wirtschaftlichen Aufschwungs, die bis 1929 anhielt. Der Motor des argentinischen Wirtschaftswachstums in diesen Jahren war das Agro-Export Modell. Argentinien wurde durch den Export von Agrarprodukten zu einem der reichsten Länder der Welt, musste aber den eigenen Bedarf an Industrieprodukten überwiegend durch Importe aus Europa decken. Um die Preise dieser Industriegüter niedrig zu halten und da die politisch gut vernetzte Agrarlobby kein Interesse an der Entwicklung der heimischen Industrie hatte, wurden im Agro-Export Model keine hohen Importzölle erhoben. Erste schwächen des Agro-Export Models zeigten sich während des Ersten Weltkriegs. Die europäischen Nationen, von denen Argentinien Industrieprodukte bezogen hatte, priorisierten nun die Rüstungsindustrie, wodurch sich die Exporte nach Argentinien verringerten. Zusätzlich unterbrach der Krieg die internationalen Handelsströme, die Argentinien reich gemacht hatten, und wichtige Handelspartner wie Großbritannien oder die USA drängten das neutrale Argentinien, ein Embargo gegen die Mittelmächte zu verhängen. Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs normalisierte sich die wirtschaftliche Situation Argentiniens aber zunächst wieder. Das Ende des argentinischen Agro-Export Models leitete erst die Weltwirtschaftskrise 1929 ein.
Die „Decada Infame“ 1930-1943
Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage infolge der Weltwirtschaftskrise, sowie einige Korruptionsskandale untergruben das Vertrauen der Argentinier in ihre Demokratie und führten schließlich am 1. September 1930 zum ersten aber bei weitem nicht letzten erfolgreichen Militärputsch in der argentinischen Geschichte. Die Jahre ab dem Militärputsch 1930 bis 1943 werden in Argentinien als die „Decada Infame“ bezeichnet. Wie der Name bereits andeutet, hatte Argentinien in diesen Jahren mit politischen und wirtschaftlichen Krisen zu kämpfen. Wahlbetrug und die Verfolgung der politischen Opposition verhinderten eine Rückkehr zu einem demokratischen Rechtsstaat in den Jahren nach dem Putsch. Für die ökonomischen Schwierigkeiten Argentiniens in der „Decada Infame“ waren hauptsächlich die Weltwirtschaftskrise 1929 und der Zweite Weltkrieg verantwortlich. Infolge der Weltwirtschaftskrise wurde die Zollpolitik vieler Handelspartner Argentiniens protektionistischer und die Terms of Trade verschlechterten sich, wodurch Argentiniens exportorientiertes Wirtschaftsmodel zunehmend unter Druck geriet. Selbst Großbritannien, Argentiniens wichtigster Handelspartner zu dieser Zeit, verpflichtete sich durch die Unterzeichnung des Roca-Runciman Vertrages 1933 lediglich dazu, die seit 1929 stark gesunkenen Agrarimporte aus Argentinien nicht noch weiter zu verringern und forderte im Gegenzug großzügige Zugeständnisse für britische Importe nach und britisches Kapital in Argentinien. Im Zweiten Weltkrieg wiederholte sich in vielerlei Hinsicht Argentiniens Erfahrung aus dem Ersten Weltkrieg. Der Strom von Industriegütern aus Europa versiegte, während der Bedarf an Lebensmittelexporten aus Argentinien stieg. Mitten im Zweiten Weltkrieg endete die sogenannte „Decada Infame“ 1943, wie sie 1933 begonnen hatte, mit einem Militärputsch.
Peron 1943-1955
Der Militärputsch von 1943 wurde von einer Gruppe faschistischer Offiziere durchgeführt, die im Gegensatz zu den Putschisten von 1930 die Macht nicht an eine zivile Regierung weitergaben, sondern selbst regierten. Unter ihnen war auch Oberst Juan Domingo Perón, der den beiden Militärregierungen nach dem Putsch unter anderem im Ministerium für Arbeit und Soziales diente. In der ersten Präsidentschaftswahl seit dem Putsch gelang es Peron 1946 schließlich, eine Mehrheit der Argentinier von sich zu überzeugen. Der Trend zur Industrialisierung, der sich schon während der „Decada Infame“ abgezeichnet hatte intensivierte sich unter Peron weiter. Das Agro-Export Model wurde während Perons Amtszeit endgültig zugunsten der Importsubstitution aufgegeben. Ziel der Importsubstitution war es, eine international wettbewerbsfähige Industrie in Argentinien aufzubauen. Die Mittel, die Peron nutzte, um dieses Ziel zu erreichen waren protektionistische Maßnahmen wie Importzölle oder Importquoten auf Industriegüter zum Schutz argentinischer Unternehmen und die Subventionierung der heimischen Industrie mit Geldern, die unter anderem durch Exportzölle auf Agrargüter erwirtschaftet wurden. Neben seiner protektionistischen Zollpolitik setzte Peron auch die Verstaatlichung vieler ausländischer Unternehmen und die Stärkung regierungsnaher Gewerkschaften durch. Die ersten Jahre unter Perons Führung waren von wirtschaftlichem Aufschwung geprägt, wiederhergestellte Handelsströme und große Nachfrage aus Nachkriegseuropa bedeuteten steigende Exporte, während Verstaatlichungen und die expandierende Industrie viele Arbeitsplätze in Argentinien schufen. Ab 1949 brachten verschlechterte Terms of Trade und Devisenmangel die argentinische Wirtschaft erneut in Bedrängnis. Steigende Inflation in den frühen 1950er Jahren und Missernten 1952 veranlassten Peron schließlich zu einem unpopulären Stabilisierungskurs, der aber ab 1953 Wirkung zeigte. Das Ende von Perons Regierung kam schließlich, als er 1954 versuchte, Macht und Einfluss der katholischen Kirche in Argentinien zu beschränken. Infolgedessen verlor er die Unterstützung des Militärs, das ihn im Jahr 1955 zwang, aus dem Land zu flüchten.
Diskontinuität 1955-1976
Auf Perons Sturz folgte eine chaotische Phase in der argentinischen Geschichte, die sich in erster Linie durch Diskontinuität auszeichnete. In diesen 11 Jahren wechselte das Amt des Präsidenten zwölf Mal die Hände und fünf dieser Präsidenten wurden einmal mehr durch die Intervention des Militärs eingesetzt. Auch die Wirtschaftspolitik wechselte mehrmals zwischen einer Importsubstitution nach Vorbild Perons und marktliberalen Modellen. Die ständigen Kurswechsel dieser Jahre, die eine langfristige ökonomische Planung unmöglich machten, waren wohl einer der Gründe für den wirtschaftlichen Niedergang des Landes. Zumindest der industrielle Sektor konnte aber insgesamt Wachstum verzeichnen und machte 1975 einen deutlich größeren Anteil am BIP aus als der Agrarsektor. 1973 gelang es Peron, nach Argentinien zurückzukehren und einmal mehr eine Präsidentschaftswahl für sich zu entscheiden. Seine zweite Präsidentschaft wurde aber bereits nach einem Jahr durch seinen Tod beendet. Nach ihm regierte seine Witwe und Vizepräsidentin Isabel Peron für weitere zwei Jahre als erste Präsidentin Argentiniens, bevor sie 1976 wegen der erneut schwächelnden Wirtschaft durch einen Militärputsch gestürzt wurde.
Militärdiktatur 1976-1983
Die Militärregierung, die nach dem Putsch von 1976 die Macht ergriff, war in mehrfacher Hinsicht radikaler als alle vorherigen. Angesichts ihrer Terrorkampagne gegen die politische Opposition, die schätzungsweise bis zu 20.000 Menschenleben forderten, lässt sich diese Militärdiktatur zweifellos als die tyrannischste Regierung in der argentinischen Geschichte bezeichnen. Der Wirtschaftskurs der Militärdiktatur war radikal marktliberal und wurde von Wirtschaftsminister José Alfredo Martínez de Hoz umgesetzt. Unter de Hoz wurden unter anderem Handelsbarrieren abgebaut, Staatskonzerne privatisiert und Preiskontrollen abgeschafft. Diese Maßnahmen erhöhten kurzfristig die Exporte und senkten die Inflationsrate des Landes 1976-1980 von 438% auf 96%. Nach 1980 begann die Inflation allerdings wieder zu steigen und Argentinien verzeichnete in den ersten Jahren der Militärdiktatur große Reallohnverluste, hohe Außenverschuldung und eine Krise des Industriesektors, der nach der Senkung der Importzölle nicht mit der internationalen Konkurrenz mithalten konnte. Sowohl die Wirtschaftspolitik als auch die politische Repression wurden nach Protesten der Bevölkerung 1981 etwas gemildert. 1982 entfachte Präsident Leopoldo Galtieri die Territorialstreitigkeit um die Falklandinseln beziehungsweise Malvinas neu und entriss dem Vereinigten Königreich die Inseln mit militärischer Gewalt. Bei diesem geopolitischen Wagnis handelte es sich vermutlich um einen Versuch, die argentinische Bevölkerung von den Missständen im eigenen Land abzulenken, der allerdings krachend scheiterte, als es dem Vereinigten Königreich gelang, die Inseln wieder einzunehmen. Die Niederlage im Falklandkrieg war der letzte Nagel im Sarg des ohnehin schon unbeliebten Regimes, das sich 1983 schließlich gezwungen sah zurückzutreten und demokratische Wahlen zuzulassen.
Rückkehr der Demokratie 1983-heute
Seit dem Ende der Militärdiktatur 1983 wurde Argentinien ausschließlich von demokratisch gewählten Präsidenten regiert. Die Rückkehr zur Demokratie beseitigte allerdings nicht Argentiniens wirtschaftliche Schwierigkeiten. Raul Alfonsin, dem ersten demokratischen Präsidenten gelang es während seiner Amtszeit nicht der hohen Inflation und Auslandsverschuldung, die ihm die Militärdiktatur hinterlassen hatte, Herr zu werden. Nachdem die Inflation 1989 3000% überstieg, übergab Alfonsin sein Amt an Carlos Saul Menem, der Alfonsins protektionistisches Wirtschaftsmodel durch einen neoliberalen Kurs ersetzte. Menem gelang es zwar, die Inflation durch die Bindung des argentinischen Pesos an den US-Dollar zu senken, die permanente Überbewertung des Pesos schuf allerdings weitere Probleme, die 2001 schließlich in einem Staatsbankrott mündeten. Die Regierungen nach Menem verfolgten eine grundsätzlich liberale Zollpolitik, mussten allerdings den Staatshaushalt durch Exportzölle auf Agrargüter finanzieren.
Wichtige Personen:
Juan Domingo Perón (1895-1974) war 1946-1955 und 1973-1974 Präsident der argentinischen Republik. Als Oberst in der argentinischen Armee beteiligte er sich an dem Militärputsch 1943. Als Minister für Arbeit und Soziales erlangte er Beliebtheit bei den Arbeitern, die später seine Machtbasis bildeten. Trotz dem Widerstand der linken Opposition und Teilen des Militärs konnte er die Präsidentschaftswahl 1946 für sich entscheiden und begann die Industrialisierung Argentiniens gezielt durch Importsubstitution zu fördern. Auf Drängen seiner Frau führte er während seiner ersten Amtszeit zwar das Wahlrecht für Frauen ein, regierte allerdings insgesamt als autoritärer Demokrat. Sowohl rechte als auch linke politische Strömungen in Argentinien berufen sich noch heute auf Perons politisches Erbe. Eine moderne Abspaltung des Peronismus ist der linkspopulistische Kirchnerismus vertreten von Präsident Nestor Kirchner und Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner
José Alfredo Martínez de Hoz (1925-2013) war der erste argentinische Wirtschaftsminister der Militärregierung nach dem Putsch von 1976. Er setzte auf eine radikal marktliberale Zollpolitik, die zwar den Export von Agrargütern förderte, aber zugleich die Versuche vorheriger Regierungen Argentinien zu industrialisieren, zurückwarfen. Nachdem sich die Wirtschaft im Verlauf seiner Amtszeit zunehmend verschlechterte, trat er 1981 von seinem Posten zurück. Seine Politik hinterließ hohe Inflation und gewaltige Auslandsschulden, die noch heute ein Problem für Argentinien darstellen.
Carlos Saul Menem (1930-2021) war von 1989 bis 1999 Präsident der argentinischen Republik. Er war zwar Mitglied der peronistischen Partei, stand aber für eine neoliberale Wirtschafts- und Zollpolitik, die nachfolgende Regierungen in ihren Grundzügen beibehalten haben. Menem gelang es in der ersten Hälfte seiner Amtszeit das Problem der Hyperinflation zu lösen, wirtschaftliches Wachstum herbeizuführen und Argentinien zu einem Gründungsmitglied von Mercosur zu machen. Seine Politik schuf allerdings auch die Bedingungen, die zum Staatsbankrott 2001 führten.
Quellen:
Literatur
- Birle, Peter: Argentinien; Unternehmer, Staat und Demokratie (Politik in der Gegenwart, Band 1), Frankfurt am Main 1995.
- Haferland, Judith: Agrarelite, Diktatur und Neoliberalismus; 100 Jahre Wirtschaftspolitik bis zur Argentinien-Krise 2001/2002, Hamburg 2010.
- Lucangeli, Jorge: Argentina and the challenge of Mercosur, in: Coffey, Peter (Hrsg.): Latin America – Mercosur (international handbooks on economic integration vol. 1), Minneapolis 1998, S. 21-113.
- Piñeiro, V.; u.a.: Looking at Export Tariffs and Export Restrictions; The Case of Argentina, in: IFPRI Discussion Paper 01892 (2019).
- Sangmeister, H.; Schönstedt, A.: Argentinien in der Weltwirtschaft; Außenwirtschaftspolitik an der Peripherie des Weltmarktes, in: Birle, P.; Bodemer, K.; Pagni, A. (Hrsg.): Argentinien heute; Politik, Wirtschaft, Kultur, Frankfurt am Main² 2010.
- Waldmann, Peter: Argentinien, Schwellenland auf Dauer, Augsburg 2010.
- Werz, Nikolaus: Argentinien; Agrarexporte und Ernährungssouveränität, in: Sangmeister, H.; Maihold, G. (Hrsg.): Zwischen Moskau, Peking und Washington; Lateinamerika in der Großmachtkonkurrenz (Weltwirtschaft und internationale Zusammenarbeit, Band 26), Baden-Baden 2023, S. 159-167.
Online-Quellen
- https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/argentina_en
- https://trade.ec.europa.eu/access-to-markets/en/barriers/details?barrier_id=11381&sps=false
- https://www.wto.org/english/thewto_e/countries_e/argentina_e.htm
- https://www.fao.org/faostat/en/#rankings/commodities_by_country_exports
- https://data.worldbank.org/indicator/NY.GDP.DEFL.KD.ZG?end=2024&locations=AR&start=1961&view=chart
- https://policy.trade.ec.europa.eu/eu-trade-relationships-country-and-region/countries-and-regions/mercosur_en