UR/ Julia Dragan Man kann sie mit Klaus P. Hansen grob in unfreiwillige Schicksalskollektive oder selbst gewählte Interessenskollektive aufteilen. Mein Geschlecht, meine Generation, meine Familie und Nationalität konnte ich mir nicht aussuchen, wohl aber meinen Freundeskreis und meine Mitgliedschaft im Fußballclub sowie meine Teilnehme an sozialen Bewegungen.
Unsere Aktivitäten und unseren sozialen Status teilen wir mit vielen anderen Menschen. Daraus entstehen Kollektive wie Vegetarier, Golfspieler, Akademiker, Handwerker, Kommunisten. Sie zeichnen sich durch bestimmte Praktiken, Kulturen, Werte und Weltsichten aus. Aber keines allein bestimmt meine Identität als Individuum: Da ich vielen Kollektiven angehöre, wird sie durch meine Mehrfachmitgliedschaften (Multikollektivität) bestimmt. Und all die mehrfachzugehörigen Individuen verbinden und vermischen die kollektiven Praktiken, Kulturen, Werte und Weltsichten. Dieser kollektive Reichtum, der hergebrachte Grenzziehungen wie die zwischen Ethnien oder Nationen durchschreitet und überwindet, wird oft aus den Augen verloren, und der bei uns ankommende Geflüchtete wird nur als „fremd“ und Syrer wahrgenommen.
Kollektive entstehen durch einerseits echte Gemeinsamkeiten, die aber andererseits durch behauptete Zuschreibungen ergänzt werden. Dass ich „Deutscher“ bin, zeigt mein Pass, doch er verbürgt nicht meine Pünktlichkeit. Solche wiederkehrende Zuschreibungen stellen Pauschalurteile dar, deren bekannteste Form Stereotypen sind. Sie werden häufig diskriminierend eingesetzt. Pauschalurteile gestalten unseren Erkenntnisalltag und sind sozial wirksam. Es liegt an ihnen, dass ich als jugendlicher Fahranfänger höhere Kfz-Steuer bezahle, dass mir der Türsteher den Zutritt zur Disco verweigert oder ich nicht zum Vorstellungsgespräch eingeladen werde. Pauschalurteile, Stereotypen und die übergreifenden Phänomene, zu denen sie gehören – z.B. Sexismus, Rassismus und Nationalismus –, sind Zentralthemen der Kollektivwissenschaft.
Ebenso sind es aber die konkreten kollektiven Dynamiken, an denen wir täglich teilhaben: Koordination, Kooperation und Konflikt in Familie und Freundeskreis, Sport- und Arbeitsteam, Band oder Aktivist*innenzirkel, als Mitglieder von Organisationen oder sozialen Bewegungen.