Aktuelle Forschungsprojekte
Soziologische Theorie & Kultur- und Sozialanthropologie: Kollektivbegriffe nach dem „ontological turn“
Kurzbeschreibung
In diesem Theorieforschungs- und Publikationsprojekt geht es um eine Kultur- und Gesellschaftstheorie, die so allgemein wie möglich, und das heißt so wenig eurozentrisch wie möglich wäre. Das Vorhaben besteht darin, die theoretische Wende zum Vergleich von „Ontologien“, also von Natur-Kultur-Begriffen fortzuführen, die erlaubt, europäische und außereuropäische Begriffe von Kollektiven gleichermaßen ernst zu nehmen – sie sind Versionen, Varianten oder ‚Transformationen‘ (Lévi-Strauss) voneinander. Oder, das Vorhaben besteht in der systematischen Weiterführung derjenigen Theorien von Kollektiven, die in neo- und poststrukturalen Anthropologien entfaltet werden (bei Philippe Descola, Eduardo Viveiros de Castro, Marilyn Strathern u.a.), indem sie außereuropäische Kultur- und Gesellschaftstheorien und deren Begriffe von Kollektiven als solche ernst nehmen.
Tagungen & Publikationen
- “Kollektive aus Menschen und Nicht-Menschen. Kollektiv-Begriffe in Kultur- und Sozialanthropologie und Science & Technology Studies”, Tagung der Forschungsstelle Kultur- und Kollektivwissenschaft, 14.11.2025
- “Kultur/Natur, Subjekt-Personen und Kollektive aus Nichtmenschen: Der 'ontological turn' in der Kultur- und Sozialanthropologie”, Workshop der Sektion Kultursoziologie in der DGS, Universität Regensburg, 18./19.03.2024
- Naturen und Kulturen: Zentralthema der vergleichenden Soziologie und Anthropologie in Frankreich, Geistes-, sozial- und kulturwissenschaftlicher Anzeiger, 160. Jg. 2025, 135–160
- Kollektive aus Menschen und Nichtmenschen. Collectivity Studies im Blick auf außereuropäische Begriffe von Kollektiven, ZS für Kollektiv- und Kulturwissenschaft 10/1 (2024), 15-43
- „So wenig eurozentrisch wie möglich“. Soziologie nach dem ontological turn, in: Polarisierte Welten. Verhandlungen des 41. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie 2022, online 2023
- Vom Wald gedacht werden, Besprechung von Eduardo Kohn, Wie Wälder denken (Berlin: Matthes & Seitz 2023), FAZ 21.09.2023.
- Menschenbilder, Begriffe des Menschen, Anthropologien: Bestimmungen des ‚Menschen‘ und imaginär instituierte Kollektive. In: M. Zichy (Hg.) Handbuch Menschenbilder, Wiesbaden 2023, 729-747.
- (mit Julia Koch) Strukturalismus und strukturale Anthropologie, in: H. Delitz (Hg.), Soziologische Denkweisen aus Frankreich, Wiesbaden 2022, 159-186
- Strukturalismus, in: M. Berek et al. (Hg.) Handbuch Sozialwissenschaftliche Gedächtnisforschung. Bd 1: Grundbegriffe und Theorien, Wiesbaden 2021, 451-461
- Verwandtschaftssysteme, totemistische Klassifikationen, Staaten: Politische Anthropologie bei Gehlen und im Strukturalismus, in: Chr. Magerski (Hg.), Zum Staatsverständnis Arnold Gehlens, Baden-Baden 2021, 101-124
- Amerindianische Anthropologie. Literaturessay zu „Kannibalische Metaphysiken. Elemente einer post-strukturalen Anthropologie“ von Eduardo Viveiros de Castro, Soziopolis, 1.9.2021 (https://www.soziopolis.de/amerindianische-anthropologie.html).
- - Besprechung von Pierre Charbonnier: La fin d'un grand partage: Nature et société de Durkheim à Descola. Paris 2015, Anthropos 2/2016, 678-680.
- - Animistische, totemistische, analogistische oder naturalistische Kollektive (zu Ph. Descola), Sociologia Internationalis 51 (2/2013), 275-281.
Gesellschaft als imaginäre Institution: Postfundamentalistische Theorie und Erforschung von Kollektiven
Kurzbeschreibung
In diesem Projekt geht es darum, im Anschluss an Cornelius Castoriadis‘ Theorie von Gesellschaft (Gesellschaft als imaginäre Institution, 1975, dt. Übersetzung 1984) und an verwandte Kultur- und Gesellschaftstheorien einen Begriff von Gesellschaft zu entwerfen, der so wenig essentialistisch oder so kulturtheoretisch wie möglich ist. Es geht m.a.W. um eine „postfundamentalistische“ Theorie von Gesellschaft (Oliver Marchart). Das Projekt steht im Kontext der verbreiteten Verabschiedung ‚des‘ Gesellschaftsbegriffs und verwandter Grundbegriffe in den Sozialwissenschaften und in der soziologischen sowie kultur- und sozialanthropologischen Theorie – im Kontext der (falschen) Unterstellung, Kollektivbegriffe seien per se reifizierend, harmonistisch und holistisch.
Dagegen wird das Kollektiv, wird Gesellschaft in der französischen Denktradition, die von Émile Durkheim und Marcel Mauss über Claude Lévi-Strauss bis zu Michel Foucault, Pierre Clastres, Claude Lefort, Marcel Gauchet und Chantal Mouffe reicht, als imaginär instituiert, d.h. als kontrafaktisch gefasst: Gesellschaft besteht nicht, sondern ist die Imagination und diskursive Behauptung sowie materielle ‚In-Form-Setzung‘ einer Einheit und Identität sowie eines Grundes. In empirischen, vergleichenden Forschungen wird untersucht, wie in ganz verschiedenen nationalen und historischen Kontexten solche imaginäre Institutionen von Gesellschaft aussehen und welche Folgen sie haben (in z.B. medizinischen, ethischen, ökonomischen, politischen Hinsichten).
Tagungen und Publikationen
- Bergson-Effekte. Aversionen und Attraktionen im französischen soziologischen Denken, Weilerswist 2015 (v.a. das Kapitel zu Castoriadis)
Gesellschaftstheorien. Studientexte zur Soziologie. Wiesbaden 2020
- Migrations-Gesellschaft. Poststrukturalistische Begriffe von Gesellschaft und Migration, in: H. Schwiertz (Hg.), Gesellschaftstheorie und Migration, Bielefeld 2026
- (mit Robert Seyfert) Das gesellschaftliche Innen und Außen: Theorien kollektiver Identitäten, in: H. Delitz, J. Müller, R. Seyfert (Hg.), Handbuch Theorien der Soziologie, Wiesbaden 2025, 189-209
- Society of Migration. Poststructuralist perspectives on the constitution of society, and the production of migration, European Journal of Social Theory 38 /2025, 375-392
- Postfundationalistische Theorien der Gesellschaft: Castoriadis, Lefort, Gauchet, in: H. Delitz (Hg.),Soziologische Denkweisen aus Frankreich, Wiesbaden 2022, 335-362
- There is no such thing… Zur Kritik an Kollektivbegriffen in der Soziologie, Mittelweg 36, Jg. 28/29, H. 6 (2019/2020), 160-183
- (mit Stefan Maneval) The 'Hidden Kings', or Hegemonic Imaginaries: Analytical Perspectives of Post-foundational Sociological Thought, Im@go. Journal of the Social Imaginary 10 (2017), 33-49 (erneut in Sociétés 1/2020)
- Gesellschaft als imaginäre Institution: Die Durkheimsche Religionssoziologie, in: H. Tyrell/V. Krech (Hg.),Religionssoziologie um 1900 Band 2, Würzburg 2020, 304-340
- Theorien des gesellschaftlichen Imaginären, ÖZS 44 (2019/Suppl. 2), 77-98